Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 711 (18.1.1921)
- Date
- 1921-01-18
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Sl!k T 2?'en DlenrmF -;-;-1- Don Versailles nach Versailles. ' L. 2B i f *t, 18 ftantur Heute vor fünfzig Jahren, am 18. Jänner 1871, hat Bismarck im Spiegel,aal des Versailler.Schlos.'eS das deutsche Kaisertum proklamiert. Die Einigung d^r deutschen Stämme war damit erreicht, ein Werk aufgerichtet. das der Ewigkeit drohen, sollte. Im Glanz siegreichrr Waffen leuchtete die neue Würde, aus dem Blut des deutschen VolkZheeres war.sie entstanden; die ganze Nation stand segnend, das Her; von 'Heiden Wünschen geschwellt, an der Wiege seiner Einheit. De"'schlands Größe war begründet und damit auch Deutschlands Fall. Denn diesem Tage'folgte der Friede von Frankfurt. Nach Sedan hatte ein französischer Dichter einen tiefbewegenden Brief an dt« deutschen Künstler gerichtet: „Der Kaiser, der Euch bedrohtuud UttS in den Krieg gebracht hat. ist Euer Gefangener. Ihr habt Euren Zweck erreicht. Warum wollt Ihr das Bürt' vergießen nicht beendigen? Führt keinen K i 'g gegen das arme, - unfchnld'ge Volk! ' dem Euer Sieg den. Tyrannen genommen hat! Machet Frieden Art Uns, sonst bei Gott, werden es Eure Enkel*beklagen!" Sie beklagen es. Der Schmerz, der heute das deutsche Volk burchwühlt. ist tief und echt. Denn in den Zorn muß sich die Reue mengen und die rückwärts schauende Frage: War es notwendig, Frankreich so ans Herz zu greifen, daß es nie die Stunde der Demütigung vergessen konnte? War es notwendig, immer von' neuem die gepanzerte Faust, auf die blutende Wunde zu pressen, es alljährlich am Sedanstag daran zu erinnern, dhß Deutschland sich nicht ha'te verteidigen, nur ang'reifen und verstümmeln wollen? War es n'twrnd'g, F ankre'ch in ein Netz von Allianz'» hin inzutrriben. das eineö Ta cS über Deutschland zuiarnlnensch'agen mußte? Fragen, die heute gelöst sind. Deutschlands Denker und Dichter, seine Philosophen. Jngeniurre und Aerzte..' feine Arbeiter — sie hätten die Welt esittung heben können, wenn sie Deu' fchlands Volk geblieben wären. Sie stellten sich aber alle 4n den Dienst des wassenstar.endcn Gottes; sie ließen es gerne geschehen, daß die Leitung des Staates, der Sinn seiner Richtung vom Heere bestimmt wurde; das Vaterland'g'sühl. das tausende H8'-de zum Nutzen Deutschlands und der Welt r.'g'e. wandelt.' sich mählich in Herrschastsstreben und die Nachbarn sahen mit wachsender Sorge, wie dieser' Geist über die Grenzen hinausgrisf, wie die feindliche Entfaltung immer stärker von. der Kriegsslagge beschattet wurde. Nicht der — sagt Paul Mignet — ist am Krieg schuld, der ihn erklärt, sondern der ihn vorbereitet und herbe'führt. Es ist nicht das deutsche Volk gewesen, das im Jahre 1914 .plötzl'ch losschlug.. Mer es hat geduldig zugesehen, ja begeistert zugestimmt, wie Jahre vorher die Armee vergrößert wurde und, alle Zweige technischen Fleißes' mit ihrem G"ist durchsetzte wie die zum Angriff geschaffene Marine auf allen Meeren im Gebot des Redekaisers fuhr. Das Volk in seiner Masse freute sich der. Größe und Macht des Vaterlandes, dessen Begriff ihm als ein 'Götze von eifrigen Lehrern von Kindheit auf in die 'Seele gepflanzt worden war. Das Volk wollte keinen K"ieg. Aber es lwß es tzefh:h?n. daß überall in der Welt unter dem Worte „Deutsch" eine Kaserne verstanden wurde, in der Soldaten oder Arbeiter gedrillt wurden, um auf Be'ehl ihres Kaisers des Tages zu harren. Das Volk hat geduldet, daß nicht nur der Kaiser und se'ne Umgebung, nein, daß die gesamte, in der Furcht des HofeZ erzogene Intelligenz. die Führung Deutich''andZ, immer offener und unverhüllter vom Krieg sprach und daß sie im Jahre 1909. als Rußland das von ihm abhängige Serbien zur Abbitte an Oesterreich veranlaßte, die verpaßte Gelegenheit zum großen Krieg beweinte. Die Mechanik der Macht,.der Rausch der Materie war fünfzig Jahre lang wie eine Straßenwalze über die dcu fche Seele geMhcon ut: hatte sie n'vellieck. Alles war Soldat,.diente dem Krieg, dem Kaiser, drr nicht als Repräsentant der Nation Verehrung genoß, sondern als oberster Kriegsherr. Wenn er sprach, klirrte das Schwert. Und da das Volk — bis auf wenige Ausnahmen — dazu Ja und Amen sagte, setzte sich immer tiefer der Gedanke von der deutschen Gefahr fest, legte rings um Deutschland einen Feuerkrsis, in den dann die große/prachtvolle, auf Krieg eingestellte Maschine mit rasenden Nädern hsneinrollt-r. Von Versailles bis Versailles ist der Weg gegangen. Dom Augenblick höchsten Ruhmes bis zur ticsslen Erniedrigung in einem einzigen Menschenalter. Die Klinge sprang be.tm letzten Gang. Aber das große Unglück der Riederlare. über dere t Abgrund dev Kaiser als Erster floh, hat dvs deutsche Volk nicht in den letz:en und ersten Gründen begriffen. Es hat sich von der Autokratie abgewendet, aber nicht in seiner Saele. sondern nur äußerlich; die Mechanik des Gottesgnaden^ tumS ist geblieben und die Dynastien wurden abgesetzt, wicht weil ihr Kult Volk und Jugend vergiftet, sondern weil man ihnen den Mangel der Rüstung nachredet. Die Forme" und Formeln der hochmütigen Mehrwertigkeit sind geblieben und mit ihnen ihr Geist. Die politische Erziehung des Volkes, die in der Kaisorzeit geschlafen hatte, wird jetzt nachgeholt. Ihr Inhalt ist Haß und Räche. An den Grenzen aber stehen wieder, Geivehr bei Fuß, die Truppen des Feindes. Der FemrkreiS harrt. Und wieder liegt die Schuld bei der tzichrmtg des Volkes, bei seinen Intellektuellen, denen!*. x;cmn« r>*-« «ro Die Plenarsitzung des Komitees der iiidiseben Delegationen. Paris, 10. Jänner. ' Am 8. JänNer eröffnete -der VoiMende N. Sokol 04s die Plenarsitzung deS Komitees der jüdischen Delegationen in Paris. Es galt vor allem, die in Genf anläßlich her Tagung des Völkerbundes erfolgreich begonnenen Aktionen zur Wahrung der Rechte des Mischen Volkes weiter anSzubauen und an Stelle des Komitees der jüdischen Delegationen allmählich eine feste, mit den LandeSorganisationen in stetem, unmittelbarem Kontakt stehende Vertretung deS jüdischen Volkes auf demokratischer Grundlage zu schassen. Den Sitzungen wohnten außer dem Vorsitzenden und dem Generalsekretär Leon Mozkiiz. noch folgende Herren bei: Sir Stuart Samuel (England), W. Temkin. Boris Göldberg, H Sliosberg, A. Al per in, Dr. D. PasmaNik, A. Go löst e i n, M. H i n d e s, Hans K o h n (Tschecho-Slowakei), Dr. Krämer (Bukowina) und andere Vertreter Polens und anderer Staaten. Tie Sitzung wurde eingeleitet durch ausführliche Berichte Sokolows und Mozk'ms über die Tätigkeit der Delegation deS Komitees der Mischen Delegationen in Genf. Trotzdem diese Tätigkeit nur ein Anfang war. so bedeutet ste doch den Beginn einer neuen Epoche in den internatio na len Beziehungen des jüdischen Volkes. Die erzielten Erfolge, insbesondere in der Angelegenheit Finnlands, sind von großer prinzipieller'Vedentung für die Zukunft. Das Komitee der jüdischen Delegationen war bestrebt, in diesen wichtigsten Lebensfragen des jüdischen Volkes wie in der Frage der Pogrome mit allen anderen jüdischen Organisationen zusammenzugehen. Leider war das Komitee gerade in der letzten, wichtigsten Zeit, wo es galt, die größten. Schwierigkeiten zu überwinden, allein in Genf. In seinem allgemeinen Bericht über die Tätigkeit des.Komitees in dem letzten Halbjahre betonte der Vorsitzende und auch der Generalsekretär die Wichtigkeit des Komitees der jüdischen Delegationen, das die einzige -interterritoriale Bert retüng des jüdischen Volkes auf demokratischer Grundlage sein will. Mozkin besprach hierauf im einzelnen die Aktionen des Komitees in der verflossenen Periode und die kommenden Pläne in Verbindung mit der Reorganisation des Komitees. Die Aktionen des Komitees vor dem'Völkerbund sollen in einer eigenen Broschüre (französisch, englisch nnd deutsch) erscheinen, ein Abtei lungsbu reo ü in Genf errichtet werden nnd auch das schon längere Zeit geplante Schwarzbuch über die Pogrome in der Ukraine, eine ausführliche Studie über Minoritätsrechte von einer ersten Autorität des internationalen Rechtes und der ausführliche Bericht über die Tätigkeit des *vw .i-; -M ~ I - ' II lllllllirtll—IMH—W fl bange ist um die Sonne des Hofes, in der sie sich wärmten, indes das Volk in Fabriken und Kasernen schus.en mußt«. _ England gegen Poinearö. dos „Ob-* Eine offiziöse Auslastung des Londoner «Obseroer" bringt Klarheit in die sonst recht dunklen Vorgänge in der Pariser Ministerkrise. Das Veto, mit welchem Präsident M i 1 l e r a n d dre Berufung P o i n c a r e S in daS Auswärtige Amt verhinderte, ist von England erzwungen worden und eS wiederholt sich jene weltpolitische Situation, in der vor dem Kriege Deutschland die Abberufung D^casteS durchsetzte. Porncare hat vor genau zwei Jahren die Friedenskonferenz mit einer racheglühenden Rede eröffnet, in der er das Wort vom Gerichtshof sprach. Seine innere politische Gegnerschaft gegen Clemenceau hat ihn nicht gehindert, besten Streben zu unterstützen, das auf die Zertrümmerung Deutschlands hinausging und in der Folge zum Kristallisationspunkt aller Tendenzen geworden ist. die im Interesse der französischen Rüstungsindustrie und der Weltmachtpläne deS aggressiven französischen Kapitalismus überall dort Krieg anzettelten, wo ein vermeintliches oder wirkliches Interesse Deutschlands in Frage kam. Don dieser Seite auS wurde stets dre zur Versöhnlichkeit mahnende Arbeit Englands durchkreuzt und «ine giftige Hetze inszeniert, die auS jeder Regung Deutschlands einen Kriegsfall zu machen sich anstrengte und die mit größter Freude iede Verrücktbeit der alldeutschen Ncvanchcpropaganda für sich buchte, Der „Observer" spricht offen von der Sabotage Poincare) gegen die Entente und von dem Treiben der intransigenten Extremisten, welches keine Klärung der Lage Europas dulden will. Diese Agitationen, denen wir im Osten, in Vorderasien und auch in Wien begegnen, richten sich ge.ien England, das nun eine rasche Entscheidung über Deutschlands Kriegsentschädigung fordert, um endlich m dieser Frage reinen Tisch zu machen. Die Note des »Observer", die von besten diplomatischem Mitarbeiter stammt unb durch Reuter verbrettet Lttd, besagt: Komitees seit ssinex Gründung sind bereits abgeschlossen und werden in der nächsten Zeit im Druck in mehreren Sprachen zugleich erscheinen. Neben ' den politischen Verhandlungen, über die der Vorsitzende interessante Einzelheiten mitteilte, ist es vor allem die Frage der Pogrome, die das Komitee ausführlich beschäftigt. Das Konnte*, der jüdischen Delegationen hat sich in dieser Frage auch mit bekannten jüdisch-russischen Politikern, die keine Mandate für das Komitee besitzen, in Verbindung gesetzt tmb diese Beratungen haben neben anderen wichtigen Resultaten auch die Notwendigkeit ergeben, an die Grüadi'ng einer ' jüdischen Vereinigung für den Völkerbund heranzugehen, die das Komitee auch schon auf fern» Karlsbader Plenarsitzung beschlossen hatte. Das Komitee beschäftigte sich in der letzten Zeit auch mit der Frage des rechtlichen Schutzes der Emigration uvd der Sicherung ihrer geographischen Möglichkeit und unterstützt die von hem Exekutivkomitee der jüdischen Welthilfskonferrnz organisierte Reise seines Mitgliedes W. Temkin nach Beßarabien, um den ukrainischen Flüchtsingen Hilfe zu bringen. Sokolow berichtete weiters, daß das Komitee bei seiner Arbeit in Gens zwar auf sehr grosse Schwierigkeiten gestoßen sei und es nur nach äußerster Anstrengung gelungen sei. diese Schwierigkeiten zu überwinden, daß aber der Grund dieser Schwierigkeit nicht so sehr im Antisemitismus der Mitglieder des Völkerbundes als vielmehr in den völlige» Uninformiertheit der meisten Mitglieder des Völkerbundes ü b e v dasJudentum gelegen ist. was nicht wundernehmm könne, da die meisten aus fernen südamerikanischen oder asiatischen Ländern kommen, wo es eine Judenfrage nicht gibt. — Sir Stnart Samuel warf in einer längeren. Rede' einen Rückblick auf seine vergangene Tätigkeit und seine Reise in Polen, wo er ihren führenden M i n i st e r n erklärt habe, die englischen Juden seien treue Söhne ihres Vaterlandes, weil es ein Land der Freiheit für jeden Bürger ist. Die Juden werden die treuesten Söhne ihrer Länder sein, wenn diese ihre wahren Hüter sein werdeiu Den zweiten Teil der Verhandlungen eröffnetett die Berichte aus den einzelnen Ländern, von denen ins^- besondere die genauen Schilderungen der Pogrome d e s G e n e r a! s B a l a ch o w i c z, der die von Boris Sawinkow organisierte russische Armee befehligte, und ein sehr interessanter Bericht des als Gast anwesenden Herrn I tz k o w i t s ck, Vorsitzenden des jüdischen Nationalrates in Baku. über das Schicksal der kaukasischen Juden während des Krieges hervorgehoben sei. »» .uhiiimi» »ES ist keine Uebertreibung, wenn man behauptet, daß ' . die Sabotage PoineareS und feiner G es Innung S genossen wieder einmal dre tzntente in Gefahr gebracht hat. Die bedauerliche Meinungsverschiedenheit, die sich im Vorjahre aus der polnischen Frage ergab, würde sich wiederholen, wenn die Pariser Störenfriede i'egreich aus der gegenwärtigen Krise hervorgingen. Der alte, gefährliche Konflikt zwischen London und Paris müßte wieder auSgefochten werden, nur mit dem Unterschied, haß die Zeit für die Einigung kürzer ist. Por dem Frühling muß man mit Deutschland ins Reine kommen. Die briti,fche Regierung muß h» Paris sehr deutlich aussprechen, daß das englische Volk d a'S fortwährende. Hinausschieben einer Klärung der europäischen Lage endgültig satt bat, daß es entschlossen ist, um jeden Preis d e n e u r o p Lisch en Handel in Gang zu bringen, und 8i»e wciterr Tändelei dulden wird Die Gefahren der wirtschaftlichen Lage sind den Engländern klar, ebenso die Tatsache daß sie dvrch die französische Weigerung, ein Abkommen über die deutsche Entschädigung zu treffen, verschärft worden sind. Lloyd George hat in einem am 20. November im ..Petit Parisien" veröffentlichten Interview erklärt, daß eS notwendig sei, die Höhe der Entschädigung festzusiellcn und sie zu fixieren. Die' französische Negierung hat beschlosten, sich diesem Prinzip anzuschließen, aber jkde- Mal, wenn es zur Einhaltung dieses Versprechens koaimt, wird die französische Negierung von intransigenten Extremisten geschlagen, die. den unmittelbar drohenden Äefabren blind gegenüber stehen. Die britische Regierung hat eine Verschiebung der urspünglich für den: nächsten Mittwoch anberaumten Konferenz verlangt, da sie der sicht tst, es sei von den Beratungen nicht Gutes zu et» warten, ehe die französische Krise vollständig gelöst rst. Der