Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 707 (14.1.1921)
- Date
- 1921-01-14
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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6etfc 2 Men Freitag Wiener Morgeyzettyng i4. Jänner 1921 Jtr. 707 --^----f--— ---^:-;— Der Wiener Vortrag. Relativität und Gleichzeitigkeit. Dr. Redlich. —h. Die Mission des Dr. Redlich ist gescheitert. 8s war über Antrag des Abgeordneten Dr. Seipel tzeplant gewesen. Dr. Redlich im Namen sämtlicher Parteien nach den Bereinigten Staaten zu entsenden, vm boxt für Oesterreich zu wirken. Er sollte mit den führenden politischen und finanziellen Kreisen in Fühlung treten, um sie zu einer Kredithilfe für Oesterreichs zu veranlassen. Dieser Vorschlag, der von christlichsozialer Seite ausging und gewissermaßen der in dieser Partei herrschenden Verzweiflung entsprang, stieß natürlich sofort auf den Widerstand der graßdeutschen Antisemiten, denen Redlichs jüdische Abstammung ein Dorn im Auge ist. Sie haben Redlich schon abgelehnt, als ihn der Polizeipräsident Dr. Schober für das Finanz- Portefeuille in Vorschlag brachte, und sie halben an ihrem Widerspruch fest. Dies hat Herrn Dr. Pedlich dazu gezwungen, von seiner Reise ab'usehen. Man führt natürlich auch sachliche Gründe für das Unterbleiben dieser Reise an. Es wird in Abgeordnetenkre'sen erklärt, daß der selige Zeitpunkt für solche Verhandlungen nicht zweckmäßig fei. Amerika stehe durch die Wahl Hardings .vor einem Systemwechsel und die neuen Männer müßten sich erst über die Richtlinien ihrer Politik nach innen und nach außen orientieren/ Von anderer Seite wird eingewendet. daß Dr. Redlich Gegner des Anschlusses an Deutschland und daß deshalb seine Entsendung von den Christlichsozialen vorgeschlagen worden sei. Es müsse vermieden werden, daß man sich durch seine Auswahl mit der Mehrheit der Bevölkerung Oesterreichs in Widerspruch setzt, die heute mehr als früher den Anschluß an Deutschland als rettenden Ausweg aus der Not ansehe. Gegen diese Gründe wäre vor allem zusagen, daß die Politik der Vereinigten Staaten gerade jetzt nach der Wahl Hardings klar und offen liegt. Die monatelange Wahlkampagne hat allen Parteien genügend Raum zur Entwicklung ihres Programmes gegeben und es ist bekannt, daß die Vereinigten Swat'n viel schärfer als früher den Standpunkt der Nichlintorbeniion in den Krisen Europas betonen. Der Amtsantritt des neuen Präsidenten am 4. März ist nichts mehr als ein formeller Akt. Seine politischen Anschauungen wirken heute schon, wie der Austritt Amerikas au) dem Obersten Rat und feine schroffe Ablehnung aller französischen Okkupationspläne in Deutschland beweis?«. Harding will die Ratifizierung des Versailler Vertrages verweigern lund den Friedenszustand mit Deutschland und Oester, reich via facti Eintreten lassen. Es wäre also jetzt der psychologische Moment, mit den künftigen Leitern der amerikanischen Politik, die man ja schon kennt, in Verbindung zu treten und. noch ehe sie.sich durch Amtsübernahme gebunden haben, ihnen die Schwierigkeiten Oesterreichs durch einen geschickten und sachverständigen Mann anseinandersetzen zu fassen. Es wäre vielleicht möglich, die nach vielen Millionen von Dollar zählenden österre'chischen Guthaben, die. noch zur Zeit der Neutral'tät Amerikas zum Anka.tf von Rohstoffen «ach dem Kriege hinterlegt wroden waren, freiznbe« kommen, wofür in Amerika Geneigtheit besteht. Dies würde Österreich als guten und vollwertigen Konsumenten auf dem amerikanischen Markt' erscheinen lassen. Die Frage des Anschlusses an Deutschland mit dieser Angelegenheit zu'verquicken, scheint total verfehlt. Es ist für Amerika höchst gleichgültig, ob Oesterreich, das an Bevölkerung:zahl noch hinter Groß- New-Dork zurücksteht, sich an Deutschland oder an irgendeine andere Staatengruppe anschließt. Amerika denkt politisch in Weltteilen und daß Deu-schland durch den Anschluß von sieben Millionen verhungerter Menschen so gestärkt würde, daß es vielleicht einmal als Gegner Frankreichs zu einer aussichtsreichen Revancheossensive schreiten könnte, wird sich kein Amerikaner einreden lassen. Solche Gedanken hegt" nur ein sranzöi'scher General oder ein alldeutscher Phantast, der da meint, daß man noch einmal das deutsche Volk irr einen Krieg hineinheizen könnte. Wer würde denn nach fünf Jahren Weltkrieg einrücken? Die Person Dr. Redlichs ist uns von unserem jüdischen Standpunkt aus sicherlich nicht sehr sympathisch und wir wehren uns immer dagegen, daß Männer jüdischer Abkunft, wenn sie mit dem Judentum gebrochen haben, exponierte Posten beziehen, weil ihre Fehler oder die Fehler des Systems, das sie vertreten, von dem gehirnfaulen Pöbel dem ganzen Judentum zur Last gelegt werden. In diesem besonderen Fall aber, von dem wir hier sprechen, ist es doppelt gut, daß Herr Redl'ch nicht nach Washington fährt.. Die vereinigten Antisemiten, ob christlichsozialer, groß^entscher oder sozialdemokratischer Richtung, sollen nicht beim Judentum Anleihen machen, sie sollen, wenn sie schon das Judentum als Wuchererbande oder, volksfeindliche Gemeinschaft bekämpfen, hübsch bei der Stange bleiben. Sie sollen ihre Talente glänzen lassen. Dr. Redlich besitzt trotz seiner Taufe ein jüdisches Gehirn und wir wollen ihm Sachkenntnis und diplomatische Gewandtheit nicht abstreiten, obzwar für uns bei fax Wertung eines Mannes auch die ethische Verwerflichkeit der Tauslüge vor allem entscheidet. Wenn diejenigen, die Oesterreich in den Krieg getrieben haben, di? die Monarchie ruiniert haben und jetzt an der Zerstörung deß lebten Nestes einträchtig Zusammenwirken — wenn diejenigen nicht mehr weiterwissen, bann mögen' sie in das Reservoir ihrer zutode getroffenen eigenen Ration greifen und sich von dort die Intelligenzen dre jie brauchen. Der große KonzerthanSsaal hat WM selten eine - solche Menge von Menschen gesehen. Bis auf das letzte Plätzchen ist der Saal gefüllt; auf der Estrade bekannte Männer der Wissenschaft und alle warten mit Spannung auf den Verkünder der neuen Wahrheit. Da tritt er. ein wenig schüchtern. ein. Daß er Gelehrter ist. siebt map seinem Aenßeren gar nicht an. Er macht vielmehr den Eindruck eines Künstle' s oder Dichters. Aber seine jüdische Abstammung verleugnet auch sein Aeutzeres nicht. Mit einer gewissen Schüchternheit. die ibn während des ganzen Vortrages nicht verläßt. fragt er erst, ob er gut gehört werde. Dann beginnt er seine Ausführungen. > 2*<mm rmd Seit. Einleitend erklärt er das Interesse, da? die weite/ten Kreise dem VortnagSgegcnstand entgegenbringen, damit, daß es sich um Begriffe handle, die auch im gewöhnlichen Leben eiu» Rolle svi"len. nämlich Raum und Zeit. Was ist Ranm und Zeit? Es ist dasjenige, was übrigbleibt. wenn man aus unserer Welt alle Gegenstände entfernt. Mit dieser Antwort haben wir uns zufriedengegeben und glaubten damit einem Sinn verbinden zu können. Aber während uns die Relativität der Ortsbestimmung geläufig war. mußten wir bislwr an den absoluten Charakter der Zeit glauben, Wenn ich zweimal auf den Tisch klopfe, so habe ich-zwei Ereignisse.an demselben Orte, aber zu verschiedenen Zeiten. Wenn ich aber bedenke, daß sich die Erde inzwischen im Raume wekterbewegt bat. so kann ich nicht mehr von demselben Ört Lberhanpt sprechen, sondern von demselben, Ort in bezug auf das Zimmer. Zur Ortsbestimmung benötige ich also einen BezugSkörPer. Daß. uns dies im gewöhnlichen Leben nicht zum Dewußtiem kommt, rübri davon ber. daß wir gewohnt find, alle Ortsangaben auf unsere Erde zu beziehen. Wenn wir aber von zwei an verschiedenen Orten, aber zu gleicher Zeit stattsindenden ^retöniffen | sprechen, io glauben wir damit einen ganz bestimmten Sinn verbinden zu können. Aber die llnterfnchnngen auf dem Gebiet der Elektrizität und des Lichtes haben die Wissenschaft in die Zwangslage gebracht, an diesem Sinn zweifeln zu müssen. Es besteht nämlich das Gesetz der konstanten Ausbreitung des Lichtes km leeren Ranm, das heißt, das Licht bewegt sich im leeren Raum 'mit einer Geschwindigkeit von 800.000 Kilometern in der Sekunde, ohne Rücksicht darauf, ob und mit welcher Geschwindigkeit sich der lichtauSsendende Körper bewegt. Um diese feststehende Tatsache zu erklären, müßten die Physiker einen rußenden Stoff, den „Aetber". annehmen, den sie aber auf keine Weise Nachweisen konnten. Tiefes Gesetz der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit steht nun in Widerspruch zu dem von der klassischen Mechanik ausgestellten „Relativitätsprinzip", das durch die Erfahrung auch bestätigt wird. Inland. Der Preisabbau. Die Enquete über den Preisabbau dauert nun schon den vierten Tai an, ohne daß sie etwas anderes gebracht hätte. alS neben der Demaqogis der' Straßenredner ein Vorbeireden aller Experten aneinander. Es werden sicherlich verständige Worte gesprochen, aber es gehtso wie bei allen Enqueten, die in solchen Zellen tag?n: 2llle Reben .stehen unter dem lähmenden Eindruck der Rot und «De leiden unter ber Empfindung, daß das Fenster of'ensteht. In solcher Stimmung fallen'Wor^e, wie dze vom Aushängen der Schieber, und das' Unglück, das sie anrichten können, 'kommt niemandes» zum Bewußtsein. Immerhin tritt doch eine ziemliche Einheitlichkeit in der Beurteilung der Schuld unserer Landbevölkerung zutage und weiters d'/ »rkenntnis von der Ueberlastung Oesterreichs durch unproduktive Menschen. , Äüi gestrigen Tage gab Kaminerrat Decker eine gegen die Hängeparole gerichtete Erklärung ab. Der Vertreter der^ Hotelinduktr'e forderte eine Definition des Ausdruckes „Luxus", mit dem heute so viel hcrumgeworfen wirdwo' doch, die meisten- Gegenstände des täglichen Veda fes zum Luxus geworden sind. Kommerzialrat Berl und nach Ihm. Kammerrat Me.ndl bezeichne en die Enquete als Komödie. In der Ablehnung des Friedens von Saint-Germain ist alles einig. Die bevorstehenden Ge andtenernennurrgeri. Wie bte .Politische o r r e j p o n d e n r" zu den in der letzten tf-it awgclaucl ten Mckdungen über du Besetzung von Posten des dip'vmatli ' en Außendienstes et fährt, sind b:e Knnd d.nmen des Generllo» uls Ä w i a t k o w s k i für N o m und te Sekl.ouSrateS D i p a u l i Bern als sMehend m bettachuu. Um diesen Widerspruch zwischen zwei allgemein gültigen Naturgesetzen zu lösen, unterwarf Einstein den Begriff der Gleichzeitigkeit einer genauen Analyse. Er fand, daß Ereignisse, die einem „ruhenden" Beobachter als gleichzeitig e Meinen, es nicht auch einem „he-, wegten" erscheinen müssen. Einstein führt zur Erklärung folgendes Beispiel an: Ein Schiff fahre gleichförmig längs dem Ufer eines Kanals. Wird vom Hinteren Teil des Schiffes ein Lichtsignal gegeben, so kommt es nach einer bestimmten Zeit am Vorderteil an. Das. Licht bat dann die Länge des Schiffes zurückgelegt. Einem Beobachter am Ufer erscheint die Sache anders; für ihn muß das Licht noch die Strecke zurjicklegpn, die das Schiff während der Zeit her Lichtrvapderung vorwärtsfuhr, wenn ex gleichzeitig mit dem Mann qpr Schiff das Signal sehen soll. Also die Zeit auf bewegten Körpern ist kurzer als auf ruhenden. Ebenso verkürzen sich Längenmaße auf bewegten Körpern von relativ nicht bewegten aus betrachtet. Da die Relativität der Bewegung M, so kann sich der „bewegte" Körper als „ruhend" betrachten und ihm erscheinen dann dis Zeit'und dis Längenmaße d?s anderen kürzer. Mit Hilfe der Relativität der Zeit und der Längenmaße gelang e8 nun Einstein, dem Relativitätsvrinzip der klassischen Mechanik auch für die Lichtgeschwindigkeit Geltung zu verschaffen. Das so verbesserte Prinzip führt den Namen der „speziellen Relativitätstheorie*. Da nun diese nur für gleichförmig-gradlinige Bewegungen gilt, konnte sie wohl nicht befriedigen. Einstein fragte sich, oh die Relativität nicht auch hei den ungleichförmigen Bewegungen gelte. Wenn ein Stern zur Erde fällt, sagen wir. das GravltationS» feld der Erde (die Schwerkraft) verursache seine beschleunigte Bewegung. Kann ich da nicht die Relativität anwendm und sagen, die beschleunigte Bewegung stehe unter denselben Gesetzen wie das Gravitationsfeld? Mittels eines schön erdachten Experiments weist er nun nach, daß dem einen tatsächlich als Gravitationsfeld erscheint, was qin anderer nur als beschleunigte Bewegung sieht. Er' bekommt also aus den Formeln der letzteren die Gleichungen der Gravitation, die den Newtonschen an Genauigkeit überlegen sind. Sie geben eine kleine Störung der Merkur-Bahn ohneweiterS an, waS bisher der klastischen Mechanik nicht gelang. Als ein weiterer Beweis-für die Richtigkeit der Theorie gilt die von Einstein vorausgesagte -und von den Astronomen bestätigte Krümmung der Lichtstrahlen im Gravitationsfeld der Sonne. Im praktischen Leben kann wohl die von Einstein mathematisch nachgewiesene Identität von Materie und Energie zu ungeahnten Umwälzungen führen, wie sie auf dem Gebiet des Geistes nicht schwer vorauszusagen sind. Sam. Auerbach. Hegedüs über seine Wiener Besprechungen. DaS Ungarische Telkgraphen-Korrcsvondwz-Burea» meldet a«8 Wien: Fn'nzmnister HegedüS machte einem Korreivondenten deS Unaarsiche« Tckegraphrn-Korrrspondenz-Buteaus über die Ergebniste der in Wien geiülntfn Verhandlungen solgeyde Mitteilungen: Mit derO e st e r r e i ch i sch -ungarischen B an k dm ,ch gestern de, der Durchberatung der iu Schwebe gebliebenen Fragen bezü 'sich Austausches der Banknoten zu einem völligen Uebereinkommen gelangt. Nur die bezüglich der rückständigen Zinsen der Kastesickeme nut den Liqmdaloien der Notenbank geführten Dcrhandluncen blieben ergebnislos. Es besteht hier eine Differenz von eiwa 7 Millionen Kronen zwischen dem Srandpunkt der Liquidatoren und meinem Standpunkt. Diese Verhandlungen werde ick nicht wntersühren, 'ondern nach meiner Rückkehr jenen Geld nstnuten, die wegen dieser Angelegenheit alS Kreditoren die Ocsterre ckisch-uflganfchr Bank klagen wollen^ ün nmeS Vergleichsangebot stellen. Kleine Rachrichte«. Washington» 13. Männer. (Funkspruch.) In Wladiwostok wurde ein amerikanischer Marineoffizier von einer japanisches Schildwache erschossen. Moskau, 13. Jänner. (Fnnstpruch.) An ber Konferenz der Sozialisten des fernen Ostens nak,..«en 18 Vertreter Japans. 3 Vertreter Korea», 40 Vertreter Chinas und 1 Devtreter FormosaS teil. London». 10. Jänner. (Jüd. Korr.-Dur.) DaS Ehiefrabbinat von England erhielt von der Bülkerbnndur'/on einen von Lord Robert eil gezeichneten Brief, der die bisherigen Leistungen des Völkerbundes aufzälilt 4 uttb , baiB Nabbiuat ersucht, dieselben von der Kanzel den jüdischen Sloiy gregationen zur Kenntnis zu bringe^