Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 764 (12.3.1921)
- Date
- 1921-03-12
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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nR)' »Wf oZ/w^ WRIh^ «och De. Artur Goldmanns trefflichen Darstellungen in keinem „Judenbuch der Scheffstraßc zu Wien" — drei Versionen bekannt sind, zu denen sich eine Ueberfetzung ins Hebräische gesellt, zeigen so starke Uebereiysttmmung, daß eine gemeinsame Vorlage, eben jener erwähnte Bericht, anzmrehmen ist. Bon den jüdischdeutschen Bearbeitungen dieses Berichtes, die als Chronikerzählungen anzusehen sind, ist die bekannteste di- „W i e n e r Gezerah". Sie und auch die, übrigen >zwci Darstellungen in jüdischer Sprache sind in der zweiten. Hälfte; des 16.. Jahrhunderts entstanden, bezishsrngSweise schriftlich, und in Druck,.niedergelegt wor- - den. Die „Wiener Gezerah" zählt somit zu, den ältesten ^ms stekannLen Schriften der jüdischen Literatur. : Aus der Darstellung, die ja anscheinend die der hebräischen Urvorlage ziemlich getreu folgt, läßt sich begreift:», warum diese Erzählung vom furchtbaren Schicksal der Wiener Juden eine so große Popularität gewonnen hat. Die kurze Erzählung, welche dem Gang der historischen Ereignisse bis in die Einzelheiten getreu folgt •— dies ist auf die historische Genauigkeit der hebräischen Vorlage zurückzuführen, deren Verfasser, sehr genau unterrichtet war — ist in gewissem Sinne. ein erzählerisches Meisterstück. Den motivierenden Rahmen für die Erzählung bildet das Märtyrertum und. der Auftakt des ersten Satzes der Geschichte „Daß der Tod von den Zadikim is gewogen as der Churben von Bsjs Hamikdosch", noch mehr aber der Tod „von sölche heilige Leut, die sich haben getöt von Kidusch Haschern wegen", wird in der ganzen Darstellung! konsequent ausgeführt. Die „Gezerah" erzählt, daß Gott sein Volk prüfen wollte ob feiner Glaubensstärke, und darum saickte er gegen sie „ern gewaltigen Ducus im Land zu Oestreich". Diesem Grundmotiv zuliebe wird in der Erzählung alles unterdrückt, was auf die angeblich' gesetzlichen Ursachen des Judenedikts. Albrechts (die angebliche Hostienschändung) Bezug hat. So wird gewissermaßen das schicksalsmäßige Walten des göttlichen Willens viel eindrucksvoller anschaulich gemacht- Die Vertreibung der Juden aus den ärmeren Schichten, mit der das strikte Verbot der Rückkehr in die österreichischen Erblande verbunden war, wird sehr eindrucksvoll zur Darstellung gebracht, indem erzählt wird, die Juden seien gezwungen worden, bei den großen Bannflüchen zu schwören, daß sie sich nicht mehr in Oesterreich ansässig machen würden. Ganz vortrefflich ist dann die Schilderung, wie die Juden „in ein klein Schiffel ohn Ruder auf dem großen Wasser"/ ausgesetzt werden. Dann folgt eine überaus dramatische Szene: „Di kleinen Kinder begerten brot von iren muter, also stopften di müter zu ive oven nit zu hören das geschrei von den Lindern, den si konten inen nit helfen; so derbarmt sich über st einer , von den Rischuim un' warf ft brot in das lchif, aso schlugen si sich über dem Brot un» wunderen sich oariber." In dieser kurzen Darstellung ist wirklich ein Abbild der chaotischen Hilflosigkeit der Wiener Judengemeinde gegeben. r Rach' der Erzählung vom Selbstmord der Märtyrer, die sich im Tempel das Leben nahmen, sticht der. Erzähler ein schönes Legendenmotiv ein, welches das Märtyrertum verherrlicht. Er erzählt, daß. die Toten auf ein Feld vor der Stadt gelegt wurden, aber kein Hund oder wildes Tier rührte sie an, da „auf st fil ein steinen maur so läge sie aS inem Kewer". Und Synagoge, so heißt es, auf den Schindanger und ließ sie «»bestattet verwese«. Aber eine Mauer fiel um, deckte die Leichen, so daß kein hungriger Hund und kein gieriger Rabe zu den heiligen Leibern konnte. Und auf dem B-'rgkranz um W en brannten allabenolich von Gott entzündete Dotenlichter .. . * Nach dem Autodass des 12. März 1421 war das Ghetto menschenleer und man besorgte nunmehr den geschäftlichen Teil der Angelegenheit.. Die Vorgefundenen ,Merte" der Juden wanderten in die herzogliche Schatzkammer, 30 Judenhäuser wurden der. Stadt Wien verkauft und das schönste Haus erhielt für seine Verdienste um die Judenverfolgung der Vorgänger Luegers und Weiskirchners, der damalige Bürgermeister von Wien, Hans Musterer. Eine Tafel, die noch heute aus dem Judenplatz hängt, ist die letzte Erinnerung an jene Märtyrerzeit. Sie besagt, daß die „canes Judei" (die jüdischen Hunde) allhier von ihveft Sünden durch das Feuer gereinigt wurden. Und noch ein stolzes Derrk° mal sei anläßlich dieser Füüfhundertjahrfeier. in Er- . innerung gebracht: Aus den Quadern der Synagoge des: Ghettos, die man niederriß, wurden die . Grund" festen der herrlichen alten Universität errichtet. Eine lateinische Urkunde gibt kund, daß sich „auf wunderbare Weise die Synagoge des Ältm Testaments, in. die Schule der Tugenden des Neuen Testaments verwandelt bat". —! . , Keine Helden und Heroen anderer Nationen feiern . wir heule, keine Muskelrissen, Drachenbezwinger, Böllftr- 'rnterjocher, keinen Herkules, Cäsar, Siegfried, Napoleon. Wir feiern die größeren jüdischen Heroen der Hingabe an die Idee, ihre durch keine Peinigung des Körpers überwindliche Kraft der Seelen, ihr herrliches Heldentum der Treue. : Und das Angedenken an jene dunkeln, martervvllen » Monate lehrt uns den Kopf hochtragen und festigt uns in der Opftrjähigbeit für unser Bott. '' Qtt« Abele.«- . 4Me«» AAe»s««zrmmG tl Wbi MI (MifT rniiuwi ■min—ni . '■«a^oanaCTttllWIMMSWaSMSaWWBCCBCsaa nwr im i . ' r ’m »>»1^ auf diesem Grabe sah man geheimnisvolle Lichter brennen. Am Schlüsse folgt die Verherrlichung der Märtyrer, die den Feuertod erlitten. Die Erzählung hat. dem jüdischen Sinn entsprechend, persönlichen Ausgang, da sie freundlichen Ausblick auf das Schicksal der Juden, die aus dem Unheil entronnen waren und sich im Königreich Böhmen ansässig machen durften, gewährt. 1 Die ganze Zusammenfassung der Erzählung ist so prägnant und bei aller historischen Treue doch von einem Sinne für künstlerischen Aufbau erfüllt, daß sie sich vielem, was in dieser Art historisch-legendärer Erzählungen später in Mischer Volkssprache geschrieben würde, getrost zur Seite - stellen kann, ja,, an künstlerischem Aufbau es manchmal überragt. Die Epik, die der Erzähler verwendet, arbeitet mit den einfachsten und dabei wirkungsvollsten Mitteln.. Selten ist die Verbindung zwischen Chronik und Kunst so geglückt wie in dieser kleinen Erzählung vom Schicksal der Wiener Juden. Sie hat nach beiden Richtungen unvergänglichen Kulturwert, geschöpft aus jener jüdischen Vitalität, die txotz der schwersten Heimsuchungen immer wieder wunderbare Geistesblüten treibt. So ist die Erzählung eine rückgeschaute Hoffnung auch für unsere jüdische Gegenwart, die tausendfach grauenvoller ist als die heute 500 Jahre alte Vergangenheit. Wien. S i e g f r i e d S ch m i tz. Der Wortlaut de» Urteils, betreffend die Wiener Indenverbrennnng. I (12. MSr, 142t.) „Hoert and merkebfe maenikleich: each let wissen unser gnaediger herr herezog Albrecht, das er geschafft and enpholhen hat an dem phipeztag vor dem heiligen phingstag*) nagst vergangen alle jndtsebait in seinem lant oberhalb and niderhalb der Enns zu seinen hennden ze ne men, der die nnezher in vankohnoss gehalten bat von der hanndlnng wegen, die sich laider an dem heiligen Sacrament vor ettleichen jara dacs Eons vergangen hat. Na ist yecz in karcs ain weih, die vor Zeiten mesnerynn dacz Enns pey der pharrkirchen gewesen ist, gevangen werden, die hat man her gen Wyenn pracht, die hat aigenleirh nnd lautter gesagt nnd bechannt, das sy das heylig Sacrament ans der kireben dacz Enns genommen and einer Jadinn and ainera Joden verband nnd nbergeantwaertt hab, die babent darnach dieselbig heilifeait forbaz ansgetaitt and zages&nt andern Jaden and Jadinn innerlants und ansserlanndts, nnd haben auch das Jaden nnd Jadinn ze gleicher weis auch also bechannt, nnd wann menikchleicb wol verstet, das ainen yegleichen kristenmencchen mnegleichen sol so herczen gen, das die nner nnd smaehait, dieGotond kristenleichem glanben von den Joden, die da sint veint Gols, ernstleichen and strenglichen gepnsset werden, als der obgenant unser gnaediger herr alle Jodiscbait allenthalben in seinem lanndt aof beotigen tag geschafft zo richten mit dem prannt. Adam in die Gregorie anno* ' Obiges Urteil wirb heute manche Bewohner Wiens wehmütig stimmen: Die jüdischen in der Trauer über das Martyrium ihrer heldenmütigen Vorfahren, die sich vor fünfhundert Jahre« lieber verbvenne« alS von ihrem Glauben abspenstig mache« ließen, die christlichen aber, die sich gerade wieder zwecks Organisierung einer kleine» Judenhetze in dieser Stadt zusammengefunden haben, Wege« der vortreffliche» Gründe, die man in der guten alten Zeit solchem Tu« unterlege« konnte, und der radikalen Mittel halber, die dem Judenhaß damals zu Gebote stand««. Eine .Handlung, die sich leider an dem heiligen Sakrament vergangen hat" — das klingt doch noch um einige Grade plausibler zur Veranstaltung eines Pogroms, als das, was der Aufruf des gegenwärtig tagenden AntisemitenkongreffeS den Juden vorzuwerfen hat: Ueberfüllung der Kaffeehäuser, der Theater und Kunsthallen, der Lergnügungs- und Belustigungsanstalten! Und wie bescheiden klingt die heute erhobene Forderung, „daß die jüdischen Wucherer, Valutenschieber und Prasser ausgiebiger als bisher zur Tragung der LIbgaberi herangezogen werden", im Vergleich zu dem mittelalterlichen Verfahren, >ie Judenschaft zu richte» mit dem Brand", um ihr Hab und Gut einziehen zu können ... Muß bei solchem Vergleich nicht unseren antisemitischen Zeitgenosse« das Wasser im Munde zusammenrinnen? Sie mögen sich trösten! Denn es ist historisch einwandfrei erwiesen, daß die Pogromisten von 1421 nicht auf ihre Rechnung gekommen find. Das Vermögen der verbrannte« Juden blieb »ämlch weit hinter den Erwartungen der frommen Hostienrächer zurück! Und auch heutzutage, nach der allgemeinen VermöKnSabgabe, läßt fich'S von de« Zinsen der jüdischen Reichtümer lange nicht so sorgenfrei leben wie von den fette« Argumente«, die sie de« antisemitischen Demagogen als Sinekure abwerfen . . . Die ganze Erbärmlichkeit dev berufsmäßige« Jubenhetze wird einem erst fo recht bewußt, wenn man sie an der Heldengröße des jüdischen Märtyrer»» tnms mißt, von der die ,Mener Geserah" von 1421 ja nur einen ganz kleinen Teil beinhaltet. Mögen die anderen über jüdische Lebensformen witzeln und spötteln, die Art, tvje bis Jude» aller Zeiten — Männer und Frauen — für ihr Volk und den Glauben ihrer .Väter den grausamste« Tob und die gräßlichsten Leiden auf sich genommen haben, sucht ihresgleichen in der Geschichte aller übrigen Nattone» und GlaubenSbekenntnijft. Und diese HeBevart — ^chmditto- *V4|» 9R* San, tat Stab» netten, fanatischen Trotz" nennt sie bas Wiener Organ deki .Leidenden" christlichen Kirche in feiner gestrigen Abendausgabe! — erhebt Juden «nb Judentum sternenhoch über die Kritik von Atttisenlitenkongressen und anderen Blasphemien klerikales und rassenchanvinlstischer Nachkommen jener arischen Stämme^ die sich durch bas Schwert Karls des Großen und andeiM Masscnschlächtev die Religion der Nächstenliebe hatten drängen llassem . . . t _ Dr. H. SP.- Wiener Gemein-erat. - Sitzung vom 11. März 1921. * Auf der Tagesordnung stand die Beratung über ditz ' Gehaltserhöhung für die Gemeindeangestelltnr. DaÜ v Referat erstattete Stadtrat Breitner. ,/ Gemeinde at Baugohn und Genossen .kritisiere« die Vorlage über die GehavDegulierung und verlange« bedeutende Erhöhungen für die Pensionisten, damit diese Kategorie nicht dem Hungertods pveisgegeben werde,. Es werden die Referentenanträge angenommen. j Am Schlüsse der Sitzung brachte Stadtrat Bretts; wer einen Dringlichkeitsantrag ein, der sich gegen dis Eingriffe der Regierung in die Gemeurdeautonomik durch die im Rationalrat eingebrachte Vorlage öezüg« . kich der Wohnungs- und Siedlungsangelcgenheit wendet« Die ganzen Einwände, die man bisher gegen den Plan . der Regierung in puncto des staatlichen Wohnungs¬ und Siedlungsfonds gehört hat, tverden vom Refevente« zusammengefaßt. . Stadtrat Breitner begründet seinen Dringlich^ . keitsantrag, wozu Gemeinderat Schmitz (christlichsozial) spricht, welcher einige stilistische Abünderungsanträge stellt, denen sich Stadtrat Breitner anschließt, Der Antrag selbst wird sodann angenommen. Rach Vornahme einiger Wahlen wird die SitzmU geschlossen. ______ - i. Der Streik der jüdische« Religions« lehrer beendet. Rach ^eh wöchentlicher Streikdauer sind die zwiM« den streikenden Re.igionslehrern und dem Vorstand des israelitischen Kultus gemeinde eingeleibeten Verhandlungen gestern zum Abschluß gelangt. Der Religionsunterricht in den Schulen wird demzufolge am Montag den 14. Marz wieder ausgenommen werden.; Seitens des Kultusvo.standes wurde den Lehrer» die Gleichstellung mit den städtischen Lehrern hinsichtlich der gegenwärtigen Bezüge einschließlich des - neuesten Märzregulierung Zugestanden. Auch in Zukunft wird die Kultusgemeinde in der Erwartung der entsprechenden Finanzlage bestrebt sein, die Gleichstellung durchzufühven. Auch in den übrigen Verhandlungs- Punkten, wie in den Fragen der Pensionist'nbezüge, de« Personalvertretung usw., wurde ein Abschluß erzielt. Die Schu^ei'u^gen wn-den bereits von b* Wieder« ausnahme des Religionsunterrichtes verständigt. ' Der jüdische .^ochschulausschutz »nd die sogenannte „Hochschulkammer". Das Präsidium des Jüdischen HochschularrsschusseK hat in brr Angelegenheit der „Hochschulkamme^ int Rektorat der Universität vorgesvrochen und erklär^ daß der Jüdische Hochschulausschuß gemäß den wieder- - holten öffentlichen Erklärungen des Herrn Rektors dik „Hochschulkammer" lediglich als eine private Institution der beutschvölkischen und deutschkatholischen Studentenschaft ansieht. Die Vertreter des Jüdischen Hochschulausschusses verwahrten sich gegen die die Oeffentlichkeit irreführende Bezeichnung einer derartigen Vereinigung als. „Hochschule kämmet und erklärten, daß die jüdische Studentenschaft jederzeit darauf achten wird, daß diese „Hochschulkammer" sich nicht Rechte anmaßt, die.ihr für keinen Fall zustehen. Der Rektor gab darauf den Vertretern des Jüdischen Hochschulansfchusses die Zusicherung, daß er, nachdem auch er die „Hochschulkammer" als eine private Bereinigung ansehe, ihr niemals Rechte einer allgemeinen StudentenverLreLnng znge«. stehen wird. , , | * Gilt nachahmensmrrtes Beispiel. Wie gemeldet wird, hat die jüdische Gemeinde- Vertretung von Brcko (Jugoslawien) einstimmig bvschlossen, daß 10 Prozent aller Gemeindeeinnahmenj dem Palästina-Aufbaufonds (Keren Hajessod) zu» znführen seien. Gleichzeitig solle dieser Beschluß auch rückwirkend für das verflossene Jahr gelte«. Dem Be- . schluß der Gemeinde von Brcko liegt der Gedanke zugrunde, baß das Prinzip des Zehnten (Maassec), auf welches der Keren Hajessod aufgebaut werden soll^ ebenso wie für den einzelnen Juden auch für die ganze Gemeinde Geltung haben müsse. Die freiwillige Volkssteuer. aus der die Mittel für den Aufbau des neuen jüdischen Gemeinwesen in Erez Israel fließen soll, soll sich nicht nur auf den einzelnen, sondern ebenso auf die Gemeinde beziehen, welche damit dokumentiert, daß es über alle lokalen Notwendigkeiten hinaus Pflichten der Gesamtheit. gegenüber gibt, z» deren Träger sich die Gemeinde als Mllensrepräfen-, tantin ihre Mitglieder mache« müsse. j D«r schöne Beschluß der jugoslawischen Juden-; . gemeinde verdient alle Anerkennung «nb sollte andere« «i| «efeyfaa**!**« »MtM »fegaf \