Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 709 (16.1.1921)
- Date
- 1921-01-16
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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MW 6~ Müh SMttMg $Rnt ht vierzig Ortschaften die Inden aasgeschlachtet und fürsorglich veranlaßt, baß biejertigen, welche auf Dampfern zu fliehen versuchten, von bewaffneten Hä'chern ertränkt wurden. -* „Kommandeur S. aus &.■' (so besagt der uns vorliegende Bericht, tet scheinbar nicht wagt, den vollen Namen, M nennen) ersann folgende F-oltsr: Er erließ einen Befehl, in ivelchsm er die Juden warnte. irgendwie ahwenden oder behindern zu wollen, was gegen, fle demnächst unternommen würde, sie ironisch „die unglückliche Nation" nannte und sie fragte, ob.sie denn nicht für ihr Leben besorgt seien. Dann folgte ein sechstägiger Pogrom mit Musikbegleitung. Aber nicht, um Mitleid. Entsetzen, Empörung wactz- Mrufen, teilen wir dies mit, erinnern wir Sn die «allam bekannten „Maipogrome" Gregoriews, an das Wüten der Banden Petljuras und Koltschaks, schreien wir der Judenheit in die Obren, daß das Resnltcü der ukrainischen Pogrome 138.680 Judeuleichr» waren. Sondern um die Mafien aus ihrer trostlosen, lethargischen Tatenlosigkeit zu opfervoller Hilfsbereitschaft aufzustacheln. Die Karlsbader jüdische Welthiftskonferenz iiat ein Exekutivkomitee zur Rettung der Pogromwaisen and Unterstützung der ukrainischen Judenfchast eingesetzt. Non den 3 Millionen ukrainischer Juden sind, nicht «eniger als 1,200.000 völlig ruiniert. Bei diesem Ko-, «itee laufen Nachrichten ein, die daS allmähliche Lussterben und die moralische Degeneration des Heranwachsenden jüdischen Geschlechtes in der Ukraine mÄLen. Opfervolle Beteiligung am Palästina-AufbaufondZ, *n der geplanten großzügigen Pogromwaisen-Aktion, an der unbedingt nötigen Entsendung von Aerzten und Fürsorgern in die Ukraine zur. Bekämpfung der Seuchen und der entsetzlichen Kindersterblichkeit sind die heiligen Wichten jedes Juden —soll er würdig sein der Schicksalsfügung, weit, weit entfernt von der ukrainischen Folterkammer mit seiner Familie leben zu dürfen. Eine jüdische hygienische Gesellschaft in Polen. Aus Warschau wird uns geschrieben: Die desokaren Gefundheirsverhältnisse unter den Juden Polens, cme Folge des sechsjährigen i Kriegslcbens und der im Zusammenhang damit entstandenen Epidemien, haben die Notwendigkeit einer eigenen Organisation zur Verbesserung der sanitären Lage in den van Juden stark bewohnten Städten ergeben. Diesen Zweck verfolgt die jüdische hygienische Gesellschaft in Polen, deren Statuten bereits ausgearbeitet sind und deren Konstituierung in 'nächster' Zeit erfolgen wird. Als Arbeitsgebiet der'Gesellschaft wirb in den Maiutett unter anderem angegeben: Errichtung unh Erhaltung moderner Krankenhäuser, Ambulatorien, Schaffung von Ferienheimen für Kinder, Errichtung billiger, hygienisch einwandfreier Wohnungen für die arme Bevöllerung, öffentliche Badehäuser und Wäschereien sowie Isolierbaracken für ansteckende Krvnrheiten, ferner Einrichtung eines, ärztlichen Ueberwachungsdienstes in den jüdischen Schulen, Veranstaltung von volkstümlichen Vorlesungen" über Hygiene und ständiges.Studium der Lebenslsedingungün der Juden in Polen. Im alten Rußland bestand bereits eine solche Gesellschaft, welche noch während des Krieges große Dienste geleistet hatte. So erinnert Dr. S. M in z in der ,Hazefirah" daran, daß, als nach Kriegsausbruch zahlreiche Juden aus den russisch-polnischen-Städten nach Warschau flüchten mußten und dort, unter den größten Entbehrungen lebend, verheerenden Krankheiten ausgesetzt waren, der Charkower jüdische Verein für Hygiene eine Ambulanz nach Warschau entsendete und den Flüchtlingen besonders in ärztlicher Beziehung Hilfe.leiste. Aus politischen Gründen mußte diese Ambulanz jedoch bald aufgelassen werden und jo war diese für die Bolksgesundheit so wichtige Frage biSnun organisatorisch nicht gelöst. Die nun ins Leben zu rufende jüdische hygienische Gesellschaft hat die Aufgabe, hier endlich Wandel zu schaffen und'dem furchtbaren Sterben unter der jüdischen Bevölkerung Polen nach Tunlichkeit Einhalt zu gebieten. Die Kommunisten und die Reichswehr. ' In der gestrigen Versammlung der kommunistischen Reichswehrmänner in der Bvlkshalle erstattete der Kvmmunistenführer Dr. Frey ein längeres Referat, in dem er die Haltung der sozialdemokratischen Partei, insbesondere des ehemaligen Staatssekretärs De. Deutsch, einer überaus heftigen Kritik in bezug auf das Wehr- und Disziplinargesetz unterzog. Die Versammlung hatte vor allem den Zweck, gegen den Abbau der Wehrmacht zu Protestieren. Redner teilte mit, daß in Wien die Zahl der Wehrmänner .4000 und in Oesterreich 8000 Mann unter dem Stande fei, also 12.000 Wehrmänner weniger, als der vorgeschriebene Stand von 30.000 Mann. Die Leute verlassen die Reichswehr, um sich besseren Verdienst- Möglichkeiten zuzuwenden. In die entstehenden LücLn werden jetzt, wie Redner behauptete, reaktionäre Elemente eingeschoben. Redner teilte ferner mit, daß am 23. Jänner die Verschmelzung der „Sozialistischen Linken" mit der kommunistischen Partei stattftnden werde, und konstatierte, daß die überwiegende tAahl der Wiener Wehrmänner in das .kormnumstischr -Lager fibergegang-r» sei. - 2Me«er Mor-e*rettiNtS Mitteilungen aus dem Publilum. Minna Sternhell Berthold Qneller Magistra der Pharmazie Sdbeveningen Verlobte Dentist Wien Wie«, im Jänner 1&21. ss Zur Trauung des Hem; Med. Unlv. Dr. Samuel Sehsfixberg mit Frfcl« lein Klara Kcfifienbaum gratuliert herzlichsi v V Dr Jakob Jekel 52 Ronrtaidw. Kolonie Przenrjrslany in Wien wünscht dem ehro. Rabbiner Sieinherg aus Preewvsiany anlässlich der am iS. d. M. um 3 Uhr nachmittags im Bethaus 2. 8er., Malzgasse iS, stattfindenden Vermählung a seiner Tochter ein herzliches Maseltow. Möbel u. Innendekoration i'ö gräseter JLasmkl. . Kur geffieg«« 61» Erzecgnisse. J. SPIRÄ SS», fti.tliMirn;. 1 a.2 (Ecke Karl ScfaweigfcofergaBae). VI.MARIWIIFERSTRASSE 105. 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Trotz diesesl Ädelstitels flber gehörte auch dieser Stand Juden undj alle feine Waren waren^ «scher: Doch jede: jübisE Hausfrau, die auf dru Markt etnkanfen ging^ beschleW uigte ihren Schritt, wenn sie an diesem Stand vorbei^ kam, damit ihr der böse Trieb nicht etwa einrede/dö^ einzutreten... . '! '* ■ •’ Die Scheu vor diesem Stand stammte nicht Liwch von trefenen Waren (Gott bewahre), sondern voE Preis und den außergewöhnlichen Sorten EßwaveNq die es dort gab. Schon die gewöhnlichsten Dinge, biej man bei jedem ^kleinen Marktstand zu kaufen bekomm^, kosteten dort mehr; denn was ein Gutsherr zahlen: kann, bas kann ein Jude nicht zahlen, ausgenommen ein paar schwerreiche Leute im Städtchen. ,! Aber wenn auch manche Waren dasrelbe kostetenl wie an.jedent gewöhnlichen Stand, so hatte doch nichh jede Hausfrau den Mut, an diesen Stand., zu^ treten^ Denn erstens ist-die Hökerin - Chaje Gitel wohl von! Natur aus wirklich ein braves Weib, aber da sie sot. viel mit Adeligen und,-»eichen Kunden zu tun-hat,-M ihre Sprache so vornehm geworden, ^-lbaA-nicht.-MlN mann mit, ihr reden kann. .Zweitens aber stehen, wenn! man hinkommt, schon andere -Kunden dort urch nichh. jede Hausfrau hat Zeit zu warten. Chaje Gitel abeu hat sich's ein geführt, daß :wer, vorher kommt, zueW bedient /wird, außer - es ist eine sehr vornehme Guts-;, frau, die. in einer, Kalesche mtt vier Pferden angefahvenj kommt. Die bann man natürlich nicht warten lasser^ Aber wenn man auch sehr selten an Chaje GiteA Marktstand trat, so wußte doch jede jüdische Haussva« genau Bescheid über die vielerlei Marens die dort zA haben waren. Ueber eipige Sorten ihrer Waren gingen ganze Legenden um. I Eine wußte zu' erzählen, an Chaje^ Gitels Stand' sei das' ganze Jahr- Sommer und Winter, allerlei Obst zu haben, sogar Weintrauben, von^ denen abeL kostet das Pfund ,-ein Bermögen".> Nichteinmal^ jede- Gutsherr kann es: sich leisten. Eine zweite erzählt,/ür Chaje Gitels Stand sei eine Obstart vorhanden; die', nur irgendwo bei Odessa wächst; die hat Kerne, ^welche? trunken machen, wenn man sie ißt... Die ErzählerjÄ! hat sogar gewußt, wie das Obst heißt; aber gerade jetzt hat sie es vergessen. ^!, * Dann kommt das Gespräch auf die gewöhnlichen! Waren, die jede Frau braucht. Wer sie bei Chaje GW' einzükaüfen, ist. schwer; denn erstens läßt sie sich mehr' zahlen als jede andere und. zweitens verkauft . ..^- nicht für weniger als einen Gullren. .1;;• Musfrau sagt freilich mit einech gewisM Stolz,'Ä' sei nicht so.arg, wie nta'n meint.j-Letzw' Woche gerade ist mein kleiner Selig krank geworden» Der Bader hat verordnet, ihm einen Tee mit Zitrone zu geben, da muß man schon zu Chaje Gitel gehLN'. Denn wo bekommt man sonst eine Zitrone? Und svS hat sich im, ganzen einen Sechser zahlen lassen. DabÄ hat sie mich sehr freundlich bedient." ' | | Eine zweite erzählt mtt Stolz, voriges Jahr, wie sie so stark verkühlt war und unaufhörlich hustete, da habe sie Kandiszucker kaufen müssen. Da ist M auch zu Chaje Giwl gekommen und die hat ihr ein«' volle Düte für drei Kopeken gegebene , Schließlich aber geben 'Leide M es fei besser/ nicht hinzugehen; denn man sieht''dort so viel, daß man alles zujammenkausen möchte... „Das ist wahr" — fügte eine andere hinzu **« „voriges Jahr war das vor Sukkoth. Ich wollte Honigs kuchen - mit gutem Honig machen; da bin ich zu Chaje. Güsl gegangen. Und ihr könnt euch gar nicht/verstellen, waS ich dort noch alles zu-ammengekauft habe. Sechs' Gulden, habe ich bei ihr gelassen ..." DaK waren aber nur ‘einige. Han-öfrauen, solche, die sich hie. und da einen Cincaus bei Chaje Mtiel gönnen tonn:en und dann gern davon sprachen. Sonst ahe^.'war. Chaje .Gitels' Stand nur für . vornehm'y LE'dall ' .. ' "" ''