Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 755 (3.3.1921)
- Date
- 1921-03-03
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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SK 7SS Wien, Donnerstag Wiener Morgenzeitnng S. Marz 1921 UusanrmenarbeLtens »tit b<?n Engländern der b^ste und erfolgreichste Ausdruck des indischen Bolkswillens ist, die ernst,ge Unabhängigkeit wieder herzustellen. Gandhi verurteilt jede Gewalttat, denn „die Mach^ — so sagt er — „entspringt nicht den physischen Kräften, sondern dem unerschütterlichen Willen. „Das indische ®otf" -- sagt Gandhi weiter! „hat sich südlich selbst erkannt. Nicht mit Gewalttaten,! sondern nur durch moralische Kraft wirb es seine Unabj hängigkeit erlangen und indem es sich so von den ersrsedrigenden Einflüssen der Zivilisation des Westens Änd des englischen Systems befreit, wird es zu seiner einst'gen Größe kommen und wird den Frieden erlangen, in dem es einstmals lebte, bevor der europäische Einfluß es zersplittert und mit dem Gift des Mißtrauens verseucht hat." . , Gandhi ist also Mystiker und Prophet und darin Legt die Quelle seines gewaltige» Einflusses auf die Waffe. Sein mystischer Idealismus entspricht der Psychologie der indischen Masse. Mit diesen Theorien steht Gandhis Lebensweise rn völliger Uebereinstimmung. Er Ubl wie ein Asket, der allen weltlichen Freuden entsagt tz§.t und nur seiner Idee lebt. Gandhi ist 51 Jahre alt, hat eine Frau und vier Söhne. Er lebt jetzt in Ahmerabad, der Mühlenstadt, tvo er erne Kolonie begründet hat, deren Bewohner sich verpflichtet haben, in Armut zu leben. Sie beschäftigen sich mit Handweberei und primitiver Landwirtschaft. So verwirklichen sie Gandhis soziale und ethische Träume. Gandhi hat sich eine Zeitlang nur von Weizen» Gemüse und Del genährt. Da er jedoch schwer erkrankte, trimmt er jetzt auch Ziegenmilch und Salz. Kuhmilch Md Butter verabscheut er. Er mahnt keinen Schuldner, gibt nicht Zeugnis gegen einen Feind, fährt bloß dritter Klasse, was in Indien mit großen Unbeguemlichkeiten verbunden ist.. Peschuhung trägt er nie. v So lebt der Mann, .welcher mit Erfolg das Nationalbewußtsein des indischem Volkes erweckt und England einen unblutigen Krieg erklärt hat. Seine Forderung ist „Swarai", das ist vollständige Selbstverwaltung. Ws; in“ „ mögiich ist. , Der Budapester Setzerstreik. , Die ungarische Regierung ist mit allen Mitteln kpmüht, den Streik der Budapester Setzer als eine politische Bewegung darzustellen, um ihn als solche bMndeln zu können. Die Zeitungsverlegsr wären im großen u. b ganzcy schon bereit gewesen, die Forderungen der Setzer zu erfüllen, doch stehen sie förmlich unter dem Drucke der.Regierung, welcher daran lirgt, daß der erste Streik seit dem Zusammenbruch der Kommune nicht Mit, einem Siege der Arbeiter ende. Aus. der Provinz Langen in Budapest Mitteilungen ein,, wonach der Buchhxuckerstreik auch in den PwvinzstArten an Ausdehnung gewinn«. Das zweimal täglich je vier Seiten stark, erscheinende gemeinsame Blatt aller Budaprster Redak-v Lpnen soll laut Versicherung des Ministerpräsidenten Teleki in der Nationalversammlung völlig parteilos sein und sich auf die bloße Berichterstattung beschränken. Wie wenig dies den Tatsachen entspricht, geht schon daraus hervor, daß zum Herausgeber und verantwort-' Lichen Redakteur des Blattes derselbe Paul Szöts bestellt wurde, der seinerzeit nach Zusammenbruch -der Diktatur unter dem Regime Stephan Friedrichs gleichfalls Redakteur des gemeinsamen Blattes aller weißterroristischen Gruppen war, welches so wie die jetzige gemeinsame Zeitung unter dem Titel „Rrggeli Hirek" Drausgegeben wurde. Aber auch der erste Leitartikel des Blattes ist nicht ünparteiisch, denn es heißt boxt: ■, „Dieser Lohnkampf wird nachweisbar yon außenher durch Faktoren dirigiert, deren Hauptziel nicht die Verbesserung der wirtschaftlichen Lage der Arbeiterschaft ist, die vielmehr die ungarische Arbeiterschaft als Herkzeug benützen möchten für Ziele, welche der ungarischen Arbeiterschaft fremd, für Ungarn gefährlich sind tmtfy auf die Gesellschaft verderblich etnwirken." SDie Arbeiterschaft wird in dem Artikel gewarnt, den lgndsverrätern" und der Tätigkeit destruktiver Elemente aufzusitzen, weil dies als Hochverrat betrachtet und behandelt werben mühte. Es bestätigt sich, daß die Vertrauensmänner der Streikenden in Haft g^- »pmmen wurden, da die Regierung das Vertrauensmännersystem nicht' anerkennen will. Die Druckerei f-zialdemokratischen Organs „Reps ava" wurde po'izei ich und militärisch besetzt. Diese Maßnahme hielt die Regierung deshalb für notwendig, weil der Verlag der »Mpszava" hie Forderungen der Setzer in vollem Ausmaße bewilligte und die Setzer auch bereit waren, das Blatt erscheinen zu lassen. Der Regierung könnt: diese Regelung nicht entsprechen und sie verhinderte durch ihre Maßnahme das Erscheinen auch des „Pepszava"-untzrr dem Vorwände, daß sonst Demonstrationen gegen dys sozialdemokratische Blatt zu befurch len seien. Friedrich wird überwacht. «Mtprst. 3. März. (Uilg. 2fcf.«&>tt.«33itt.) I« der hssutigen Sitzung der Nationa,Versammlung unterbreiieie Machst Abgeordneter Somogyi den Bericht des. JmmunitStseusschusses über mehrere Jmmunitätsange- Legünheite«, darunter die des Abgeordneten Stephan Friedrich, der sich darüber beklagt hatte, daß die Regierung seine Tätigkeit durch Offiziere üb^ßswachen lass«. Der Ausschuß war zu dem Ergebnis gekommen. daß Ln diesem jfcalfe die JmmmALi «licht tzarlLLtiÄ. >- i ■ l. ■ Der derzeitige ungarische Minister deS . Aeußrrn, Dr. G r a tz, hat am 4. Februar 1921 gegen den tschechischen Mlnister Doktor - Ben e sch folgendes'gesagt: „Ich frage dis 'curopaischs Orfsentlichkei^ ob solche Zustände» die eine Verhöhnung des Völkerrechtes und der politischen Moral bedeuten, geduldet werden dürfen?" Das Schriftstück, das wir im nachfolgenden -wie^rgWu,. spricht für sich selbst. Jever Zusatz unsererseits würde es nur abschwächen. Wir veröffentlichen es, um au beweisen, wie der Rechtsstaat Ungarn bei schaffen ist. Wir nehmen die Frage des Herrn? ' ' Dr. Gratz auf und stellen sie öffentlich. Ich schicke voraus, daß ich die Geschichte meines Leidens erst jetzt vor die Öffentlichkeit bringen kann. Ich konnte erst vor kurzer Zeit meine Kinder in Sicherheit bringen. Vorher konnte ich nicht sprechen/! Um meine Fachkenninisse im Get .eidchandel zu vervollkommnen, übersiedelte ich, Isidor W'eitzman n, ge«> bören am 21. Mai 1880 in Straßnitz in Mähren, zuständig seit dem Jahre 1900 nach Graz in Steiermark, am 1. Mai 1910 von Graz wach Steinamanger und trat dort in die Firma Brüder Weiner als Reisender ein. Ich hielt mich dort ohne Unterbrechung bis August 1920 auf. Als der Krieg und seine Folgen meine Tätigkeit im GL eidehanbel als R iscnder unterbrachen, löste ich im besten Einvernehmen am 1. November 1917 dieses Verhältnis. Um nicht, wie so viele dort an der Grenze, vom Schleichhandel oder vom Schmuggel leben zu müssen, betrieb ich seit diesem Tage ein ordnungsgemäß angemeldetes Agentur- und Kommissionsgeschäft, bekam, da nichts gegen mich vorlag, meine Gewerbebefugnis un) ließ meine Firma bei der Handels- und Gewerbekanrmer in Oedenbnrg Handels ge rich lich protokollieren. Ich hatte im Jahre 1914 eine Ungarin, zuständig nach Budapest, geheiratet, ging ehrlichen Geschäften nach, legte niemandem etwas in den Mg und wurde auch nicht angefeindet. Im Juli 1980 wurde in Ungarn von Staats wegen eine Liste aller Ausländer angelegt. Ich mußte mich melden, eine Gebühr von 200 Kronen erlegen, bekam ein Meldungsblatt vom 19. Juli 5920, Z. 3, worauf vermerkt war. ich hatte von 1er beu schösterreichischerr Gesandtschaft in Budapest einen Paß zu beschaffen, worauf dann meinem weiteren Ausenthalt in Ungarn nichts im Wege stehe. Dieses Dokument wurde von der Polizei in Steinamanger ausgestellt- Den Paß beschaffte ich mir am 27. Juli 1920 unter Nr. 323 bei der deutschösterreichrschen Gesandtschaft in Budapest. Ich glaubte damit einen genügenden Beweis in Händen zu haben, daß ich bin. Deutschösterreicher Aber schon im Jahre 1919, als die Wohnungsnot auch in Steiuamanger immer größer wurde, beanspruchte jedermann, der dorthin zuzog oder mit seiner Wohnung unzufrieden war. meine Wohnung, da ja die ganze Stadt wußte, daß ich Grazer sei, hauptsächlich aber deshalb, da ich das Pech hatte, eine schöne und moderne Wohnung zu besinn, weshalb eine Kette von Verhandlungen beim Mietamt gegen mich begann. In Ungarn herrscht nämlich die schöne und praktische Gepflogenheit, daß jede Partei willkürlich beim Mietamt eine Liste jener Wohnungen ein geben kann, die sie zu bekommen wünscht. DasMietamt schreibt dann, ohne vorherige P üsung d r Lage. Verhandlungen ans. Ich mußte mir also, so oft es wem immer belieb!«, meine Wohnung an^ufordern, mir einen Advokaten nehmen, da ich der ungarischen Sprache nicht ganz mächtig bin, was für mich mit großen Spesen und. da es sich leider häufig ereignete, mit Zeitverlust verbunden war. Diese Verhandlungen verliefen stets gleich- Ich wies nach, daß ich schon vor dem Kriege, seit dem Jahr« ' 1910, i-hne Unterbrechung in der Stadt wohne, ununterbrochen Steuer bezahle, einen Gewerbeschein habe, unbescholten bin, mich während! des Kommunismus einwandfrei benommen habe usw., und meine Gegner, unter ihnen in einer Verhandlung am 21. Februar 1920 ein hoher Polizeibeamter, Dr. Bodvr Jenö» wurde stets abgew'esen. Ich glaubte nun. eincrr Beweis Mernes guten Rechtes zu besitzen, toemt ich in Ungarn als Jude; sogar gegen einen hohen Polizeiboamten, mein Recht zu behaupten weiß. Bei einer Verhandlung bemerkte allerdings ein Vorsitzender: „Leider existiert noch nicht das G-setz, daß wir Ausländer hrnauZwrrfeu können!" Doch es kam ganz anders, und jetzt erst begingt meine eigentliche Leidensgeschichte. Am 16. August 1980 wurde gegen mich abermals eine Verhandlung beim Mietamt anberaumt. Mein Gegner hieß diesmal Dr. Kula L a S z l o. Ich kannte ihn nicht und kenne ihn auch heute nicht. Natürlich , mußte ich wieder einen Advokaten nehmen. In letzter Stunde erinnerte ich mich, daß mir 'noch ein Sitten«. zeugnis fehle. Da dies aber bei den Verhandlungen im Mietamt stets eine große Nolle spielt, eilte ich zur Polizei und bekam am 14. August daS Gewünschte, außerdem die Bestätigung, daß ich politisch verläßlich sei. Später fand ich ein altes, vom 34 .Februar 1920 vom Bürgermeisteramt ausgestelltes SittenzeuguiS. Nun , gmg LeMiat M MerhandlunZ. bis. avsnschmsweijs meinem Gegner zu Ehren pünktlich begann. Msi«' Gegner durfte sogar vorher in den Verhandlungssaal^ während ich draußen warten mußte und das scheinba« schon f.üher fertige Urteil fünf Minuten später entgcgQv! nehmen durfte. Auf die Frage, womit mein Gegner^' der als Major in Uniform erschien, den Anspruch auf meine Wohnung begründe, zog Dr. Kula, nicht der Vorsitzende, eine angÄblich amtliche Kopie eines? Ministerialbeschluffes aus der Tasche, aus der hervor^ ging, daß ich, meine Frau und meine beiden Kinder: für ewige Zeiten auS Ungar» auSgewiefeu seien und daher unsere Wohnung frei werde.l Der Vorsitzende verlas das Schriftstück, das ich mangels?! Sprachenkenntnisse nicht ganz verstand, während meiw' Ädvokai, über den Inhalt ganz konsterniert, es rundweg als eiiie Fälschung erklärte, wodurch er sich eine energische Rüge zuzog> zumal er eiit Iude war.^ Jrh war fassungslos, bat um Aufklärung, der Bor-, sitzende schrie mich barsch an und verkündete das Urteils das-Wohnungsamt habe sich in keine Prüfung deSs Dokuments einzulassen; falls meine Ausweisung zu R«chb bestehe, sei meine Wohnu ng frei und wsrb2 fjte* . mit dem Dr. Kula zugesprochen. -- Mein Advokat meldete die zulässige Berufrsng an . das Bezirksgericht an, die gesetzlich aufschiebende Wirkung haben sollte, doch Dr. Kula verhinderte bteöj auch. Jetzt erfuhr ich erst den genauen Inhalt Lech vorgelüsenen Schriftstücks, dessen Original angeblich vom^ Ministerium des Innern unter Zahl 4561/1920 a«K gestellt war. Schon an dieser Stelle will ich hervor^ heben, daß das Original bis heute von nremandenvj gesehen wurde. Zur Zeit meiner Kenntnis des Doku^., menLS war der mit Schreibmaschine unterfertigte Mini-s sterialrat Dr. Szirmay gar nicht mehr im Amte!! Das Interessanteste an diesem Dokument ist daÄ Datum vom 6. A p r i l 1920, bie Verhandlung fand, wie oben erwähnt, am 16. August 1920 staLL^. Des langen und breiten wurde darin auseinandergsftLt^ ich sei der Preistreiberei und des Kettenhandels verdächtig, staple Waren in meiner Wohnung auf und fet daher, als Tscheche und dem Interesse des Landes.grfähr^ lich, -innen drei Tagen samt Frau und Kindern aus, , Ungarn abzuschieben. Falls ich nicht Folge leiste, fei' ich nach Ablauf dieser Frist nebst Familie ins Sammele gefängnis nach Hajmasker zu überführen. DaH Urteil ist inappellabel! | Nun standen mein Advokat und ich vor einem Rätsel.!' Sogar in dem Ungarn der letzten Jahre hielt man süt unmöglich, daß jemand — auch wenn er Jude seü — »»gehört, auf einen bloßen Verdacht hin, verurreW' werde, noch dazu von der höchsten Instanz im Landes von einem Ministerium. Nie in meinem Leben war gegerq mich eine polizeiliche Anzeige, nie in irgendeiner Sache: eine gerichtliche Untersuchung gegen mich geführtr worden! j Ich erinnere mich nur, baß vor längerer Zeit! ein Beamter den Umfang meiner Wohnung als Ausq länder kontrollierte und bei dieser Gelegenheit Auf» klärung wegen eines sehr bescheidenen WarenlagevÄ verlangte, die ich ihm leicht geben konnte: Es ware«s nämlich Kommissionswaren der von mir vertretenes Firmen, was ich an der Hand von Fakturen und auß Grund meines Gewerbescheines Nachweise» konnte. Die Ware lag. da ein offenes Geschästslokal nicht zu habew war, in der Wohnung. i ‘ Ich machte meinen Advokaten aufmerksam, seltzsh wenn dioser Besuch als Untersuchung bezeichnet werde< müßte logischerweise dieser Untersuchung ein Verhör oder eine Verhandlung, dieser Vrrhandlung'ei» Urteil!, folgen oder aber, falls das Urteil ohne Erhebungen! und ohne Untersuchung in meiner Abwesenheit grfällb worden sei, müßte dieses Urteil mir doch nachher ein» gehändigt worden sein, zumal es binnen drei Tagertz zu vollft.ecken gewesen wäre und vom 6. April 1926t bis 16. August 1920 wahrlich Zeit gmug hiezu gewesen wäre. Wie kommt es, daß mein Wohnungsgebev von dieser angeblichen Ausweisung Kenntnis hat, di« dortige Polizei aber nicht, die das UrteiL vollstrecken so/llte und mir zwei Tage vorhe« ein glänzendes Sittenzeugnis ausgestellt hat? Wie kommt es, daß mein Gegner diese Ausweisung vier Monate herumiragt, ohne von ihr Gebrauch zu mache»?. Der kaufmännische Verein in Steinamanger, dem ich als Mitglied angehör«, berief sogleich, am 16. Mgust,' zu meinem Schutz» eine Sitzung ein, gab mir ein aüfklärendes Schrifistück ans Ministerium, ein zweites für-' seinen Schwesterverein „Omke", km ungarischen kaufmännischen Landesverband in Budapest, riet mir, ebenso wie mein Rechts freund, unverzüglich nach Budapest zrk reisen und beim Ministerium des Innern die Auf- ' klärung> Ueberprüsung und vorläufige Sistierung meinep Ausweisung durchzusetzen, da nur das Ministerium ode« dessen Bevollmachiigter hiezu kompetent sei. j Mit all diesen Belegen reiste ich am 16. nachts »ach Budapest und hosfie, beim Ministerium Hilfe zu fiiäeu. : Am 17. August vormittags wies man mich r», Budapest beim Ministerium nach langem Herumirre«! bei vsklchiedeM^ naLürliM MS. gtefkau sndlW \ 6