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Wiener Morgenzeitung · 1921-01-08 · Heft 701 (8.1.1921) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
3 (1921)
Issue
Heft 701 (8.1.1921)
Date
1921-01-08
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Sette 2 Wien Samstag Mahr hält sein Parteichef und Freund Kynschak eine olle Begriffe üversieiaende Rede gegen die auf Grund des FriedenSvertwae? nnt Fug und Recht für Oesterreich entscheidenden ..Lsijndon". denen er die für jedermann ar.jjcrcu&cntlicfi klaren Worte zuwirft, man werde sie auf normaler« Wege nicht mehr aus Wien herausbringen. Freche Gewissenlosigkeit '' und brutale Demagogie find noch jederzeit treue Begleiterscheinungen von Politischer und wirtschaftlicher Unfähigkeit gewesen. Daß sich also diese Symptome mit so schöner Gleichzeitigkeit einstellen, liegt an dem System, das an seiner Zielunsicherheit zugrunde geht.' Leider reißt es den Staat mit ins Deröerben. Die Negierung will — es sprechen sehr viele Anzeichen dafür und ihr Schritt bei den Gesandten ist ein solcher — die Flinte ins Korn werfen und davonlaufen. Was dann? Ist die chaotische Anarchie, die dann eintreten muß, beabsichtigt? Sollen dann-'auf dorn Boden Oesterreichs die nationalen Rechnungen zwischen Tschechen, Südflawen und Magyaren ausgetragen werden, während' die Bevölkerung in dem Grauen des entfesselten Bürgerkrieges versinkt? Hofft man dann die Restauration, begleitet und gefolgt von Iudenhetzen, als Retter aus der Not begrüßen zu können? Es geht tatsächlich um Leben und Tod der T-emokratie, um die Bewahrung Mitteleuropas vordem letzten. Die Entente hat es in der Hand, diesen Plan zu vereiteln. Wenn sie schon nicht der Negierung helfen will, so helfe sie dem Volk uni gebe ihm das Vertrauen, das sie seinen Führern verweigert. Das Volk hat Geduld und Selbstdisziplin bewiesen und wird mit seinen Verführern fertig werden, wenn man. ihm mit Arbeit und Kredit hilft. Zur Reise des englischen ÄNuisters Sir Alfred Mond mach Palästina. In einem Interview äußerte Ah Sir Herbert Mond über seine bevorstehende Reise wie folgt: „Die Juden Zentraleuropas streben in ihre Hcimat zurück und. viele von ihnen gehen sogar zu Fuß nach Palästina. Ich erhtsll fortwährend Einladungen von Sir Herbert Sanme!, zu kommen und zu sehen, wieviel pcsi.we Möglichkeiten .in Palästina vorhanden seien und wllvi'l illusorisch sei. Als Vorsitzender des neuen ökonomischen Rates (Economie rouncll), dem unter andere^ viele der vrrmögendfren Juden Britanniens als Mitglieder angehären, möchte ich das Land, vom g e sch ä f f I ichen Standpunkt aus betrachten. Gewisse Sachen müssen bäld gemacht werden. Verkehrsmittel, Häfey, I r r igationswerke und dir Entwicklung der elektrischen Kraft sind eine Lebensnotwendig^ für das Land, Auch der Mangel an Häusern ist sehr groß. Bevor wir aber einen genauen Jmmigralionsplan ausarbellen können, müssen wir große Fonds besitzen. Zu diesem Zwecke haben wir vor einigen Tagen einen Aufruf an die gesamte Judcnjheit veröffentlicht. Was ich verlange, ist, daß die Organisation über genügende finanzielle Mittel verfüge, so daß es möglich sei, wenn nötig, zu jeder. Zeit UM. fünf. Millionen Pfund Sterling zu telegraphieren. Ich glaube, daß das Land drei bis vier Millionen Menschen anstatt , der heutige^ 600.000 Menschen fassen kann. Ich gehe hin, um mir eirx eigene Meinung 5« schaffen. Ich möchte es einmal sehen, daß mit der Fabel von der Feindseligkeit zwischen Juden und Arabern endlich aufgeräumt rverde. Niemand wird von der Wiederbesiedlung größeren Nutzen ziehen. als gerade die Araber. Wenn Palästina ein fruchtbares Agrilulturland wird, so wird es nicht nur ein großer Absatzmarkt für englische Erzeugnisse werden, sondern die jüdischen Kanfleute werden auch die englischen. Erzeugnisse im ganzen Orlens verbreiten. Der „Sunday Expreß" schreibt mit bezug auf die Reise Sir Alfred Monds: Sir Alfred Mond fährt nach Palästina, um sich von der Zukunft des zionistischen Staates zu überzeugen. Er fährt in Begleitung Dr. Weitzmanns, des Begründers der neuen Judäa, und vielleicht' des tüchtigsten, energischesten und stärkten Intellekts, den« diese sonderbare Rasse im Lause vieler Jahre hervorgebracht hat. Writzmann ist der Mann, der Berge aus feittem Wege geräumt, der Mr. Balfour l{: An rk nnung der zioni'llschen Be:t utyi beinahe suggerierte und ihn bewog, diesem Plane den Segen der britischen Regierung zu geben. Äeitzmann findet die Ideen, den Enthusiasnuls und die Triebkraft, Sir Alfred Mond siirdet das Geld. (I. K.-B.) Irlands Homerule. Nach einjähriger Debatte hat das Gesetz über die Regierung Irlands endlich die königlich« Sanktion erhalten. Als im Dezember 1019 der englische Minister«. Präsident den Gesetzentwurf einbracht«, bat er das Unterhaus, sich in seinem Urteil nicht durch die Kampagne extremer Elemente beeinflussen zu lassen. Seit damals hat es in Irland ernste, einem Bürgerkrieg beinahe gleichLommende Unruhen gegeben. Nicht, destowen'gw ist der Entwurf beinahe in der Form, in welcher er eingebracht wurde, Gesetz geworden. Es ist bekannt, daß sich die große Mehrheit der katholischen Iren, besonders in den acke.bautreibenden Bezirken, jeder Einmischung in 'ihre Angelegenheiten seitens des Parlaments von Großbritannien widersetzt. Dagegen wehren die protestantischen Iren in der Jndustciezone im Norden der Insel sich ebenso kräftig gegen die Idee eines irischen Parlaments. .Die beiden Parteien find einanoer fremd, was Ueberli.'ferung, Re.igion und Mentalität anlangt. Die eine Par.ei will das P.V. lanwilt in London n'chr akzeptieren,, die andere lehnt '.ein Parlament in Dublin ad. Wiener Morgenzeitunq S. Jänner 1921** Nr. 7ÖI Das neue Gesetz schafft daher zwei irische Parlamente, eines für den katholischen Süden und eines für den prolcst antischen Norden. Zur Besprechung gemeinsamer Angelegenhei'en w'.rd jedes Parlament zwanzig Delegierte.zu dem emsigen Rate von Irland entsenden. Auf Grund einer Vereinbarung können die beiden Parlament« diesem Rate administrative Befugnisse in jedem Regierungsres.'orL Überträgen. Ferner können sie zu jeder Zeit beschließen, sich zu vereinigen, und bei ihrer Vereinigung werden automatisch weitere Befugnisse dem vereinigten irischen Parlament zuteil werden. C'egnwärtig u d solange die Fe'ndschast zwischen den beiden Teilen des irischen Volkes andauert, werden sie daher jedes für sich separat Gesetze geben. Der Weg zur Bereinigung in jedem beliebigen Augenblick steht ihnen aber offen , und in der Zwischenzeit wird der Rat ein Organ der Zusammenarbeit für alle Angelegenhellen liefern, in deinen von beiden weiten Zusammenarbeit gewünscht wird^ 42 irische Abgeordnete werden auch weiterhin im Zentralparlament in London sitzen, das für aus- .wärtige Angelegenheiten, Verteidigung, Schisfahrt und andere für das Königreich als Gesamtheit wichtige Dinge verantwortlich' bleibt. Andererseits tverdcn die beiden irischen Legislaturen volle Gewalt in Angelegenheit der Selbstverwaltung, des Unterrichtes, des Verkehrswesens und in Arbeiterfragen haben und werden in drei Jahren *auch. die Polizeiangelegenheiten übernehmen. Was die Finanzangelegenheiten an-. langt,-so werden die drei großen Steuern (Einkommensteuer, Verkehrssteuer und Zölle), auf denen die Einnahmen des Vereinigten Königreiches beruhen, auch weiterhin vom Rr'chöparlamrnt vorgeschrieben und von den Reichsbehörden eingehoben werden. Es wird daher zwischen Nord-' und Südirland und zwischen Irland und Gvoßbritannientkeine Zölle geben. Alle übrigen § Steuern werden von den beiden irischen Legislaturen vorgeschrieben und eingehoben werden. Nach Abzug eines Beitrages zu den MichSausgaben, dessen Höhe im Einvernehmen, zwischen Großbritannien und Irland festgesetzt werden wird^ wird der verbleibende Rest für die Erhaltung. der llischen Regierung verwendet werden. Jede der-.beiden Legislaturen zur Bestreitung der ersten - Ausgaben eine Million Pfund Sterling als Geschenk erhalten. __ _ Das Schlchsal der verurteilten Volks- KommissSre. Die Mitteilungen der ungarischen Blätter lassen trotz der starken Striche der Zensur kaum einen Zweifel darüber aufkommen- -atz die ungarische Regierung schließlich doch entschlossen ist, auf einen Austausch der verurteilten zehn Volks komm iss äre gegen die von der Sowjetregierung in Haft genommenen, zum großen Telle der ungarischen Aristokratie angehörenden Kriegsgefangenen eirrzuwilllgem Daß die Verhandlungen zwischen dem Grafen Teleki und T s ch i t s ch e r i n schon bis zu einer Frage eines gegenseitigen Gefangenenaustausches gediehen Md, geht schon daraus hervor, daß mit der Durchführung dieser Aktion von ungarischer Seite der Sektionsrat im Ministerium des Auswärtigen Dr. Michael Jüngerth.ausersehen wurde, welcher in der Frage des Kricgsgefangenenaustausches Sachverständiger ist und auch seinerzeit in Angelegenheit der Kriegsgefangenen mit Litwinow in Kopenhagen Verhandlungen geführt hat. Inzwischen wurden die zehn verurteilten Volkskommissare in das Sammelgefängnis überführt. Zu zweien aneinandergekettet, wurden sie der Direktion des.Sammelgssängnisses überstellt und dort rn Einzelzellen untergebracht- Hier wurden sie alle glatt geschoren, in-Sträfliugskleider gesteckt, photographiert und daktyloskopierll Vom Tage ihrer Ueüerstellung in das Sammelgesangnis wuroen sie auch auf Sträslingskost gesetzt und wie alle anderen Sträflinge nicht mehr nach ihrem Namen, sondern nach Nummern geführt. Die vier zum Tode verurteilten Volkskommissare verbleiben vorläufig im 'Sammelgefängnis. Die übrigen sechs hingegen, lösche zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt sind, kommen in das Szegediner, beziehungsweise Waitzner und Jaszberenyer Zuchthaus, da ihre Verurteilung im Sinne der Verordnung über das beschleunig.« Verfahren rechtskräftig geworden ist. Ungarns Unfähigkeit zur Führung einer ArchenpolMK. 'Eine Ertärnny de» Grafen An Eröffn» Die Zeitschrift „Magyar Külpolitika" enthält einen Artikel des Grafen Andrassy über Ungarn in der Außenpolitik, in welchem der Antot die folgenden, in ungarischen politischen Kreisen vielfach kommentierten Feststellungen macht:' „Ungarn stand noch nie vor so wichtigen Außenpolitischen Aufgaben, deren Lösung unaufschiebbar ist, wie .'jetzt. .Dennoch betrachte ich mit einer gewissen Gleichgültigkeit die Frage, wer gegenwärtig her Minister des Auswärtigen m Ungam ist. Jcy ich gestehe es offen, ich freue mich förmlich, daß ich auf diesem Posten einen wertlosen Unbeholfenen sehe,- denn solange ^Ungarn nicht eine Negierung besitzen wird, welche die Fähigkeiten ' aufbringt, die N e b e n r e g i e r u n g e n. die auf eigene Faust regiercuden Vereine und Verbände zu zügeln, wird dieses Land unfähig bleiben, irgendeine Außenpolitik zu führen. Solange diese Zustände an- I halten, ist der ungarische Außenminister nichts anderes als »ein auf dem Illtar der Anarchie dargebrachte- Opferlamm." Diese offene Aussprache hebt sich wohltuend ab von den bisherigen unklaren und vieldeutigen Enunziationen des Grafen Andrassy. Der Untergang der Juden ln Sowjetrutzland. In der Prager „Jwriiab" dielt am 26. Dezemder ein junger hebräischer Schriftsteller, dci aus der Ukraine geflohen ist, einen Vortrag über das Leben der Juden inSowjetrußlaßd. Wit> entnehmen einem Bericht der „Selbstwehr" folgende Inhaltsangabe des Vortrages: „Es waren Bilder deZ Schreckens, die er entrollte. Ist also nicht alles übertrieben, was die Zeitungen berichten? Nein, es ist' noch vre! schlimmer!' Hunger, Kalte, Krankheit, Tod und Tod... Das Menschenleben hat weniger Wert alß ein Schutz Pulver. EinLand, Wonichtserze u g t wird: kein Brot, keine Schuhe, keine Na. döl..., wo die Produktionskrast der Bevölkerung, de, einzelnen wie der Gemeinschaften, vernichtet ist. Die Lebensfreude, der Wille zum Leben,; alles ist unter der eisernen Hand der Diktatur erloschen. Es gibt keim Kunst, keine Wissenschaft, keine Schöpferkraft. Ein ödes Totenfeld: Blut, Blut, Blut und... Kommissäre. Und wenn es schließlich noch in Zentralrußland >die großen Führer, die paar Idealisten gibt, so herrscht, im übrigen Rußland, insbesondere in Südrußland, ein vollkommenes Chaos. Jede Stadt ein Staat, jeder Kom« Mssär — ein Zar. . Und die Juden? Cs ist furchtbar, zu erfahren, wie wenig man hier vom Untergang der In de u in diesem einst so großen Lande weiß. Kann man heut« noch überhaupt von einer, jüdischen Existenz in Rußland sprechen? Auf der eiyen Seite Sowjetrutzland, wo es keinen Handel, kein Gewerbe, kein« Arbeit, aber auch keine ..Proletarisierung" gibt, (denn der russische Arbeiter hat selbst keine Arbeit) und auf der anderen 'Seite: die —• Ukraine. Haben vielleicht nur Denikin, Petljura Pogrome gemacht? . Auch B udzienny, Grigoriew — die bolschewikischev Generale sie alle haben ihren Marsch mit einem blutigen Streifen von Tausenden und Abertausenden j ü d i s ch e r L e i ch e n gezeichnet. Kann der Jude selbst in Zentralrußland überhaupt ins Darf gehen, wie seine .städtischen Mitbürger? Er-würde sofort erschlagen. Wieviel Zionisten sitzen noch bis jetzt ittt Gefängnis, wel sie ihr Ideal nicht verleugnen, wpllen! Wo sind die einst so zahlreichen hebräischen Schulen? -Dys Hebräische ist so gefährlich wie Konterrevolution, der Zionismus ist mit. Weltimperialismus identisch. So sicht es in Zentralrußland aus." Der Sowjetkongretz. Die „Frankfurter Zeitung" läßt sich aus Stockholm berichten: Der achte allrussische Rätekongreß, her am 22. Dezember seine Verhandlungen begonnen hatte, wurde am 29. Dezember geschlossen. Betrachtet man die Regie der Berichterstattung Über die Verhandlungen als maßgebend für die Gesamtregie, dann muß man zugcben, daß es die Sowjetregierung glänzend verstanden hat, aus dem Kongreß das zu machen, was sie brauchte. Nach den Berichten des Rosta-Bureaus (der offiziellen Agentur — >Ned.) wurden alle Dorschläge der Regierung einstimmig angenommen. Zuerst ließ sie sich ihr« gesamte innere und äußere Politik gutheißen und dann wurde ihre Ksnzessionspvlitik genehmigt und alle Pläne für den wirtschaftlichen Wiederaufbau (Elektrifizierung des Landes, Wiederherstellung der Kohlen- und Eisenindustrie in Südrußland und im Ural, Erhöhung der Landwirtschaftlichen Produktion, Steigerung des Eisenbahnverkehres, Verbesserung der Naphthazufuhr ustv!) angenommen. Die Rosta^Berichte lassen nicht recht erkennen, was die Opposition, zu welcher die Msischewiken und.sogenannten parteilosen Delegierten zählten, an der Politik der Negierung auszusetzen hatten. Man kann nur aus her Tatsache, daß Lenin selbst verschiedene Male das Wort ergriff, um die Opposition als Handlanger der Gegenrevolution abzutrumpfen, den Schluß ziehen, däß ihre Kritik nicht so angenehm empfunden wurde. Gar keine Anhaltspunkte finden fich in den vorliegenden Berichten darüber, ob auch aus der kommunistischen Partei selbst heraus Angriffe erhoben wurden. Jedenfalls scheint der Eindruck richtig zu sein, daß die Sowjetregiecung den ganzen Parteiapparat nach wie vor fest in der Hand hat. Bezeichnend dafür ist die Vornahme der Wahlen des allrussischen Zentralexekutivkomitees, das man gewissermaßen als das bolschewikisch« Parlament ansehen kann. Die Parteileitung, das heißt, di« Regierung, legte eine Liste mit 390 Kandidaten vor und der Kongreß nahm, wie das Rosta-Bureau meldet, diesen Vorschlag eiilstimmig an. Wir möchten dazu bemerken, daß die.Moskauer „Rufs. Union" ziemlich eingehend über die gegen Lenin ger-'chtete Kritik der von Radek und Buchärjn geführten Linken berichtete. Die Kredite für Oesterreich. Die Regelung der österreichischen Kreditsrage ruht derzeit ganz in dc.n Händen der französischen Regierung. Nach dem Bericht, der dem französischen Ministerium des Aeußern vorliegt, wird daö unmittelbare Bedürfnis

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