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Wiener Morgenzeitung · 1921-03-15 · Heft 767 (15.3.1921) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
3 (1921)
Issue
Heft 767 (15.3.1921)
Date
1921-03-15
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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t ^Men, Dienstag_ PoUttsch^Rimdschau. - Die ungarische Krise. Bo« «usevem Vndapester Korrespondenten. Die ungarische Krise will zu keinem Ruhepunkt Gemmen. Alle Versuche, aus der Verwirrung herauszugelangen, scheitern an dem gegenseitigen Mißtrauen der Parteien, ferner an dem Mangel an Mut, es zu einem Bruche kommen zu lassen, und nicht zuletzt daran, baß Ungarn heute keine Persönlichkeit besitzt, welche bas Ansehen und die Macht besitzt, in Ungarn Beruhigung und im Auslande Vertrauen zu schaffen. So vft man an den einen oder den anderen Namen denkt, zeigt sich, wie abgrundtief die Korruption in Ungarn ist und wie schwer die öffentliche Moral unter dem christlichen Kurs bereits gelitten hat. Von den in den letzten zwei Jahren an die Oberfläche getriebenen christlichen Politikern ist auch kein einziger, der nicht in eine große Panama-Affäre verwickelt wäre. Man hat,in der letzten Zeit wieder an Karl Huszar als den Retter gedacht und schon gilt er als abgetan, weil er in eine schmutzige Bestechungs- und Provisionsaffäre verwickelt ist, aus welcher ihn nicht einmal sein letzter Versuch, gegen sich die JnkompatiÜilitätsuntersuchung zu verlangen, retten dürfte. Aber selbst der hohe Klerus ist nicht dagegen gefejt, in verschiedene Skandalaffären hinein geschleppt zu werden, und der Verlauf des Verleumbungsprozesses, den der Abgeordnete Persian angestrengt hat, läßt den ganzen hohen Klerus einschließlich des Fürstprimas als sonderbare Heilige erscheinen, die seinerzeit ebenso bereit waren, mit dem Grafen Michael Karo lyi zu paktieren, als sie heute, auf das kurze Gedächtnis der ungarischen Bevölkerung bauend, von der Kanzel herab und in Versammlungen das Karolyi-Regime verdammen. Die Erregung über die letzten Vorfälle in Debreezin hält noch an und Justizminister Tomcsanyi mußte in der letzten Donnerstagsitzung ein förmliches Spießrutenlaufen durchmachen, als ihm von seiten der Partei der kleinen Landwirte der Vorwurf gemacht wurde, daß die Regierurig den konfessionellen Haß zwischen den Katholiken und allen Nichtkatholiken -systematisch fördere. Die Regierung unterlasse alles, um die Verbrecher und Anstifter zu finden, wenn es sich um Verbrechen gegen mchtkrtholische Staatsbürger handelt, und biete im Gegenteil alles auf, damit diese Verbrecher straflos ausgehen. So habe die Regierung noch immer nicht die Personen ausfindig gemacht, welche die reformierte Kirche in Deb^eczin besudelten, und Abgeordneter Julius Berxy rfef dem Minister unter allgemeiner Erregung die Worte zu: „Betrauen Sie uns mit der Untersuchung, ich garantiere, daß wir die. Täter innerhalb.24 Stunden stellig machen!" Während im ganzen Lande jüdische und protestan- Usche Versammlungen ober Arbeiterkonferenzen mit Brachialgewalt verhindert werden, dürfen die „Erwachenden Ungarn" Monsterversammlungen abhalten, um dort unter den verschiedensten Vorwänden, so wie heute gegen die destruktive Presse zu Pogrom und Boykott gegen die Juden und Nichtkatholiken aufzureizen. Allerdings haben diese Pogromversammlungen nur in Budapest. einen starken Zuspruch aufzuweisen, während es in der Provinz vielfach deshalb zu Brutalitäten d^r Detachements und Brachiakformationen kommt,'weil, die Landbevölkerung die Aufrufe der „Erwachenden Ungarn" Mißachtet und ihre Versammlungen meidet. Die Stimmung in her Provinz gegen die Regierung verschärft sich' von Dag und Tag und' besonders unter den Bauern -und Landarbeitern gärt es bedenklich', hauptsächlich deshalb, weil di« Regierung mit der angekündigten Bodenreform zögert oder sie in einem Ausmaße, durchzusühren gedenkt, welches den. bodenhungrigen Arbeiter und kleinen Bauern nicht' zu befriedigen vermag. Ministerpräsident Graf Teleki mußt« in einer Konferenz in Angelegenheit der Durchführung der Gesetze über die Hauptstelke und die proportionale Verteilung des Grundbesitzes, zu welcher auch sämtliche Obergespane und Vizegespane zugezogen wurden, selbst zugeben, daß dieses Gesetz auf dem Lande großem Mißtrauen und Unzufriedenheit begegne. Er habe auf das Erscheinen der Obergespane und Vizegespane deshalb großes Gewicht gelegt, fctftt ihnen bei der Durchführung der Gesetze eine sehr wichtige Rolle zufallen werde. Das heißt mit anderen Worten, daß deu Ministerpräsident Revolten befürchte und daß daher die Chefs der Komitatsverwaltung wahrscheinlich in die Zwangslage kommen werden, der Durchführung der Gesetze durch Gendarmerie und Militärgewalt nachzuhelfen. Tatsächlich berichteten die Vertreter der einzelnen Kvmitate, daß die Unzufriedenheit, die sich der Reform gegenüber zeigt, auf ,chie Demagogie aus den revolutionären Zeiten" zurückzuführen sei, die das Volk glauben machte, daß Hermann unentgeltlich zu Haus vnd Grund gelangen könne. Schwierigkeiten machen auch' die gegenwärtigen valutarischen Verhältnisse, denn die Leute fürchten, ihre Liegenschaft mit Schulden zu belasten, die sie später in besserer Valuta werden zurückzahleu müssen. Dazu kommt noch', daß einzelne Grundbesitzer mit exorbitanten Forderungen, ausgetreten sind. Mi dieser allgemeinen Unzufriedenheit ist es nur zu begreiflich, daß sich der Juden eine stets steigernd« Nervosität bemächtigt hat, da sie die Taktik des christ- Wen tafö wWu. Wiener Dlorgenzeltims daß, wenn diese Unzufriedenheit ihren Höhepunkt erreichen wird, die Machthaber das Ventil eines allgemeinen Judenpogroms zu öfsnen bereit sind, um die Volksentrüstung von sich 'abzulenken. Die „Alliance lsraäli'le Universelle11 für d e jüdischen Minderheitsrechte. Die „Alliance Jsraelite" in Paris teilt uns mit: In der Nummer Ihres geschätzten Blatts vom 24. Februar dieses Jahves brachtet Sie unter dem Titel „Diepolnisch-jüdische Verständ igungsfrage" einen Ärti.el, laut welchem nach den im Umlauf stehenden Gerüchten die Durchführung der jüdisch-polnischen Verständigung auch darum ins Stocken geraten war«, weil die Drrtr:ter der Alliance Jjraelite Unive.selle in einem Gespräch mit dem Präsidenten der polnischen Republik der Ansicht Ausdruck verlieben hätten, daß „bei den französischen Juden die Ueberzeugung herrsche, daß die Rechte, welche im Minderheitstraktat des Versailler Vertrages festgesetzt worden sind, für die polnischen Juden schädlich wären, und daß es deshalb das beste wäre, den ganzen MttiKerheitstraktat abzuschaffen". ' 1 , Diese Erklärung, die Sie dem „Näjen Hajn^ entnommen, bitten wir Sie gefälligst dahin zu berichtigen, daß die Alliance Israeli!« Universelle in einem unter dem 20. Februar 1919 an hie Friedenskonferenz gerichteten Memorandum ausdrücklich 'für die Minderheitsrechte ein ge treten ist und daß sie seitdem diesen Standpunkt b e i jeder Gelegenheit veitreten hat. ’ Es freut uns, diesem Schreiben Raum geben zu können, in welchem nunmehr in völlig offizieller Form festgestellt wird, daß auch die Mliance für die jüdischen Minderheitsrechte eintritt. Eine Moskauer Darstellung der Aufstandsbewegung. Der Moskauer „Wje'stnik" berichtet über die KronstädLer Ereignisse: Die Vorgänge können nur im Zusammenhang mit unserer inneren und internationalen Lage verstanden werden. Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten nach sechsemhalbjährigem ununterbrochenen Krieg sind allgemein bekannt, kommen in unseren Zeitungen zum Ausdruck und wir wollen s sie weder den arbeitenden - Massen unseres eigenen Landes noch unseren Freunden und Feinden in anderen. Ländern verheimlichen. Die Sozialrevol u t i o n ä r e und die Menschewiken, die bereits wiederholt ihre Unfähigkeit gezeigt haben, trachten wieder hochzukommen, .indem sie die bestehenden Schwierigkeiten ausnützen. Doch .haben sie. keinen sozialen Boden, unter den Füßen. Ein. ernsthafterer Feind des Sowjetstaats ist der gegenrevolutionäLe Teil der Offiziere: Diese sind direkte Agenten unserer imperialistischen Feinde, zeigen sich aber noch nicht offen^ sondern lassen die Sozialrevolutionäre und Menschewiken im Vordergrund. Die baltische Flotte ist unser äußerster Vorposten gegen Europa. In den letzten Jahren wurde das Personal der Flott« vielfach gewechselt. Die Neuhinzugekommenen stellten gewisse Forderungen, die nicht über jene Forderungen hinausgingen, die den Organen der Regierung durch die Arbeiter vorgelegt wurden. Hier griffen die Sozialrevolutionäre ein. Die Kronstädter Bevölkerung war. sich über Inhalt und Schärfe des entstehenden Konflikts nicht klar. Wäre ein derartiges Mißverständnis am Kaspischen Meer«, an der Wolga oder sonstwo entstanden, so wäre es friedlich beigelegt worden. Aber Kronstadt steht in Verbindung mitden imperialistischen Staaten. Reval füllte sich sofort mit Weißgardisten, die mit Kronstadt in Verbindung traten. Zu spät erkannten die Führer der Bewegung, wessen Zwecken sie dienten. Die Sowjetregierung konnte nicht passiv bleiben. Es war klar, daß mit Eröffnung der Schiffahrt, sobald Kronstadt eisfrei geworden, die Gegenrevolutionäre unser« Schifft: weggeführt hätten, um sie den Imperialisten zu übergeben, wie dies im Schwarzen Meere geschehen war. Da sich auf unsere befristete Aufforderung Kronstadt nicht ergab, schritten wir zur Anwendung der Gewalt. Trotz der starken Artillerie der Meuterer wird Kronstadt bald bezwungen sein, denn der erste Stoß gegen die Festung zeigte seiner Garnison und Bevölkerung, baß es'sich um einen bewaffneten Kamps gegen die Sowjetregierung'handle. Dies hatte sofortige Uneinigkeit zur Folge. Kronstadt wird sich ergeben und der WeltimperialismuL wird um eine Enttäuschung reicher sein. _ Di« Nattonaldemokrale« und der Bolschewismus. Das natioualdemokratische Organ „Gaztta Warszawfta* legt in einer seiner letzten Nummern bezüglich de- Bolschewismus ein Geständnis ab, das festgehalten weiden soll. Unter dem Titel »Unangenehm, aber wahr" schreibt daS Blatt, 'daß eS für Pole» durchaus nicht, gut wäre, wenn dir Räteregierung in Rußland jetzt gestürzt würde. Es sei wohl unangenehm, darüber zu reden, doch sei wahr, daß die Polen lieber die Bolschewiken am Ruder m Rußland sähen, als daß etwa irgendeine der Parteien dort zur Macht gelange, welche sicherlich alles an Polen von den Bolschewiken abzutretendes Gebiet zurückfordern würden. DieS würde Polen in neue Konflikte verwickeln. WaS würde »Gazeta Warfzawska" gesagt haben, wen« eine solche politisch« Anfchannyg^ die nicht van vcrneherfin imi der gt 15. März 1921 'Nr. 767 weisen ist. von einem jüdischen Blatte vertreten worden wäre! sie hätte sicherlich darin einen Beweis für bte gerade von rh» wiederholt vertretene Verleumdung erblickt, daß Judentum und Bolschewismus miteinander rdentisch seien! Inland. Die Budgetberatung. Der gestrigen Nationalratssitzung lag eine dringlich« Anfrage der Großdeutschen in Angelegenheit der von d«i Reparationskommission geforderten ZwangSablicferung von 6000 Milchkühen vor. — Abgeordneter Dr. Hampel stellte nach Begründung der Anfrage den Schlußanträg: „Die Regierung wird aufgefordert, den derzeit in London weilenden Bundeskanzler .telegraphisch von der durch die jüngste Rose der Reparationskommission entstandenen Erregung d.er Bevölkerung in Kenntnis zu setzen und zu entsprechendem sofortige«' Einschreiten bei dem Oberste« Rate zu veranlassen." Minister H a u e i 8 versicherte, daß die Regierung bereits Ende August des Vorjahres die Reparationskommission auf die Schwierigkeiten aufmerksam gemacht habe, die sich der Bestimmung des Friedensvertrages über, die Auslieferung yon Milch? und Zuchtvieh entgegenpellen. Die Negierung werde nicht unterlassen, den Bundeskanzler sofort telegraphisch, zu ersuchen, semen gegenwärtigen Aufenthalt in London zu benützen, um in der eindringlichsten Weise hinsichtlich diese« Forderung Vorstellungen zu erheben. Abgeordneter Dr. Jerzabek verwies auf die große Kindersterblichkeit infolge des Milchmangels und meinte: Dk« Entente soll einmal Farbe bekennen. Will sie uns wirklich helfen, mutz sie auch den Beweis dafür geben; will oder kann sie es nicht, dann soll sie es sagen, wir werde» schon Mittel und Wege finden, um uns von anderer Seite Hilfe zu verschaffen. Frau Seidel (Sozialdemokratin) erklärte: Dieser Staat, dessen Kinder zugrunde gehen, soll jetzt noch an andere Länder, die sich in weitaus besserer Lage befinden, Milchkühe abliefern. Gewiß find wir laut Friedensvertrag verpflichtet, eine bestimmte Menge von Vieh abzuliefern; aber die Forderung der Entente würde sicherlich nicht gestellt worden sein, wenn ihre Vertreter in Wien sich wirklich die Mühe genommen hätten, die Verhältnisse in dieser Stadt zu studieren,'wenn sie sich nicht bloß damit begnügt hatten, dort zu verkehren, wo die neue» Reichen anzutreffen sind, wo der Luxus in einer Art und Weise erscheint, wie dies vor dem Krieg in Oesterreich oder; in Wien niemals zu sehen war. > Der Beschlutzantrag wurde einstimmig angenommen. ' ' ■ Da die Rednerliste der Spezialdebatte über die Kapiteh »Heerwesen" und „UebergangSMaßnahmen" Se. reitS am Samstag erschöpft war, wurde sodann über diese Kapitel abgefttmmt und dieselben mit den Stimmen der chrdsttichsozial-gvoßdeutschen Mehrheit angenommen, i Sine lange Debatte entwickelte stch hierauf Wer die beiden nächsten Budgetkapitel: Land, und Volkswirtschaft «ich BoMernährrrng. DaS Interesse an der Beratung war minimal. Kaum zwei Dutzend Abgeordnete stellten die Zuhörerschaft des leweiligen Rednerdar. ' Der Sozialdemokrat Schnetdmadl warf dem Ackerbaumimster Ziel- und Planlosigkat vor und verlangte ei» Zusammenwirken der landwirtschaftlichen Genossenschaften mit. den Konsumentenorganisationen Schuss Ausschaltung beig Zwischenhandels. Frau Stradal (großdeutsch) meinte, daß map auf^ dem Lqrch«p für dasozialistische und verjudet« Wien nichts abliefern wollte, daß man eher die landwirtschaftlichen Produkte an den Schleichhandel an dakriegSgewinnerische Judentum verkauft hchbe. Abgeordneter Weigl, den die Ehvistlichsozialeu akß Ersatz fstr den zum Ausscheiden ouS dem Kabinett bestimmten AckerbauminLster Haueis bereit hatten, stellte sich mit eine« Rede Wer die Intensivierung der landwirtschaftlichen Produktton por. Der Sozialdemokrat Leime« derttat die Fordern:-« gen der staatüchen Forstavbeiterfchast. Die Debatte wich heute fortgesetzt werben. Nächste Sitzung: Heute 11 Uhr vormittags. Das Kumstabkommem mit Italien. Wie die Politische Korrespondenz meldet, gelang! daS seinerzeit, geschlossene Kunstabkommen mit Italien zur Durchführung. Oesterreich erhebt auf Grund dieses Abkommens keine Einwendung dagegen, daß die in dem Friedensvertrag behandelten Gegenstände an Italien ausgcfolgt werben, Mit Ausnahme der hu3 Palermo stammenden Kleinodien des alten Deutschen Reichest auf die hingegen Italien keine weiteren ÄbisprÜche zu erheben erklärt. Italien verpflichtet sich' überdies, die Herkunft der aus dem Besitz der Salzburger Erzbischöfe nach Florenz gelangten Goldschmiedarbeiten zu untersuchen und sie im Falke des Nachweises, daß sie tatsächlich aus Salzburg stimmen und nicht mit vollem Recht« nach' Italien gelangt sind, Oesterreich zürückzustellen. Der Verzicht Oesterreichs betrifft eine Reihe von Bijoux aus Daroö'perlen und Elftnbeinfigürchen b«3 kunsthistorischen StziatsmuseumS sowie die Gemme des AspasiaS, die viorecrvähnten eftensischen Bronzen sowie eine Sieche tm MuMschorE« yidlig

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