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Wiener Morgenzeitung · 1921-02-18 · Heft 742 (18.2.1921) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
3 (1921)
Issue
Heft 742 (18.2.1921)
Date
1921-02-18
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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18. Februar 1921 Seite 2_hZien. Freilag handlanger der Sozialdemokratie haben zwar alles getan, «m sich aus jedem Zusammenhang mit ihrem Volkstum ju lösen; sie haben immer nur Hohn und Spott für >en nationalen Renaissancegedanken des Judentums gehabt und haben sich dem Wahn hingegeben, über ihre jüdische Abkunft den Schleier ewigen Dorgessens breiten zu können. Die Umgruppierung, die sich in der zersprengten und reduzierten Armee der Sozialdemokratie rorbereitet, trifft gerade das jüdische Element, das besonders stark idealistisch empfindet, am empfindlichsten, veil es sich selbst den Rückweg zur eigenen Nation und M der demokratisch gerichteten nationalen Aufbau- »ewegung verrammelt hat. Der jüdische Nationalismus, der die Löherführung des unter furchtbarer sozialer Kot leidenden Judentums anstn'bt, fordert die Uebervindung der Klassenidee durch die gemeinsame, organi- Sette Mitarbeit aller an dem Gedeihen des eigenen siolkes und der Menschheit. Der jüdische Nationalismus rrblickt in der Demokratie, in der Beteiligung des Volkstänzen an Arbeit und Herrschaft den einzigen Weg zur ozialen Befreiung. Dieses Programm bietet für jeden, »er positiv an der Bekämpfung der Not. an der Verlobnung der Menschen im Sinne der Solidarität aller Völker Mitarbeiten will. Raum genug und ist es nicht notwendig, das eigene Haus zu verlassen und das Nlück irgendwo draußen zu suchen, wo man nur Fcündchaft und Haß gegen sich und die im Stiche gelassene Volksgemeinschaft finden kann. Die englischen Kriegsschulden und Amerika. Man schreibt uns auS Paris: Die englische Forderung nach Stundung der englischen Kriegsschulden an Amerika hat zu einem lebhaften Meinungswechfel in den Bereinigten Staaten geführt. Die Erledigung des englischen Verlangens scheint bis zum Amtsantritt Hardings verschoben worden zu sein, um politischen Schwierigkeiten aus dem Wege zu gehen. Jedenfalls wird die Losung dieser Frage manchem Hindernis begegnen. Der polltische Mitarbeiter des „New Aork Herald" bespricht in einem Brief. aus Washington die Schwierigkeiten der Frage und weist in erster Reihe auf die starke pazifistische Strömung in Amerika hin, die sich hauptsächlich aus Anhängern W rl s o n s zusammensetzt, die für ein Fernbleiben vom Kriege kämpften und m der Eintreibung der Schulden ein sicheres Mittel sehen, um zu der heißersehnten Entwaffnung zu gelangen. Die Bemühungen der Pazifisten werden wohl keinen offiziellen Charakter tragen, aber diese werden alle Anstrengungen machen, um die ihnen günstige Situatton auszunühen. DaS Watt werft darauf hin, daß diese Gruppe keineswegs zu übersehen sei und sich unter ihren Parteigängern die Anführer der Wilson-Kampagne für den Völkerbund finden. Die Gruppe argumentiert folgendermaßen: England gibt Millionen Dollar für verschiedene militärische Unternehmungen auS, welche den Weltfrieden stören und nur mit Hilfe der amerikanischen Anleihen möglich sind; deshalb müßten die Vereinigten Staaten die Rückgabe ihres Geldes als einzig sicheres Mittel fordern, um diese Operationen auf diese Weife zu beenden. Der amerikanische Journalist begreift, daß solche Jdeengänge dem europäischen Leser grotesk erscheinen müssen, aber die Vertreter solcher Gedanken verfugen, wie er sagt, über den genügenden Einfluß, um so manches Mitglied von Kammer und Senat in ihrem Sinne zu beeinflussen. Auch die Flottenfrage wird in die Erörterung gezogen und darauf hingewiesen. daß die englische Suprematie zur See nur mit Hilfe des amerikanischen Geldes möglich sei, und dem amerikanischen, von Steuern belasteten Bürger werde man sagen, daß diese infolge der Anleihen an dic Ententeländer nicht herabgesetzt werden könne und das amerikanische Geld die europäische militärische Anarchie ermögliche. S)ie amerikanische Krise n>ttb auf das Scheitern aller europäischen Abinachungen zurückgeführt, die darauf crvzieltrn, die Märkte Deutschland» und der Donaustaaten zu eröffnen, und die Ergebnislosigkeit der Unterhandlungen wird dem Imperialismus der Ententemächte zugeschrieben, welche alle Schuldner von Amerika sind. Das ist also die Atmosphäre, in welcher die Diskussionen über die Shstemisterung der englisch-amerikanischen Schulden stattfinoen sollen, und die neue Negierung Hardings wird mtter einem starken Drucke von dieser Seite stehen. Nach dem politischen Korrespondenten des *9? c to 9 o r 1 Herald" werden sich sogar Stimmen dafür erheben, daß England zum Ersatz für den Verzicht Amerikas auf die Kriegsschuld gewisse Kolonien an Amerika abtreten solle, so die Bahanra-Jnseln., Dritisch-Ostirldieri oder die südafrikanischen Kolonien. Der Washingtoner Korrespondent des Londoner »Observer" sendet seinem Blatte einen bemerkenswerten Bericht über das gleiche Thema. ES handelt sich, wie er mitteilt. um etwa fünf Billionen Dollar, die Großbritannien den Vereinigten Staaten schuldet, drei Billionen von. Frankreich, einundeinhalb Billionen von Italien und eine Drittelbillion von Belgien. In den maßgebenden Kreisen Washingtons bedauere man das Ansuchen des englischen Ministers Mister Chamberlain. Don einer Annullierung, wie dieser sie angeregt habe, könne nicht die Rede sein. Die Amerikaner wären über die Vorgänge in Irland überaus versttmmt und hätten keineswegs Lust, den Krieg E-'-glcmdS gegen die »Grüne Insel" durch Annullierung der britischen Verpflichtaugen zu finanzieren. Sehr aufgebracht wäre in den Vereinigter' Lunten die öffentliche Meinung auch gegen Frank- ^.eich, d^4. je« HriedensjHtuß unaibläjfitz weiterrüjte, und Wiener Moraenzeltnriq große Erbitterung erregte in Amerika Frarkreichs Verwendung schwarzer T ru p p e n Uh besetzten deutschen Gebiet; wenn die Pariser Regierung klug wäre, würde sie einsehen, daß ein Einlrnken in . dieser Angelegenheit für Frankreichs Verhältnis zu den Vereinigten Staaten nur von Vorteil wäre. Auf keinen Fall sei man in Washington urtter solchen Umständen gewillt, Frankreich die Schulden zu erlassen. Man erwarte, daß England; das in dieser Cache, von Sir Ausland G e d d e s vertreten wird, den Vorschlag machen werde, die Schuden in langfristige Anleihen zu niederem Z i n S s a tz zu verwandeln. Darüber hinaus könitte Amerika unter keinen Umständen gehen. '* Paris, 17. Februar. Noch Meldungen aus Wash'.".g'on erklärte der finanzielle Sachverständige der? amerikqniichen Fricdensdelegaiion, Themas Lamont, nach einem V'iuch bei Ha.ding, daß bei der Friedenskonferenz in Paris entgegen der Darstellung von englischer. Seile keinerlei 'Abkommen über eine Annullirrung der Kriegsschulden .her alliierten Staaten gegenüber Amerika getroffen worden sei. Wie der „Matin" berichtet, beschäftige sich die britische Oesfentlich^eit. nachdem Ähamberlain in seiner Birminghamer Rede für die Annuliie ung der Schulden der Alliierten eingetvete r sei. eingrh nd m‘ . dieser Frae; doch hätten die Nachrichten aus Am.'rika keinen günstigen Eindruck hervorgerufen. Eine Persönlichkeit aus der Umgebung des Prem'ermi risters äußerte dem Korrespondenten gegenüber die Ansicht, daß die B mühungen der Alliierten erst in einem späteren Zitnullt ni einem Erfolg führen dürften. PMtischs WrmVsch'im. Die englischen Antrzronisten und das P a l Min a-M and at Das Organ der englisch rn Ant'z'.onisten und Sprachrohr der „League of Bril'sh Jews", der „Jewish Guardian", knüpft an die Berössentlichung des Mandats eine Reihe sehr bezeichnender und mit Rücksicht aus die Stellung der Zeitschrift sicherlich sehr bedeutsanter Bemerkungen. Die histor'sche Bedeutung des Mandats für das jüdische Volk wird anerkannt und der große Erfolg der Zionistischen Organisation, insbesondere Dr. Weitzmanns und Nachum Sokolows, rückhaltlos zugegeben. Der Zionistischen Organisation sei anläßlich des erreichten Erfolges Glück zu wünschen und es müsse ausgesprochen werden, daß angesichts der geschaffenen Situation die Juden aller Anschauungen sich mit den Zionisten zu gemeinsamer Arbeit vereinigen müssen. Der „Jewi,h Guardian" wendet sich ausdrücklich gegen eine Bemerkung der antisemitischen „Morning Post", welche die Vermutung ausgesprochen hat, die Veröffentlichung des Mandats werde die Gegensätze im Judentum verschärfen. Das Organ der Antizionisten erklärt wörtlich: „Diese- Anschauung steht voll und ganz im Gegensatz zu der unsrigen und wir werden, soweit unser Einfluß reicht, alles tun, was in unserer Kraft steht, um durch die Tat zu zeigen, daß sie falsch ist. Wir begrüßen den Mandatsentwurf mit seinen Versprechungen, seinen Sicherungen und seinen Durchführungsbestimmungen als eine ungeheure Gelegenheit für alle Juden, zusammenzuarbeiten für jüdische Ziele." Im übrigen erklärt das nichtzionistische Organ, daß natürlich die britischen Juden insbesondere, alles tun müssen, um ihre Pflicht gegenüber der großen gemeinsamen jüdischen Aufgabe zu erfüllen. Sitzung des Äölkerbundrates. Wie schon gemeldet, tritt am 21. Februar der Völkcrbundrat zu einer Sitzung in Paris zusammen. Den Vorsitz wird, wie wir erfahren, der brasilianische Gesandte in Paris. Herr da Cunha führen. Beisitzer sind: Der englische Unterrichtsminister Herbert Fisher für England, Leon Bourgeois für Frankreich, der ehemalige Londoner Gesandte Marquis Jmperiali für Italien, der Londoner Gesandte Wellington K o o für China, H y m a n s für Belgien. Vicomte I f h i i für Japan und Herr Q u i m o n e s für Spanien. _ Die Situation im Osten. STuä rum ön ischen Steilen wird uns mttgeteilt, daß sämtliche Reserveoffiziere die Einberufung für den 21. Februar erhalten haben. Die Arbeite» zur Instandsetzung der Verteidigungsmaßnahmen in der Moldau und Beßarabien werden im Hinblick aus das mögliche Scheitern der rumänisch-ruisischen Verhandlungen fieberhaft betrieben. Angeblich stehen im Abschnitt von Kischinew acht russische Divisionen marschbereit. In Czernowttz sind zahlreiche französische Offiziere eingetrofsen. Einreisebewilligungen nach der Bukowina werden nur sehr schwer erteilt. Ungarische Nationalversammlung. Budapest, 17. Februar. (U. T. K. B.) Die neue Session der Nationalversammlung wurde heute durch ein Handschreiben des Reichsverwesers era öffnet, iük fiäiblfc SitzunL iutbet morgen Katt. Nr. 742 Telegramme. Deutschland und -Le Londoner ' Konferenz, Berlin, 17'. Februar, (Tel.-Komp.) In politische«. Kreisen erwartet man, daß bei der heute nachmittags stattfindenden Sitzung des engeren Ausschusses zur Vorbereitung der deutschen Reparationsvorschläge auch di« Frage zur ^csprrchung gelangen wird, welche Vertreter Deutschland) nach London entsenden wird. Es ist möglich, daß dann in der morgrgen Sitzung des weiteren Ausschu,ses schon die Namen der Persönlichkeiten mit gepeilt werd-en. Alle bisher m der Pre,se aufgetauchten Namen sind Kombinationen. Fest steht nur, daß Außenminister Simons, selbst, die.Delegation führen wird. Auch die Teilnahme des Staats',ekretars Bergmann kann als ziemlich sicher gelten. Als weitere Mitglieder wurden in reyrer Zerr Srrnnes, Meicyror, v. Stauß, Direktor Krämer und.Professor Bonn genannt. Die Reise des letzteren Ft jedoch noch sehr fraglich. Es ist auch nicht unmöglich, daß ein Vertreter der Reichswehr oder der Marine an der Reise nach London teilnimmt. Die Kosten der Pariser Friedenskonferenz. Berlin, 17. Februar. (Tel.-Komp.) Die „Vossifche Zeitung" meldet aus New-Aork: Der Sekretär Wilsons,. Tumulty, teilt mit, daß der Forderung des Unterhaus- Mitgliedes Norman Gould, öffentlich Bericht über di« Ausgaben der Pariser Friedenskonferenz zu erstatten,. Folge gegeben werden soll. Gelegentlich der Debatte dürften bemerkenswert« Ziffern zur Sprache kommen. Wilson hat zum Beispiel für vertrauliche Ausgaben 17.534 Dollar aufgewendet. Und für Schäden, wie sie zum Beispiel im Hotel Grillon angerichtet wurden,, sind 125.870 Dollar zu bezahlen. Amerikas FloLLenräftungen. Berlin, 17. Februar. Der „Lokalanzeiger" meldet aus Washington: Der Marineetat, der das Flottenbauprogramm umfaßt, wurde vom Repräsentantenhaus unter der einschränkenden Bestimmung angenommen, daß kein Geld für die Fertigstellung von Schiffen ausgegeben werden solle, deren Bau nicht begonnen wurde oder für die die Bauantröge noch nicht unterzeichnet sind. Diese Bestimmung bezieht sich auf sechs Schlachtschiffe. Wenn das Flottenbauprogramm vollständig durchgeführt sein wird, wird die Flotte der Vereinigten Staaten mit der englischen gleich stark sein. Der irische Krieg. London, 17. Februar, (Tel.-Komp.) Aus Dublin kommt eine Meldung, die eia neues Kampfmittel Englands gegen di« Iren enthüllt. Nach dem Vorbild der Hungerblockade während des Weltkrieges beginnt England gegen Irland eine Eisenbahnblockade einzuführen, das heißt, in einzelnen Distrikten wird bereits kein Zug mehr, selbstverständlich auch kein LobenSmittelzug, <mf irisches Gebiet durchgelassen. Die Verfolgung der Kommunisten. Paris, 16. Februar. Der mit der Leitung der Untersuchung über die kommunistischen Umtriebe betraute Richter Jousselin hat gestern die vorläufige Freilassung der Selma Berlin, der Frau des in Hast befindlichen Kommunisten Zalewski. verfügt, da sie nur des Gebrauches eines gefälscht!« Passes, nicht aber der Mitschuld an der Herstellung der Pässe überwiesen sei. Für dieses Delikt fei nur eine fünftägige Präventivhaft vorgesehen. Gestern wurden der Sekretär des kommunistischen Juyendbundes, L a p o r t e, und der Leiter des Blattes „Le ConScrit", Walliam» in Haft genommen. Polen «nd Tschechen. Warschau, 17. Februar. In einem Deitaufiatz über laS polnisch-tschechische' Problem kommt die nationaldemokratische „Gageta Warszawfta" zu folgendem Schlüsse: „Die Entscheidung über das Verhältnis zwischen Polen und Tschechen muß der Zeit überlassen werden. Die momentanen Stimmungen lassen ein Urteil über ein polnisch-tschechisches Bündnis nicht zu. Die Teschener Frage ist noch eine blutende Wunde. Ihre Bereinigung müßte einer Annäherung beider Nachbarn vorangeheen. Eine Milderung der schädlichen Gegensätze und Herbeiführung normaler Beziehungen iff jedoch diskutabel und soll im Auge behalten werden." Die farbigen Truppen im Rheinland. Berlin, 17. Februar. (Wolfs.) Ueber die Stärke der im Dezember 1920 in den besetzten Nheinlanden gestandenen farbigen Truppen wird amtlich bekannt: Im Bezirk Köln befanden sich rund 5400 Marokkaner, im Bezirk Aachen rund 2100 Marokkaner und Znaven, im Bezirk Trier 385 Araber und Anamiten, im Bezirk Koblenz 700 Algerier und Senegalneger. In Hessen waren 6550, in der Pfalz rund 3600 und im Bezirk Wiesbaden rund 5600 Farbige verschiedenster Art untergebracht. Insgesamt betrug die Zahl der farbigen Truppen ettpas über 24.000 Mann. Raufereien in einer dentschnationalen Versammlung. Verldr, 17. Februar. Wie die Blätter aus Kt«r melden, kam es in einer Wählerversammlung der deutschnationalen Volkspartei gestern zu argen Ruhestörungen., Es. wurden zehn Perzonen Mver verletz.!.

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