Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1921-01-23 · Heft 716 (23.1.1921) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
3 (1921)
Issue
Heft 716 (23.1.1921)
Date
1921-01-23
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2979076-2979773-2979795--06462-2992417
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 2 Wien, vonmag Gegen das jüdische Palästina. s Die „Ak'ich?post" meldet: Eine diplomatische Persönlichkeit. die dieser Tage au) Rom in London cingetr. ff'n ckst. äußerte sich dem Korrespondenten des Washingtoner „National Catholic Wolsare Eourwil" über die Lage im Heiligen Lande: Der päpstliche UnterstaatSsekrctär Erzbischof Ceretti habe ihm, dem Diplomaten, gsgenüber geäußert, er fühle sich jetzt bezüglich der Lage in Palästina wesentlich beruhigter und wenn auch nicht olle Gefahr vorüber sei, so werde heute doch dk Frage besser verstanden als vor sechs Monaten. Die Zionisten hatten auf die Erklärung Äalfours in bezug auf Palästina große Hoffnungen gesetzt. Sie sahen darin eine Bürgschaft für die Du chfetzung ihrer politisch n Pläne bezüglich Palästinas. Doch es ist bereits zur Kenntnis gebracht worden, daß die bevorstehende Interpretation» die England an Stelle jener Erklärung setzen^ will, wett davon entfernt sein soll, den Zionisten jene polt ischs Herrschaft zu-ugrstehen, auf die sie hoffen. Tsif'ichlich ist das europäische Judentum über die Entwicklung verstimmt? Dr. Max Nordau spricht diese Enttäuschung offen aus/Er und seine Gesinnungsgenossen lamentieren über die Antisemiten, die jede Anstrengung macht.'», die Valsoursche Erklärung immer mehr abzubröckeln. Dem ist gegcuüberzuhalten. daß die hervorragenden Kirchensürsten, die Kardinale Bourne, Dubois und Giustini innerhalb der letzten drei Jahre in längeren Reisen Palästina besuchen und aus 'dem Stadium der tatsächlichen Verhäit.iisfe sich überzeugten, wie sehr die katholischen Interessen durch die zionistischen Aspirationen berührt seien. Alle drei Kardinale. von verschiedenen nationalen Standpunkten ausgehend, kamen zu dem Schlüsse, daß die Pläne der politischen Zionisten den Keim einer Bedrohung für die Christenheitin Palästina enthalten. Kardinal Bourne zeigte nach seiner Reise vor dem Liverpooler Katholikentag deutlich, wie nach seinen eigenen Eindrücken und den Urteilen anderer, auch britischer Beauiter in Palästina, baß der Zionismus sich als Wächter des Heiligen La ides aufwerfen wolle. wenn nicht als die iat,ächliche Gewalt, was schließlich dieser Organisation die Kontrolle über das Land, sowohl, wirtschaftlich als polit'sch, geben würde. — Dr. Nordau glaut nun noch zioei Auskunftsmittel für den Zionismus zu besitzen, die Ueberschwemmuug Palästinas mit jüdischen Einwanderern und den Appell an den Völkerbund. Das erste, sagt der Diplomat, widerspricht absolut, den Versprechen des britischen High Eommisiioncr in Palästina, nur eine solche Zuwanderung z uz »lassen, die aufgefaugt toerden kynne, und der Appell an den Völkerbund ist uns ganz willkommen, da der Völkerbund bereits eine Spezialkommifsion zur Beurteilung der religiösen Fragen in Palästina eingesetzt hat, von der die, unveräußerlichen Rechte der christlichen Kirchen werden geacht.t U'erdin Müssen. „Die Angelegenheit", schließt die Erklärun°g. „ist jedoch noch nicht ganz erledigt. Die Zionisten besitzen Macht, sie haben eine Organisation, die fast so stark ist wie die staatliche Organisation Englands, und sie haben hinter sich die Mächte der internationalen Hochfinanz." Zn dieser Aenßernng ist zu bemerken, daß hier von seiten der katholischen Persönlichkeiten an der o'ten mißverständlichen Auffassung festgehalten wird, daß sich eine jüdische Siedlung in Palästina gegen die Christen' heit kehren würde. Dieser Auffassung ist der Zion'.s^ mus schon so oft in Erklärungen entgegengetreten, laß man jetzt bereits von einem absichtlichen Mißverstehen sprechen kann. Gerade der als Kronzeuge angerufene Dr. Max Nordau hat auf dem dritten Ziouistrnkongreß in Basel öffentlich und offiziell erklärt. v.itz die zionistische Organisation, die Exterritorialität der ken anderen Religionen heiligen Stätten anslrebe und sie achten werde. Er hat auch damals darauf hingewiescn, daß die christlick)en Kirchen in Jerusalem unter dem Schutze des türkischen Militärs stehen. Es liegt kein Grund vor. der gegen die Anwesenheit europäi'chek Truppen sprechen würde. Ter Zionismus ist eine , politische Bewegung, die der Judennot mit politischen Mitteln steuern will. Er nimmt das -jeder - Nation zustehende Recht auf freie Entlvicklung nach eigenen Gesetzen auf eigenem Territorium für die jüdische Nation in Anspruch und will die jüdisck)S Geschichte in ihrem Stammland fortsetzen. wo sie vor zweitausend Jahren, nicht durch Schuld des Judentums, abgebrochen wurde. Vor dem Entstehen des politischen Zionismus am Ausgang des neunzehnten Jahrhunderts hat es einen religiösen Zionismus gegeben, der aber über die primitiven Anfänge einer Kolonisation in Palästina nicht hinauskommen konnte. Erstdie Erkenntnis, daß das jüdische Problem ein weltpolitisches fei, an dessen Lösung daS ganze Juden« tum Mitarbeiten müsse, gab der Bewegung die auf das Volk in seiner Gesamtheit sich stützende Organisation. Die Widerstände gegen die Ziele des Zionismus lagen einerseits in der eigenen Nation, die den trostlosen Irrweg in die AssimNation bis zum Ende gehen mugte, ehe sie sich zur Annahme eines positiven Programms entschloß, zum anderen Teil aber, bis zum Weltkrieg, in der turko-arabischen Politik, die jede auf modernen Prinzipien fußende Kolonisation Palästinas wegen des zu befürchtenden Einfiusses auf das in Dre'wiertrlsklaverei niedergehaltene Fellachentnm ablehnte. Die dielen und bedauerlichen, sogar blutigen Konflikte zwischen Juden und Arabern sind eben, wenn man von Heu Raubzügen der Beüuinenbarrden abjieht, nicht aus Wiener v/torgenzrrunq einem Nassen-f aber NeligionSgegensatz. sondern «rrrS den Treibereien der arabischen Großgrundbesitzer entstanden. unter denen viele — und hier kommen wir auf den springenden Punkt — das Christentum angenommen haben. Diese allein sind das, was man der europäischen Oefsentlichkeit als Interesse der Christenheit vorführt, die als solche, wenn sie ihre Grundsätze von Liebe und Menschenfreundlichkeit selbst ernst nimmt, nicht das geringste gegen die Ausschließung des Orients durch das europäisch geschickte Judentum einwenden kaum Alle Garantien., die für religiöse oder historisckie Empfindlichkeiten gefordert werden, können wir Inden mit gutem Gewissen geben and halten. Wir stnd kein Volk, für das ein Vertrag nur ein Fetzen Papier ist, < und wir haben in einer zweitausendjährigen Geschichte genug Erfahrung gesammelt, um wissen zu können, wie tief Gewissenszwang verwundet und wie es einer Minorität ums .Herz ist, die ihre nationalkulturellen oder religiösen Empfindungen unausgesetzt verletzt steht. Wir kennen aber auch die Geschichte anderer Völker und Staaten zur Genüge, um das Unheil aus Unterdrückung von Nassen und Religionen zu erkennen und auf unserem eigenen Gebiet zu vermeiden. Wik besitzen in Palästina nicht, noch nicht, die Bevölkerungsmajorität. Aber wir werden sie erreichen. Das ist unser fester Entschluß, von dem unS gar nichts abbringen kann. Was kann es die katholische Kirche, die wahrlich Macht genug besitzt, kümmern, wenn Palest':»a von der jüdischen Natron besetzt wird? Ihre Autorität hat sie in den nichtkatliolisck-en Staaten, wie Rußland, Rumänien. Serbien, Japan, jederzeit gewahrt. Mit den Arabern, die über ein ungeheure- Terrrt. 'um verfügen, werden wir unS auf der Basis der nationalen u.»d kulturellen Autonomie sehr rasch einigen können, wenn auf ihrer Seite hiezu der gleiche gute Wille wie bei uns besteht. Die Verhältnisse in Europa, wo das Judentum unter Pogromen verblutet oder unter der. sittlichen Fäulnis der Nachkriegszeit zu verkomnien droht, zwingen «ns mit Naturnotwendigkeit. politische Konzentration fern von den Herden des Massentodes Zu suchen. Welches katholische Interesse tangieren wir damit? Wir wollen nicht annehinen. daß es ein katholifches Interesse gibt, das die Vernichtung des Judentums anstrebt und ihm alle Wege zur Rettung, auch den letzten in seine palästinensische Heimat, versperren will. Wir wollen dies nicht glauben, obwohl wir in dem internationalen Kampf gegen'das Judentum stets die klare, offene Betonung des christlichen Standpunktes finden. Dieser Erscheinung stellen wir die wiederholten Mahnrufe des Papstes zur Versöhnung der Menschen und zur. Wa^ung der Zivilisation entgegen. Die Befreiung des"Jtldentums auS seiner unwürdigen Stellung. die Beseitigung des Judenhasses sollte doch m ihrer Bedeutung Hölter gewertet werden als die F> ige, weülsem Militär der Schutz des Heiligen Grabes in Jerusalem anzuvertrouen wäre. auf welche Frage sich letzten Endes das angebliche katholisckie Interesse reduziert. Die zionistilckie Lösung der Judenfrage ist eure Notwendigkeit für Europa, dessen jüdische Bewohnerschaft sich nicht morden lassen will. Sie entlastet die Welt von einer großen sozialen Sorge und legt das | jüdische Schicksal in die Hände der Juden. Wenn man i uns wird ungestört arbeiten lassen, so wird die Welt, an deren K.ultur wir redlich mitgearbeitet haben. unS dadurch ihren Dank abstatten und Segen ernten. Wenn man uns yber pogromicren will, so wird das Unglück dieser ans den Fugen geratenen Welt noch größer wer-. den und in die Auflösung aller gesellschaftlichen Bindung mündem * Die englische Presse über den Ansbau . Palästinas, DaS vor einiger Zeit veröffentlichte Manifest, des Palästina TlufbaufondS (Keren Hajessod) hat in England nachhaltigen Eindruck hervorgerusen und fast alle führenden Blätter im Lande haben den Aufruf an das gesamte jüdische Volk wörtlich oder auszugsweise veröffentlicht. Manche Zeitungen haben dem Manifest auch Leitartikel gewldm t So schreibt der „Dai'.y Telegraph" in einem ,.Das neue Jerusalem" über sch tebenen Artikel, baß der Bau des südlichen National Home bereits begonnen habe. Wieviel Arbeit di sec Bau verlangt. könne man aus dem begeisterten Aufruf sehen, den der Keren Hajessod mit den Unterschriften berühmter englischer Jude« veröffentlicht hat. Zuletzt spricht die Zeitung ihre Hoffnung aus. daß die Regierung des weitschauenden Herbert Samuel einen neuen Stil des öffentlichen Lebens kn Palästina schaffen wird, während die jüdische Welt sich mit dem Aufbüu seines nationalen Landes befassen wird. „Pall Mall Gazette", das Organ Lloyd Georges, schreibt ebensalls in einem Leitartikel: »Mir konnten unS bis jetzt keine klare Vorstellung darüber machen, wie weit die zionistische Pcki.ik Eigentum des modernen Judentums geworden ist. Die politische Möglichkeit zur Gründung eiries Judenstaa es in Palästina ist gegeben, und von den Juden der ganzen Welt hängt es nunmehr ab. den Bau auf dem Fundament zu errichten. Die wahre Stärke des Zionismus wi.d aus der Antwort zu bemessen sein, die die Juden auf da» Manifest erteilen werden. Wenn die Juden der ganzen Welt wirklich Zion lieben, wird der B-'trag von 26 Millionen ihre Kräfte nicht übermäßig anspannen. 23. Jünner 1921 Nr. 716 .'' " "' " .. i in rt.rn ■ -W ' Der Freispruch der Vritannia« Verbrecher. Aus Vu da Pest wird uns berichtet: Man hat «s ja von vorneherein gewußt, daß die ganze, mit großem Applomb eingelei'ete „strenge Untersuchung" in der, noch in frischer Erinnerung lebenden Britannia- » Affäre nichts als Humbug war. Dis Polizei, welche, da es sich um die Sühkie für den an einem der Ihrigen begangenen Toifchlazes handelte, damals tatsächlich mit aller Energie die Aufdeckung der greulichen Vorgänge im Britannia Hotel in die Hand genommen hätte, stellte fest, daß, wenn man von den Drahtziehern Und geistigen Urhebern der Morde und Folterungen im Bruanniahotel absehen will, zwei Leute die Hauptschuld an den grausigen Geschehnissen treffe, und zwar den HauptManU Eugen Babarczy als Kommandanten des Britannia- Hotels Und den Oberleutnant Karl Kmetty, welcher bei all den Verbrechen aktiv eingegriffen hatte- Die Polizei hat seinerzeit das furchtbare, lange Sündenregister dieser beiden Hauptangeklagten in den Blät.ern bekanntgegeben. Man erinnert sich auch, daß die Polizei damals die standrechtliche Bestrafung des Totschlägers des Polizisten Soltra erzwungen hat. Ihre Macht reicht jedoch auch heute noch nicht so weit, um auch die beiden Haupang. klag ien der gerechten Strafe zuzusühren. Die Vudap.ster Oberstadthauptmannschast hat nämlich' den sauberen Kommandanten, dessen Mordtaten und Erpressuugen allgemeines Stadtgespräch bildeten und durch die Polizeiakten erwiese» sind, mit der Begründung auf freien Fuß gesetzt, beziehungsweise gegen ihn die weitere Untersuchung eingestellt. „weil die Erhebungen kein erlei-belastendes Moment gegen den Hauptmann Baron Babarczy ergeben haben". Baron Babarczy kann also seine blutige Tätigkeit mit einem Freibrief von "neuem und mit größerer Energie beginnen. Zwei Tage später beschloß der Untersuchungsrichter. auch den ziv ilen Hauptaugeklag.en, Oberleutnant Kart ,Kmerty, aus denselben Gründen auf freien Fuß zu setzen. In diesem Falte hat allerdings die Staatsanwaltschaft gegen diesen Beschluß des Untersuchungsrichters an den Auklagesenat berufen, es ist jedoch kein Zweifel möglich, daß Kmerty. der sich auchin der Unter,uchungöhast wiederholt mit seinen intimen Beziehungen zu den höchsten Kreisen der gegenwärtigen Machthaber in Ungarn gebrüstet und für den Fall! seiner Verurteilung mit Enthüllungen gedroht hat,/ vom Senat sreigesprvchen werden wird. Inland. Die HUfe für Oesterreichs | Die morgen beginnende Alliiertenkonferenz rN Paris hat in ihr Progmmm auf Drängen Frankreichs auch die österreichiscl)e Frage ausgenonutlen. Es ist klar,' daß sie allein eine Lösung nicht'bringen kann. Amerika^ hat sein Interesse sehr nack^rücktich betont und die Verbündeten daran erinnert, daß sie ohne Zustimmung' Anlerikas nichts unternehmen könnten. Es kann sich also nur darum handeln, daß die europäischen Großmächte ihr Pnvatkapital zur Finanzierung Oesterreichsi einladen. Ihren Beratungen geht eine sehr klare War-' nung des Wiener englischen Vertreters vor der Propa-, ganda des Anschlusses an Deutschland voraus, die in Verbindung mit den bevorstehenden Pariser Besprechungen sehr schwer wiegt. Reuter verbreitet eine Mitteilung des österreichi-. schen Gesarrdten F r a n k e n st e i n, er habe eineä dringenden Appell an die britische R« gierung zugunsten seines unglücklickien Landege»' rickstet. Der Gesandte legte die Situation Oesterreichs dar. wobei er auf die Entbehnrngen des Volkes und dessen Enttäuschung über den bisherigen Verlauf der Verhandlungen bezüglich der Oesterreich zu seiner. Wiederausrickstung zu gewährenden Kredite hinwies. Diese Enttanschung habe zahlreickie Kundgebungen für den Anschluß an Deutschland oder wenigstens für eins Volksabstimmung ausgelöst. Oesterreich führe in loyaler Weise die im Friedensvertrag übernommenen Verpflichtungen durch, aber unter der beklagcnsiverten Wirtschaftslage Oesterreichs leide die staatliche Autorität und wenn die Pariser Konferenz auseinandergehe, ohne Entschlüsse zu fassen, durch die Oesterreich sofortige und hinreichende Hilfe zuteil würde, könnten damns mit Rücksicht auf die von Osten drohende Gefahr schwerwiegende Folgen entstehen. Die Dringlichkeit der Situation wird durch die Arbeitskrise in England und in Frankreich verschärft. Wir haben bereits des. öfteren darüber berichtet. Lloyd'/ George will deshalb außer der österreichischen auch noch' die russische Frage in Paris besprochen wissen/ Er wünscht die Ententepolitik in bezug auf Sorvjeirnßland zu klären und will selbst einer gemäßigten Auffassung' daS. Wort reden. Die Abneigung der Londoner Kreisgegen die französischen Imperialisten, die schon wieder von einem Einmarsch in Rußland reden, ist im Wachsen. Man verkennt nicht mehr den Zusammenhang zwischen den.oft- und den mitteleuropäischen Krisen, die Europa zu einer Mördergrube herabdrücken. Mayr nnd Gratz tauschen Degrützungs» telegrcmme. Die Polikifche- Korrespondenz mefhet^Aikläßlich dep offiziellen Mitteilung Üb.'r die Ernennung des Doktor Gustav Grad Lum künialich mw.arijch.en Minister des.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.