Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 738 (14.2.1921)
- Date
- 1921-02-14
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Ccue 2 Mon'ai ' PoliLische^MiMdschM. Aus den Memoiren des Grafen Witte. - Die vom „Daily T.'l'graph" veröffentlichten Memoiren des Grafen Witte werden von Kapitel zu Kapitel interessanter. Jur 23. Kapitel behandelt Gras Witte das kaiserliche Dekret über die Duma.und die jUrbeiten des M'nisterrates. Er schildert seine Bemühunjtzen. Reformen durchzuführen, die ÄnZttahmögese(w gegen jeinzelne Konfessionen zu beseitig?« oder zu mildern, diL 'Lensurungeheuerüchke-ten einznstellen. Doch feien alle seine Bemühungen an dem Einflug der reaktionären s Parteien, welche sich der kaiserlichen Unter-tühung erfreuen dursten, gescheitert. DaS Minisdcrkoiili'oL — führt >^raf Witte-aus — erklärte, daß das jüdische Pro- H^lem endlich einer definitiven Lösung zugesiihrt rverder.r müsse und daß es eine andere Losung als die allmähliche Abschafmng der A u § n a h inege»etzegc ge n die .Juden nicht gebe. Der Ministerrat vertrat auch den Standpunkt, daß die Judenfrage in diesem akuten Stadiunn nicht ohne Hin'u iehung von Be'tre^ern derjenigen ^evölkerungskreise. welchjetzt mit den Juden in Kontakr leben oder nach Deseit'gnng der'judenf?indlichen Rechtsbegrenznngen mit den Ju^en in engere Berührung kommen werden, gelöst werden könne.'Da . ich nun sah, daß die Tätigkeit des Ministeckomitees z u keinem ernsten Ergebnisse führe, sah ich mich veranlagt, Seiner Majestät zu dessen s'chtbarer Befriedigung die Einstellrung der Tätigkeit dieses Komitees zu beantragen. So wurde eine Maßnahme, die zum Segen des Kolkes hiät.te we.den können, völlig fruchtlos, wenn nicht gar für', das Land schädlich. Auch dieser Fall mußte die JntM'genz davon überzeugen, daß der Kaiser und feiue Negn? ung entweder u nfähig oder nicht Willens sind. Reformen zu geivähren. An nrehreren Stellen hebt G r^rf Witte hervor, w'e Verhältnis,näßig klein die Zahl der Juden war, welche in:t der sogenannten Emanzipationsbewegung, die.schließlich zur Revolution geführ t hat, sympathisiert haben. Ueber die Organisation von Pogromen von Amts wegen erzählt Graf Witt»; unter anderem: In, Polizeidepartement bestand ein^e eigene Druckcrprcse. aus welcher die Pogromprokla mationen hcrgrstellt Wurden, durch welche die Volksmaisen gegen die Juden ausgehetzt werden sollten. Diese Tätigkeit des .Polizeidepartements, welcher ich später ein Ende bereitete, erfuhr ich von dem Polizeidirektor Lopuchin. der gegenwärtig in sibirischer Verbannung lebt. In Petersburg konnte ich.diese Pogromagitation von Amts wegen einstellen, in .der Provinz jedoch blühte diese Pogromindustrie auch weiter fort. So wurde während meiner Amtst ätigkeit als Ministerpräsident in Bomel ein furchtbarer Judenpogrom inszeniert, der direkt von der Gendarnwrie provoziert wurde. Als ich diese beschämende Tatscuche seststellpe und hierüber dem Ministerrat referierte, sthrieb seine Majestät auf das über diese Angelegenheit unterbreitete Memorandum, daß solche Angelegenheiten (da sie zu unbedeutend seien) ihm nicht zur Kemutnis zu bringen seien . . . Der Kaiser ist damals sicherlich in dieser Frage vom Minister des Innern Dui'nowo beeinflußt worden. Der Kaiser — sagte Graf Witte an einer anderen Stelle — fand es überhaupt ganz natürlich, daß Leute, die wegen Verbrechen, begangen an Juden und Liberalen, im Sinne der Gesetze verurteilt wurden, seinerseits begnadigt werden. Die Haller-Soldaten wandern «ach Amerika zurück. v Bekanntlich rekrutierte flrfj die sogenannte Freiheits- Armee des polnischen Generals Haller zum Teile aus amerikanischen Polen, welche nach Europa kamen, um für die Befreiung ihres Vaterlandes zu kämpfen. Wie sie dies taten, ^eht daraus hervor, daß in per ersten Zeit der polnischen Befreiung der Name .Hallerczhkt" (so wurden die Angehörigen der Haller-Legion genannt) bet der jüdischen Bevölkerung Polens geradezu gefürchtet war. Die ersten Judenexzesse in Polen wurden zumeist von den Haller-Leuten verübt und ihnen gebührt auch der traurige Ruhm, das Bartscheren gegen die Juden in Anwendung gebracht zu haben. Es mag, wie eine amerikanische Zeitung schreibt, verwunderlich erscheinen, daß gerade Leute, die in den Bereinigten Staaten ansässig waren, derartige Ausbrüche nationalistischer und antisemitischer Roheit inaugurieren. Wenn man jedoch bedenkt, baß die Polen in Amerika die niedrigsten Schichten unter den Einwanderern bilden, daß gerade diese- Element für die chauvinistischen Nohcitsausbrüche in den Vereinigten Staaten während des Krieges besonders empfänglich war. so kann vs nicht wundernehmen, daß die aus Amerika gekommenen Haller- Soldaten Träger des ungezügelten Pogromantisemitismus wurden. Nun wird berichtet, daß diese Leute massenhaft ihr befreites Vaterland verlassen und nach Amerika zurückkehren. Vor kurzem sind aus Danzig 1400 dieser Haller-Soldaten in New-Aork angekommen. Andere, ebenso große Massentransporte sind auf dem Wege. Dies beweist, daß gerade diese aus Amerika gekommenen Söhne des polnischen Volkedie Möglichkeiten, in ihrem Vaterland für wirtschaftlichen Aufschwung und für demokratisches Denken, wie sie eS immerhin in Amerika hätten lernen können, tätig zu sein, nicht ausgenützt haben. Es beweist auch, daß die Verhältnisse in Polen den Volksangehörigen, welche gekommen waren, für die Freiheit zu kämpfen, keine Möglichkeit geben, dort zu leben, Lw aeuüüem Sinne HLnat eines mit dem anderen Lu- *•4 v.;r vil. ~«,s.n-%. liis j.’j . sainmen. Die Haller-Leute haben ihre Aufgabe in das Gegenteil verkehrt und lu Polen jene Unduldsamkeit forciert» »velche dem Staate in seiner ganzen Entwi.klttng.so viel geschadet hat. und die Folge davon ist, daß sie nun keinen Platz im Lande finden. Beide Teile haben keinen Anlaß, einander dankbar zu sein. Wie sich Exkaiser Wilhelm die Zukunft vorstellt. Aus einem holländischer, Jntcrw'rw. V rkin, l3. Februar. (Privat.) Der »Vorwärts* veröffentlicht finite eine Unterredung mit Exkaiser Wilhelm, die d?r holländische Journalist Petermayer im Herbst vor qen Jalnes in Amerongen gehabt bat. In bierer Unterredung erzählte der Ex'ci'ier, als er erfuhr, daß der Journalist Pelermayer ein HolUnder. sein Vater aber ein Deutscher sei, der in Detmold lebe, daß er im Jahre I8d8 au» der Durchreise in L ppe- Detmold gewesen sei. Im nächsten Monate habe er als Kaiser des Deutschen Reiches seinen unvergeßlichen Freund Franz Josef besucht. .»Da sah Deutschland noch anders aus. als jetzt. Ich traf damals auch in Nom ein. »nd wer batte damals denken können, daß der Freund zum Verräter i'chesten Feinde der Weit werden wir-de. Man bat mich zwar gewarnt und nicht ohne Absicht habe ich dem Italiener Viktor E m a n u e l tm Juli .1013 noch meine Flotte gezeigt." Aus die Frage des Journalisten: „Wie halten es Euer Majestät für mö ili.li. daß das deutsche Volk so lief hinttttterstlirzen konnte?* erwiderte der Kai »er: „Mein Volk hat feinen ©ott und mich schon während des Krieges verraten. Dafür sorgten die Sozialdemokraten. Sie sind an erster Stelle schuldig. Jeder deutsche Soldat, der wahrend des Krieges zu kurzem Urlaub nach seiner Heimat'wiederkehrte, wurde systemati ch bearbeitet, das heißt, geistig verdorben/ So kehrte er unter falschem, niederträchtigem Einsl iß zurück an seine Arbeit. Aber kr war ja kein Soldat mehr. Tann versuchte er seine treuen Kameraden zu beai beiten und nur zu oft ist ihm dies gelungen. Nie ballen w'r den Krieg verloren, wenn mein Volk sich selbst treu geblieben wäre. Hunger utrb Not batten wir schon jibrrrvimde". auch t>otz der bitteren Tatsache, daß Amerika auf die Seite der Entente trat. Der Verrat Deutschlands bedeutete das Todesurteil. Ä bten Sie daraus, wie Gott die ganze Welt geißelt. Alles Böse rächt sich hier auf Erden." Der Journalist fragte: „Hecht das ein Tod auf immer?" Der Kaiser antwortete: »Das weiß ja niemand, nur Gott der Allmächtige könnte helfen. Von der n ä ch st e n Zukunft erwarte ich nicht vre!. Die Welt sieht mit jedem Tage dunkler auS, sie war vom Frieden nie so weit entfernt wie jetzt. Die ganze Welt hat Gott verleugnet. 26 schwere Jahre habe ich allein den Kampf geführt, um meinem Volke den Frieden zu erhalten. Da wurde mir von meinen besten Freunden das Schwert des Friedens aus der Hand geschlagen. Ich habe den Krieg ja nie gewollt.* Der „Vorwärts* bemerkt dazu, diese Aeußcrnngen Wilhelms wären so charakteristisch für ihn, daß sie unmöglich erfunden sein können. Zum Schlüsse fragte der Journalist den Kaiser noch, ob er sich in Holland wohl fühle. Lachend antwortete der Kaiser: »Deutschland hatte ja immer große Sympathien für Holland, aber eines muß ich Ihnen doch sagen, eS fehlt dem holländischen Volke die deutsche Disziplin.* _ Harding für die Abrüstung. Rew-Bork» 14. Februar. (Tel.-Komp.) Der künftige Präsident Harding hat im »New Park American* erklärt, er halte den Augenblick zur Forderung der allgemeinen A b r ü st u n g für sehr günstig. Die europäischen Völker, des Krieges müde, würden daher einer Aufforderung zu einer Abrüstungskonferenz prompt Folge leisten. Demgegenüber hat die Senatskommission für Marineangelegenheiten in Washington mit großer Mehrheit die restlose Beibehaltung des Vauprogramms, namentlich für die großen Linienschiffe, beschlossen. Inland. Die Gefahr eines Gendarmeriestreiks beseitigt. Der G«ndar«erledlrrktor von Steiermark endlich pensioniert. Der voyl Bundeskanzler kürzlich gemachten Zusage gemäß wurden gestern die Vertreter der Freien Gewerkschaft der BundeSgendarmerie gemeinsam mit Vertretern von Angestellten organisationen vom Bundeskanzler Dr. M a y r im Beisein des Bundesministers für Inneres und Unterricht Dr. Glanz sowie deS Polizeipräsidenten Schober empfangen. Der Bundeskanzler betonte, daß die Regierung in den in der Denkschrift' »Die Gewerkschaft* erwähnten Disziplinarfällen bereits die durch die Sachlage gebotenen Verfügungen getroffen habe. Sie habe einerseits im DiSziplmarfall des BezirkSnispeki0rS Anton Kaspar dessen sofortige Heranziehung zum Dienste verfügt, andererseits im Disziplinarfall des RevurmspeklorS Ignaz R e i t e r e t gleichfalls die Aufhebung der Dienstenthebung 14. Fcuknnr 1,-41 l*i. '.jj veranlaßt und die rascheste Finalisierung des Disziplinarverfahrens aufaei ragen. j Was das Verlangen betrifft, die an der Verhaftung und Dienstenthebung Schuldtragenden zur Verantwortung m ziehen, so seien dem mittlerweile auf Grund seines seinerzeitigen Ansuchens in den Ruhestand versetzten Landes-Gendarmeriedirektor Peinlich die Beschwerdepunkte der Freien Gewerkschaft zwecks Aettßerung bekanntgegeben worden. Nach deren Einlangen könne erst die Frage des Verschuldens beurteilt werden und eine eventuelle Verfügung im Sinne des § 27, al. 2 der DiSziplinarvorfchrist erfolgen. * Damit ist vorläufig die Gefahr eineS Streiks der ösfeutlichen Sicherh-itsorgane beseitigt. Tagesbericht. ChriMchsozkalr Kundgebungen gegen den „Reigen". Um dle BrgiernngSdlamag« zu vertusche«. Gestern gegen 7 Uhr abends ist es vor den Kammerspiclen des Deiuschcn Volkstyeaters zu einer lauten Demonstration glommen. Angehörige des K a t h o l i s ch e tt Volksbundes, etwa dreihundert an der Zahl, meist junge Leute, waren von einer Festversammlung, die nachmittags im Ratham'e stattgefunden hatte, vor die Kammerspiele gezogen. Mit den Rufen: »Pfui der Reigen!*, »Pfui Kammerspiele!* Nieder mit den Sozialdemokraten!* »Vorstellung unterbrechen!* versüßte die Wenge sich den Eingang in daS Täcater zu verschaffen. . j Den Demonstranten stellte sich die Bereitschaft her Sicherheitswache entgegen, die seit einer Woche an jedem Abend die Eingänge des Theaters bewacht. Die Besitzer von Euitriitskarten zur Vorstellung, die in das Theater eintreten wollten, wurden zum Teil von den Demonstranten daran gehstidert. Als die Situation bedrohlich aussah, kam SukkurS von der Wachstube in der Postgasse ber. i Nun wurden die D e m o n st r a nt e n gegen den Kar und gegen den Ltephaneplatz zu von der Wache.ab gedrängt. Der Sicherheit-narbe wurde dabei von den Demonstranten vielfach Widerstand geleistet. Es kam zu vier Arretierungen. Die Arretierten, ein Beamter der Gemeinde Wien, ein Postunterbeamter, ein Fabriksarbeiter und ein Schneider ge Hilfe, sämtlich Mitglieder deS Katholischen Bolksbundes, wurden auf die Wachstube gebracht, nach Abgabe ihres National jedoch gleich wieder entlassen.! Die Demonstranten hielten sich noch eine Zeitlang am Franz Josefs-Kai und beim StephanSplatz auf und zertreuten sich gegen halb 8 Uhr. j Die Vorstellung des »Reigen* in den Kammerspielen, der auch der Dichter Artur Schnitzler beiwohnte, ging ohne Störung und mit starkem, demonstrativem Beifall vor sich. Sicherheitswache hielt bis zum Schluß der Vorstellung die Etn» und Ausgänge besetzt. Es kam zu keinem Zwischenfall mehr. Der Direktion der Kammerspiele deS Deutschen VolkstheaterS wurde^ wie wir erfahren, von christlichsozialer Sette durck einen Funktionär der Parteileitung nahegelegt, die »Neigen*-^ufführungen abzubrechen, da andernfalls noch weitere große Demonstration e n gegen die Aufführungen veranstaltet würden, nicht nur außerhalb des Theaters, sondern auch im Theater selbst.! Direktor Bernau steht gegenüber dieser Drohung auf dem Standpunkt, daß die Polizei dafür Sorge tragen werde, Demonstranten vor dem Theater entsprechend zu begegnen, während Ruhestörungen einer Gruppe von Leuten im Theater selbst Zurechtweisung durch Theaterbesucher, die die literarische Bedeutung des »Reigen* zu würdigen wissen und politischen Kämpfen abhold sind, erfahren werden. Direktor Bernau verweist darauf, daß in den Kabarett- und Bariötüs gegenwärtig die obszönsten Darbietungen ohne Einspruch der Behörden oder Parteien stattfinden. Die »Reigen*-Affäre sei übrigens heute bereitzu einer politischen geworden. Direktor Bernau hat sich der Regierung gegenüber bereit erklärt, die ohnedies unter Vermeidung jedweder derben Effekte ausgesührte Inszenierung deS »Reigen* dadurch zu mildern, daß anstatt der Verdunkelung der Szene während der bekannten Dialogsiellen der Vorhang fallen würde. Die Regierung hat sich zu diesem Vorschlag Direktor BernauS biSher nicht geäußert. Ein Schlafkrankheitsepidemie in New-Vork. Aew-Vorlr, 13. Februar. „New Bork Herald" berichtet, eine Schlafkrankheitsepidemie mache in New-^ Bork rasche Fortschritte. Man meldet beute elf neue Fälle. _ Die Entführung des Realschülers Künkowsky. Die Angelegenheit der Entsühmng des Recilschlllers Josef Kankowsky durch den internationalen- Hochstapler Charles^Edwin t! a y t t o n, der schon so oft der Behörde zu schaffen gab, gewinnt immer mehr an kriminalistlschem Jntereffe durch die Person deS Enlfühiers, der faß alle Weltteile unsicher gemacht hat und wieterholt im Verdachte des Mädchenhandels gestanden tst. Das Siche« hritSbureau macht fieberhafte Ansttengungcn, um deS MavüeS und kemeS wtaiMubea Opjeck &&