Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 733 (9.2.1921)
- Date
- 1921-02-09
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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'Selle 2 Wien. Mittwoch Wl-ver M-rnenzeltirnq S. Febmar 1921 Nr. 733 WirtsckMSkonserenz. die sich niit einem grotzzugiuen Plan befassen soll, der wirksame Maßnahmen gegen die wirtsckrastliche Krise verspricht, in welcher sich uflcn« blicklick ganz Europa befindet." Solche Anschauungen, die aus dem wohlverstandenen Interesse der tschechischen Republik entwickelt werden, sind, auch wenn sie nur öffentlich ausgesprochen werden, geeignet, den Va.'N zu lösen, der über Mitteleuropa von Versailles aus gelegt wurde. Aus dem ungarischen Wirrwarr. Die grotz? Kris. — Die Hauschrrften. — Die Zensur. — Das neue Iollr gn'a^v. Die ungarische Krise breitet sich immer weit'r aus. Der absonderliche Versuch des Ministerpräsidenten, durch Sprengung der eigenen Negierungspartei eine nruc Konstellation zu schassen, hat die.Wirkung gehabt, dajz sich alles gegen ihn selbst und auch gegen Horthy wendet. In vielen Kreisen spricht man bereits voy einer Bedrohung der Position Telekys uns ein Teil der Partei der kleinen Landwirte wünscht die Kabinet Sübernahme durch den Finanzminister He ge d ü S, der imm^r schärfer in den Vordergrund tritt- Sein Finanzprogramm setzt vollkommene innere Ruhe und Her stell uni der Nechtsicherheit voraus. Dieses Ziel ist aber auch heute noch sehr weit und die Agitation der Erwachenden Ungarn hat in der antihabsburgischen Stellungnahme der Entente reichen Stoff gesunden, am gegen Juden und Kaldinc^ zu Hetzen. Im Hintergrund dieser, ocn Staat bis in seine ticjsten Grundlagen e.,chü teruden P.opaganoa stehen die Magnaten, denen die fortschreitende End» Wicklung der kleinen Landwirte das Wasser abgrübt. Sie werfen deshalb, um dem agrarischen Radikalismus e.ckgegenzutreten..-immer von n.uom die Königssrage auf, der die wri.esten Kreise herzlich müde sind. - In der letzten Sitzung der Nationalversammlung hat der ehrmalige Handelsmittister Josef Sztereuyi in einer Kruik des Negterungsprogramms nach Aufdeckung ve.schiede::er großer Korrup ionss lle die hcuiige Situation in Ungarn sehr treffend f^lg nderma^eu charakterisiert: Ein kleiner Kreis, eine kleine Gruppe monopolisiert heute hier alles, indem siei sich .hinter Genossenschaften verstecken. Die'Situation ist die, daß in der alten Zeit jeder christliche Aoetige seinen Hausjuden hatte, während jetzt jeder In.c sich einen Huuschristen halten must. Der Unterschied ist blost der, dast, wahrend man sich früher einen vornehmen Indern zum Hausjuden wählte, der vornehme jüdische Kaufmann heute abseits steht und der Abschaum des Handels aus den Monopolen Nutzen zieht. So ost die Presse diese Skandale in die Ocsfentlichleit bringen will, stellt sich ihr die Zensur hindernd in den Weg. Er fordert die völlige Freiheit des Handels uns die absolute Preß-- freiheit mit Ausnahme der Mit eilungen. durch.welche militärische Interessen des Landes berührt wrrd.n. In Ungarn gibt es wohl, wie wiederholt offiziell verlautbart wurde, keine Zensur, aber die Blätter erscheinen unausgesetzt mit weißen Fleck.n. Selbst das. Organ der jüdischen Afjimiianten, „Eg^'nlöseg", das sonst viel in Patriotismus leistet, mustte sich zum Beispiel in seiner letzten Ausgabe recht große weiße Flecken gefal.en lwsen. die ihm die Z7nsu< versetzt hat. Aber die lieber,'chrislen, welche d r Zeusurstfc begnadigt hat, sprechen deutlicher, als die unterdrückten, Artikel es zu tun vermöchten. Da ist zum Aispiel von einem zwei Seiten langen Artikel nichts anderes übrig geblieben als die Ueberschrist „Ein halbes Kilo Elrasit". Was mag unter dieser Ueberschrist wohl gestanden sein? Wo ist dieses halbe Kilo Ekrasit explodiert, und wie vielen Opfern hat der Nolsti t des Zensors zum zwcilen Male den Garaus gemacht? Vielsagend ist auch eine zweite Ueberschrist: „Die armen jüdisch.'« Kinder erhalten keine Schuhe", unter lvelch.r wieder ein großer weißer Fleck gähnt. Hier kann schon das Gedächtnis nack/,rls:u. Man erinnert sich da.au, daß der „Joiul" . seinerzeit der ungarischen Haupistadt eine Spende von vielen Milli-onen zu dem Zrveck überwiese« hat. arme Schulkinder ohne Unterschied der Konsession mit Schuhen zu versorgen. Wir haben damals gleich u isere Zweifel darüber geäußert, ob diese Spende aus rein j ü d i s che n Geldern gut angebracht sei, und ob der ungarische christliche Kurs soviel Selbstverleugnung ausbringen werde, aus der jüdischen Spende auch jüdische Kinder zu beteilen. Die Uebe schrift der zcnsuri rten Mitteilung des „Egyenlöseg" gibt uns recht. Auch eine dritte Ueberschrist, die an einem weißen Fleck hängen geblieben ist. ist recht interessant- Sic lautet: „In der Löw-Assäre wird die Hauptvrrhaudlung ftaltsiuden." Warum die Zensur die hieran geknüpften Bemerkungen gestrichen hat. ist nicht recht erfindlich, »venn man nicht annehmen will, daß di.' Haup.ve Handlung, deren Term.N vielleicht in der Nockz angegeben war, mit Ausschluß der Oesfentlichkeit durch geführt werden sott. Man sieht also, daß in Ungarn recht interessante Dinge Vorgehen, von denen jedoch die Zensur leine Kenntnis gebeil lassen will. Im Sinne des FiirdeneVertrages von Trianon darf Ungarn an seinen Zöllen während sechs Monaten nach Natisinerung des Fricdensvertrages keine A.'nderung vornehmen. Da Ungarn jedoch die Zölle in Gold fordern kann, steht ihm das Recht zu. im Falle der Annahme der Zölle in Banknoten einen entspr ch nden Zuschlag zu fordern. Bisher hat dieser Zuschlag 1800 Prozent betragen. Finanzminister HegedÜs hat nun joeöeu ein neues Zottregulativ ausgearbeitet, welches viererlei Zuschläge vorsieht, je nach dem Maße des Beda. ses des ungarisch m Ko.lsumS an den. eiuznführenden Artikeln. Während er den Zoll für die notwendigsten Artikel ans 1200 Prozent herabsetzt, bestimmt das Regulativ im höchst?» Satze 7000 Prozent Zoll, und zwar 100 Prozent Grundzoll und 6000 Prozent Zuschlag. Neberdies.beabsichtigt der Finanzminister, die exponiertesten Luxusartikel, soweit ihre Einfuhr überhaupt zugelasseu wird, einer'besonderen Verzollung zu unterwarf?n. Für solche soll der Zoll entweder in essettivenz Gold oder in Edelvaluta, wie Dollar, englische Pfund usrv., entricht t werden. In diese Kategorie gehören die teuren Parfümerie«, Schur uckfrdrru, Champagner usw. Das Schicksal der ungarischen Dolkskommi??üre. Du^epi st. 8- Februar. („Ungarische Rundschau.") Die in Reval woge« des Austausches der zum Tode verurteilten ungari-che» Votkskrmm'ssiire geführten Verhandlungen wu den »».'erbrochen. Der Vrr.r t r der ungarischen Negierung ist nach Berlin gefahren, um dort die Enlich idu.-g srürer Negierung abzuwar.ten. Die russischen Delegierten — angeblich L i t w i n o s f und Vela Kun —ve. lau gen n'iml'ch nicht nur du Austausch der Volkskommifsäre und sämtlicher in Hast befindlicher politischer Bevvilmrch i^ten der Räteregierung, sondern auch die Frcilassu ig der zu langjähriger Kerkerstrafe verurteilten zwei Journalisten Paul Keri und Ludwig Magyar. PolMschr^Nund-chau. Prälat GieHwrin übrr die Bedeutung des Zionismus. ' Das Vir*-«' e>r zio nft'sche. Organ „Zsido Szemle" setzt die L'e äs entiichu g der i'n e-r? u igeu se'ner Mitarbeiterin Irene Sas mit ungarischen Politikern über Ne Bedeutu g des Z onismus fort. Diesmal wird eine Unterretzu ig mit dein Prälaten Alexander Gieß wein wiede-gegeben, welche deshalb von besonderem Jnieresse stft, rveil der ünch im Ausland anrrkannte Sozialpolitiker stets auch in den kritischesten Zeiten ein offener Verfechter der Rech e Nr natwua'en Minderheiten war und auch heute noch ist. und Überdies das Heilige Land von feinen Paläst »a Reisen her aus eigener Anschauung kennt. Gießwein sag:« unter arrderem: „Wer im Orient, in A gyp.en oder in der Türkei herumgekonunen ist. der konnte die Beobachtung machen, daß dort der staatliche oder nationale Gedanke etwas ganz ande es ist als bei uns. In Kairo zum Beispiel leben außer der herrschenden arabisthen Nation zahlreiche Menschen persischer. kopt sclrer, syrischer, armeniichec uno anderer Rar io aiiiät. A le diese haben streng gesonderte eigene na.ionaie Organismen, eig'neKirchen, eigene Obe. Priester, leben in der Weltstadt streng voneiiuruder g. sondert und der eine kümmert sich kaum um den auderen. Die Nichtaraber und Nichtmuselmanen bezahlen ihre Steuern, unterhalten jedoch sonst mit dem Leben des Staa es keine Verbindung. Das nenne ich die orientalische Auf'assung der Nationalität, und zu einer solchen darf s'ch der Z'onismus niemals entwickeln. Eine ganz ander list die europäische, die lvestllche Auffassung. Die Nachkommen der nach Nordamerika ausgeivande ten Iren nennen sich auch heule noch stolz Jrishmen. Sie sühb'n mit ihren unterdrückten Brüdern in Eüro a. bringe« für sie Opfer u«d unterstützen ihre Pcnegungen. Erst in de» jüngste« Tagen sah ich in einei« englische« illustricrren B'.a:te ei« Bild, welches irische Frauen auf dem Marsche durch die Straßen New-Zo.ks dar stellt, wie sie mit großen Tafeln für die Befreiung ihrer unterdrückce« Brüder in Europa Propaganda machen. Diese Jrishmen aber, mögen sie in Amerika oder in Aust.a ien leben, arbeiten völlig zusaminen mit teil dert'geu Staaten, schließen sich aus dem ös'er.tlichen Leben a cht aus. und obgleich sie auch nicht sür eine« A g?nblick aufhöre«, an ihr leidendes Volk zu denke i und es auch für keluen Augenblick verleugne«. verschmelze« sie s'ch mit der nationalen Kultur der Wohnländer. W'nn also der Zionismus d'efe westliche Form der vött'gen Ausbildung des nationalen Gemeinsamkeitsgesühls des Judentums wählt, so sage ich, taß diese nationale De.vegung jede Hoch a ch t« n g verdient, weil sie nicht nur im eigenen Interesse, sondern auch im Jntere,se 'es menschlichen Fortschrittes tätig ist und überdies ein humanes Werk übt. indem sie ihren heimatlos geworlene« VolkSgcn.'ssen zu Friede«. Obdach ur.b Arbeit in Palcst'na verlilft. Palästina halte ich zur Durckführung d'eseS Planes für äußerst geeignet. Znm Teil, weil,dort schon zahlreiche Juden leben, zum Teil auch, rve'l dieses scheinbar kahle, im Grunde jedoch gut kultivierbare Gebiet, welches die Eingeborenen bisher vernachläsfizt haben» nicht länger brach pelasfen werden sollte. Als ich in Palästina war. sah ich dort von Fleiß zeugende jüdische Bauern kolo» ien. und ich sagte mir damals, daß in der Wat jede Pflanze auf ihrem Urboden am besten grdeiht. Selbst an Stelle«, wo der Boden nur flüchtig bearbeitet war. nur kaum so, daß der Regen da auf stc'hen bleiben konnte, stand bi« Vegetation selbst in der kahlsten Umgebung in bewundernswerter Fülle und Reichtum. Jetzt dürfte das Leben dort schon lehhajter sein und dank dem amerikanische» und englischen Interesse sicherlich eine größere Entwick-, lung genommen haben als zur Zeit, da ich Palästina, besucht hatte." _■ Der rumänUche Staatsschatz in Moskau. Das rumänische Preßbureau meldet: Der aus Moskau nach Bukarest zurückgekehrtekommunistische Abgeordnete C r i st e s c o erklärt in der „Dacia": D«r< rumänisch^ Staats schätz befindet sich auch heute noch in Moskau, wohin er während des Krieges über-' führt wurd'e, und wird im Kreml von Sowjettru^pen bewacht. Die bolschewikifch« Negierung ist bereit, dem. rumänischen Staate diesen Staatsschatz, von welchem höchstens zwei bis drei Millionen in rumänischen Banknoten fehlen, auszusolgen. sobald Rumänien den Frieden mit Rußland - geschlossen haben wird. Abgeordneter Cristesco giht außerdem, von der Sowjetregieruug hiezu ermächtigt, die Erklärung ab,, daß die Bolschewiken keine Ab sicht haben, Rum änienanz u g r e i f e n, und daß sie > im Gegenteil den Wunsch haben, mit Rumänien freundnachbärliche Beziehungen herzustellen. Die Moskauer Regierung sei auch geneigt die Rückgabe B e ß a r a b i e n s. welches Rumänien durch das alte zäistische Regime entrissen wurde, bedingungslos anzuerkennen, schon deshalb, weil die Sowjetmacht mit der Diplonralie des Zarentums jede Solidarität ablehnt. ' , _ Bulgarien und die Londoner Konferenz. Der Sanderberichrerstatter des „Temps" in Sofia meldet seinem Blatte, daß es in bulgarischen pvli ischcn Kreisen sehr verstimmt habe, daß Bulgarien zur Londoner Konferenz keine Einladung erhallen habe. Die Erfüllung eines solche» Wuusck)es war umso berechtigter, als ja bei der Verhandlung über den Vertrag von Scvces naturgemäß auch die Frage eines freien Zu^ ganges zum Aegäischon Mee.e für Bulgarien anfs Wapet kommen müsse. Wohl hat der Vertrag von Ncuilly diese .Frage scheinbar endgültig gelöst, genau so wie die Frage der Zugehörigkeit Thraziens. Aber nicht minder wahr ilst es. daß in einem der vielen Anhänge zum Vertrag von Sevres dieselbe Frage, gleichsalls behandelt wird und jetzt wieder ausgeöollt werden soll. Es wird dabei erinnert, daß die Bulgaren heute, zwei Jahve nach Kriegsende, noch immer nicht nach Griechenland kommen dürfen. Bulgarien würde in London keinen auderen Wünsch Vorbringen, als daß ihm der freie Zugang zum Meere endgültig garantiert werde, und daß Thrazien eine Autonomie unter französischem Protektorat! erhalte. Das bulgarische Volk könne sich nur schwer in den Gedanken finden, daß es nur deshalb in seinen gerechten Wünschen verkürzt werde, weil es sein hartes, Los ruhig und geduldig erträgt, während die Türkei ' jetzt eine Verbesserung der Vertragsbedingungen dadurch erzwmge. daß sie dem Willen der Entente, der sich im ersten Vertrag von Sevres kundgibt, mit ZiihigkQtt Widerstand geleistet Hab«. PUfu-ski in Paris. Aus Paris wird gemeldet: Pilsudski hielt gestern eine längere Konferenz init Leon Bourgeois ab. P'llsudski versicherte, daß die Truppen des Generals Zieligowski Wilna raumen werden, fibald nur der Termin der Volksabstimmung festgesetzt sein wird und die Koakitionstruppen eintrosfen, welche die Ruße und Ordnung während der VotkSabstiinn'ung garantieren sollen. Mit dem Präsidenten der Republik, M i! l e r a n d. hielt Pilsndski gleichfalls eine seßr lavgeß Konferenz ab. Dieser Besprechung' wohnte Ministerpräsident D r i a n d bei. Ferner konferierte er mit F o ch, mit W e y g a n d und mit P a n a f i e it< Herr Pilsudifi empfing Salonwn Reinach und Pros. S^L e-v y, beide erbitterte Gegner des nationalen Judentums. Erzherzog Wilhelm» der Nkrainer. I Die polnischen Blätter veröffentlichen die nachstehende Ercklarnng des Erzherzogs Karl Stephan, der bekanntlich ständig in Saybufch wohnt: „Mit Bedauern lese ich in verschiedenen Blättein allerlei Mitteilnng über den.Erzherzog Wilhelm. Ich fcf;eJ es als meine Pflicht an. die öffentliche Meinung durch die Versicherung zu beruhigen, daß Erzherzog Wilhelm nach dem Zusammenbruch Oestei-reichs ins Elternhaus überhaupt nicht znmckkehrte. nnd daß alle Vcniehnngen zwischen dem Eltern hause rntd lhm abgebrochen sind. Seine Handlungsweise ist weder von mir noch von memer Familie gebilligt worden. Meine beiden älteren?öbne dienen in der polnischen Arnieo, einer von ihnen ist in der Schlacht von Radzichow verwundet worden. Ich erkläre schließlich, daß kein Mitglied unserer Fansilie sich mit der Haltung des Erzherzogs Wilhelm solide risch erklärt. Karl Stephan Habsbnrg m. v." Erzherzog Wilhelm Hahsburg. der dritte Sobn des Erzherzogs Karl Stephan hat sich bekanntlich als Nkräiner deklariert und ist unter dem Namen W.iijil Habsburg in die ukrainische Armee eingetreten. Churchill Staatssekretär für die Kolonien. Londa», 8. Februar. (Funtspruch.) Lord Mllner ist offiziell vom Posten des Staatssekretärs für die Kolonie« zurückgetreten; an seine Stelle tritt Kriegsminister Wiusto« Churchill.