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Wiener Morgenzeitung · 1921-02-07 · Heft 731 (7.2.1921) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
3 (1921)
Issue
Heft 731 (7.2.1921)
Date
1921-02-07
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Sette 2 Wien. Montag führung eines modernen Wahlrechtes. Der Vertreter der jüdischen Gemeinde Frankfurt a. M. forderte in der Debatte, das; allen jüdischen Ausländern die Mitarbeit in jüdischen Angelegenheiten ermöglicht werde. Auch die Vertreter des geseyestreucn Judentums eifitii* tcn. unter gewissen Kanteten ihre Bereitschaft zur Mit- - arbeit. Der Paragraph t des VerbandsstatntS wurde schließlich unter dem Druck der Gemeinde Berlin, welche ihren Beitritt von der Annahme ihres Anträgen abhängig gemacht hatte, in der Fassung angenommcu. welche dem Bund die ..Zusammenfassung aller Kräfte iin deutschen Judentum zur Pflege seiner Gesamtinteressen"' als Aufgabe seht. In der Frage des Wahlrechtes der Ausländer erhob der Vertreter einer sächsischen Gemeinde unter lautem Protest eines Teiles der Versammlung Bedenken gegen Zuerkennung des Wahlrechtes ohne Rücksicht auf die Ctaatszugchörigkcit. indem er darauf hinwieS. das; in S a ch s e n die Mehrheit der Juden Ausländer seien, welche die deulscheu Juden majorisicren könnten. Der Genernlreferent Doktor Freund wies in seiner Erwiderung darauf hin,, dag ein religiöser Verband keine Staatönnterschiede machen kann und auch die V e r 11 n e r. Gemeinde einmütig für das gleiche Wahlrecht zum Bundestag eingctretcn fei. Juden dürfen keinen U n t e r s ch i e d z w i s ch e n Juden m a ch e n. Schließlich wurde beschlossen, jedem volljährigen, in Deutschland wohnhaften Juden nach einjälu-iger Sc'ßhasllgkcit das volle Wahlrecht zuzugestehen. und unter großer Ve- »".ilterung wurde die Gefaurtorgauifatiou der deutschen Juden zum Beschluß erhoben. Die Tagung des deutschen Judentums, auf welcher die Zionisten keineswegs die Mehrheit bildeten, ist auch im Hinblick auf die Wiener jüdischen Verhältnisse lehrreich, Das deutsche Ajsimitationsjud'entum, in welchem immerhin viel mehr positive jüdische Inhalte vorhanden sind als unter den Wiener Assiur'iIationSversechtern. hat erkannt, das; es zwecklos nnd für Inden unwürdig ist. sich dem demokratischen Zug der Zeit entgegensteuimcn zu wollen. Cs begreift, daß es sreselbaft ist, in der Zuerkenuung der Rechte an jüdische Geineindemitgliedcr zwischen In- und Ausländern zu scheiden und so ein doppeltes Judentum zu statuieren, wodu'rch nur die Argumente des Antisemitismus gestärkt werden tonnen. Auch die Assimilauten in der W i e n e r K u l t ir sgemeinde werden sich nach der Ausstellung eines positiveren jüdischen Programms entscheiden und ihrem nebelhaften Judentum irgendeinen greifbaren jüdischen Inhalt geben müssen. Die Propagierung eines ..bodenständigen" Judentums und die Rechtsbeschränkung der ausländischen Inden, die nur 311111 Stenerzahlen gut genug sein sollen, ist wohl für ein Programm allzu dürftig. _ Eine Dalfour-Deklaration vor 1G6Q Jahren. Seit der Zerstöl-ung d«S zweiten Tempels waren fast drei Jahrhunderte verflossen. die jüdischen Aus" stände blutig unterdrückt und in Palästina herrschte geradezu Grabesstille. Die Hossuuug der Juden, luübvr rin freies Volk in ihrem Lande zu sein, war nahezu erloschen. Die Kriege und Nusstände gegen die Römer und die Verfolgungen, denen die Inden durch die Chnst.n ausgesetzt waren, insbesondere als daS Christentum römische Staatsreligion geworden war, hatten die jüdische Bevölkerung Palästinas fast gänzlich au?gerottet- Jerusalem war im vierten Jahrhundert n. Chr. eine christliche Stadt, in welcher nur u>euige Juden lebten. Palästina hatte aufgehört, das geistige Zeiltrum - der Juden zu sein. Judeuzenrrcn enlstanvi-u damals in verschiedenen Großstädten, vor allem in Babylon. In dieser Zeit schien «S einen Angenblick, als sollte die .Hoffnung der Inden, ihr Land wieder zu erlangen und den Tempel wieder auszubancn. plötzlich erfüllt werden. Es kam eine unerwartete Botschaft. Im Jahre 361 n. Chr. wurde F-laviuS Claudius Julianu-3 Kaiser. Er war der Resse Konstantins des Großen, welcher das Christentum zur Staatsreligion erklärt hatte. Einem Dlnlbad, welches der nichts wcnjger als christlich gesinnte Sohn Konstantins unter feinen nächsten Verwandten anrichtete, war Julian als einziger entgangen. Als Feldherr hatte er sich einen Namen gemacht, es war ihm gelungen, die dem Römerreich damals so gefährlichen Alemannen b-ei Straßburg zu schlagen. Julian hatte seinen Geist an der griechischen Philosophie, vorzüglich der neuplatvnischeu, gebildet, war ein für sein« Zeit nicht schlechter Schriftsteller in griechischer Sprache und liecsaßle unter anderem, was für einen Kaiser immerhin merkwürdig ist. eine recht boshaft« Satire auf alle römischen Kaiser von Äugrrstus an. Der merkwürdige Mann, wrlch.'r wegen seine-) PhilosophenbartcS stark verspottet wu-de. war ein glühender Hasser des Christentums und strebte danach, dieses aus dem römischen Reich zu verdrängen. Diese merkwürdige Erscheinung auf dem Throne der Cäsaren hat die dichterische Mautaste mehrfach angeregt, so Ibsen in „Kaiser und Galiläer" und Mereschkowski in s.inem Roman „JnlianuS Apoftata". Julian war nun, wahrscheinlich im Zusaimnen- Hang mit seiner Abneigung gegen chaS Christentum, ein Freund der Juden und ihrrr Religion. Besonderes Interesse hatte er für den altsüdischen Opferdienst. Bald nach seinem Neg'erungsantritt erließ der Kaiser eine Botschaft an alle Inden, in welcher er ihnen fclaimma&Lc, daü er alle Steuern, die ihnen an!- Wiener Morgenzeitrrng Eine Erklärung gegen die Rückkehr der Habsburger. Einhritlicher Standpunkt der Entente. Vudapeft, 6. Februar. „Szozal* veröstmtsicht eine Unt'rredun; mit dem englische» OberlommissLr Hohler, der' it. a. sagte: Während mriner letzten 2?nwesenkekt in London M'ttr Dezember ha t« ich Gelegenheit, mit dem anlatzlich einer gemeinfamen Beratung dort anwesenden Ministern Graf Sforza, Leygues und Lloyd George iiber die unaarische Königsf r a a e zu sprechen. Der einheitliche Standpnnkt der g e s a m t e n E n t e n t e in dieser Fraqe ist, vatz sie unter keinen Amständen die Rückkehr der Dynastie Äa sburg auf den ungarischen Dhron gestatten kann. Diese ^raae wird überhaupt nicht als citn ausschließlich innerpylitische Anaeleqenhoit Ungarns, sondern als ein hochwichtiges außenpolitisches Problem betrachtet. Die Erfahrungen der.Habsburger beweisen, daß für die Gro'.wachtbestrrbunnen Ungarn stets die festeste Basis war. Welche Maßregeln im Falle einer eventuellen Wiederkehr der Habsburger gegen Ungarn angew-'ndet würden oder, bester getagt, wie die Entente die Restauration der Habsburger verhindern würde, diesbezüglich kann ich keine Aufklärung geben. Hohler sagte schließlich. daß die Entente im übrigen der nnoarischeu innervotttischen Richtung vollkommen oleichgnltig gegen üb erst ehe. Don nnS auS, sagte er. konnte eS auch eine Tbeolratie einrichten, wenn diese zur Konsolidierung führt. erlegt worben waren, und alle Beschränkungen, denen inSbesond« « .Konstantin sic unierworfen hatte, aukhcbe. Ferner tat er ihnen knnd. er werde nach Beendigung des K^i.ges gegen die Perser nach Jerusalem kommen, die Stadt ans e'gene Kosten wieder ausbauen und den Tempel »virlerherstelloii. Dieser vor 1660 Jahren erlassene Brief, der sozusagen «ine Balsoür-Deklarat'oil darstellt, war wohl außer von den Sr-mtmlhi«,, des Kaisers für die Juden auch wohl von gewissen polit'schen Motiven eingegeben. Cs ging Jul'an da um. für sein« Unternehmung gegen die Perser Unterstützung der Juden Babylons zu gewinnen, u>elche damals in diesem Zentrum der persischen Macht «in« nicht unbedeutende Rolle spielten. Die politisch« Wirkung dieser Kundgebung des Kaisers blieb aus, bi« Juden Babylons standen aus Seile der Perser. Julian su.r> auf dem Feldzuge an einer Verwundung im Jahre 363. Mit des Kaisers Tod war fein Versprechen an die Juden e-ckoichen und an einen Aufbau Jerusalems und des Heiligtums nicht zu denken. Einige jüdische Historiker, darunter auch Grad. berichten in. ttebereinstimmung mit der jüdischen Legende, daß Julian tatsächlich begonnen habe. Jerusalem ansznbauen: er habe seinen Freund, den Philosophen AlisiuS von Antiochia, mit der Ausiicht über di« Vauarbeiten beim Tempel betraut, es seien auch von Inden Spenden an Geld nnd Materialien für den Bau gegeben worden. Der Tod des Kaisers habe ihm dann ein Ende gemacht. Die jüdische Legende erzählt jedoch, daß der Ban des Heiligtums in Jerusalem deshalb abgebrochen werden nlußte, weil, als der Tempelplatz vom Schutt gereinigt wurde und man das Baumaterial herbeibrnchle. riesige Flammen auS dem Beden schlugen und den Vau unmöglich machten. ES scheint übrigens, daß die Kundgebung des Kaisers bei den Juden tvenig Vertrauen fand. Die Spenden der Juden waren nicht zahlreich. Mit Julians Tode «rtosch ans lang« Zeit die, Möglichkeit der Erjüttung der uralten jüdisck)«n Hofs* nungen. _ Die Konfektionäre für de« Mittelstand. Etur Kleider vttior» - Billige Damenkoftüwe und Herren enzllge. Die Vereinig,mg der Damennnd Herren- D e 1 a i l k 0 n s c f t i 0 n ö r e hielt gestern im Saale des GrenüumS der Wiener Kaufmannsck-ilst eine überaus zahlreich besiichte Lollversaininlung ab, um über 'einen Abbau der Preise d e r D a m e und Herrenk i e i d e r für den M i t t e! st a n d zu beraten nnd diesbezügliche Beschlüsse zu fassen. Rach einer einleitenden Rede des Präsidentml GremiairatcS Zabranfki, in welcher er zunächst der sehr ernsten wirtschasttichen Lage gedachte und dann über den Verlauf der von der Regierung einberufenen Teuerungsenguete berichtet hatte, erstattete Kamn»errat Philipp Steiner ein auüsührlicheS Referat über die zu ergreifenden Maßnahmen. Er erörterte die Ursachen der noch immer fortschreitenden Teuerung, gn welcher die Regierpng znm Teil mitsckullc.ig ist. Ein wirksauler allgemeiner Preisabban hänge von dem Stande unserer Valuta ab, da mäste der Habel üngeseht werden. Ehe unsereKrotta nicht einen höheren Wert erhalte, könne eigentlich von einem Preisabbau keine Rede fein.! da könne nur ein? R 0 t st a n d s h i i fe Platz greifen. I Deshalb war es bk wüic Demagogie, wenn ein Eiverte 7. Februar 1921 Skr. 7v1 der TeuerungSengnete unter Drohungen einm PreiSc abban bis längstens 20. Jänner forderte. Redner besprach die wirtschoftliche Lage 'der Arbeite» schaft. welche nicht mehr zur besitzlosen Klasse gezäytt - werden könne, das Proletariat sei heute der g e b i l d erß - M.i t t e! st a n d. dem wir nahezu alles. waS wir av Kulturgütern besitzen, zu verdanken haben. Diese» Mittelstand wüste durch weitgehende Preisermäßigung aller notwendigen DedarsSartikel geholfen werden. Uw den gehässigen Schlagworten der Straße gegen die Kauf« Mannschaft entgcgenzutreten und in der Ueberzengungzur Aufrecht Haltung der Rnbe und Ordnung hiedurtzf^. wesentlich beizntragen, hat der Vorstand per Vereini«! gung der Konfektionäre beschlossen, D a m e n k 0 st ü m 1 aus gutem haltbarem Stoff und g e s chm ach voll gearbeitet bis zu 4 00 0. Kronen. Sch0ßen b,is au 800 Kronen, Blusen bi| zu ßOO Kronen in Verkehr zu bringen, dii jedoch nur gegen Legitimation ausschließlich a» Minderbemittelte abgegeben werden dürfen Jeder Konfektionär werde verpflichtet, diese Waren aus Lager zu halten. Von seiten der EngroS-Koysektion uni des Tuchligndlerverbandes sind bereits Zusicherungen -m weitestgehenden Unterstützung dieser Aktion gegebc« worden. Präsident Zabranfki erklärte, die Waren werder ohne irgendwelchen Unternehmergew'mn. bloß mit einem Regiezuschlag van 10 bis 15 Prozent auf die Gestehungskosten, verkauft worden. Die Kynseklionän wollen ihre soziale Einsicht bekunden und durch dies« Aktion eine Prämie für die Aufnechterhaltung von Ruh«> und Ordnung leisten. Der Obmann des Stückmoitterpev. bandeS erklärte ihm, dast er auch für die in Rede ftel-ew den Kleidungsstücke billigere Lohnsätze beantragen werd« In der lebhaften Debatte, die sich an das Referat anschlotz. empfahl Herr Zwiback. die Durchführung der Aktion, die er wärmstens begrüßte, der Vereinigung z« übertragen. — Herr Alexius Salzer wünschte hinsichtlich der Warenbesckiaffung siir die Selbsterzeuger m8 den Einkaufsgenossenschaften in Verbindung zu treten — Herr 11 nger berichtete sodann über den Stand deß Preisabbaues in der Herrenkonfektion, derer Beratungen noch nicht beendet seien, die aber keinessallk hinter der Damenkonfektion zurückbleiben werde. El sprachen noch die Herren Nayerhofer. Neuwirt Wein.' Hahn u. a.. worauf der vom Referenten gd stellte Antrag, an die Ausführung der Aktion sofort zv schreiten, damit m möglichst kürzester Zeik der Mittelstand mit diesen Waren versorgt werden könne, einstimmig an. genommen wtlrde- Kammerrat Steiner gab auf die Erklärung, daß der Detaillistenverband an alle ihm angegsi-dertev Branchen die Weisung gegeben habe, eine gleiche Aktiov für den Abbau der Preise in die Wege zu leiten. Ziim Schluste referierte Herr Alex. Salzer.über daS neue Preistreibereigesetz. Tagesbericht. Ein hebrüischer Abend. Pon der Füll« der Veranstaltungen, di« in den letzten Monalen der hiesigen jüdischen Gesellschaft von verschrobenen Seiten bargeboten werden, hob sich der am 3. d. M. durch den Hebräischen Klub veranstaltete Hebräische Abend im Hotel Post wohltuend ab, der «in zahlreiches, vorwiegend der erwachsenen Jugend ärrgehörendes Publikum vereinigte Wcny es überhaupt noch eines Beweises bedurfte,, so hat eö dieser Abend bewiesen, daß an der Seldenhoit ahm sicher Derai.staltungen nicht ausschließlich die lokalen Verhältnisse oder die Gleichgültigkeit weiter Kreise^ auch des sogenannten „R^naissanceiubentums" gegenüber der hebräischen Kulturbcwegung schuld sind, sondern zum großen Teil auch die Lässigkeit der Hebraistev selbst. Mlt Recht wies Herr K ö st e n b a u m in seiner Eröfknungsansprache mit Bedauern darauf hin/ daß es erst einebesonderen Anlasses, wie einer öfsenbsichen .Veranstaltung, bedarf, um die große. Zahl der Hebraisten zusammenzusühren. Hoffentlich wird die Wirkung diesegenußreichen Abends nachhaltig sein, nicht zuletzt aber in der Beziehung, daß er den für die hebräische Bervegung in Wien Jnteressiorten ein Anspoflt sein wirb, in Hinkunft dies« Bewegung dauerud und werktätig, zu-fördern. Der vrMnisator'sche Rahmen hiezu besteht bereits in dem eingangs erwähnten „Hebräischen Klub", der schon jetzt mehrere hundert Mitglieder zählt, eine hebräische Lesehalle und verschiedene Kurse unterhalt, einen Ch'or und ein^rr Amateurklub für hehrüisckie Bühnenvorstellungen heranbildet, von Zeit zu Zeit össentlich« Vorträge und Diskussiouen veranstaltet usw. Die Darbjetungen des Hebräisch'n Abends waren im allgerneinen gelungen, wenn auch bet.esfs des einen oder anderen Proarammpunktes manches au-?^"«^en wäre. So mußte zum Beispiel die Auffti.hrnug des Perezschen Dramas „S'chuse Serem" sonderbarerweise wurde diesem von den Veranstaltern ein anderer, dem Inhalt nicht entsprechender Titel beigesegt infolge des Umstandes Schaden erleiden, daß dieses Stück für ein« Dtletlantriworstellung ungeeignet erscheint. Hingegen ist di« Anfsührung der Komödie „TraLiker wider Willen", eine freie Nachdilduna. ngch Tschechow, di« auch eines gewissen zeitgemäßen und lokalen Anstriches nicht entbehrte, als sehr gelungen tu be^ichMU. Ler« LewinLoür^ . Lexmller deät

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