Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 723 (30.1.1921)
- Date
- 1921-01-30
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 4 Wien, Sonntag <■■■.. "* —. ..—r— Ungarn überzeugt ist, diese ZNrchenschändung auSgegangen ist. energisch zurück, indem sie erklären, daß es ausgeschlossen sei. daß Debrecziner Juden, die in den Kalvinern setzt nur Leidensgenossen sehen, «eine solche Schandtat verübt haben sollten. Herr Mamand sucht Anschluß. Bon unserem Lernberger Korrespondenten. Im Jahre 1907 wurde der sozialistische Abgeordnete Dr. Diamond in den Ssterrcicl-islhen Reichsrat gewählt und behielt sein Mandat auch bei den Wal-len im Jahre 1911. Dies .war dadurch möglich, daß Herr Diamänd, der in einem Lemberger jüdischen Wahlkreis kandidierte, mit den jüdischen Llssimilanten eine Art GegenscitigkeitSoertrag schloß, wodurch er ihnen für Unterstützung seiner Kandidalur die Kahalherrschaft garantierte. Und so kam es, daß Herr Diamand, als das selbständige Polen einen Sejm wählte und die Vertreter Ostgar (stens — da eS unmöglich war, dort Wahlen vorzunehmen — ernannt wurden, als Deputierter ir« den polnischen Sejm einziehen und sich dort nicht jyir mit Finanzpolitik beschäftigen konnte, sonder^ auch in hoher Politik macht und sich bei jeder darbietenden Gelegenheit als Ministerkandidat .empfiehlt. Hie und da gebärdet er sich auch als jüdischer Politiker und scheint auch für das jüdischpolnische Versländigungsprogramm des verflossenen Vizeprrmiers Daszynski die Richtlinien angegeben zu haben. Daß diese Richtlinien keine geraden sind» ist selbstverständlich für den, der Herrn Diamanüs jüdische Politik kennt. Herrn Dtamand ist nun ir4 seiner politischer» Konzeption ein kleines Mißgeschick widerfahren. Die jüdische Affimilationspoli.ik, welche die Grundlage seiner Existenz als jüdischer Vertreter bildete (denn eine andere Grurrdlage ist bei Herrn Diamand, welcher sich vor mehreren Moi»aten nicht entblödete, vor der Uutcrsuchungslottllnij.'wn über die Pogrome die schlimmsten Derleuindungen gege,» die JtlLen vorzubri„ge,'« wie sie sonst nur von den polnischen HeHapofteln, älaLutoslawski ausgctischt werde»», sicher nicht vorl-anden), ist inzwischen in Galizien soroohl wie im übrigen Polen gänzlich zusrinmengebrochen. Nun aber tourinen Neu »vahle» in den Sejm und Herr Diamand möchte doch als gewählter Vertreter aus dem Lembecger Wahlkreis in den Sejm einziehen. Was tun? Herr Diamand weiß Rat. Er macht einfach eine kleine Schwenkung, und er, der. vor nicht langer Zeit noch glühciHe Kohlen auf das Haupt der jüdischen Klerikalen gestreut hat, sucht jetzt Anschluß bei — der jüdischen Orthodoxie. In einem Vortrag, den Herr Diamand in Len»berg kürzlich über das jüdische Problem in Polen hielt, sagte er: ,LLir dürfen uns nicht an die bereits bestehe»»d«n jüdischpolitischer'« Parteien halten. Lassen wir die Zionisten mit ihrem nationalen Programm beiseite und lassen wir auch die Prälentiouer, der Assimilailten, als besondere politische Partei auszütreten. Organisieren wir eine neue Partei aus denen, welche bisher nicht organisiert waren, aus den bisher' indifferente»'«. orthodoxen jüdischen Massen, welche die Mehrzahl miä den Kern der jüdischen Bevölkerung in Polen bilden." Daß Herr Diamand die Zionisten beiseiteschieben will, ist tveiter nicht verwunderlich. Aber wichtig ist, daß er mit dürren Worten die Assimilanten, von beiter* einige Dützen.) bei seinem Vortrag waren ur»d ihn beifällig beklatschten, einfach zu den Toten wirft. Da also die assimilatorische Politik in Polen, wie sich Herr Diamand metaphorisch ausdrückte, bankrott ist, so sucht det große Politiker beUtten einen anderen Unterschlupf. Er biedert sich der jüdischen Orthodoxie an, denn er glaubt, sie wisse nicht, er sei ein erklärter Feind der jüdischen Religion. Tradition und Schule. Es geht um ein Ma»»dat und da muß der Sozialist Diamand Rückhalt in der Masse haben. In der polnischen Arbeiterrnasse hätte er ihn sicher nicht; darum braucht er eilten jüdi- Dostojewski, wie ihn seine Tochter sieht.! Am 11. November 1621 fährt sich der Gedenkrag Dostojewskis zum hundertsten Male. Das Bild der Persönlichkeit des Dichters, welcher den größten Schöpfern nicht nur Rußlands, sondern der Welt überhaupt zuge-' zählt werden muß, ist bisher in Europa wenig bekannt. Es gibt außerhalb Rußlands noch heute nur eine umfassende Biographie Dostojewskis, die von BranoeS, welche etwa zehn Jahre nach des Dichters Tod erschienen ist. Sie hat manches Beachtenswerte über den Menschen Dostojewski gesagt, freilich ohne ein abgerundetes Bild zu bieten, und erörtert Dostojewskis Wesen und Werk mehr von der literarisch-künstlerischen Seite. Im übrigen mag das nicht allzu große Interesse Europas an der Person Dostojewskis (der übrigens hier auch als Dichter noch nicht „entdeckt" genug ist, so stark er auch vielfach auf die literarische Produktion der letzten zwanzig Jahre gewirkt hat) darauf zurückzüführen sein, daß dieser Meister der Schilderung feinster Seelen- Regungen in seinem Werke ganz im Schatten blieb. Und doch war er als Mensch eine der stärksten Persönlichkeiten Rußlands, in einem Sinne freilich, der für Europa, das Rllßland nur aus der Auslandsperspektive kennt, nicht völlig faßbar ist.! Diese Persönlichkeit des Dichters darzustellen, hat sich seine Tochter Aimee *), die jetzt in der Schweiz lebt, zur Aufgabe gestellt. In der jetzt in deutscher Uebertragung herausgekommenen Lebensbeschreibung ihres Vaters versucht die Tochter, Europa dem orthodoxen Panslawismus ihres Vaters näherzubringen. Sie tut *) Dnstvsewsk'., geschildert von seiner Tochter A. Dosto« jsewftr. 18L0. Verleat vor» ErnÜ Lleuchardt tn Münclrer». Wiener MörKtörzviLUrrg Zionist, Bezlrkssektfon Lnnrtstrasge. Mittwoch (Feiertag) den 2. Februar um halb 11 Uhr vormittags im grossen Vortragssa&le des Ingen» ur- und Architekten* Vereines, Wien, 1., Eschenbachgasse Nr. 9 t784 Palästina-Vortrag no.it Lichtbildern- Referent: Dr. Georg Weiner. Eintritt?karl n sind bei d n einzelnen Ausschussmitgliedern und an der Rasse des Cafö Uungaria, Ul., RadeUkyplatz, erhältlich. schm Rückhalt intb bo sind ihm, da tv weiß, daß heut» ein Pakt mit den Assimilanten keinen Erfolg versprochen« würde, die „klerikalen Finsterlinge", wie « sie oft nannte, gut genug. In seinem Bortrag wieS er mit rührenden Dorten daraus hin, wie arg die Leiden gerade der orthodoxen Juden in der letzten Z.'it in Polen waren. Diese Rührung glaubt Herrn Diamand k.in Mensch, kein Mer,sch Hmmt ihn alS Freund ui»d Schätzer der Rabbinen, der jüoischen Tradicko», us»v. ernst. Aber es handelt sich Herrn Diainand darum, ein Gegengewicht gegen den jüdischen Nationalismus unter den Juden Polens zu finden, damtt er mp seinesgleichen ' nicht htnweggesegt werden. Nun sch«i,»t aber Herrn« Diamands Methode auch gewissen polnischen Regteruugskrcisen einzuleuchten, denn seit einigen Mosten hört man, auch von verantlvort'.tcher Stecke -niS. das Lob der jüdischen Orthodoxie in «Ulen Tonarten singen. Die DiamaiHS und Koitsorien schei»»en der Regierung einreden zu wollen, es »väre möglich, auf diesem Wege eitten Keil in di« polnische Judenhcit zu treiben und so die unbequemen Nationaljuden mit ihrer« klare« Forderungen nach jüois.chen Rechten loszuwerder. Es wird wohl nicht so weit kommen, daß die politische Schwäche der jüdischen Orthodoxie den Plan der Diamands uub Genessen, für welchen sie nicht nur frömmeln,de Asfimilanten zur Mithi.se dingen, sondern auch »>rch altetn, bewährtem Muster Orgaite des Staates als Hilsstruppen gegewiilnen »»»ollen, gelingen läßt. Damit wäre der jüdischen« Sack)« in P.len schwerer, nie wieder gutzumachender Schaden zugesügt. Die jüdische Masse uird die politisch noch durchaus »»icht festen Parteien seien vor Diarnand gewarnt, der gut weiß, warum er plötzlich sein Herz für sie etttdeckt hat. Das karpatho-russtsche Parlament. ' Aus Prag wird uns ber'chlet: Nach ener Meldung aus U n g v a r begibt sich in den nächsten Tagen eine kapatho-russische Kommission nach Prag, um die Verhandlungen wogen des in Ungvar zu err'chlenden karpatho-russischen Landtages zu beginnen. Nach den vorliegenden Plänen handelt es sich um den Bau eines Monuutenla'g.'büu^es, ist rvelchem nicht nur der Landtag. sondern auch die übrigen Zivilbehörden untergebracht lverden sollen, da die Ansicht der karpathorussischen Politiker dahingeht, durch diesen Monumentalbau ein nationales R.präientan.enhaus zu erlangen. Der Senat in Palen« KvaVau. 29. Jänner. (Privat.) Wie gemellet, hat der Warschauer Sejm gest r:i die V r.'aze über die Errichtung einer zweiten Kam »ner zum Beschluß erhoben. Die Sitzung war sehr stürmisch. Die Annahme der Vorlage erfolgte mit elf Stimmen Mehrheit. es nicht mit der überzeugendsten Methode, da sie die Rassentheorie zu Hilfe nimmt. Dostojewski war väterlicherseits litauischer Äbstammuug. Tie Familie gehört dem erblichen Adel an. Ter Urgroßvater Dostojewskis wanderte jedoch auS der litauischen Provinz Minsk nach der Ukraine aus. von wo Dostojewskis Vater Michail nach Moskau ging, um dort Medizin zu studieren und dann Stabsarzt im Heere zu werden. Seiner Ehe mit einem Moskauer Fräulein, Maria Netschajewa. entsprossen vier Söhne und drei Töchter. Aimee Dostojewski will die außerordentlich künstlerische Begabung ihres Vaters und seine kulturellen und kulturell-pauslawistischen Ansck)auungen aus normannisch-litauisch-ukrainisch-grotzj russischer Rassenmischung erklären. Diese ihre Hypothesen überzeugen niemand; aber jenseits dieser wohlmeinenden, etwas begrenzten Versuche bringt ihre Biographie des Vaters manches Wertvolle zum Verständnis des genialen Dichters unü Menschen. Nicht unwichtig ist, daß Destojewski vom Vater her in gewissem Sinne erblich belastet war. Der Vater war schwerer Alkoholiker, überdies von geradezu pathologischem Geiz, auch sonst Psychisch nicht normal (er wurde übrigens von. seinen Bauern erschlagen und dieser gewaltsame Tod des Vaters war für Fjodor Dostojewski sein Leben lang ein schwerer Schatten). Aus dieser erbi lichen Belastung ist Dostojewskis Epilepsie zu erklären, seine krankhafte Leidenschaft' für. Einkäufe, für daS Spiel und wohl auch vieles von dem eigenartig intoleranten Mystizismus, dem er sich in seinen späteren Lebensjahren in Religion und Politik ergab. Gerade aus dieses Gebiet vermag die Tochter ihrem Vater nicht zu folgen und seine panrusjisch-panasiatischen Welterlösnngsideen wie sie sich in den letzten Teilen i von Dostojewskis „Tagebuch eines Schriftstellers" und! in seiner Rede bei der Pnschkin°Feier im Jahre 1880 t kunLgeben. werden von der Tochter nur in einem ver- 30. Jänner 192! Rr. . —> . r - f_— Telegramme. Präsident Masaryk an Grippe erkrankt Prag, 29. Jänner. (Tschecho-siowakischeS Preß, bureou.) Präsident M a s a r y 5 ist an Grippe erkrankt. Trotz seiner Bettlägerigkeit erledigt der Präsident du hauptsächlichsten Staatsangelegenherten. Ueber ärztlichen Rat ml,ß er sich für längere Zeit nach dem Sude« begeben, wahrscheinlich nach Capri, doch könnte je nödj den ärztlichen Gutachten auch ein anderer Ort in Frage kommen. Der Zustand des Präsidenten ist im ganzen zufriedenstellend. Die Aerzte führen die Kräfteabnahme darauf zurück, daß er sich seit Beginn -es Krieges kein« Ruhepause gegönnt hat. Der Teschener Abgrenzungsvertrag. Prag» 89. Jänner. (Tschechv-flow. Preßbur.) Das Abgeordnetenhaus hat gestern nach Genehmigung deS Sengtsbeschlufses, durch welchen der am 10. August 1920 in Sebres. unterzeichrrete AbgrenzungSvertrag gebilligt wird, folgende Resolution des Ausschusses bei Aeußern angenommen: Indem sich die Nationalversammlung der Rechte bewußt ifl» die der tschecho-storvaktsche Staat feit Jahrhunderten auf dem Boden des Teschener Gebietes sowie des GebietoL von Zips und Arva besitzt, erllärt sie ihre Abstimmung für den tn Sevres am 10. August 1920 abgeschlossene-n Grenzvertrag nur alS die Kundgebung ihres festen WillewS, alle» Notwendige beizutragen, damit der WeltfriÄ« gesichert und insbesondere Friede« unb Ruhe in Mitteleuropa gesichert werden. Die Nuswander«ngsgrsellschasten i« der Tschechv-Slowakei. Prag, 29. Jänner. (Tel.-Kamp.) SBie die „Tribuna" erfährt, wird die Regierung dem Parlament dem»lächst den Entrvurs eines AuswanderergL'setzes unterbreiten, durch das dem Treiben der Auswandcrung'üesellschaften Einhalt getan rverde» soll. Demissisnsabsichten Petljuras. Lemberg» 29. Jänner. (Tef.-Komp.) Der Lembe.grr „Utramskij Wjestnik" meldet aus Tarnow: Oberataumn Petljura hat an den ukrainiichrn Ministerrat ein Schreiben gerichtet, in dem er mitteilt, daß er seine Würde als Obmann des ukrainischen Direktoriums und als Höchsttvnunandicrender der ukrainischen Strcitkräste niederlegen werde. Der Ministerrar hat jedoch erklärt, daß er nicht kompetent sei,, dies« Demission zur Kenntnis zu nehmen. „ Krakau, 29. Jänner. (Privat.) Ueber das misstonsangebot Petljuras wird die am Montag zü>- sammentretende Rada beraten. Wie bestimmt verlautet, hat England auf Grund der vorliegenden Berich.e über die Greurltaten der Petljura-Banden den Rücktritt Petljuras gefordert. Vor neuen Iudenauswei?ungen Ln Ungarn. Budapest. 29. Jänner. (Tel.-Komp.) Der Minister des Innern Ferdinandi erklärte einem Journalisten, daß sich daS Ministerium gegenwärtig wieder mit der energischen Artsweisung der Galizianer beschäftige nnd sämtlick)e Polizeibezirkshauptmannschaften angewiesen habe, die Konskribierung der unbeanetnen Fremden mit größter Strenge zu Ende zu führen. —- WaS wird Polnai tun? klärenden Licht gesehen und ihre Darstellung dieser Ideen deS Vaters trägt ettvas vom Heilighalten unbegriffencn Erbes an sich, das in Religionen die Kulthandlung znm Kultdogma Macht. So etwa, wenn sie von der Zukunft der Slawen schreibt: „Je mehr die ungeschickten Europäer die Slawen ärgern werden, je mehr sie sich in ihre privaten Angelegenheiten mischen..., umso schneller werden die Slawen damit beginnen, an ihrer brüderlichen Vereinigung zu arbeiten." Dieses Verklärende in der Lebensbeschreibung, die die Tochter Dostojewskis von ihrem Vater gibt, w'ci'd dort menschlich sympathisch, wo sie von Dostojewskis harter Jugend spricht, die ihm der Geiz seines Vaters bereitete, von der Ingenieurschule, in der ihn Studium nnd Kameraden abstießen, und von seinen schüchternen Anfängen als Schriftsteller und in der Gesellschaft. Ueber die anarchistische Petraschewski-Verschwörung, an der derselbe Dostojewski teilnahm, welcher später das Mysterium der Monarchie predigte, weiß Aimee Dostojewski wenig zu sagen. Das seelische Erlebnis des zum Tode Verurteilten. der im letzten Augenblick begnadigt wird, hat Dostojewski selbst im „Idiot" mit unvergleichlicher Bildhaftigkeit geschildert. Nichtig empfindet die Tochter, j daß Zuchthaus und zehn Jahre Sibirien den Vater, der i in seinen ersten Nomanen, „Die armen Leute". „Der , Doppelgänger" und anderen, noch stark unter dem au§ Frankreich bezogenen Einfluß Gogols stand, zn dem gemacht haben, was er der Menschheit ist: zum Dichter der „Menroiren aus einem Totenhaus", von „Schuld nnd Sühne" und der „Brüder Karamasow". seines letzten Werkes. Dieses Erfassen der feinsten SeelenschwingnngL'.r der Menschen war nur dem möglich, der sie nicht blog kannte und studierte, sondern die Fähigkeit hatte, uidjt nur mit ihnen, sondern ftc zu lelnm. Dostojewski f;aitc diese Fähigkeit seines Fürsten Myschin im „Idiot".