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Wiener Morgenzeitung · 1921-01-30 · Heft 723 (30.1.1921) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
3 (1921)
Issue
Heft 723 (30.1.1921)
Date
1921-01-30
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr 723 Wien. Sonntag Wiener Morgenzettirnq SO. Jänner im «rette ar Polttische^undschau. Ein amerikanisches Komitee zum Schutze der Minderheitsrrchte. Aus New-Nork wird uns gemeldet, baß ein aus den hervorragendsten Vertretern der amerikanischpolitischen Gelehrtenwelt sowie unter Teilnahme der Führer der einzelnen Konfessionen sich ein Könnt.-« gebildet hat, welches für die durch die Friedensverträge .gesicherten Rechte der religiösen u .d national.'« Minderheiten eine nachdrückliche Kampagne zu führen entschlossen ist/ In dem Ausrufe des Komitees wird zunächst fcstgcstellt, daß der Krieg die Rassenfeindschaften aus höchste angefeuert hat und daß diese Feindseligkeit der Rassen gegeneinander auch nach dem Kriegs nicht zur Ruhe kommen Willi Selbst in England und Amerika, wo bisher religiöser und Rassenhaß unbekannte Begriffe waren, seien , geheime und offene'Kräfte am Werke, gerade die religiösen und nationalen Minderheiten zu unterdrücken und zu, verfolgen..Daß es. sich hiebei, ganz besonders bei der Propaganda gegen das Judentum, um eine weitverzlre'geOrganifa'ion handelt, gehe schon aus der Großzügigkeit der Verfolgungs¬ und Bedrückungsaktion hervor, welche finanziell nicht von einer Person oder von einem kleinen Kreise, gestützt und erhalten werden könnte. Aber gerade bi' je Tatsache und ganz besonders der Umstand, daß, wie erwähnt, England und Amerika in der letzten Zeit der Schauplatz einer systematischen, raffinierten und, rücksichtslosen Judenhetze geworden ist. müsse m denken geben And jeden gutgesinnte» Menschen, welcher Nation.und welcher Religion er immer angeh ören mag, geradezu, verpflichten, dieser Unierwühlung der menschlichen Kultur und des menschlichen Fortschrittes mit allen zu Gebote stehenden geistigen und materialen Mitteln entgegenzuarbeiten. Der Aufruf zählt dann alle die unbegründeten Vorwürfe gegen die Juden auf, die schließlich darin kulminieren, daß, je nach Bedarf, das Judentum hier für den Bolschewism us, dort für die Revolution. an anderen Orten für die Serie der Streiks und wieder anderswo für den anwachsenden Militarismus vcrantwo'tlich gemacht wird. Die Judenfeinde nehmen zu den unerlaubtesten Mitteln Zuflucht, um in der ganzen Welt eine jüdenfemdliche Stimmung hervor-uruferi. Ein ganzes Heer von Z i'u"gen,Z"illchr'st'ri wird in Be'egung g-setz"und selbst diejenigen, welche berufen stien, G setze zu machen und den Gesehen Geltung zu verschaffen, werden so lange bearbeitet, bis sie den Wünschen der geistigen Urheber dieser verwerflichen Kampagne unterliegen. „Wir fassen es sicherlich nicht außeracht,— h?ißt,es, unter anderem in dem Aufruf — das; bei der Beurteilung gewisser Erscheinungen politische, wirtschaftliche und selbst Rassenmomente nicht selten in Betracht zu ziehen sind. Aber wir müssen ebenso zugeben, daß die angeblichen Staatsante'essen ste^s als Vorwand Her- Halten mußten, wenn öffentliche Beamte eine religiöse Minderheit verfolgen wollten. Wenn ferner zur Entschuldigung ange'ü^rt wird, daß diese Verfolgungen nur aus wirtschaftlichen und weniger aus nattonalen Gründen erfolgen, warum werden dann die Verfolgungen auch auf Frauen und Kinder sowie auf die Unmasse von Männern ausgedehnt, welche mit Geschäften niemals zu tun hatten? Und warum werben die Verfolgungsmaßnahmen nicht auch auf Leute anderen Glaubens angewenhet, von welchen e§ Obermann bekannt ist, daß sie gerade jene finanziellen und anderen Geschäfte betreiben, gegen welche dies.» Maßnahmen angeblich gerichtet sind? Trägt jedoch die Verfolgung mehr nationalen als religiösen Charakter, so ist sie nichtsdestoweniger verwerflich und verabscheue,gswürdig." Der Aufruf schoßt mittet reichen Einladung an alle Amerikaner, denen die Zukunft der Menschheit am Herzen liegt, das Komitee in feinem Kampfe gegen religiösen und Rassenhaß zu unterstützen. vir Lage In Palästina. Besuch Prof. Marburgs. — Die Rsrd- und Ostgreuze Palästinas. — Unter» brechung der Bahnverbindung Aegyptens mit Erez Israel. — Das landmirtfchastliche Museum in Jerusalem. Dot unserem Spezialkorreipsndrnterr. TV J R. I e r n i <» t e m. Miv- Seit Mitte Dezember weilt in unserem Lande Professor Otto Marburg ciu8 Berlin, der Gründer und Befürworter der zahlreichen Arbeitergenossenschaften (Kewnzoth) nnd Modellfarmen in Galiläa. Er besuchte ganz Erez Israel in Begleitung der zwei Leiter de? landwirtschaftlichen Amtes. Dr. Ru pprn und Agronom Oettinger. We Professor Marburg einem Mitarbeiter der hebräischen Tageszeitung „Haarez" erklärte, sei er hergekommen, um ans eigener Anschauung Pas Land, das er seit 1900 nicht gesehen hatte, und die kolonisatorische Tätigkeit seiner Lieblingskinder, der Kewuzoth, kennen zu lernen. Er drückte sich über das ganze Werk sehr lobend aus. Er selbst werde sich 'ielleicht noch im Laufe dieses Jahres entschließen. Palästinenser zu werden, um so besser am Aufbau der Landwirtschaft Mitwirken zu können. Wir hatten in der letzten Zeit zwei, das Land sehr hart treffende politische, beziehungsweise ökonomische Ereignisse zu verzeichnen, die auch in der ausländischen Presse, eifrig diskutiert wurden. Es sind dies die endgültige Festsetznng der Nord- und Ost grenze Palästinas ' und die Unterbrechung der Bahn- Verbindung mit Aegypten. Bezüglich des Abkommens zwischen der britischen und der französischen Negierung, wodurch. Palästina verstümmelt und . zum Vorteile Syriens verkleinert wurde, muß gesagt werden, daß hiebei die Interessen unseres Landes durch die Ansprüche der Franzosen geschmälert wurden. Wohl bat man uns im Norden einen Landstreifen von etwa 50 Kilometer Breite zugesprochen und im Osten etwa 20 Kilometer über die ursprünglich , vom französischen Oberkommandierenden vorgeschlagene Grenzlinie eingeräumt und uns die nördlichste hebräische Kolonie Metula noch als Insel mitten im französischen Einflnßgebiet gelassen; aber im großen ganzen bedeutet dieses Zuschneiden einen Schlag für unsere gesamte Gegenwarts- und Zukunstsarbeit. Die nördlichen Wasserkräfte (Litani nnd andere reißende Gebirgsflülse), die als Verkehrsadern, namentlich aber als Energiequellen von großer Bedeutung für das jüdische Land gewesen waren, verbleiben jetzt bei Syrien oder der sogenannten Libanon-Provinz. Ebenso wurden die östlichen Gebiete G o l a n, B a s ch a n, Aa n r a n usw., weltberühmte Getrcidegegenden, von Palästina abgerissen und dem Libanon Mgeteilt. ' Die Ostgrenze wird durch den I o r d a n gebildet und rtzcm teilte, sogar den Jam Kineretb (Genezareth-See) in zwei Teile, indem die Osthälfte Libanon-, die westliche Seite palästinensisches Gebiet sein wird, wodurch Fischerei und Schifffahrt auf diesem See stark beeinträchtigt werden. Tie neue nördliche palästinensische Grenze wird durch eine Linie markiert, die oberhalb des Hafens Akka quer zum Jordan in der Mitte zwischen dem G e n e z a r e t h- und dem Meromsee verläuft. Die südliche Grenze ist eine natürliche, indem sie bitrcf) die Sinaiwüste bestimmt wird. Im O st e n begrenzen der Jordan und das Tote Meer unser verstümmeltes Erez Israel. Die hier erscheinende englische Zeitung ..Palestine" versucht ilns zwar zu trösten, indem sie meint, es werde gelingen, von Frankreich die zu Palästina gehörigen Gebiete durch eine Kompensation, etwa im Nordwesten Afrikas (Gambia) „auszulösen", um so den Landhunger dieser Macht zu stillen; doch ist dies vorderhand ein schwacher Trost. Ein Zweites haben wir der englischen Negst"'ung selbst zu verdanken. Es ist dies die Abfckmeidung Palästinas von Aegypten durch das Aufheben der Eisenbahnbrücke über den Suezkanul. Die Bahn Alexandrien—Ludd durch die Wüste Sinai wurÄt im' Jahre 1918 von der britischen Okkupationsbehörde zu militärischen Zwecken erbaut und 1919 in den Zivil- und Handelsdienst gestellt Sie beförderte Güter und Personen viel rascher als die Schiffe tmb war geradezu unentbehrlich in den Wintermonaten, wenn die starken Stürme die Seefahrt nach Jaffa nicht gestatteten. Nur so konnte das ökonomische Leben Palästinas und besonders die Einfuhr von Lebensmitteln und Jndustrreerzeugnissen sowie die Ausfuhr von Landesprodnkten einen raschen Aufschwung nehmen. Jetzt verlangte die Schiffahrtsgesellschaft die Abschaffung der Brücke bei Kantara, die angeblich der Schiffahrt hinderlich sein soll, obwohl es eine fliegende Brücke ist, dis nur vor der Pafsierung der Zuges herabgelassen wird. Die englische Regierung gab ohne viel Widerstand nach, und so wurde unser Land von seinem Nachbar, dem reichsten Lande des Orients, wenn nicht der Welt, abgeschnitten. Als Folge davon wird natürlich die Teuerungbedenklich st eigen und die schwere ökonomische Krisis, die bei uns seit einem- Jahre herrscht, nur noch verschärfen. Der französische Ingenieur, der diese Brücke erbaut batte, zieht wohl jetzt den Ausbau eines Tunnels unter dem Suezkanal zur Wiederherstellung der Bahnverbindung in Erwägung, doch ist dieser Plan eine Sache von einigen Jahren. (Nach den neuesten Meldungen aus Palästina sollen die Folgen. ' dieser im Kontrakt mit der Gesellschaft .vorbergesehenerr, Maßnahmen nicht so empfindlich sein« Die Red.) . •: In Jerusalem besieht seit kurzem eine vom Waal»/ Hazirim (Zionistisches Komitee) unterhaltene Sehens- Würdigkeit in der Gestalt eines landwirtschaftlichen Museums. Es ist dies eine Sammlung dev im Lande wachsenden Kulturpflanzen und sonstigen Gewächse (schädliche, parasitäre, wildwachsende Pflanzen), in' einer Anzahl von über 3600 Arten — ein Reichtum übrigens, den kein europäisches Land aufweisen kann. Alle ansgestellten Exemplare, und das sind verschiedene Obstarten: Orangen, Zitronen, Feigen, Mandeln,. Pfirsiche, Datteln usw., ferner Bäume: Zed-rn, Zypressen, Eukalyvtnsarten usw., tragen hebräische. Namen (was, nebenbei bemerkt, uns zeigt, daß die hebräische Sprache, mit Zuhilfenahme der nachbiblischen und' mischncütischen Literatm, eine ebenso reiche sachliche ' Nomenklatur besitzt wie irgendeine europäische Sprache)' und darunter auch die lateinischen Speziestmjt, Familiennamen. Wo Eremplare in natura nicht aufgebracht werden konnten, sind sie durch naturgetreue, vollendete künstlerische Farbenzeichnungen eines Bezalel- Absolventen ersetzt, die bei allen Besuchern Bewunderung auslösten. Anschließend daran kommt eine zoologische Sammlung, die uns sämtliche Vögel (einige hundert Arten) sowie die meisten Reptilien und einige/ Fischarten des Landes vor Augen führt. Es ist dott auch ' der Anfang einer mineralogisch-geologischen Sammlung vorhanden, die durch Ausgrabungen Pro-, fesior S l o u s ch' noch bereichert werden soll. j Diese einzigartige Ausstellung, die uns wie em Stück eines W'ener oder Pariser Mnseums anmnter, hat nicht nur einen erzieherischen Zweck, indem sie Material zum Sst'dnim der Landesfauna und -Flora den - Lehrern und Schillern der hiesigen 50 hebräischen. Mittelnnd Volksschulen bietet, sondern sie hat auch.. einen nicht zu unterschätzenden nationalen Wert, indem ' sie der Bevölkerung nnd den zahlreichen Ausländern den.' Naturreichtum und.die Schönheit unseres Erez Israel zeigt, so wie sie uns auf die dazu verwendete Energie imb Fachkenntnis, eine derartige Ausstellung nach wissen», schaftlichen Prinzipien und auf hebräischer Grundlage einzurichten, stolz sein läßt. Unter den Unterschriften des Aufrufes befinden sich Namen, wie William I. Bryan. Charles W. Elli ot, William Howard Taft. Kardinal Gibbons, Reverend Lauritz-Larsen. R.b rt Lansing. von bekannten Juden: Elkus, Louis Marshall, Henry Morgenthau, Oskar Straus, Stephen Wise u. a. nt. „Laut die Reformierten l" Die Debrecziner reformierte Zentrslkirche geschändet Der Kampf des Weißen Terrors gegen alles, was nicht katholisch ist, nimmt in Ungarn immer mehr revolutionäre Formen an. Wie unS aus Budapest berichtet wird, herrscht seit einigen Tagen in D e b r e c z i n. der Hochburg des ungarischen Protestantismus, in der Stadt, welche im Volksmund „das kalvinifche Rom" genannt wird, die höchste Empörung über einen Rohcitsatt der Weißterroristen, der sich in der großen Zrntralkirche von Debveczin ausgetobt hat. Der reformierte Kirchenverein von Debreczin wollte vor kurzem einen „fröhlichen Nachmittag" zur Stärkung des Kirchenfonds veranstalten, die Veranstaltung wurde jedoch von der Behörde untersagt. In der darauffolgenden Nacht drangen weißterroristische Offiziere in die Kirche eist. Nachdem sie mehrere Fensterscheiben eingcdrückt hatten, verunreinigten sie den Altar, die Kanzel und die BeLpijfc der Führer des Debrecziner Protestantismus. ttcfcet* dies schrieben die Rohlinge an die Wände verschiedene Schmäbrnfe g-eaen die protcstant'sche Kirche, die mit dem Rufe schlossen: „Haut die Reform'erten!" Die Debrecziner Bevölkerung ist über diesen Akt in förmlichem Aufruhr. Sie hat eine ständige Millz zur Bewachung der Kirchen organisiert, Die Un-crsuchung hat bisher »och nicht zur Verhaftung der Schuldigen geführt. Bischof Balthasar, der s'ch bekanntlich um die Bildung einer liberalen politischen Partei bemüht, ist von Debreczin abwesend. Es w'rd beba"ptet, daß er Debreczin verließ, weil er sich s'ines Lebens nickt sicher fühlte, nachdem ihm bekannt geworden war, daß ihn ein Ofsiziersdetachement v'r-olgt. Die Untersuchungskommiss'on mußte stststellen, daß die Sckr'ist, mit welcher die Wände in der Kirche beschrieben wurden, dieselbe ist wie die'enige. welche seit längerer Zeit nächtlicherweile die H'user von Debreczin mtt der Ansforderung „Erschlagt die st.Juden!" be» schmiert. Der Debrccz'ner K'rckenrat beschloß, di? in schamlosester, ekelerregender Weise vcrunre'nille Kirche insolange n'chtzu benü"en, bi? sie von neuem ein^eweiht wird. Die Protesta tt'n sind zu de» äußersten Mitteln entschlossen, um den von ^en „Erwachenden Ungarn" und der von ihnen geführten P-lstei hcr'ior'eruch'nen Kulturkampf durch stramm" Srli'-ar'tat zn 'i\ en. Man befürchtet, daß es in Debreczin noch zu großem Blutvergießen kommen wird» Da die Regierung und die.Poli-.ei keine Neigungzeigen, die Nebeltäter dingfest zu machen, hat. der De--, brecziner Kirchen rat auch die Recherchen nach? den Tätern und ihren Auftraggebern selbst in die. Hand genommen. Es ist ein Betrag von 125.000 Kron-nr, als Ergreiferprämie ausgesetzt worden, zu welchem diq, protestantische Bürgerschaft 100.000, ein Bürger der. - Stadt Debreczin 3000 Kronen, die beiden jüdischen Kultu?gemeinden. die neologe und d-e orthodoxe, 12.000 Kronen und die Stadt Debreczin 10.000 Kronen-beigetragen haben. Während in Debreczin alles drunter und drüber geht, wird in B u d a p e st den Blättern * untersag t, Einzelheiten über die Vorgang-- in diesem Zentrum des ungarischen Protestantismus mitzuteilen. Nur eine Ausnahme w-rrde gemacht, und zwar ließ die Zensur einen Leitartikel des Organs der Christlichnationalen „11 i Nemze d e (" paif e en, in wrlchrm der Jesuitenpater Bangha wohl gle'chfalls die schmählichen Deta'ls verschire'gt, hingegen auch dies.m Anlaß w.ahrnimmt, ge^en die Juden zu Hetzen. Pater B-urgha erklärt, daß die Gemeinheiten in Debveczin von Jude« verübt worden seien, um zwischen den Protestanten uüd Katholiken Zwietracht zu säen und dann selbst im: Trüben fischen zn können. Die Führer des ungar* ländischen Protestantismus wiesen jedoch sofort dicssn. Versuch einer Ablenkung b:.t Behörden von den „Ertvachenden Ungarn"., von denen, wie hcntc jeder str

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