Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 748 (24.2.1921)
- Date
- 1921-02-24
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Wien. L-onnersiag Graten zuzulassen. Die Partei der Po a l e-Z i o n erhielt zwei Stimmen, doch soll ihr Verhältnis zur Konferenz «vch aufgeklärt werden. Dieser Beschluß erfolgte aus parteitaktischen und politischen Motiven. Die Poale- Kion sind bekanntlich gespalten, weshalb über ihre Stellung für oder gegen die Zwecke der Konferenz ein Urteil nicht möglich ist. Die griechischen und argentinischen Sozialisten haben sich der Konferenz angeschlossen, die amerikanischen konnten sich noch nicht entscheiden. Am Nachmittag referierte Dr. Friedrich Adler Über „Methoden und Organisation des Klassenkampfes". Man müsse sich zu der Erkenntnis durchringen, daß der gegenwärtige Augenblick .nicht glückverheißend für die Verwirklichung des Klassenkampfes und der Revolution ist. Der Zeitpunkt für die Weltrevolution ist verschieden angesetzt worden und Moskau hat bereits den Sieg der Weltrevolution prolongiert. Man kann nicht alles auf eine Karte setzen, sondern man muß nach der Erkenntnis der Wirklichkeit handeln. Wenn wir uns zu Diktatur und Nätesystem bekennen, dann, dürfen wir uns nicht mit dem Schlag-, wort begnügen. Wir in Oesterreich sind immer auf dem demokratischen Boden verblieben; es hat wohl Augenblicke gegeben, in denen es sich um Entweder — Oder gehandelt hat, aber wir sind glücklich über diese Momente hinweggekommen. Es kann aber ein Augenblick kommen, wo uns das Bürgertum vor die Entscheidung stellt: seine oder unsere Diktatur. Wir haben in Oesterreich zwei Jahre hindurch die Möglichkeit gehabt, die Herrschaft des Proletariats zu errichten; wir haben aber der Verlockung widerstanden,.'anfangs instinktiv, später in der bewußten Erkenntnis, daß unser Sieg nicht durch die Verhältnisse bei uns, sondern durch die des Proletariats in den anderen Ländern bedingt wird. Die Internationale muß so aufgebaut sein, daß sämtliche Beschlüsse für alle ihr angehörenden Parteien bindend sein sollten. Sie muß möglichst viele proletarische Parteien umfassen, ein möglichst breites, gemeinsames Aktionsprogramm ausMlen, wobei sie sich von Reformismus und Opportunismus, andererseits aber von Moskau fernhält, und sie muß einen lückenlosen Informationsdienst einrichten. Wir schlagen daher vor, eine internationale Gemeinschaft sozialistischer Parteien Kn begründen. Wir werden uns unter uns auf eine gemeinsame internationale Aktion einigen. Wir wollen nicht einzeln nach Moskau gehen, wie dies oft geschehen ist, sondern wir werden alle zusammen das Recht haben, Moskau Forderungen zu stellen. Wenn man uns so sehr ironisiert (Adler meint damit den Brief S ino w je w,s, der die Veranstalter der Wiener Konferenz Agenten der Bourgeoisie nennt), so bin ich dessen gewiß, daß jeder von uns einen Vergleich mit den Moskauern aushält. In der Kommission, die diese Vorschläge unterbreitet, ist man sich des Zieles vollkommen klar und einig. Wie dieses Zielzu erreichen, kann , leider noch nicht die -Sorge von heute sein. Es Hirt» noch lange Zeit nicht möglich sein, mit Moskau oder mit den großen Massen von London zu sprechen. Wir in Oesterreich sind fast die einzige noch nicht zersplitterte Partei und vertreten über 90 Prozent der gesamten Arbeiterschaft. Wir haben in lM Arbeiterräten die Gelegenheit erhalten, die Gegensätze zu klären. Uns schwebt eine Internationale in Gestalt der Ar beiterr äte. vor, in welche die einzelnen Parteien.auto nom ejntceten, um erst nach und nach die' Autonomie der einzelnen Parteien einzuschränken. Wir können weder den Russen noch den Engländern Aktionen und Methoden aufzwingen. Die Internationale ist ein Problem der Geduld. (Beifall.) Nächste Sitzung Herste, halb 2 Uhr nachmittags. Die Sntenteaktton für Oesterreich. Nord deine Entscheidung. Das Wolffsche Bureau meldet aus London: Im Unter- Hause wurde von seiten der Regierung erklärt, die von der englischen Regierung Oe st erreich bewilligten Kredite beliefen sich bisher auf über 10 Millionen Pfund Sterling. Eine endgültige Besserung der Lage Oesterreichs könne nur nach Maßgabe der allmählichen Wiederaufrich« jung dieses Landes wieder erreicht werden. Di.e Alliierten hatten sich mit der Prüfung dieser Frage beschäftigt, sie seien über noch zu keiner . Entscheidung gelangt. Reuter gibt über dieselbe RegierungSmitteilung folgende Darstellung:. Der Unterstaatssekretär für Aeußeres HarmSworth erklärte in seiner Antwort auf die im Unter Hause gestellte Anfrage bezüglich der Hilfe für Oesterreich, daß die vom Pariser Komitee der Vertreter der Alliierten gestellten jüngsten Anträge gegentvärtig von den verschiedenen Regierungen geprüft werden; eine Entscheidung sei noch nicht gefallen. Auf eine weitere Anfrage, ob Hoffnung vorhanden sei, bald zu einer entscheidenden Politik in dieser Frage übergehen zu können, erwiderte HarmSworth» daß er diezuversichtlich hoffe. Der französische Wiederaufbau-Minister Loucheur, dessen Saniei^Wplan wir vorgestern mitgeteilt halben, ist in Londo« ViH. j>ig Beut« meldet, unver- Ävtener MvrgenKstrunq - An unsere p. 4. Leser und Abonnenten! Infolge der neuerlich enorm gesteigerten Herstellungskosten der Blätter sehen sich sämtliche Wiener Tageszeitungen gezwungen, die Bezugspreise für Abonnement und Einzeloerkauf zu erhöhen. Vereinigung der österreichischen Tageszeitungen. Auch die Verwaltung der „WienerMorgenz e i t u n g* sieht sich genötigt, dieBezugspreise entsprechend zu erhöhen. Die Erhöhung wurde nur in dem Ausmaße vorgenommen, als notwendig ist, um die g e st e.i g e r 1 e n G e ft e h u n g s kosten decken zu können. Wir bitten unsere Freunde und Leser, dies als eine im Interesse der Erhaltung unseres Blattes notwendige Maßnahme zu werten und uns umso gewisser ihre Anhänglichkeit zu bewahren. Am 1: März beginnt ein neues Abonnement. Wir ersuchen, die Erneuerung rechtzeitig vorzunehmen. damit in der Zustellung des Blattes keine Unterbrechung eintrete. Erlagscheine werden unseren Abonnenten in den nächsten Tagen zugehen. Abonnementpreise: Für Wien (zum Ahholen in den Trafiken oder mit Postzusendung) Kr. 70.-— monatlich. Mit Postzusendung: Deulschösterreich monatlich.. Kr. 70.— Tschecho-Slorvakei monatlich ........ Kö. 17.— Polen monatlich. ......... pola. Mark 80.— Jugoslawien monatlich .Dinar 12.— Deutschland ........... Mark 12.— Rumänien „ . Lei 20.— Holland y, .......... holl» fk. 1.50 Schweiz yy Fres» 3.— England „ .......... sh 8.— Italien ,yy .......... Lire ©,— Amerjhä ». ....... , . . Dollar — 50 Frankreich, Belgien monatlich .. Fres. 6 — Die Verwaltung der „Wiener Morgenzsitung". züglich den Bericht erstatten, den er über Ersuchen der Pariser Konferenz in der Frage der Erleichterung der w r r t s ch a f tl ichen W i e d e r a u f r ich t u ng Oesterreichs ausgearbeitet HÄ. Sektionschef ZSr, Schüller in London. LDH im, 83/ Februar.- (Reuter.) Der Sektiönschef .&»• -Ministerium ches Aeußern^ Dr, Schüller ist aus Paris' hier eingetroffen. AmeNKas Austritt aus der Reparatrouskommtsfion.' y. Vor einigen Tagen hat der Vertreter Amerikas in her. ^^xstLr^Nepürati.onsrommLssion, Herr B >o y d e n, hen Austritt" seiner Regierung -offiziell notifiziert. HrchrlgedMes MiHtfttes, der im Auftrag des Präsin Kenten Äilson erfolgt ist, hat' nun vorgestern Oberst D mith, der die amerikanische Regierung in der Wiener Daktivn det 'Kommission vertritt, die Delegation seines Staates, zurückgezogen und sich von den anderen Vertretern veräh schiedet- Amerika wird Über seine Beteiligung an der Reparationskommission erst rach dem Amtsantritts des Präsidenten Harding offiziell und definitiv entschewtzn. __ . ' Die Verhan-limgerr wegen Westung aru. Wien,. 23. Februar. Die „Politische Korrespondenz" teilt mit: Im Bundesministerium für Aeußeres haben heute vormittags die angekündigten fachtechnischen Besprechungen .zwischen österreichischen und ungarischen Referenten..über, die westungarische Frage begonnen. Ihr Zweck ist die Darlegung der grundsätzlichen Standpunkte Oesterreichs und Ungarns über die Ausführung der Friedensverträge von Salnt-Germain und Trianon. Die Aussprache soll die Grundlage für die abschließenden Erörterungen bilden, die sich die beiderseitigen Minister Vorbehalten haben. __ Mu V orschuß M die Staatsangestellten. Gestern vormittags sprachen die Vertreter mehrerer Organisationen der Bundesangestellten unter Hinweis auf die in den Kreisen der Angestellten herrschende Notlage beim Bundeskanzler und dem Minister für Finanzen vor, um die sofortige Auszahlung der in AuSsiHt gestellten Anzahlung von 2900 Kronen zu erwirken. Die Vertreter der Negierung führten aus, daß es ohne Deckung durch eine Zustimmung des Hauptausschusses nicht möglich sei, aus Bundesmitteln Zahlungen zu leisten, die in den Besoldungsgesetzen nicht begründet erscheinen. Doch. sei die Regierung bereit, auf die genannte Anzahlung einen Vorschuß von IM Kronen für jeden Angestellten sofort flüssig zu machen, da diese Teilzahluna sich noch unter den seinerzeiligen Beschluß deS HaupiauS? schuffes über die Angleichungszahlungen subsummieren lasse; der Rest von 1900 Kronen werde im Falle der Zustimmung deS-Freitag zusammcntretenden Hauptausschusses Samstag ausbezahlt werden. Der nachmittags abgehaltene Ministerrat hat diesen Vorgang als richtig, anerkannt und die entsprechenden Verfügungen wegen zeitgerechter Auszahlung getroffen. ♦24. Februar 1921 _ 9tt. ZuWavsschutz. Der JustizauSschnß erledigte gestern die Paragraphen 17 bis 24 der Preistreibereivorlage (Landesverweisung und Abschaffung, Rechtsfolgen, Haftung für Geldstrafen^ Sicherstellung, PveisprüfungSstellen, sofortige Vollstreckbarkeit der einstimmigen Schuldsprüche, Unzulässigkeit deS. Straft auffchubes und der bedingten Verurteilung). Oesterreichlich - tschechische Grerrzrermllerimg. Am 28. d. M. trifft hier eine tschechische Delegation zwecks neuer Beratungen mit den österreichischen Vertreter» über di« Abgrenzungsangelegenheiten ein. Die tschechische» Vertreter sind; Sektionschef Roubik, Polizeirat Kopeckh, Ministerialrat Marttnec, Ministerialrat Schuhmandl, Kapitän Hondl und Dr. Wendl. Tagesbericht. Die humane Auswrtsungspraxis. - Nufere Behörden finden es für gut, von Zeit z« Zeit zu versichern, daß die Ausweisungen per Ostjud«n ans Wien mit größter Humanität vorgenommen werden, und baß auf produktiv tätige Elemente besondere Rücksicht genommen werden soll, hat Bürgermeister Reumann wiederholt feierlichst -versichert. Es wirb uns? durchaus nicht wundern, wenn unsere Delegierten Eichhoff und Tarnoczy dem Völkerbundrat, welcher sich mit der Ostjudenfrage demnächste zu beschäftigen haben wird, dasselbe versichern werden. 1 Wie wenige sich die Selbstherrlichkeit unserer Behörden um irgendwelche Grundsätze kümmert und wtz sehr sie auch in solchen Fällen ihre ganze Brutalität walten läßt, wo von der Berufung auf die Wohnungsnot keine Rede sein kann, beweist ein uns letztens bekanntgewordeuer Fall. j Der Mann, um den es sich handelt, ist eiul Schneider, gehört also nicht gerade zu der Klasse der „jüdischen Schieber". In wie hohem Grade er die Wohnungsnot vergrößert, geht aus dem Umstand hervor, daß er mit seinen Angehörigen sich in den Besitz eine.3 Dachbodenzimmers mit zwei anderen Familien teilt! Trotz allem hat d^e. Behörde diesen jüdischen Kriegsmillionär wie einen Landstreicher ausgewiesen und all« seine Einsprüche sind bisher erfolglos geblieben. Um die Sache aber besonders interessant zu machen,, sei noch mitgeteilt, daß der Mann sett Monaten bei der polnischen Gesandtschaft zu einem Heimkehrer transport angemeldet ist und auf die. Möglichkeit der Heimbeförderung wartet, da er aus. eigenem die Kosten der Heimreise für sich und die Seinen nicht aufzubringen vermag. Der Mann hat' also neuerdings um Aufenthaltsbewilligung für mindestens drei Monat« angesucht, bis zu. welcher Zeit er die Heimbeförderung mittels des Sammeltransports erwartet.^Daß - sein Gesuch bet der gegenwärtig herrschenden Praxis Aussicht auf günstige Erledigung hat/ -ist wohl kaum anzunehmen. - . '! Bürgermeister Reumann After wird bei der nächsten Gelegenheit erklären, daß kein arbeitender Ausländer ansgewiesen, werden darf! 1 Die Ursachen der Wohnungsnot. In der gestern im Hause der Kaufmannschaft statt-' gefundenen Generalversammlung des Verbandes österreichischer! Bauwarenhändler hielt dessen Präsident Heinrich Eber eine» bemerkenswerten Vortrag über die Lage der österreichische« Bauindustrie, für welche in naher Zeit eine Belebung zu erwarten sei. ' Redner betonte einleitend, daß eS gelungen sei, die Regierung, die Länder und die Gemeinden zu, gewinnen, sich neben der Nahru.ngs- und Bekleidungsfrage auch mit der Wiederaufnahme der Bautätigkeit zU beschäftigen und daran zu schreiten, viele vorhandene Bauprojekte durchzuführen Und sie mit öffentlichen Mitteln zu unterstützen. Dabei müsse jedoch betont werden, daß.die Verhältnisse in der Baustoffindustrie anders als in anderen Industrien liegen. Der Bedarf an Baumaterialien sei in den westlichen Ländern, zum Beispiel in England, Holland, Frankreich und den Vereinigten Staaten, wo Überaus fleißig gebaut wird, ein außerordentlich großer und genügen, die dort erzeugten Baustoffe nur zum «eine» Teil zu dessen Befriedigung. Zn Baumaterialien können aber große Vorräte nicht angehäuft werden, weil eS ihr Volumen nicht zuläßt, eS müssen dieselben, um sofort zur Hand zu sein, von den weitesten Gegenden bezogen werden um» werde an den betreffenden Lieferungen die österreichische Baumüterlalieninduftrie ohne Zweifel großen Anteil haben. Auch die östlichen und südlichen Staaten sind an unsere Baustoffindustrie für ihre ebenfalls rege werdende Bautätigkett Wege» Liderungen herangetreten.' . | Den Zementfabriten, erwähnte Reimer, sei eS schon tm Jahre 1920 gelungen, für ihre Zcmentlteferungen ä» das Ausland ausreichende Mengen an Kohle zu bekommen. Es unterliegt keinem Zweifel, daß, wenn uns Kohlen zugeführt werden, die- Znlandspvoduktion wesentlich gehoben werden könne. In dieser Frage wird man sich mit dem BundeSmtnisterium für Handel inS Einvernehmen setzen Müssen, daß nicht planlos Baustoffe inS Ausland abgegeben werden. Die französische Vaunnternehmung beabsichtigt, in Oesterreich' eine Ziegelmenge zu kaufen, die einen Kaufschilling von einer halben Milliarde Kronen erfordert. Man könne daraus ersehen, welche ungeheuerliche Summe herauskommen würde, wenn ziel- und planlos Baustoffe an das Ausland abgegeben würden. Di« Ausführungen b<-3 Redners fanden lebhaften Beifall. Bei der hierauf vorgenvmmerren Wahl d«S Vorstandes wurde terr Heinrich'Eber Neuerlich zum Präsidenten wtedergewählt. roßen Beifall fand die Mitteilung, daß nun endlich di« Auflösung deS vollständig zwecklosen und die tzautättgkett in Oesterreich überaus hemme,rben WirtschaftSverbandeS der Zementindustrie in nächster Zeit bevorsteht und daß sich mit . ffiwfc eta* (Enquet*