Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 701 (8.1.1921)
- Date
- 1921-01-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Einzelpreis SB Krone« Einzelpreis Krone VranAmersttonspreise: 13irn: #«m HWwlen ta tet ikpedUI»«, L. «ezirk» Tabov. fnft I bi» X »der nt einer LerslliltitzsteNe «Trafik»: «onarNck. . Kronen no.- vterieljahrllrh „ ISO.— fflit Psstarrsans für Di« «*» » Oesterreich: - tflonaÜUb .. Kronen 50.— , Tlchechs-Slowakei: Monatlich .. Kronen IS.— VtsxteljaNrlich. „ ^S.- i» tschecho-slawalischerWahnMß Ungarn Monatlich .. Krone« SO.— vterteljafirlich ISO.— . ta oagarischer Wähnmg - Jngoflawi«: Monatltch .. Dm« vie«e»iikhrttch * «4.- mm nasaMH Pranumerattons-retisel t'olea: MonatlichMark Vierteljährlich „. 15(M in polnischer Währung Deutschland: > Monatlich. . . Mark 10.4 Frankreich: \ Monatlich . . . AraneS. »n Italien: i Monatlich .. . - Sie» 0.^ NnmLnien: i Monatlich . . »Sei I5.-< Schweiz: u. dar übrige Aurlandi Monatlich ... Francs 2.— Redattion u. Sldministratiov Wteu.2.Bez..Taborftr.I—L Delepdone: 4 »0 X, 4»SI^ ab 0 Uhr abends Nr. 10 -01 Vostfparkasse» tont» 1S0.SAl es . Nr. 701 Wien»' Samstag den 8. Jänner 1821 3. Jahrgang •&SS& Das Schulwesen in Oesterreich nnd die Juden- und Fremdenhetze. st. W i t u. 8 Jäniur. . Wer Fremdländer und gar jüdischer Fremdländer ist und sich oder sein'Kind in eine höhere oder mittlere Schule Oesterreichs einschreiben lassen will, muß dieses frevelhafte Beginnen teuer bezahlen. Er wird als Eindringling barsch behandelt, man fordert von ihin die Vorlage, der'unmöglichsten Dokumente und Neuerte und ir erhält schließlich den Bescheid, daß wegen Ueberfüllung der Unterrichtsanstalten eine Aufnahnie von Ausländern nicht erfolgen könne. Man mutz von sehr zahlungskräftigen Eltern sein und sich höchster Protektion erfreuen, um auf Hintertreppen zum Born österreichischer'Wissenschaft zu gelangen. Als Aushängeschild dieser ebenso dummen als brutalen Äbwehtzbewegnng gegen lernbegierige Ausländer, und vor allem jüdischer Ausländer, dient das Schlagwort von der lleberfüllung der Hoch- und Mittelschulen., In Wirklichkeit sind deutschnationaler Antisemitismus und ' deutschnat'wnoler Fremdenhatz die treibenden Motive. Die Lehrkörper Und die' Studentenschaft sind reaktionär verseucht und lassen rrn 'Schülbetrieb ihren Instinkten freien Lauf, ohne daß es die Regierung für gut befindet, ihnen Einhalt zu gebieten und die Schulen vor reaktionärer Verwilderung Hu bewahren. Während Professoren und Studenten der OeffentlichkM' von der lleberfüllung ' und -der. -VorörnntzunH-cher-„bodenständigen" Elemente durch. Fremdlinder volllameütieren. vollzieht sich - an unseren Schulen ein Prozeß der Verödung. Die nachstehenden Ziffern r^den eine deutliche Sprache und zeigen, was aus dem Österreichischen SchulMsen worden muß, wenn weiterhin die antisemitische Pöbellaune sein Geschick bestimmt. Die-.MolkKerziehung",, das offizielle Organ des Bundesministeriümsfür Unterricht,- bringt statistisches Material iiber die'katastrophale Abnahme der Frequenz der'Mittclschulest. -Im Schuljahr 1918—1919 gab es in der-Republik Oesterreich 34.812 Mittelschüler. Tie Zahl ist aber 1619—1920 auf 34.210 und 1920—1921 aus 30.Mgesunken..- Im Zabre 1920 könnte man bei einer Bevölkerung von '6.067:430 Köpfen in Deutschösterreich 86.312 Knaben-im Alter der Mittelschulreise annehmen. Von ' diesen - sind-nun4832, also 7.3 Prozent, in die Mittelschule'-übergstreten ^darunter 1691, also 2.5 Pro- ^ent, ins-humänfftische Gymnasium). Das heißt.' von je 1000 Zehnjährigen besuchen 927 weiter die Pflichtschnle riNd bloß -73 eine Mittelschule (darunter 25 das Avmnafium). Zieht man in Betracht, daß die- Mittelschulen in . Oesterreich nicht ' nur Vorbereitungsanstalten für akademische Berufe, sondern die einzigen Bildungsstätten sind, die den Anspruch erheben können, eine gewisse höhere Allgemeinhildimg zu vermitteln, so erscheint die Tatsache, daß von 1000 Schülern 927 mit der höheren Bildung überhaupt nicht in Berührung kommen, geradezu erschreckend. Die Besucherzahl der Mittelschulen ist seit 1919- -1920 in einem jähen Niedergang begriffen, die Schülerzobl 8er ersten, Klassen sank von 6690 (im Jahre 1918) auf 4832 (im Jahre 1920). Dazu kommt, daß der , enorme Gehirrtenruckgang, - sich zweifellos, in den Mittelschulen 'erst in , einigen Jahren geltend machen wird. Man ivird unter diesen Verhältnissen im Jahre 192) tm f>Htcn Falle nur mehr mit 26.000 Mittelschülern rechnen können (gegenüber 31.812 im Jahre 1918—1919). Es einsällt davon ein Mittelschüler ans 233 Köpfe der Bevölkerung: das ist also die Bkldungshöbe. die vor zwanzig Jahren Krain oder die Bukowina erreicht hatten. Daß damit auch die Lehrerbernfe bedroht sind, braucht nicht näher ansgeführt zu werden. Angesichts dieser traurigen Tatsache,wird von einer ..Auslese der begabten Schüler" durch die Aufnalimspriisimg i in den Mittelschulen öald keine Rede mehr fein.. Das Nachlassen des Angebots bat s'chog 1920 zur Folge gehabt, daß in stehen Gymnasien UUd Realschulen in Wien überhaupt kein Schüler bei der Aufnahrn^^i-ü^ung zurückgewiesen wurde. . Man ersieht aus diesen Daten, daß man über kurz oder lang w'r>> Schulen schließen und Lehrer ant die St-aße setzen müssen. Mit dem Niedergang de? Mittelschylt-'t iebvs ist selbstverständlich,auch der des ^achschnlbetriebet unvermeidlich verbunden. Unter solchen Ilmi ständen besteht die eiuzig mögliche Rettung in der Heranziehung fremder Lernbegieriger. Ihr Zuzug allein J vinn den a^men Staat in die Laae versetzen, sein alt- * Italiens Kampf gegen die Habsburger. England für die Restauration in Ungarn? Rom, 7. Jänner. (Tel.-Komp.) Die Stellung Italiens aus der Konferenz der alliierten Premierminister ist, wie die „Epoca" bemerkt, keineswegs eine leichte, da die italienische Politik in der deutschen nnd in der Orientfrage mit der französischen nicht übercinstimmt. Sie werde noch schwieriger, da energische Versuche gemacht würden, auch die Frage der Rückkehr König K a r l s nach Budapest aus dieser Konferenz anzuschneiden. In diesem Punkte seien die Ansichten der Verbündeten nicht völlig übereinstimmend. Die ungarischen Royalisten könnten angesichts der ungehinderten Rückkehr König Konstantins glauben, falls König Karl den Vertrag von Trianon anerkenne, eine Macht zu finden, die ihre Wünsche unterstützen würde. Dazu verlautet aus gütuntcrricht''ten politischen Kreisen, Frankreich habe bereits vor Wochen die Verbündeten darüber sondiert und von England keinen direkt abschlägigen Bescheid bezüglich der Restauration der Monarchie in Ungarn erhalten. Jedoch würde es England vorziehen, wenn ein Eingeborener auf den ungarischen Thron käme. Italien jedoch bestehe, darauf, daß die «Möglichkeit, unter den früheren Landern der Habsburgerkrone irgendeine Koalition entstehen zu lassen, ausgeschaltct werde. Kredite für ÄMttÄMrsM.r; Paris, 7. Jänner. Wie das „Petit Journal" aus London meldet, beschäftige man sich daselbst allgemein mit der Frage der KreditbeiHilfe für verschiedene europäische Staaten zur Wiederbelebung der Handelsbeziehnngen mit Großbritannien. Man ist bereit, eine stirianzielle Hilfe bis zur Hohe von 13 Millionen Pfund Sterling zu ^gewähren. Eine Gesellschaft, be. stehend ans Vertretern von -Großbanken und Versicherungsgesellschaften sei in Gründung begriffen, die über ein Kapital von 100 Millionen Pfund Sterling verfügt. des Amerika gegen eine Besetzung RuhrgebieLes. Paris, 7. Jänner. (Wolfs.) „Chicago Tribüne*"^ veröffentlicht ein Kabeltelegramm aus Washington, das den Inhalt des Telegramms der Radio-Agentur über den Standpunkt der amerikanischen Steg'.erung in der Frage einer eventüellen Besetzung des NuhrgebieteS bestätigt. . ' Die Meldung besagt, im Staatsdepartement hege man Verdacht, daß Frankreich das Ruhrgebiet zu besetzen und die Nheinprovinz zu behalten beabsichtigt Es werde erklärt, daß Amerika ein solches Vorgehen . mit aufrichtiger Besorgnis aufnehmen würde. Amerika sei gegen Strafmaßnahmen, wenn, es sch zeige, baß' irgendeine Bestimmung des Friesensvertrages unausführbar sei. _ . Die Atgaer DerhanLlmrgen. * Warschau, 7. Jänner. (Funkspruch.) Bei den Ver- Handlungen in Riga hat die russische Abordnung zu-- gestimmt, daß Rußland an Polen jene Trophäen zurückgebe, die aus den Aufständen Polens gegen daH zarist'sche Rußland stammen. Der Rückstellung der Archivs und Kunstschätzs, die aus P<dlen enttrage«.^ wurden, stimmte die Abordnung jedoch nur unter deSs. Bedingung zu, daß Polen jene Archive und Kunstschätze^ die sich aus Rußland und die Ukraine beziehen, sich^ aber auf polnischem Gebiete befinden, an Rußland abtrete. _ Die. Vorgänge in Wssnien. Seraj wo, 7. Jänner. (Südjlaw. Preßbur.) In ganz Bosnien herrscht Ruhe. Die hiesige Polizei fordert alle Fremden auf, sich innerhalb 48 Stunden zu melde^ widrigenfalls sie aüsgewiesen würden. berühmtes Schulwerk zu erhalten und ansznbauen. In allen Plänen für die Erhaltung Oesterreichs fungiert ja das Lehrzentrnm Wien als wichtiger Posten. Aber was nützt die beste Einsicht, wenn unverantwortliche Hetzer, unbekümmert um das Schicksal Wiens, seiner Schulen und seiner Lehrer, unsere Bildungstätten zum Tummelplatz wüster Ausschreitungen gegen Juden und Ausländer machen dürfen. Es ist höchste Zeit, daß die österreichische Regierung, die freiheitlichen Parteien und ihre Organe endlich .aus ihrer wenig mutigen Reserviertheit heraustreten nnd Lern- und Lehrfreiheit für unsere Hoch- und Mittelschnlen fordern nnd durchsetzen, weil sonst der Verfall unseres Bildungswesens unaufhaltsam wird. Das Debakel. —Y; SB t c IT. s. oätUlil. Dem Memorandum der Staatsangestellten an die Reparationskommission ist vorgestern eine Demarche der Regierung gefolgt-, die den Ententegesandten die Gefahr des Zusammenbruches der Staatswirtschaft für die allernächste Zeit notifizierte. Tie Katastrophe könne nur durch sofortige Auslandskr-edite zum Zwecke der Stützung der Währung vermieden werden. In diesem Schritt der Regierung liegt ihr Eingeständnis, daß sie nicht mehr weiter kann nnd daß alles, was ihre christlichsozialen Redner während ^der Wahlkampagne versprochen haben, nicht eingelöst werden kann. Die Wahldemagogie nri.d Maudatspolitik rächt sich diesmal rascher als sonst und enthüllt so vor aller Welt die vollständige Sterilität dieser Partei, die mit einem den Verhältnissen der Zeit'nicht gewachsenen Programm, aber auch ohne moralischen und materiellen .Kredit die Negierung übernehmen mußte. Daß sie nach kaum zwei Monaten' den Atem verliert, ihre llnzulänglichkeit und Schwäche offen deklarieren muß. mag von ihren Parteihistorikern als ein schönes Beispiel von Mut aufgelobt werden: für die Umwelt ist es ein Bekenntnis der Schuld, ein Werk des.Aufbaues mit Kräften, die der Zerstörung dienten, unternomrnen zu haben. Die Negierung, die aus der christlichsozialen Partei gebildet werden mutzte, hat au) keinem Gebiet der Verwaltung schöpferische und schaffende Slnregungen gegeben. Sie hat ununterbrochen vom Ausland Hilfe gefordert, nach innen aber einstt scharfmacherischen Kampf gegen kleine Leute - geführt^ um ihnen das bißchen Arbeitsfreude noch zu verekelm Sie hat sich unterfangen, auswärtige Politik zu treiben, was ihr mit Naturnotwendigkeit Eche.cs eintrageq mutzte. Hinter ihren sozialdemokratischen Vorgängern^ , die Fehler in Menge begangen haben, stand doch wenigstens die stützende Hoffnung auf die Sympathien der Arbeiter in den. Weststaaten. Die Christlichsoziälen bauten auf die magyarische Reaktion, die heute schon am Ende ihrer politischen Kraft steht und nur mehr in ohnmächtigen Zuckungen jüdisches Leben zertrampelt, jüdische Mithilfe am Staatsbau in wahnsinniger Ueber« Hebung zurückstößt und für alle Zukunft ihrem 1 kulturellen Leben schwere, tiefe Wunden schlägt. Vosi diesem die Verachtung Europas herausfordernden System holen sich unsere Christlichsozialen ihre Ideen und. ein. großer Teil der deutschen Intelligenz und der deutschen- Jugend. dem sonst Weltanschauung, Bildung und-politische Orientierung andere Wege weisen, folgt begierig dieser Methode, alle Welt in Staunen und Mißtrauen zu versetzen. Haben sich unsere Regieruugskreise schon darüber Gedanken gemacht, dqß in die verhältnisurätzig lange Zeit der Erwägungen über die Kredithilfe der Entente der offene,, durch Reden und Erklärungen führsnder Parteimänner sanktionierte Slnschluß an die Jdeenweltder ungarischen' Rückwärtserei gefallen ist? ES ist kein Zweifel, daß hier nicht nur ein zeitlicher, sondern ein ursächlicher Konnex vorliegt, und^ daß jeder Hilfestaat nur mit der schärfsten Vorsicht die Situation Oesterreichs - betrachtete, das durch ^die Ilmtriebe seines infrt» ganten Freundes jederzeit in die unabsehbarsten Aben-! teuer - verwickelt werden konnte. In diese Zeit fällt die G 1 verschärfte Ausweisungspraxis gegen die Kriegsf'ücht- ' :i-ice *ö'MIdvr Art. auf die man alle reellen der j lle-.-.-an-'j.-nen und der -'ciicn Zeit legt, und arirnäer-! maßen zur Bekrästignng der- Demarche de2 KauZ.er^