Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 746 (22.2.1921)
- Date
- 1921-02-22
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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tzekt? 2 _Men, MeMag_ Foch ist mir die gallische Uebersetzung von Ludendorff. Die Herren der Wclt, die jetzt wieder in London beifammen find, müssen das Problem lösen, wie man die Weltwirtschaftskrise mit polüischen Mitteln bekämpft. Sie müssen erkennen, daß Machtpolitik keine Politik ist. Erkennen sie dies nicht, so ist ihre ganze Arbeit vergebens und höchstens als Wegbereiter des russischen Bolfchewismus für Lenin von Wert. Die Diplomaten mögen sich dieser Situation freuen, die Menschen verfluchen sie. _ PoMische^imdschau. Lloyd George über die wirtschaftliche Zerrüttung Mitteleuropas. Ueber die wirtschafAiche Zerrüttung Mitteleuropas sagte Lloyd George in seiner im Unterhause gehaltenen Rede: Es sind nicht bloß die durch, den Krieg geschaffene Verarmung, sondern auch die durch den Frieden notwendig herbeigeführten Störungen, welche die große Schwierigkeit bilden. Die Befreiung der neuen Nationen hat die industrielle und kommerzielle Maschinerie Europas zerbrochen. Berlin ist noch immer der Mittelpunkt Deutschlands und Deutschland wird, wie ich glaube, seine Prosperität wieder gewinnen können. Aber wie steht's um Oesterreich? Wien, der kmmerzielle Mittelpunkt eines großen Reiches, eine Großstadt von zwei Millionen Menschen, ist heute nur mehr die Hauptstadt eines kleinen Teiles mit unge- ■' fahr sechs Millionen Menschen. Das bildet eines der schwierigsten Probleme. Man kann für diese zwei Millionen Menschen in Wien keine Arbeit finden. Wien hat aufgehört, der Mittelpunkt zu fern: Die neuen Staaten haben, wenn auch kleine, eigene finanzielle Mittelpunkte. Die frühere Maschinerie ist gänzlich in Stücke gebrochen. Dazu kommt, als weitere Kriegsfolge und als erster Ausbruch der neuen Freiheit,ein ex tr avaganter und übermäßiger Nationalismus, der sich auf jede mögliche, dem Geschäftsleben nachteilige Weise äußert. Keine dieser Aeußerungsformezr ist eine aggressive Haltung gegenüber den Nachbarn, .wie zum Beispiel in Polen und in anderen Ländern', wo man gewisse Gebiete aüs wirtschaftlichen Gründen oder deshalb in Anspruch nimmt, weil' sie vor fünfhundert Jahren dem betreffenden Lande gehörten. Dieser unmäßige, gierige Nationalismus äußert sich auch in dem Gefühl, daß jedes Land sich mit einer hohen Mauer umgeben müsse und seinem Nachbarn nicht den Becher reichen dürfe. Auch bei uns und in Frankreich und in den Vereinigten Staaten ebenso wie in der Tscheche-Slowakei und in Polen ist dieses Gefühl vorhanden. Man nenüt es sich um das' eigene Land kümmern, vergißt aber, daß alle Lander voneinander abhängen und daß der Handel international ist. Solange wir Mitteleuropa nicht dazu bringen, ein bißchen mehr nachbarliches Gefühl zu betätigen, solange nicht alle diese Teile, die früher zufammenarbeiteten, wieder zusammenarbeiten, werden Handel und Kredit schwierig sein. _______ Kemalistan. Diesen Namen führt seit einigen Monaten jenes mächtige Gebiet, welches sich von Transkaukasien bis nach Zilizien und von der persischen Grenze bis zur Jsmidbucht erstreckt und dessen vorläufig unbezwungener Beherrscher Mustapha Kemal Pascha, der Führer der türkischen Nationalisten, ist, von dem das Gebiet auch seinen Namen erhalten hat. Der Sitz der Regierung von Kemalistan, welches sich von Konstantinopel völlig'unabhängig gemacht hat» ist, wie bekannt. Angora, wo sämtliche Fäden der türkisch-nationalistischen Propaganda zusammenlaufen. Die Erfolge Kemal Paschas sowohl auf militärischem als auch auf diplomatischem Gebiete sind am besten durch die Tatsache gekennzeichnet, daß die Londoner Konferenz sich in erster Linie mit dem Friedensvertrag von SevreS und mit dem durch die kemalistischen Erfolge akut gewordenen ganzen Komplex der kleinasiatischen Frage wird beschäftigen müssen. Der Einfluß Kemals ist heute bereits so groß, daß selbst in Konstantinopel, Wo es bis vor noch nicht langer Zeit den Blättern verboten war, über die Siege Kemals über die Griechen und die Ausdehnung der nationalistischen Propaganda zu sprechen, heute all dies freigegeben ist und in Konstantinopel ein nicht kleinerer Kemal-Kultus herrscht als etwa in .Angora selbst. Viel zur Hebung des Ansehens Kemals in mohammedanischen Kreisen hat der von ihm einberufene panislamitische Kongreß im Jänner beigeiragen. Der Verlauf dieses Kongresses war vielleicht der letzte und stärkste Anstoß für die Entente, der Revision des Vertrags von Sevres näherzutreten. Bei der Zusammensetzung der nach London entsendeten Delegation der Angora-Regierung hat Mustapha Kemal sich abermals als ausgezeichneter Taktiker bewährt. Außer dem Präsidenten Bekir Sami Bei gehören der Delegation an die Abgeordneten von Smyrna, Trapezunt, Adana, Karassi, Gavit und Erzerum. Die bedeutendste Persönlichkeit in der Delegation ist der Chefredakteur des in Smyrna erscheinenden „Aeni- Gun", Iunnuz Radi, der gleichzeitig Abgeordneter von Smyrna ist. Sehr bezeichnend für Keniat Pascha ist ein Comjauttku4» wellües. «r bei hoc, Ab reue Ui Delegation Wiener Morgenzerrrmg nach' London in den nationalistischen Blättern veröffentlicht hat und/durch welches er von den Moskauer Kommunisten merklich abrückt. In diesem Communiquö heißt es: „Unsere Beziehungen zu Moskau sind nach wie vor freundschaftliche. Das will aber durchaus nicht besagen, daß wir die kommunistischen Grundsätze annehmen, denn die sozialen Bedingungen in der Türkei lassen ihre Anwendung nicht zu. Die Parteien, welche sich in jüngster Zeit mit solchen Zielen bei uns gebildet haben, haben schljeßlich diese Anschauung sich zu eigen gemacht und ihre Tätigkeit eingestellt. Auch die russischen Intellektuellen teilen diese Meinung. Unsere Beziehungen zu Moskau haben nichts anderes als ein gutnachbarliches Verhältnis zwischen den beiden Regierungen im Auge. Wenn wir an der Londoner Konferenz teilnehmen, so kann sich daraus für uns keinerlei Präjudiz für die freundschaftlichen Beziehungen, welche zwischen der Türkei und Rußland bestehen, ergeben." Man sieht, Kemal versteht es, auf der einen Seite seine Delegierten in London empfangsfähig zu machen, auf der anderen Seite die Russen nach Möglichkeit zu beruhigen. __ Ungarns Angst vor der Presse. Aus Budapest wird uns berichtet: Die Angst der. ungarischen Behörden vor der eigenen ungarlandischen Presse nimmt immer groteskere Formen an. Nach außenhin möchte man den Glauben erwecken, daß es keine Preßzensur gebe, nach innen sollen die Blätter gezwungen werden, nur. das zu schreiben, was von vornherein die Zensur nicht zum Einschreiten zwingen könnte. Bei diesem System wird es für einen ungarischen Journalisten immer schwerer, sein Blatt zu füllen, denn täglich mehren sich die vertraulichen Zuschriften der interministeriellen Preßüberwachungskommission, in welchen das eine oder das andere Thema von öffentlichem Interesse aus der Diskussion in den Blättern ausgeschlossen wird: So wurde erst kürzlich den Redaktionen die Abschrift eines Erlasses des Pressechefs Ministerialrates ’ Tibor Eckhardt an die genannte Kommission/ Z. 8/1921 M. E. zugemittelt mit folgendem Wortlaut: ^Vom heutigen Tage angefangen darf in' der K ö n i g s f r a g e keine Mitteilung, Erklärung und kein Artikel weder pro noch kontra deröffentlicht werden. Im Aufträge des Ministerpräsi) deuten." ’ Am gründlichsten ist der Oberstadthauptmann von Budapest vorgegangen. Er hat ganz einfach sämtliche Journalisten' aus dem Gebäude der Oberstadthaüptmännschaft hinaus geworfen. In einer Verordnung ma'ckft der Oberstadthauptmann Dr. Rado s sy sämtliche Polizeibeamten und sonstigen Organe dafür verantwortlich, daß kein Journalist oder Vertreter einer Zeitung mehr die Amtsräume betrete, und macht es ihnen zur Pflicht, über jeden einzelnen Fall der Zuwiderhandlung seitens eines Journalisten unverzüglich Bericht zu erstatten, damit dem unbotmäßigen Journalisten die Legitimation konfisziert werde.- Telegramme. Die RigaerVerhandlungr«. Krakau, 21. Februar. Der Warschauer Korrespondent der ,Nowa Reform«* eriohrl, daß aus Riga Nachrichten eingelaufen sind, die tfac günstige Wendung in d e n Fr»edenSv e r Handlungen feßstellen: Insbesondere gielt dies hinstchrlich der Frage der Aufteilung des Goldschatz e tz sowie überhaupt der wirtschaftlichen Angelegenheiten. Polnisch-rumänisches Militärbündnis. Warschau, 21. Februar. Wie ein Funkspruch auS Ranen melde», ist Münster S a p i e h a nach Baseler Mitteilungen nach B u k a r e st zwecks Unterzeichnung eines polnischrumänische «Militärbündnisses abgereift. Die T f ch e ch o - S l o w a k e i tritt diesem Bündnis nicht bei. Spannung zwischen Pole« und Lettland. Riga, 19. Febvuar. (Privat.) In den hiesiegen politischen Kreisen spricht man von einer neuerlichen Spannung zwischen Polen und Lettland. Der Grund dafür sei die Forderung der polnischen Regierung, daß Lettland für die nationalisierten Güter, deren Eigentümer Polen waren, 30 Millionen Rubel in Gold zahlen solle. Diese Forderung könne der lettische Geldschatz nicht erfüllen. Die westindischen Besitzungen Englands Washington, 21. Februar. (Funkspruch.) Senator Reed hat im Senat den Antrag gestellt, mit der englischen Regierung in Fühlung zu treten, um zu erfahren, ob sie geneigt sei, die we stind i s che n Be s itzungerr an Amerika ab zu treten. Man bringt diesen Antrag mit dem englischen Ersuchen um Nachlaß der Schuld an Amerika in Zusammenhang. Der Bürgerkrieg ln Irland. London, 21.. Februar. (Reuter.) Ein Offizier und vier Mann der Hilfspolizei sind in der Nähe einer Kirche in Dublin mit Revolvern angegriffen worden, blieben jedoch unversehrt. Die Militärbehörden haben im Hauptquartier der republikanijchn Armee wichtige Dokumente -escülaa- 1 MmL 22. Februar 1921 _ /Nr.'746 In der Gegend von Manchester sind durch Brandstiftungen von Sinnfeinern die Scheunen mehrerer Bauerngehöfte mit ihrem Inhalt zerstört worden. In Skibereen wurden von bewaffneten Leuten zwei protestantische Bauern, in Cork ein verwundeter ehemaliger Sergeant, der aus einem Spital herausgezerrt worden war, in das mehrere Bewaffnete eingedrungen waren, durch Revolverschüsse getötet. Französische Arrslan-spropaganda. Paris, 21. Februar. Wie das „Journal" meldet, habe die Regierung zur Leitung des französischen Pro«' pagandadienstes den Deputierten Danielow ausersehen, der dem Kammerausschutz für Aeußeres angehört und namentlich durch seinen Bericht über den Friedens- Vertrag von Trianon bekannt geworden ist. Das Ernennungsdekret werde demnächst erscheinen. Danielow! werde den Titel „Oberkommissär Per. französischen Expansion im Ausland" führen. Das französische Sedanfest. Paris. 21. Februar. (Wolff.) Gestern wurde eine Gedenkfeier für die Kämpfer von Verdun veranstaltet. Der Koegsminister hielt bei dieser Feier eine Ncde, m her er, wie da- ..Journal" meldet, sagte: Wenn es notiut, wird'Frankreich nicht, davor mrückschrccken, auch im Frieden sein Recht mit Gewo^ durchzuseßen, wie im Kriege. Ein Orgesch-Kongretz. München, 21. Februar. In Kempten fand gestern ei« Einwohn er wehr tag statt, dem auch Doktor, Esch er ich und sein Vertreter Kanzler beiwohnten. Zu der Veranstaltung waren auch Vertreter aus Württemberg und Tirol eingetroffen. Der Versammlung wohnte auch Regierungspräsident v. Praun bei, der betonte, daß man den Gedanken, von bem auS die Einwohnerwehren entstanden seien, und die Gesinnung, von der ihre Angehörigen und vor allem ihr Führer Escherich beseelt seien, auch durch Gewalt nicht nehmen könne. Dr. Escherich wurde von der Versammlung stürmisch begrüßt. Er Übermittelte die Grüße des Ministerpräsidenten Dr. v. Kahr und sprach sodann unter großem Beifall über daS Wesen und die Ziele der Einwohnerwehr. . Erhöhung der Etsenbahntarife tu Bayern. Münchs», 21. Februar, Heute vormittags verhandelte der bayrische Landeseisenbahnrat über die Frage der Eisenbahntarife. In einer Entschließung wird erklärt, mit Rücksicht auf die Finanzlage des Reiches eine neue Erhöhung der Eisenbahntar'ife nicht ablehnen zu können; doch wird die Negierung ersucht, daß diese Erhöhung bei den Gütertarifen nicht über 65 Prozent und bei den Personen-' tariseu nicht über 60 Prozent htnausgehe.. Ferner ersucht der! Eisenbahnrat um periodische Ueberptüfungen der Tarife, um dadurch eine geeignete Anpassung an die sich ergebenden dÜrfnisse der verschiedenen Wirtschaftszweige und allmählich einen Abbau der Tarife wieder herbeiführen zu können. Die preußischen Landtagswahle». Berlin, 21. Februar. Nach den um 8 Uhr nachmittags vorliegenden Meldungen wurden gewählt: 14 Demokraten (359.333 Stimmen), 59 Sozialdemokraten (2,385.543), 24 Mitglieder des Zentrums (957.727), 34 Anhänger der Deutschen Volkspartei (1,379.714), 35 Deutschnationale (1,382.844), 15 Unabhängige (627.610), 16 Kommunisten (543.926), 3 Wirtschaftsparteiler (138.264). Die Wahlen in Hamburg. Berlin, 21. Februar. Die Blätter melden aus H a mb » r g: Die gestern stattgefundenen Wahlen zur H ambnrg er Bürgerschaft ergaben folgende Verteilung der Mandate: Deutschnationale 89 (bisher 4). Deutsche Volkspartei 24 (IS), Demokraten 25 (33), MedrheilSsozialisten 71 (82', Unabhängige 2 (18), Kommunisten 18 (bei der vorigen Wahl hatten sich diese der Abstimmung enthalten), WirtschastSbund 6 (7), Grundeigen- ■ tümrr 3 (4). Bremer Bürgerschaft. Berlin. 21. Februar. Wie die Blätter ans Bremen melden, haben die Wahlen zur Bremer Bürgerschaft folgendes Ergebnis: Die iozialist schen Parteien erhalten 57 (gegen bisher 64) Stze, die nichtsonalistischen Parteien 63 lgegen bisher 56). Die Man-- bäte verteilen sich wie folgt: Kommunisten 6 ib). Unabhängige 23 (37), Sozialdemokraten 28 (23', Berufsständische8 (4). Zentrum2 (2), Deulschnationale 6 8). Demokraten 20 (17), Deutsche Volkspartei 30 (25), Rechtspartei Vegesack 2 (2). Krupp ln Chile. Brrll», 21. Februar. sTel.-Komp.) Wie die „Yoss. Zeitung" meldet, hat die Firma Krupp A.-G. von der chilenischen Regierung die Erlaubnis erhallen, in Chile Grund und Boden zu erwerben und daselbst Fabriken zu ttrichten. In diesen Fabriken solle» zahlreiche deutsche Arbeiter Beschäftigung finden. Das Vudapester Parlament. Vuldapcst, 21. Februar. (Ung. Tel.-Korr.-Anr) Die Nationalversammlung setzte in ihrer heutige^,' Sitzung die Debatte über das Negierungspvogramm fort. Abgeordneter Kerekes bemängelt, daß das finanzielle Programm gewisse Interessen der Landbevölkerung nicht wahre, und fordert den freien Handelsverkehr. Abgeordneter Zsöks verwahrt sich gegen die Vonwürfe, daß er anläßlich seines Rechen schafts berichles sich . als. BetzudlirLuer erklärt M