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Wiener Morgenzeitung · 1921-03-14 · Heft 766 (14.3.1921) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
3 (1921)
Issue
Heft 766 (14.3.1921)
Date
1921-03-14
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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14. Mürz 1SZI Sette S_Wien, Montag'_ bedlngungen des jüdischen Volkes und der Höherentwicklung der Menschheit ab. Sie glaubt, daß der gesunde Egoismus in nationaler wie in sozialer Hinsicht zum Altruismus führen wird: auf dem Wege der .Föderation und der Genossenschaft. Die jüdische Moderne hofft, datz schließlich die Liebe stärker sein werde als der Haß, und sie erblickt die Mission des jüdischen Volkes dorm, bahnbrechend mitzuwirken bei allen Bestrebungen, welche auf Verständigung der Völker, auf Verinnerlichung, kulturelle und wirtschaftliche Renaissance der Einzelindio iduen gerichtet sind. Dann erst werden .Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit* aufgehört haben, leere Schlagworte zu sein — sie werden ihrer Verwirklichung entyegengehen. _ Ein Fiasko der Berliner Reaktionäre. Ruhiger Verlauf des Sonntags. . Berlin, 13. März. (Priv.) Für den heutigen Sonntag. den Jahrestag des Kapp-Putsches. hatte man vieiiuch Putsche befürchtet, sie sind aber erfreulicherweise ausgeblieben, wenn auch der Tag vielfach zu Demonstrationen aller Art verwendet wurde. Vormittags veranstalteten die Deutschnationalen eine'Versammlung auf dem Lützow-Platz. die rber ziemlich kläglich a u s f i e l, da nur ungefähr hundert bis zweihundert deutschnationale Studenten und frühere Baltikum-Krieger sich eingefunden hatten. Sie zogen nachher mit schwarz.w.itz.rotcn Fahnen und Hakenkreuz-Emblemen, nationale Lieder singend, nach dem Westen. Mehrere Dutzend Kommunisten begl-iteten den Zug. ihrerseits internationale Lieder singend, wob i es fortwährend zu gegenseitigen Beschimpfungen und etlichen Handgreiflichkeiten kam. Einige jüdische Passanten wurden von den Studenten belästigt. Schließlich artete die ganze Demonstration in ein homerisch es Schimpfduell zwischen Deutschnatiouaien urtb Kommunisten aus. Zur gleichen Zeit veranstalteten die Unabhängigen Sozialdemokraten an verschiedenen Stellen der Stadt Versammlungen, die ohne nennenswerten Zwrsck-cnfall verliefen. Die Berliner Siegessäule sollte in die Luft gesprengt werden. Berlin, 13. März. (Privat.) In den Mittagsstunden wurde ein auf die Berliner Siegesfaule unternommenes Attentat vereitelt. Die Siegessäule ist ein Bauwerk von 60 Meter Höhe und stammt aus den Jahren 1870/71. Ungefähr in der halben Höhe der Säule wurde em Postkarton aufgefunden, der sechs Kilogramm Vitriniäure und Dynamit enthielt. Daran war eine Sprengkapsel befestigt und eine zehn Meter lange, brennende Zündschnur, die bereits zur Hälfte niedergebrannt war. In der Säule selbst, die SonrrtagS bestiegen werden kann, uno auf dem Platze ringsum, einer der belebtesten Stellen des Tiergartens, befanden sich zu dreier Zeit mehr als fünfhundert Menschen. Die Sprengmasse hätte genügt, um die ganze Säule umzustürzen und er hätte ei» unabsehbares Unglück gegeben. Die Zündschnur wurde von zwei Polizisten rechtzeitig durchschnitten, die durch daS aufgeregte HinauSstüizen des Publikumaus dem Innern der Säule ariimerksam gemacht worden waren und der Ursache nachgingen. Man glaubt den Tätern auf der Spur zu sein. Es bandelt sich um vier Frauen und Mäuner, anscheinend Ausländer, welche sich dort zu schaffen gemacht hatten und später in Dro'chken eilig davonfuhren. Der Postlarton war in einer sehr dunilen Ecke unter einem Sessel versteckt, den man zu diesem Zwecke extra dorthin geschafft hatte. Es scheint sich um ein politisches Attentat zu handeln« Belgische Kritik der Londoner Sanktionen. Brüssel, 14. März. (Tel.-Komp.) Hm »Peuple* schreibt der Sozialist De D r o u k e r über die Besetzungen am Rhein, daß diese Beschlüffe von geringem politischen Verständnis ausgingen. Die Zollgrenze am Rhein sei eine Dummheit, wie sie noch nicht vorgekommen sei. Man könne sich doch denken, daß der deutsche Fabrikant, der in Belgien nur 50 Prozent seiner Forderungen erhalte, den Handel mit Belgien einfach einstelle und sich auf diejenigen Länder beschränken werde, die seine Waten voll bezahlen. Die Alliierten vertrieben den deutschen Handel gerade nach den Ländern, von welchen sie ihn semhalten wollten. Die Kaffen der Ententestaaten, die man zu füllen hoffte, würden sicher leer bleiben. Die belgischen Nationalisten hätten, nach den Erklärungen des Kriegsminisiers zu urteilen, damit gerechnet, daß sich die Bevölkerung der Besetzung des deutschen Gebietes am Rhein widersetzen und damit einen Borwand schaffen würde, daß die Alliierten noch weiter ins Herz Deutschlands Vordringen. Die Bevölkerung hätte aber den ftanzösischen und belgischen MUWrovlüLem fekta» Gelallt» nicht.atttm. Em Wiener Morqenzeltnnq_ Beweis dafür fei auch die ungeheure Truppenmenge, die man in Düsseldorf und Duisburg zusammengezogen habe. Diese Enttäuschungen hätten bereits in Frankreich einen politischen Katzenjammer erzeugt. Berlin, 3. Mäiz. Das .Berliner Tageblatt" mtldet aus DruSburg: In der vergangenen Nacht und im Laufe der heutigen Nackt sind weitere alliierte Truppentransporte hier eingetr offen. Alle Anzeigen weisen darauf hin. daß die Allierten in den nächsten Tagen eine weitere Ausdehnung der Besetzung beabsichtigen und zunächst Mülheim an der Ruhr besetzen werden. Seit heute ist in ganz Rheinland-Westfalen ein voülommener Stillstand de- Ausfuhrgeschäftes eingetrcten. Polen will einmarschieren. Berlin, 13. Mär» kPrio -T'I) Au» Brüssel wird gemeldet: Wie hier zuverlässig verlautet, wünscht Polen an de« Sanktionen gegen Deutschland beteiligt zu sein und bewirbt sich aus diesem Grunde um ein Mandat zürn Einmarsch in deutsches Gebiet. Wie es heitzt, soll die polnischs'ran^östsche M litarkonvention für bestimmte Fälle eine solche gemeinsame Operation gegen Deutschland vorsehen. Die Kemattsten lehnen ab. Pari*, 14. Marz. sHaoas.) Nach einem Konstantinopler Telegramm der Londoner Zeitungen hat die Nationalversammlung von Angora die Besprechung der Vorschläge, welche die Alliierten den ottomanischen Delegierten auf der Londoner Konferenz unterbreitet haben, begonnen. Der allgemeine Eindruck ist, daß die Nationalversammlung Dekir Sami Dey den Auftrag erteilen werde, mit einer Ablehnung zu antworten. London, 14 Man. (Tel -Komp.) Minister Waisal Pächa. Mitglied des eist n K.rbin ttö Mävpo am - nS, dar um ferne Entlaürmg geheim. di er um den englischen Ptäncn rnMejopot.imirn n.cht üb crem st .w me. _________ Kongreß der deutschen Kommunisten in der Tschecho-Slowakei. Prag» l3. März. In Neichenberg wurde gestern der erste Parteitag der deutschen Kommunisten der Tichccho-Slowalei eröffnet. Gleich zu Beginn der Eröffnungssitzung wurde für den Fall, datz die Tagung nicht ungestört zu Ende geführt werden könnte, über Vorschlag des Abgeordneten Dr. Kreibich folgende Ent» fchlietzung angenommen: Wir konstituieren uns im Sinne der Beschlüsse und Eintrittsbedingungen des 11. Kongresses der lll. Internationale als kommunistische Partei und schließen ununbedingt und rückhaltlos der kommunistischen Internationale an. An den Bestand nnd der Durchführung diese- Beschlüssekanu leine Macht in diesem Staate etwaändern. Vor der Unterzeichnung des russischpolnischen Friedens. Warschau» 13. März. (Poln. Tel.-Ag.) Die Blätter melden aus Riga, der Friedensveriraq zwischen Polen und Rußland werde am 19. d. M. unterzeichnet. _ Inland. Der deutschösterreichische Stadtetag gegen das Entente-Ultimatum. In der gestrigen Sitzung wurde tim Resolution angenommen, in welcher die am außerordentlichen Släi-tetag im Rathause der Bundeshauptstadt Wien versammelten Delegierten der Städte und Märke der Republik Oesterreich mit En.sktzen von brr Absicht der Entente Kennlmnehmen, eine der drückendsten Bestimmungen des St. Germainer Frl^denövertlage; zur Durchführung zu bringen. Eine sofortige Abschlagslie'rrung von 6000 Milchkühen an Italien, Jugoslawien und Rumänien neben JnnglÜhen» Stieren und Zugpferden, Kälbern, Schafen und Munerschwrinen soll erfolge«. Die Srädte und Märkte Oesterreichleiden an e'nrr furchtbaren Müchnor. Wien allein ist von emer Mtlebanliefeneug im Frieden von 900.000 Liter täglich auf schwankende Anleernngen von 10.000 bis 60.0; 0 Liter Milch täglich berabgrftttiken In demselben DerbällNlS ist die Mlchanlieferung in dm äderige Städten und Mä.klrn Qcmtftn. Säuglinge, stillende Mütter. Kinder im zarte« Alter Kranke und Greis« entbehren der Frischmilch. Die Ablieferung von 6000 Mil 'kühen heißt die Jahresproduktion au MUch um fast zwei Millionen Liter reduzieren. Der Städtetag wendet sich an die Böller der Städte nnd der Märku Italien-, Jngoflawienß und Rumänien-. an die Feanrn dieser Städte, die doch alle wifsm, waS daheißt. Kindern. Kraukm und Greifen dir Frischmilch zu entziehen» daß sie im Nimm der Humanität und Vernunft auf ihre Regierungen eivwirken, von dieser Grausamkeit abtustehen. Massenversammlungen der Wiener Arbeiterschaft. In dm sieben Wahlkreisen Wims fanbeit gestern, -irre« BMlM. tat Lntmuuionaler» jjuialifii&ai toi «ÖP. TW serenz Rechnung tragend. Massenversammlungen mit der Parole „Gegen Imperialismus und Kapitalismus" statt. In den Versammlungen wurden auch Gedenkreden für die Märzgefallenen gehalten. Tagesbericht. Exzesse der Wiener Pogromlste«. Würdiger Abschtutz de» Anti,emttenkongrcsies. Daß Jerzabek. Riehl und Genossen den ganzm Antisemitenulk nur zu dem Zwecke arrangierten, um bei günstiger Gelegenheit durch ihre Anhänger einen Angriff auf harmlose Straßenpassanten uno Kaffeehausbesucher durchzusühren, war unklar. Wundern müsse» wir unaber über die Naivität der Polizei, die den Jerzabek die Erlaubnis gab, die ganze Gesellschaft der Schulbuben, katholischer Gesellen und Burschen mit oder ohne Couleurkappen unter Führung der Orgesck- und Horlhy-Agenten Sonntag nachmittags auf der Ringstraße zu versammeln und diese Bande von Taschelzieher^n auf die Bevölkerung loSzulassm. In dem Augenblick, wo Herr Mayr in London um Kredite bettelt, macht es sich sehr gut, wenn in Wien sein Kollege und Parteigenosse, Prof. Seipel, „zündende" Ansprachen an die StraßenrowdieS hält und auf der Ringstraße sich eine Apachenhorde etabliert, die Wildwestsitlen in Wien einzuführen versucht. UebrigenS muß zur Ehre der Wiener Bevölkerung festgestellt werden, daß sich nur der kleine, beschränkte AnhängerkreiS der klerikalen nnd deutschnationälen Blätter dazu verleiten ließ, dem Rufe JerzabekS zur ^Antisemitentaguna* zu folgen. Daß sich die christttchsoziale Partei schämt, offiziell an den unreinen Geschäften der Pogromisten teilzunehmen, ist ja bekannt, deshalb überläßt sie eS dem Dr. Funder, diese diskreditierende Bewegung privatim zu unterstützen und dann öffentlich zn erklären, daß die Partei solche Vorfälle mißbilligt. lieber die gestrigen Skandale wird berichtet: In den ersten Abendstunden zogen, von der in der Dolköhalle des Rathauses abgehaltenen Antisemiten- Versammlung kommend, einige hundert Demoustranten, zumeist junge Leute. klerikale Studenten. Lehrlinge und Schüler, über den Ring, lärmend und johlend und Schmährufe „gegen die Juden und Schieber" ausstoßend. Aus dem Zuge, den Sicherheitswache zu Fuß und' zu Pferde begleitete, versuchten alsbald viele Teilnehmer gegen die Stadt zu abzuschwenken und dabei den RingstratzeAkaffeehäusern Plünderungsbesuche abzustatten. Die Kafseehausbesktzer, von diesen Absichten verständigt, ließen sogleich die Beleuchtung in ihren Lokalen, abstellen und forderten die Gäste auf, sich in rückwärtige Räume zurückzuzieben oder das Lokal zu verlassen. Einem Teil der Demonstranten gelang eS alsbald, den Polizeikordon zu durchbrechen und in die Innere Stadt einzudringen, wo eS zu wüsten Exzessen kam, »vahrend jene Gruppe, die eS versuchte, in die Leopoldstadt zu gelangen, um dort Plünderungen vorzunehmcn, von der in Massen aufgebotenen Polizei, welche die Brücken besetzt hielt, zurückgehalten werden konnte. Auch diese Gruvve machte dann kehrt und wandte sich der Inneren Stadt zu. Nun spielten sich insbesondere auf dem Ring und auf der Kärntnerstratze die skandalöse st en Szenen ab- Passanten wurden a t t a cf t e 11, die Demonstranten drangen in Hotels und Kaffeehäuser und holten nun dort die gntg 'leibeten Leute de'-uiS. die sie verprügelten. Straßenbahnwagen wurten ongekralten und „jüdisch auSsehende" Paffagiere belästigt. Automobile wurden an der Weitersahrt verhindert, die Jnsaffen geschlagen. * . Ein hoher ausländischer Funktionär und seine Damen wurden auS ihrem Automobil herausgeholt, wüst beschimpft und nur durch daS Einschreiten der Wache vor tätlicher Attacke geschützt. Auch hilslose Frauen wurden geschlagen. Die bekannte ungarische Schauspielerin Sari F e d a k, die um viertel 8 Uhr im Auto über den Schwarzenbcrgvlatz fuhr, wurde auS dem Wagen gezerrt und. weil man sie für eine Jüdin hielt, geschlagen. Ter Straßenmob riß ihr den kostbaren Pelzmantel vom Leibe. Viele Opfer der Tätlichkeiten der antisemitischen Demonstranten konnten,.bald nachdem die Burschen von ihnen obgelaffen hatten, den V e r l u st v o n S ch m u ckgegenstanden, Uhren und Brieftaschen feststellen. Eine Anzahl von Spiegelscheiben, insbesondere von Bankhäusern, wurde in Trümmer geschlagen. Die Polizei schritt wiederholt ein und arretierte im Lause deS Abends fünfundzwanzig Personen- Das DermSchtnis eines Spions. l$n Beginn nötigte Woche hat die Kriminalbeamtrngrupve deS Ve,irk-inlpektor» Springer vomPolizeikommchariat Rudolfs, heim in Erfahrung gebiacht, daß man bei einer in der Schwender» Me wohnmden Fraü Stampiglien und Formulare zur Erzeugung falscher südslawischer Päffe bekommen könne. Durch die Erhebungen wurde festgestellt. daß die Besitzerin diese bedenkkichen Papiere die bljährige Pr.vate Klara Bauer geboime Geber ut. Sie wurde am 10. d. M. verhastet nnd ' t« SicherheitSbNreau überstellt. Man fand bei 'hr tatsächlich eine Menge der verschiedenartigsten Stempel und Drucksotten teils jugoslawischer Dcrtretungsbeh8rden, terl- Bel- JbfiUflL. 4MHft

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