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Wiener Morgenzeitung · 1921-01-12 · Heft 705 (12.1.1921) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
3 (1921)
Issue
Heft 705 (12.1.1921)
Date
1921-01-12
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Dezember ausgegeben, bis dahin muhte jeder, dSr Nichts von draußen hereinbekam, sich ohne fölchS behelfen. An Holz und Kohlen wurden täglich zwei Schaufeln per Baracke, also ■ zirka 10 Kilo für 150 Personen, auf 24 Stünden gefaßt. Nur für den Tag, an welchem sich der österreichische Konsul, welcher auf meine Beschwerde an das österreichische' Staatsamt des Aeutzern nach Piliscsaba geschickt worden war, angesagt hatte, wurde ein Körb mit zirka 50 Kilo Kohlen gefaßt. Hinter den Kulissen der Konferenz von Versailles. Der „Publie Lsdger" in Philadelphia organisiert öffentliche Vorträge, um das amerikanische Publikum Vurch die Mitglieder bet amerikanischen Wiedens« dsleßation selbst über die in Versailles geleisteten Arbeiten M informieren. Der amerikanische Delegferts Professor Bo w Man hat letztens bei einem solchen Wttvag von einem heftigen Konflikt zwischen W i l s o n ÄNd Clemeneean berichtet, der beinahe zur Sprengung der Konferenz geführt Hätte. Clemenceau forderte für Frankreich das link« Rheinufer, was die Annexion Von fünf Millionen Deutschen bedeutet hätte. Wilson widersetzte sich heftig. Plötzlich sprang der /,Tiger" aüf und schleuderte Wilson den Vorwurf ^Deutschenfreund" ins Gesicht, worauf er den Saal verließ und die Türe hinter sich zufchlug. Wilson versammelt« am selben Abend die amerikanische Delegation, berichtet« ihr den Vorfall und erklärte, et wisse nicht, ob er Clemeneeau jemals Wiedersehen und ob die Konferenz eine Fortsetzung finden werde; er habe aber Clemenöeau offen erklärt, ft werde keine Ungerechtigkeit gegen Deutschland dulden und man müsse gemeinsam einen Ausweg suchen, um Weder Frankreich noch Deutschland unrecht zu tUU. Die Krise in England. In den „Daily NewS" gibt Walter Meakin eine interessante Statistik über den Handel zwischen England und den Ländern von Mittel- und Osteuropa. Für das Jahr 1913 berechnet er den Wert der Ausfuhr von Lebensmitteln, Rohstoffen und ganz oder teilweiseverarbeiteten Waren nach Aeütschlanb auf 40,977.000, nach Rußland auf 18,102.000, nach Oesterreich-Ungarn auf 4,480.000, nach Rumänien auf 1,947.000, im ganzen also auf 66,206.000 Pfund Sterling. Dazu kommen noch ausländische Waren und Kolonialwaren, an denen die englische Ausfuhr beteiligt war, mit im ganzen 30,712.000 Pfund Sterling. Da Meakin die entsprechenden ZahM für!M FM 1920, aus denen har Rückgang des Handels ersichtlich wäre, noch nicht zur Verfügung stehen, zieht er die auf elf Monate berechneten Ziffern einiger wichtiger Yxportindustrion zum Vergleich heran, tun 3» zeigen, wie sehr der Handel durch die verminderte Kaufkraft der besiegten Länder zurückgegangen ist. So bezog Rußland 1913 beispielsweise 13.800 Tonnen Textilmaschinen, Deutschland 12.700: heute sind die Ziffern 97 und 31 Tonnen, während die Ziffern für archere europäische Länder von 20.398 auf 7535 Tonnen gefallen sin/). Meakin schließt, daß Lebensmittelpreise und Fabrikationskosten in England sich so lange auf ihrer gegenwärtigen^ Höhe halten werden, bis die Erzeugung und der Verkauf dieser Waren wieder normal funktionieren. „Die Arbeitslosigkeit ist verursacht durch die Unfähigkeit dieser von Armut betroffenen Länder, unsere Güter zu kaufen,'Und die Kosten« h« Lebenshaltung bleiben auf einem hohen Stand und trage« so dazu bei» das Elend unserer Arbeitslosen zu vergrößern."; Der Fall Ford. Eine Tatsache, welch« dt« schärfste Aufmerksamkeit der jüdischen Welt erfordert, ist das Umsichgreifen des Antisemitismus in denjenigen Ländern, die bisher von ihm am wenigsten verseucht schienen und die sich am besonnensten und vormteilsfreiesten mit dem jüdischen Problem befaßten. England darf sich bereits rühmen, in der „Mo r.ning Post" «ln« große Tageszeitung zu besitzen, zu deren politischen Grundtendenzen der Antisemitismus gehört. In Amerika ist ein besonders bemerkenswertes Faktum dis von uns bereits gemeldet« antisemitische Agitation dsS bekannten Automobilfabrikanien Fo rd, der begonnen hat, feine überaus großen Mittel in den Dienst der antizionistifchen Propaganda zu stellen. Herr Ford, der als Gefch-iftsmann und F^briksorganisator zwe'felloS Außevord.nfe siche» geleitet hat, und der gerade dadurch auf den amerikanischen Durchschnittsbürger besonders stark wirkt, vM jeher £*$ AMich SmrK das. MsgreisLn von Modeftrömungen feinen Namen populär zu halten. Im Kriege war es der Pazifismus.^ DaS Fordfche ,.Friedensschiff" umgab den Nanfeu. dieses Mannes mit einer Gloriole, die seinem Charakter' sicherlich nicht gebührt. Theodor Roosevelt hat bereits damals ihn gut durchschaut. „.Henry Ford ist-" so schrieb er, ,-wie Barnum, : ein großer REameheld. Ich 'will -nicht gerade sagen, baß sein „Friedeyssch'.ff". ein reiner Reklamerummel war. sch will sogar annehmen, daß diese Reis« ernst gtzmeini war. Aber ich glaube, daß mit seiner Philanthropie imMev ein gut Teil Geschäft'verbunden ist. Ford hat große Fähigkeiten, gut« und billige Automobile herzUstellett, l auch seine sozialen Leistungensind bedeutend. Leider beschrankt er sich hierauf nicht, sondern er möchte Magister mundi werden. Vom wahren Geiste des Amerikanismus versteht er'nicht». Er ist ' absolut unwissend, aber da et so erfolgreich im Äutömobilwesen gearbeitet hat, glauben viele Menschen, die ebenso unwissend sind wie er, er verstehe alles, und gestatten. ihm Einfluß auf solche Dinge, von denen er nichts versteht." Nach dem Pazifismus ist es der Antisemitismus, der Henry Fords Namen neu popularisieren soll. Ford weiß, daß das weitere Zuströmen jüdischer Einwanderer eine schlechte Stimmung gegen de Juden macht, zumal in der augenblicklichen Zeit der schweren Krise und Depression, di« Amerika durchlebt. In seiner Zeitung „Dearborn Independent" und in der Zeitschrift „Ford International Weekly" läßt er eine skrrrpellose Propaganda treiben,. die eine fatale Aehnlichkeit Mit den Argumenten der antisemitischen P.esse Deutschlands und Polens aufrveist. Das- Judenproblem wird als die Frage Amerikas bezeichnet, und die Juden als eine Weltgefahr. Alle die alten Ladeichüter tauchen auf, natürlich auch das „Protokoll der Weifen Yen Z'on" und die Identifizierung von Judentum und Bolschewismus. Die Zuverlässigkeit eines Juden bei Zeugenaussagen wird beztveifelt, die Absichten der Juden in , Paliistina verdächtigt, die Person H erbert S a m ue ls beschimpft. Es kann nicht ausbleiben, daß diese mit großen Mitteln unterstützte Propaganda vergis end wirkt. Die jüdische Presse Nordamerikas wehrt sich in erregten Artikeln und sämtliche jüdischen Organisationen haben sich zu einer abwehrenden Erklärung zusammengetan, die in der allgemeinen Presse im allgemeinen gute Aufnahme gefunden hat. Dennoch verdient der Vorgang, daß in Amerika von populärer Seite «ine systematische Judenhetze eingesetzt hat, ernsteste Beachtung. Nirgends und niemals kann sich das jüdische Volk zwischen den anderen Völkern in völliger Sicherheit wiegen.;. ... ■ E. M. Rußland sucht Spezisiisten. Eine amtliche Kundmachung der-Moskauer Reg'erung teilt mit: Zur Unterstützung unserer Industrie ist eine intensive Vorbereitung zur Aufnahme von Speialifien aus Deutschland in die Wege geleitet. Es wird eabsichiigt, aus Deutschland 5000 Spezialisten anzufordern, davon 4000 für die Metallindustrie, 300 für das Volkskommissariat für Gesundheitswesen. Um für die Abteilungen der Wi rtjchaftsräte vorbildlich« Musterkammern im Bezirk von Moskau zu organisieren, sind 200 Mann angefordert. Aus Amerika werden außer den bereits angekommenen 1BÖ Emigranten, von denen die Mehrzahl bereits cut der Arbeit ist, weitere größere Transporte erwartet, für welche eine Unterkunft für 4000 bereitgestellt ist. Aus den vorher Angekommenen ist eine Gruppe von 150 Bergarbeitern für das Donez-Becken zusammengesfellt worden. Es 'ist eine Gruppe von- Spezialisten für das Motorwesen im Bergbau aufgestellt worden, in welche die Arbeiter der berühmten amerikanischen Automobilfabrik Ford Eingang gesunden haben.. ^_ Die Tätigkeit der Oedrnburger Ententrmisfio«. Die ungarischen Blätter bemühen sich, in Oldenburger- Briefen und Interviews nachzuweisen, daß die Bevölkerung des Burgenlandes nichts sehnlicher wünsche, als bei Horthy-Ungarn zu bleiben. Von besonderem Interesse ist eine Unterredung, die der Mitarbeiter des „Az Est" mit dem ungarischen Delegierten bei der Oedenburger Ententemission, Baron Villanyi,. weiches auch als Verbindungsbeamter zwischen der Entente« Mission und den Oedenburger Behörden dient, hatte. Baron Villanyi erklärt zunächst, da die Ententemission in Oedenburg seinerzeit über Ansuchen der unganschen Regierung eingesetzt wurde, um auf diese Weife den Beweis zu erbringen, daß es inr Purgenland keinen Weißen Terror gebe. (Daß der Weiße Terror mit dem Einzug der Ententemission aufgehört habe, wäre begreiflich, ist aber unwahr. Die Klagen der Bevölkerung bezeugen dies. Red.) Die Ententemission besteht gegenwärtig ans folgenden Mitgliedern: Dem französischen Kapitän de R a d o m, dem englischen Kapitän C u u d r y White und dem italienischen Oberstleutnant Josef I o a l d i, sämtlich Generalstabsoffiziere. Der Mission sind zwei österreichische und zwei ungarische Delegierte zugeteilt. Der ungarischen Delegation gehören Baron Villanyi und der Oedenburger Bürgermeister Michael Turner an. die österreichische Regierung hat die Herren Stephan Neugebauer und Engen Hauschield delegiert. Letzterer wurde jetzt abkommandiert und provisorisch mit der Leitung des österreichischen Konsulats in Warschau 6eh:cu.tts Aje EntentemMon goi feine tzMtfz. IMner I8zr * Seite' * rl" " ' ' .. tischen Aufgaben. Die österreichischen Delegwrten vsr! sehen keinerlei amtliche Agenden und sind^ wie sie selbst sich nennen, bloß Experten. Die österreichischen Tele>i gierten benehmen sich sehr reserviert und auch gegen das Verhalten der Bevölkerung ist keine Klage laut, ge^ worden. Es ist wohl wahr,, daß sie bei ihrer seines zeitigen Ankunft insultiert wurden (wofür drq magyarische Propaganda verantwortlich ist. Red.), doch haben sie dafür von der ungarischen Regierung vollste Genugtuung erhalten. Baron Villanyi sei damals persönlich im Auftrag der ungarischen Regierung bei deu österreichischen Delegierten-erschienen und habe sein 9^ dauern über den Vorfall ausgesprochen. Seit damals habe sich kein nennenswerter Vorfall ereignet. Baron Villanyi behauptet ferner, daß die. Agitation wegen Ab-< trennung des Burtzenlandes nur von Individuen ge^ führt werde, die Nus irgendeinem Grunde das Burgen?! land verlassen müssen und nun bei einem allgemeinen Umsturz zurückkehren, '-möchten. Die Bevölkerung ab«? deNke.nicht daran, ihr Schicksal an dasjenige einer politischen Lerche, welche Oesterreich heute dar-! stellt, zu fesseln. Im übrigen wird noch der Versuch gemacht, nachzuweisen, daß das ganze Gebiet in bezug auf die Ernährung passiv sei, so daß die Oesterreicher durch den Anschluß nichts gewinnen würden. ES wäre; leicht nachzuweisen gewesen, daß das Gebiet WestungaimS sich selbst nicht versorgen kann, wenn wir probeweise die Demarkatiönsgrenze für einige Zeit geschlossen hätten. Dieses drastische Mittel sei nur deshalb nicht angewendetworden, weil die Bevölkerung darunter mw unschuldigerlveise hätte schwer leiden müssen. Verfassungsausschutz. X Der Berfassungsausschuß befaßte sich gesteru-.W der. Regierungsvorlage, betreffend die Stellung des! Vurgenlandes. als selbständiges und gleichberechtigtes Land im Bünde und seine vorläufige Einrichtung, jernen Mit dem Veljtrage mit der tfchecho-slowakischen SRäN Mblik Über die Staatsbürgerschaft^ Und den Mittdpyj Hitsschutz sowitz mit Jmmunitätsangtzlegenhsiten- 7h Im Vordergrund des Interesses stehen naturgemäß in erster Linie die Kreditfragett und so erscheint es be^ greiflich, wenn diese vielfach die Diskussion iü ErörterUÜgen dev PärteifühveL beherrschen. . Zür Peschteunigüng bet KreditverhandtünM W Dl:. JosSf Redlich Mit einem Mandat sämtlicher PaA feien nach Amerika gesendet werden.. Er soll insbesonyW <M den .Präsidenten Harb ing herantreten. - Enquete über den Preisa-ban. Die Enquete über den 'Preisabbau wurde gesfexst fortgesetzt. Die von der Negierung vorgelegte - Ber^ , .handlungsordnuttg umfaßt nachstehende Punkte: 1'. tUw zulänglichkeit der eigenen Erzeugung im JnlaM 2. Entwertung des Geldes, 3. Hindernisse der . Hebung des Gütermangels durch Einfuhr, 4. Derteilungsschwierigkeifen Und ihre Behebung, 5. Be^ kämpfung und Hintanhaltung schädlicher Auswüchse In. der Debatte erklärt R u z i c k a (HaUPtver^ trauensmann des Südbahnpersvnals), die Regierung habe auf Grund der' Ausführungen der Redner vor« gestern ein Programm festgesetzt. Das ist,aber nicht' das, was gestern verlangt wurde; gemeint war, öyH die Regierung uns dezidiert erklärt, was sie Vorzug kehren gedenkt, um diö Auswüchse der De.ueruNg M vekämpfen. Wenn sie aber zum Beispiel glaubt, durch die Einstellung der staatlichen Zuschüsse Lohnbewegung gen hin'anh-alLen zu können,- irrt sie sich sehr, weil dag durch die Lebensmittel nicht verbilligt, sondern für den! Konsumenfen selbstverständlich verfeuert werden. .! ' Der Vorschlag des Dr. S m o l ö, auf Grund dW vorgelegfen Programms zu verhandeln, wird angenommen und auf Antrag, der Abg. Emmy Freund-g lich beschlossen, auch die erste Gruppe punktweise zu! verhandeln. j Frau Freund-Marens: Immer wieder tvird! nur auf die Schleichhandelswaren in den städtischepj Kaffeehäusern hingewiesen, niemals aber darauf^ daß es Hunderttausend« und Millionen Oesferreicheri gibt, die weder während des Krieges noch während derj sogenannten Friedensperiode genießbares Btöt' essen konnten. Wir verlangen die schleunigste Errichtüng bsü! Konsumentenkammern und eines Reichs- Und' Land-j Wirtschaftsamtes, in d«U«n 'KvUfümenfen Mit.Hxp^ buzenten und gegeöeMfälks Mit .den tzändNtr W Berhandlungeu über neue PreisMstellungeu zusaMmW. treten können. Di'ektor Franz Zehetbauer (Reichsw'rtschästs^ bund der FestangöstellLen): Das DuNdesMinisteriüUü! für Land- und Forstwirtschaft arbeitet vköl zu langfaUU und kühlt sich gar nicht dazu berufen,, für die Kon-«! ftnnenten tätig -u fein. Sein dlpparat ist ahfosut UttM länglich, die Methode, die (andwirtschaftkiche Prod'ü^ tion durch Anreizpreife zu heben, wav völlig verfehlt und hat uns auch schon vor der Devalvierüng da« Valuta die VreissteigerunLen gebracht. Unter aEseuj Umständen muß^bie volle Eriastun.a dev Hrö-« d uktio n und die Feststellung der ProduktionsmögliD keit kür die betreffende Vodenlaae aekordert werdend Dcr'enige. der die mögliche Produktion nicht erziel^ ' mnß der Griamtheit des Volkes verantwortlich gemachH werden. Das wäre di« erste Phase de» ProbukrioriK-« Zwanges. Wenn der Betreffende nicht produziert, wär^ sein Land demjenigen zu überweisen,, dqw -ur Pwduß« . tion EU bkE iK. ' '4

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