Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 763 (11.3.1921)
- Date
- 1921-03-11
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4' Wien. Freitag Die zunehmende Kriminalität. werde den Nationalrat bald zwingen, den Staat mit allen und den schärfsten Mitteln von dem Gesindel zu.befreien, das die Freiheit der Republik mißbraucht, -arbeitende Mitbürger an Eigentum und Sicherheit fortwährend bedroht. 1 Abgeordneter Dr. Deutsch (Sozialdemokrat): In der Verwaltung ist alles beim alten geblieben wie im alten Obrigkeitsstaat. Wir haben die bürgerlichen Parteien immer ersucht, von der Errichtung . von Heimwehtt» Qbznsehen, weil sich sonst auch die Arbeiter b t* tv a ff ne« müssen. Nunmehr wurde das System der Heimwehr vorgeschoben, von Tirol über Salzburg uni» Ober- Österreich nach Niederö sie reich. Wir machen Sie'nochmals darauf aufmerksam, entweder ist alles tm StaaLebewaffnetodereshatniemandWaffen. Wollen Sie nicht abrüsten, dann nehmen Sie zur Kenntnis, daß Ihre Bewaffnung auch die Bewaffnung der Arbeitersch aft auslösen wird. Es ist unmöglich, daß wir ruhig zuschauen, wie sich die Bauern unter das Kommando ehemaliger Offiziere der Habsburger stellen, während wir diesem Treibe« lvehrloö gegenüberstehe« sollen. ' Abgeordneter Steinegger (christlichsozial) Erklärte, es hat eine p l a n m ä ß L g e Dew af s n u n g d er so zi alift:schon Arbeiter stattgefunden, und nachdem ein sozialdemokratisches Parteiheer ausgestellt worden war, haben' wir eine paritätische Bewaffnung durchgeführt. Die Waffen werden wir uns weder von dem äußeren noch dem inneren Feinde, ab nehmen lassen. (Zwischenrufe bei den Sozialdemokraten: Uber schießen werdet ihr nicht!) Abgeordneter Steinegger (chrifürchsozial) bemerkte «gegenüber dem Abgeordneten Dr. Deutsch, die Bmvaffnung der Bevölkerung sei darauf zurüLzusühren, daß die Sozialdemokraten nach dem Umsturz ein vollständig einseitig, sozialistisch orientiertes Parteiheer aufzustellrn versuchten, wobei Hand in Hand damit eine zuerst geheime und später ganz offene planmäßige Bewaffnung der sozialistischen Arbeiter ging. ' Bundes minister Dr. Glanz reagierte zunächst auf Mehrere im Lause der Debatte hinsichtlich der Verbesserung der Loge von Polizei und Gendarmevie vor^ebrachte Wünsche. Was die Frage des ReffeverkehrS ünLelangt, so wird der Verkehr über unseve Grenzen durch die geltenden Reisevorschriften, wonach von jedem Reisenden Latz und Visum gefordert werden, stark und vielleicht mitunter in einer über das sachlich an sich notwendige Matz hinausgeherrden Weife behindert. Das Ministerium für Inneres ist bestrebt, die gegenwärtigen Beschränkmrgen der Frer° gügigkert nach Möglichkeit abzubauen. Die Beratungen der Letzten Pariser Verkehrskonferenz berechtigen -zu der Hoffmmg, daß sich auch die anderen Staaten bereit finden werden, Len Weg des Abbaues der Verkehrsbeschränkungen zu betreten, und daß das System der Verkehrserleichterung-rn auf den nahe bevorstehenden weiteren internationalen Konferenzen «inen Ausbau erfahren wird. Wegen Regelung des Sommerreiseverkehrs im Jahre 1921 wurden Dsrhrrwlungen mit den Ländern bereits vor längerer Zerr eingeleitet. Die Tendenz geht dahin, die Reisebeschränkungen als solche und insbesondere die Schwierigkeiten an den Grenzen abzubaurn. Hingegen wird auf die Möglichkeit von Einschränkungen deS längeren -Aufenthalts in Gemeinden, wo Wohnungsmangel herrscht öder wo die Ernährungsverhältnisie besonders ungünstige sind, im Interesse der ein^imischen Bevölkerung noch kaum verzichtet werden können. In bezug auf die Frage der FrembenauSweisuns reowies der Minister auf das Ergebnis der Verhandlungen vor dem Pariser Volkerbundrat, die mit eine« vollen Erfolg des österreichischen .Standpunktes geendet haben. Es sei zu hofft«, datz die polnische Regierung in loyaler Weise nunmehr die erforderlichen Patzvisa und UebevnahmSerklärmigen ehestens ausstellen werk». In Besprechung der in der nächsten Zeit bevorstehenden .legislativen Aktionen kündigt der Minister an, datz er dem Nationalrat voraussichtlich noch in der vorösterlichen Tagung «in neues Kinozensurgesetz uritzrbreiten werde. Ein besonders Augenmerk wurde in dem Entwurf dem Besuch des Kinos durch Jugendliche zugewendet, um den auf diesem Gebiet vielfach zutage getretenen, für die sittliche Entwicklang der Heranwachsenden Generation höchst bedenklichen Erscheinungen zu. steuern. Des weiteren verweist der Minister auf die bevorstehende Einbringung eines neuen BereinsgefetzeS sowie auf den bereits fertiggestellten Entwurf eines neue« Berfa mmIungsgefetzes , und. den in Äusavbeitung Le» findlichen Entwurf eines Gesetzes über den Erwerb und Verlust der Staatsbürgerschaft. Dr. W a n e ck (grotzdeutsch) LeschlULigte die Regierung gierung der Passivität in der vstjubenfrage. Artikel 80 des FriedensvertrageS 'gibt uns die Möglichkeit die Option der uns rassefremden Ostjuden nicht znzulaffrn, und selbst wenn man den Rassenstandpunkt nicht akzeptieren würde, gibt die Verschiedenheit der Sprache die Möglichkeit, den Ostjuden die Option nicht zu gestatten. ES »Sr« doch naheliegend, datz die Regierung ein« Partei, welche nur mit der Judenfrage in die Wahlen getreten »st, Mit ZWide feg AevStternng MM »Orte, datz Atz zK «üt _Wiener Msräenzeitunft '11. MSrz 192! Mitteilungen ans dem Publikum M1.LANTBN, P«r1«n-, Gold, Silber,Platt» «Uhren ktvft nai Tirkasft 77« ETTER Botentarmartr. 33, HarifthUferstr. OS dieser Frage ernst nimmt. Bisher wurde weder die Anstage Jerzabek noch die Anfrage der Grotzdeutschen beantwortet. Trotzdem uns der DölkerburL vechtgegeben hat, haben wir uns in Verhandlungen über die Ostjuden eingelassen und das Ergebnis war ein vollständiges Zurückweichen. Nicht deshalb habe die christlichsoziale Partei die Majorität bei den Wahlen bekommen, weil die Wählerschaft .etwa hätte zurückbremsen wollen, sondern deshalb, weil man mit der Koalitionspolitik nicht zustieden war und weil die '.Bevölkerung in der Judenstage die Wahlerversammlungs« anficht der christlichsozialen Partei geteilt habe. Die Wahlen waren nicht reaktionär, sondern antisemitisch. Abgeordneter Dr. Gimpl (christlichsoziwl) befatzte sich mit dem Falle Peinlich. Abgeordneter Fink beantragte im Verein mit dem Abgeordneten Clessin folgende Entschließung: Der DerfaffungsauSschutz wird beauftragt, ungeachtet deS Ablaufes der im 8 84 des VerfassungSüberyang^gesehes festgesetzten Frist, die Beratung über daS vevfaflungSmätzig vorgeschriebene Gesetz, betceff«ttb die ÄuSsestattung der BezirkSverwaltung durch Schaffung von Bezirksvertvetungen, fortzusetzen und derart zu beschleunigen, datz die bundeSgesehliche Regelung dieses Gegenstandes bis längstens 30. Juni 1921 erfolgen kann. ' Nach dem Schlußwort des Berichterstatters wurde das Kapitel »Inneres" angenommen Die vom Ausschuß vorgeschlagenen Resolutionen,. ftrner der ResolutionSantrag Fink-Cleffin wurden zum Beschluß erhoben. Berichterstatter Dr. Schneider referierte hierauf über die Kapitel Unterricht und Kunst, Abgeordneter Pan lisch über das Kapitel „Kultus". Präsident Dr. WeiSkirchner gab eine Zuschrift deS Bundeskanzleramtes bekannt, in welcher mitgeteilt wird, datz der Bundespräsident für die Dauer der Abwesenheit deS Bundeskanzlers Dr. Mahr, des, Bundesministers Doktor Grimm unb des DundeSministerS Dr. Grünberger de« Vizekanzler Breiskh mit der Vertretung des Bundeskanzlers als Leiters deS Bundesministeriums für AeutzereS und des DundeSministerS für Volksernährung und de» Sektionschef im BundeSminiflerium für Finanzen Dr. JoaS mit der Vertretung deS Bundesministers für Finanzen betraut habe. Abgeordneter Glöckel (Sozialdemokrat) behandelte ausführlich den Äarnpf gegen dis von ihm inaugurierte Schulreform und kam sodann auf; die Berufung der Fra« Dr. Maria Maresch ins Unterrichtsamt zu sprechen, die seit Jahren nicht mehr in einer Klasse war. Da ist Ihne« ein kleiner Mißgriff unterlaufenda sich hinter der Katholikin Maria Maresch die Leontine Igel recte Jesew lisch verbirgt, die als Jüdin noch die Ghmnasialmatura machte und erst als sie zum Gebrauch der Vernunft kam, in den Schoß der . alleinseligmachenden Kirche einging Von diesem Moment an erfreute sich die Dame der besonderen Protektion des Kardinals und der Frau Dr. B u r i a n. die ja eine Leidensgenossin ist, da auch sie erst mit 18 Jahren ihr Judentum abgeschworen hat. Abgeordneter Dr. Seipel: Ist unwahr! Abgeordneter Glöckel: Wahrhaftig, i» der christlichsozialen Partei können Juden noch Karriere machen. Wir find keine Antisemiten, wir wollen nur das Doppelspiel aufzeigen, wie Sie uns deswegen diskreditieren wollen, weil wir den -anständigen, ehrlichen und arbeitsamen Juden ebenso schützen wie den anständigen, ehrlichen und arbeitsamen Christen. Sie stellen Ihre ganze Agitation auf den wüste« - Radau-AntisemitismuS ein und überlassen im geheimen die Neberwachung der christlichen Gesinnung Konvertitmnen. Abgeordneter Seipel: Wir beurteilen eben.die Tätigt keit der Frau Dr. Maresch anders und das ist unser« Sache. Abgeordneter Glöckel: Im übrigen ist den Sozialdemokraten um daS Schicksal der Schulreform nicht bange. Wir werden zunächst in Wien an der Weiterführung der Schulreform, soweit es die Gesetze -ulaffen, mit aller Energie arbeiten. Abgeordneter Dr. Aigner (christlichsoziay bezichtigte den Abgeordneten Glöckel, fortgesetzt durch höhnische Zwischenrufe der Sozialdemokraten unterbrochen, datz er als Staatssekretär das Recht gebeugt habe. Sie haben einseitig, um Ihren parteimäßigen Zielen auf dem Gebiete deS Unterrichts» Wesens zum Durchbruch, zu verhelfen, die reichs- und landeS» gesetzlichen Bestimmungen, Teile der Schul» und UnterrtchtS» ordnung und grundlegende Bestimmungen des Reichsvolksschulgesetzes übertreten. Sie haben dadurch in einer Zeit, in der das Rechtsbewutztfein ohnedies inS Schwanken gekomvren ist, das Rechtsbewutztfein noch tiefer erschüttert. Daran, daß heute im Schul- und Unterrichtswesen in den . Ländern Anarchie herrscht, sind nicht di« Landesregierungen schuld, sondern der ehemalige Leiter des UnterrichtSamteS. Dir werden eS zu verhindern wissen, datz den Ländern, die in ihrer weitaus grötzten Ueberzahl christlichsozial sind, eine «inseitige sozialistische Schulbildung aufgedrängt wird. Pater Gimpel nnd Moritz Willheim. Nr. 763 in welcher dieser ihn in Zusammenhang mit der Veräußerung von Baracken deS Lagers in Feldbach brachte. Wenn Ab. geordneter Gimpel eine Bemerkung gebrauchte^ die dis Bedeutung auflommen ließ, der Redner stehe in einem Zusammenhang mit dem Verkauf der Baracken, halte sich Redner nicht nur verpflichtet, diese Angelegenheit aufzuklaren, sondern auch für berechtigt, zu behaupten, daß sich Abgeordneter Gimpel wiederholt um Ein- und Ausfuhrbewilligungen bemüht habe. (Hort! Hört! bei den Sozialdemokraten.) Abgeordneter Dr. Gimpel: Dürfen bloß Juden Ein- und Ausfuhrbewilligungen bekommen? Seit wann darf man für einen ehrlichen Menschen nicht, mehr eintreten? Abgeordneter Hammerstorfer: Aber ein Abgeord-, tretet darf das nicht tun! Abgeordneter Dr. Eisler: Herr Dr. Gimpel wird nicht behaupten, daß Herr Moritz Willheim... Abgeordneter Dr. Gimpel: Das habe ist «chtiggestellt. Schauen Sie das Protokoll bei Gericht nach! Abgeordneter Dr. Eisler: Auf Grund der genaue« llebevpvüftmg des Falles kann ich behaupten, daß Sie di« Einfuhrbewilligung für Mais hatten und dem Herrn Moritz Willheim übertragen haben. Abgeordneter Dr. Gimpel: Schauen Sie doch daß Protokoll bei Gericht nach! Abgeordneter Luttenberger: .Es wäre sehr inte» ossant, wenn Herr Dr. EiÄer auch von Herrn L i n h a r t in Feldbach etwas erzählen würde. Abgeordneter Dr. Eisler: Thenn Sie den Name« Linhart nennen, wäre es gut. wenn Sie sich bei der Landesregierung erkundigen würden, denn nicht ich war derjenige, der über die SachdemobilisierungSgüter zu entscheiden hatte, sondern Ihre christlichsozialen Parteigenossen. Die Verhandlung wurde hierauf abgebrochen. Nächste Sitzung: Heute, 11 Uhr vormittags. Tagesbericht. Die Rettung der »kraiuische« Pogromwaise«. Die Adoption von Pogromwaisen durch jüdische ftamüien in Kanada^ — Die kanadische Mission in Wien. — Der erste Kindertransport nach Kanada. — Unterredung mit den Leitern der Expedition» Die Nachrichten von dem furchtbaren nationale« Unglück, das unser Volk in der Ukraine betroffen hat. ist in alle Welt gedrungen und erfreulicherweise wurde bereits das wichtigste Werk, die Errettung der j ü d i s ch e n P o g r o m w a i s e n, in Angriff genommen. Auf der Karlsbader Welthilfskonftrenz hat Anitta Müller in ihvsm Referat dargelegt, daß. eS Pflicht des jüdischen Volkes wäre, womöglich die Pogrom« I Waisen nicht in Waisenhäuser zu stecken und auch nicht bei sogenannten Pflegeeltern unterzubringen, sondern sie im Wege der Adoption jüdischen Familien einzuverleiben. Hiefür kommm insbesondere Nordamerika, Kan ada und Südafrika in Betracht. Dieser Gedanke, der in diesen Blättern wiederholt näher ausgesührt wurde, beginnt bereits in die Tat umgesetzt zu werden. In Wien ist aus Kanada eine Kommission eingetrossen, welche im Aufträge der kanadischen Juden zunächst 200 Pogromwaisen nach Kanada zu bringen hat. Einer unserer Mitarbeiter nahm Gelegenheit, über dieses. Hilfswerk mit den Herren der Mission zu sprechen. Sie besteht aus den Herren H.Hershman, Dr. Josef Lea Vitt und William Harrer, der als Christ die Expedition mitmacht, was jedenfalls für den menschlichen Geist bezeichnend ist, der die Bewohner Kanadas beseelt. Der Leiter der Expedition, Herr Hershman, berichtete unserem Gewährsmann: „Bereits im Sommer 1920 wurde der Plan der Adoption ukrainischer Pogromwaisen in Kanada erwogen, wobei sich insbesondere Herr Chefez um die Verbreitung dieser Idee verdient machte. Das' „Pipes Relief" und der „Ukrainer-Verband" nahmen den Gedanken auf und berieten zunächst mit Frau Lilian Freimann, einer überaus wohltätigen jüdischen' Dame, die während des Krieges als sozial« Fürsorgerin Großes geleistet hatte. Eine Deputation, bestehend aus Frau Freimann und den Herren Hershman und Chefez, verhandelte zunächst mit dem kanadischen Emigrationsministerium. Der Emigrationssekretär. Herr Bla in brachte unseren Plänen sofort das größte Verständnis entgegen und richtete späterhin an Frau Freimann ein offiziöses Schreiben, in welchem er die Bewilligung gab, zunächst 800 Pogromwaisen nach Kanada zu bringen. Sobald dies« Kinder von jüdischen Familie» adoptiert und bei ihney untergebracht seien, werde er auch den Transport weiterer jüdischer Kinderscharen nach Kanada gestatt«». Bereits am 6. Oktober beschäftigte sich eine Konferenz des kanadischen Judentums, welche trotz der kurzen Vorbereitungszeit aus den entlegensten Teilen Kanadas beschickt war, mit dieser. Frage. Emigrationssekretär Bla in erschien selb st auf dieser Tagüng und trat mit warme» Worten für unser Beginnen ein. Die Konferenz beschloß, 10 00 K i n b e r nach Kanada zu bringe»: und für diese Zwecke Line Mil l i o n Dollar« »ft. zuwenden. Frau Freimann bereiste sofort nach der Konferenz einige Ort« DestkanabaS. sammelt« vorläufig Abgeordneter Dr. «UM (Sozialdemokrat) kam m»f 800.000 Dollar sowie 48 Kisten neue Kinderkleider. einevemeUnug des Abgeordnete« Gimpel zu tzmeK«, | Her größte ß* war z« Zeit unser« Ubrrift