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Wiener Morgenzeitung · 1921-01-12 · Heft 705 (12.1.1921) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
3 (1921)
Issue
Heft 705 (12.1.1921)
Date
1921-01-12
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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6>itt r _StW. Mittwoch_ Professor Einstein in Wien. ' Professor Albert ($ in ft ein, der jüdische Gelehrte, dessen Name gegenwärtig in aller Munde ist, dessen Theorien die gesamte europäische Glehrtenwelt in Auf-, regung versetzen und den Gegenstand der angeregtesten wissenschaftlichen Auseinandersetzungen bilden, weilt seit einigen Tagen als Gast der Chemisch-physikalischen Gesellschaft in Wien. Die Nachricht von der Ankunft des berühmten Gastes hat natürlich im Kreise. der engeren Interessenten wie unter dem großen Publikum das größte Interesse hervorgerufen und der Dörtrag Einstein, der in der genannten Gesellschaft vor geladenen Gästen stattfand, batte einen für streng nistenschaftliche Vorträge, die eingebende Sachkenntnis voraussetzen, außerordentlich starken Andrang zu verzeichnen. Albert E i n st e i n ist am 14. März 1879 in Ulm geboren. Seine erste Jugend verlebte er in München, wo der Vater eine eltrotechnische Fabrik übernahm und hier empfing der Knabe die ersten physikalischen Anregungen. Aber das behaglich'-bürgerliche Dasein dauerte nicht allzu lange, der Rückgang des Geschäftes zwang die Eltern, nach Mailand zu übersiedeln, und für den 15jährigen Knaben begann eine sorgenvolle Z'ül. Einstein wanderte in die Schweiz ans und bezog.die Kantonsschule in Aarau, wo er bald hervorragende Fähigkeiten in den mathematifch.phvst?alischen Fächern zeigte. Hierauf bezog er die Technische Hochschule in Zürich, wo er Mathematik und Physik studierte. 1902 wurde er Ingenieur am Berner Patentamt., wo er sich in seiner freien Zeit der Wistenschäft widmete. Damals schon entstanden die Keime zur Theorie, die ihn später so berühmt machte. 1909 wurde er außerordentlcher Professor in Zürich. 1911 Ordinarius on der deutschen Universität in Prag, von wo er nach zwei Jahren an das Züricher Polytechnikum berufen wurde. Einge Monate vor Kriegsausbruch wurde er an die preußische Akademie der Wissenschaften nach Berlin berufen und zum Direktor des Kaiser- Wilhelm-Instituts für Physik ernannt. Hier emstand das Werk über die allgemeine Relativitätstheorie. Es ist keineswegs leicht, die kühne Lehre Einsteins, die mit allen bisherigen Gegebenheiten in den Grundfragen des naturwissenschaftlichen Denkens bricht, in populärer Form darznstellen. Uebe'' s«me Lebre ickir-übt Johannes Fischart (..Köpfe der Gegenwart"): ..Wir sind gewöhnt, alles, was uns umgibt, an der Z"it zu mesten. deren Ablauf für einen unabänderlichen, absoluten Maßstab zu betrachten, ein Schema, an dem stch die bunten Perlen des räumlichen Seins aufrriben zu einer Perlenschnur, die wir „Leben" oder „Geschichte" nennen. Diese eine, absolute Zeit, entthront Einstein brüsk. Seine exakte Analyse des Begriffes der G">ichzeitigkeit ergibt, daß jeder bewegte Körver seine eigene Zeit hat. die desto „langsamer" geht, je schneller.der Körper sich bewegt. Die Uhr des Fußgängers gebt schneller als die des Fliegers. Eine Stunde im Kaffeehaus ist kürzer als eine Stunde in der Untergrundbahn, und wir haben kein Recht, zwei verschieden bewegte Uhren miteinander zu vergleichen' nicht die Uhr ir. der Untergrundbahn geht nach, sondern die Zeit des.fahrenden Wagens läuft eben langsamer ab. Bei den geringen Geschwindigkeiten, die in diesen Beispielen auftreten, ist der Unterschied natürlich unendlich klein. Wenn aber ein Körper Lichtgeschwindigkeit (300.000 Kilometer pro Sekunde) bat. so hört seine Zeit überhaupt auf, seine Ubr bleibt stehen. Einstein sagt in seinem Kolleg: „Wenn man einen Menschen mit Lichtgeschwindigkeit von der Erde sortschlenderte und ibn von einem Punkte. an mit derselben Geschwindigkeit zurückkebren läßt, so ist er inzwischen keine Sekunde älter geworden, Und wenn die Zeit der Erde um tausend Jahre weitergelaufen ist. wahrend er unterwegs war." Ganz ähnlich wie mit der Zeit, geht es mit unseren Raummaßen. Auch ihnen wird ihre absolute Gültigkeit genommen. Ein Meterstab ist nur ein Meter lang, so lange er ruht. Fliegt er aber an uns vorbei, so ist er kürzer, und zwar umso kürzer, je schneller er sich bewegt. Die Folgerungen ans diesen Lebren sind revolutionär. Man hat das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Kopernikus hat die ruhende Erde zu einem kreisenden Trabanten gemacht und den kreisenden Himmel ruhen lassen. Er war als Forscher ein Waisenknabe gegen Einstein, der Raum und Zeit ins Wanken bringt. Kopernikus stürzte die absolute Ruhe der Erde, Einstein aber stürzt den Absolutismus überl)aupt. Nichts ist „wirklich", für jeden Beobachter ist das Weltbild ein anderes, aber jeder bat recht. Man mutz den Mut bewundern, eine solche Lehre aufzustellen: die Furchtlosigkeit, mit der Einstein die letzten Konsequenzen aus seinen physikalischen Hypothesen zieht. Aber die eisige Höhe, die er erklommen hat. gewährt eine herrliche Aussicht: Nicht nur ist die Frage nach der Aether« bewegung gegenstandslos geworden, nein, das gesamte Naturgeschehen ist in eine wunderbare Harmonie gebracht. Neue, allgemeine, für alle gleichmäßig bewegten Systeme gültige Gesetze sind gefunden. Gesetze, zu denen die Newtonschen nur eine erste Annäherung öarstellen. Und das ist noch nicht alles. ES ist der erste „spezielle" Teil der Lehre. Die Frage, die Newton unbeantwortet gelassen, ja absichtlich umgangen hat. ist jetzt aufgegriffen: die Frage nach dem Wesen der Schwerkraft, die den Stein zur Erde zieht und die Himmelskörper in ihre Kreisbahnen zwingt. Jeder kennt die Kraft, die Uns unliebsam Ln üür Couveewcmd drückt, wen« hat WienerMorgenzenung_ eilte polnischem Truppe - ansayimlimgen a der deutschen Grenze. Marschau, 11. Jänner. (W. P. Gl Wie miß von arrtoritativar polnischer Seite mitgeteilt wird, entbehren die Meldungen über ar, «blicke polnische Truppeuan ammlunqen in der Nähe d r deut chrn Ost renze jeglicher Begründung. Demgemäß sind auch alle an jene Meldungen geknüpften Kombinationen ganz gegenstandslos. Politische Beratungen in Berlin. Perl?«/ lli Jänner. (Wolfs.) Der Sitzung des Ausschusses für Mswär ige Angelegenheiten wohnten auch der Reichskanzler und der Minister des Aeußern bei. Es wurde der letz:e Notenwechsel mit der Entente und insbesondere die oöerlchlesische Frage erörtert. Die Verband'ung war. vertraulich, jetzoch bestand unter den Parte'en darüber Uebcnünstimmung. daß die gegenwärtigen Verhältnisse in Oberschlesien und das kürzlich vrrt'.s entlichte Abstimmungsreglement sofort nach dem Zusammentritt des Reichstages in der Vollsitzung zum Gegenstände einer yssentlichen Aussprach« gemacht werten sollen. Kein Bolschewik darf nach Italien. M-iland, 11. Jänner. (Schwe'z. Dep.-Agenlur.) Dem „Serolo" zufolge will die i al'enische Regierung nicht zulassen, daß sich irgendein ausländischer extremer Sozialist an dem. i al'enischen sozialistischen Kongreß -am 15. Jänner beteiligt. S'e soll den in Frage kommenden Organen di; Weisung erteilt habe, alle Extremisten zu verhaf en. denen es gelingen sollte, die Grenze zu ül.e.schrei,eU. Eisenbahnzug anfährt. Diese Kraft ist verursacht durch den Geschwindigkeitszuwachs des Zuges. Es war nun Einsteins genialer Gedanke, Gravitation und Beschleunigung direkt gleichznsetzen. Das grandiose Weltbild, das durch' diese Auffassung entsteht, geht weit über menschliches Vorstellungsvermögen. Wir leben nicht in einem dreidimensionalen Raum, den wir nach Länge. Höhe, Breite ausmessen können, und in dem zeitliche Aenderungen vor sich gehen, sondern die Welt ist ein vierdimensionales Gebilde, .dessen gleichberechtigte Dimensionen. Länge, Br«ite, Höhe, Zeit heißen. In diesem Raum ist jedes EreigrüseirmPunkt, die Geschichte, eines Stückchens Materie eine Linie. Wo aber große Anhäufungen vdn Materie' sind, da tritt Beschleunigung auf. Das stellt sich so dar, daß der Raum dort „verkrümmt" ist, wie etwa eine Fläche sattel- oder kugelförmig gekrümmt sein kann. In diesen Gebieten gilt unsere alte Schulgeometrie nicht mehr. Die Winkelsumme im Dreieck ist nicht Mehr zwei Rechte, es gibt leine Ebenen mehr, gerade Linien sind krumm und so roeiter. Auch die geradlinigen Lichtstrahlen werden gekrümmt. Das Licht eines Sterns, das dicht an der großen Sonnenmasse vorübergegangen ist, muß daher eine Ablenkung erfahren. Das ist die richtige Beobachtung von Professor Eddiygton bei der Sonnenfinsternis vom 29. Mai 1920, die die endgültige Bestätigung der gabzen Theorie brachte. Auch die Körper in solchen Gebieten werden „verbogen", ohne daß aber der darauf befindliche Beobachter das merkt, weil er eben mitverbogen wird." In der Frage dieser gründstürzenden Theorien mag noch nicht das letzte Wort gesprochen sein. Aber es ist sicher, daß sie das bedeutendste wissenschaftliche Ereignis der letzten Epoche darstellen und geeignet sind, in Naturwissenschaft wie Philosophie eine völlige Revolution hervorzubringen und dem Forscher durchaus neue Wege zu weisen. Einsteins kompromißlose und auf das Ganze gerichtete Art zeigt sich auch in seiner Stellung zur Judenfrage. Einstein bekennt sich stolz zu seiner jüdischen Abkunft und den besten Beweis für seine aufrechte und geschlossene Persönlichkeit bietet das in erfrischender. schlichter Aufrichtigkeit, gehaltene — unseren Lesern bekannte — Schreiben, in welchem er von der assimilatorischen Leisetreterei des „ZentralvereinS der deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens" abrückte. Einstein bringt auch den Bestrebungen für den Aufbau des jüdischen Palästina ein warmes Interesse entgegen. Er hat seine Förderung der künftigen jüdischen Universität in Jerusalem in Aussicht gestellt und gehört dem Berliner Komitee zur Errichtung der künftigen Universitätsbibliothek für Palästina an. Sein von der „Urania" veranstalteter allgemein zugänglicher Vortrag. der morgen im großen Saale des Konzerthauses stattfindet, bedeutet ein Ereignis für hie wissenschaftlich interessierten Kreise Wiens. Einsteins öffentlicher Vortrag. Die .-Urania" teilt mit: Für de« morgen um 7 Uhr im Großen Konzerthanssaal für das allgemeine Publikum stattfindendcn Vortmg Prof. Dr. Einsteins sind die Eintrittskarten vergriffen. —■ Gestern hat Professor Einstein seinen vorgestern begonnenen Vortrag in der Chemisch-physikalischen Gesellschaft zu Ende geführt. Er -sprach über die allgemeine Relativitätstheorie, _12. Jänner 1921 _Nr. 70p Meine Erlebnisse lii Pllisesaba. Bon Cmanuel Nosenstingl. II. Die Bequartierung in Piliscsaba sprich! jeder Sittlichkeit und Hygiene Hohn und ist eine direkt! Kuppelei. Zunächst kommen sämtliche Internierten männliche« nnd weibliche« . Geschlechtes!n die Baracke 6 und müssen dort zwölf Tagt Quarantäne durchmachen, das heißt abwarten, bis sü -gänzlich verlaust sind. Es sind dort zwar drei große Zinuner, doch müssen Männer, Frauen, Mädchen Burschen, Kinder und Greise durcheinander schlafen Strohsäcke waren bis 20. Dezember 1920 für einen Belegraum von dreihundert Personen im ganzen vierzig vorhanden, welche von den am 30.' November. 1920 an« gekommenen 98 Personen besetzt wurden, so daß dü nachfolgenden Transporte auf bloßer Pritsche schlafen mußten. Decken waren bis 27. Dezember 1920 über. Hauptnicht vorhanden. Wenn Herr Lagerdirektoi Dr. Bo ko geglaubt hatte, daß eine jüdische Fr an oder ein jüdisches Mädchen seiner Gelegenheits« macherei zum Opfer fallen wird, hat er sich geirrt..Dü Klosettanlagen entsprechen einem Militärlager, aber nicht einem Lager, m welchem junge Mädchen uni Burschen zusammen untergebrachl. sind. Acht offen« Kabinen, die für alle gemeinsam bestimmt waren, töten jedes Schamgefühl. Tätlich« Mißhandlungen kommen fast täglich vor. Während sich Direktor Doktoi V o k o mehr in administrativen Quälereien gefällt, miß, handelt der Magazineur Geza Zsuppany unter An« maßung eines ihm in dieser Beziehung nicht zukommew den Amtscharakters eines Aufsehers die. Internierte« tätlich. So wurde von ihm am 12. Dezember 1920 ohn« jede Veranlassung ans blyßer Luft Alexander Beguv aus Brest-Litowsk so geschlagen, daß er eine Beule oberhalb des linken Auges erhielt. An demselben Tag, erhielt Benzion Goldner aus Czernowitz eine Ohrfeige, daß ihm einige Zähne' locker wurden. Einige Tage später wurde Abraham Schwarz ohne jede Vev> anlassung durch Fußtritte so mißhandelt, daß er eine halbe Stunde ohnmächtig blieb. Am 23. Dezember 1920 wurde der russische Kriegsgefangene Jakob Brze» zowski von Zsuppany, dem Aufseher Herzog und einem Kameraden des Herzog derart mißhandelt, daß er derzeit noch bettlägerig ist. Ein Internierter, der ihm helfen wollte, Mendel Hassenbein, erhielt vom Direktor Boko nach vorhergegangener tätli^cr^ Handlung durch Zsuppany 21 Tage Einzelhaft mit abwechselnd je einem Fasttag nach, einem Tage Wen und insgesamt vier Stunden Anbinden. Eine grztliche Untersuchung ging der Strafverfügung nicht voraus. Dieselbe Strafe, erhielt auch der schwer mißhandelt« Jakob Brzezowski. Er wurde gleichfalls ohne vorher« gegangene ärztliche Untersuchung in den Arrest abge« führt, und nur dem Umstand, daß der inspizierende Offizier sich weigerte. Kranke im Arrest zu belassen, und ihn zur Marodenvisite schickte, ist es zu danken, daß der zum Krüppel Geschlagene die Strafe nicht auch noch verbüßen mußte. Die Strafe des AnbindenS, verbunden mit einem Tag Einzelarrest, wurde auch der 22jährigen Dora Friedmann aus Lemberg am 2. Jänner d. I. zudiktiert, weil sie einem nach Budapest reisenden Auf. seher 100 Kroney gab, damit er ihr aus ihrer Wohnung in Budapest einige Kleider und Wäsche .mitbrrnge. An demselben Tage wurde der Bürstenmachergehilf« Markus Sattler aus Nawaruska vom Direktor Boko so angcschrien, daß er einen Nervenschock erlitt. Infolge der Aufregungen, die mit dem Aufenthalt im Prlis« csabaer Lager verbunden sind, verfiel auch Frau Vera Kuszanowska aus Warschau am 26. Dezember in ein Nervenfieber. Am 30. Dezember wurde Ludwig Speiser aus Lemberg von Geza Zsuppany so schwer mißhandelt, daß auf seine Hilferufe Direktor Boko selbst aus seinem Zimmer kam und den Speiser für den nächsten Tag zum Rapport bestimmte. Es ist nur der Gendarmerie zu verdanken, daß nicht noch mehr Mißhandlungen und sonstige Uebelstände Vorkommen. Deshalb sucht auch Direktor Boko die Maßnahmen des Gendarmeriekommandos nach Möglichkeit zu vereiteln und die Gendarmerie lediglich zum Postenstehen zu verwenden. Es ist verständlich, daß sich verschiedene Internierte der so wohlwollenden Behandlung des Direktors Boko und seiner Beamten durch die Flucht entzogen. Deshalb Ließ Direktor Boko am 3. Jänner in der Baracke 3, in welcher sich die Hälfte der Internierten, zirka 180 Männer, befanden, bei fast allen Fenstern die Außen laden vernageln, so daß die Barocke verfinstert wurde und sich durch die Klosettanlage ein fürchterlicher Gestank in der Baracke verbreitete. . So streng Direktor Boko gegen die ^nternieftsn ist, so nachsichtig ist er gegen seine Beamten. Man hat niemals etwas davon gehört, daß der Magazineur Zsuppany für seine Uebergriffe auch nur einen Verweis bekommen hatte. Cr wurde im Gegenteil nach icnom Vorfall mit Vrzezöwfky zum Verwalter und Zensor befördert, ohne diesen Dienst bisher allerdings ärWtreten zu. haben. Huch eine ändere Funktion wurde Herrn Magazineur Zsuppany als Belohnung für sein einem richtiggehenden ..Erwachenden Ungarn" entsprechendes Benehmen übertragen, nämlich die ärztliche Untersuchung d e r. F r a ii c n u n d M ä'd- Leu vordem Bade. Di« Ausübung dieses für einen

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