Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 699 (6.1.1921)
- Date
- 1921-01-06
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Wiener Mor^errzeltuirq 6. Jänner 1921 Nr. 699 Seite 4_Wien, Donnerstag_ Missionen sei den gesamten Komplex der türkischen ftrnflc mit den.?lllHerten direkt zu besprechen, um zu einen-. endgültigen Resultat zu gelangen. Die Kemalisren fordern die Rückgabe von Thrazien und Smyrna sowie die A.iilwbiuig aller Entschädigungsansprüche und Rüstungsbeschränkungen. Tnglands Stellung zu Griecheulan- und den türkischen Nationalisten. London, i. Iännrr. Wrc das Ncuterickie Bmeau rrsäbrt. beabsichtigt di: brituä-e Negieruna nicht, in den osfi', ellrn Bc' iir!iun?en zur »nirchlschcn Regie»una rme Aendenmg ein'relen z» lassen. Die kün'ligen Begehungen werden von der Ha! una ded gr^ech schcn Bol'es abiiüngcn. Was de Behandlungen der Konstanimovler Regelung mit den Kemalistcn anbelangt, so hat England wc ein Inter.sse daran gehabt. Köniq Konstantin geht nach Kleinasien. Athen, 5. Jänner. (Tel. der „Wiener Morgenzeitung".) Nach einer Meldung des „Csperini" beschäftigt sich die Negierung mit dem Plane eine; Besuches des Königs an der kleinafintischen Front. Als Zeitpunkt für diese Reise wird die Woche nach dem griechischen Neu'abrstage augeseht. Bis zu dieser Zeit sollen noch gewisse diplomatische Einzelheiten geregelt werden, da ja die militärischen Operationen Griechenlands in Kleinasien gleichzei.ig auch formell den Charakter einer gemeinsamen Alt'.on der Alliierten haben. Es sei auch bemerkt, daß der griechische Oberkomml-sär in Smyrna Sterg indes den König in einem HuldigungStelegranun nach Smyrna eingeladen hat. Die Veni?eUsten au der Arbeit. Könstaniinopck, 5. Jänner. (Havas.) Major Drag n- M i s, Mitglied der Militärmissirn des Königs Konstantin in der Türkei, ist durch einen Revolverschuß, der von einem Venizelisten auf ihn abgegeben wurde, schwer verwundet worden. Sein Bruder war bei einer anlivenizelistischen Kundgebung in Athen vor einem Jahre getötet worden. Ein Verfahren gegen Venizelos. Basel, 5. Jänner. (Tel.-Komp.) Der „Eorriere della Sera" berichtet aus Athen, daß gegen Venizelos ein Verfahren wegen Verlegung der Verfassung, begangen durch zwei im Jahre 1920 erlassene Dekrete, eingeleitet worden sei. Keine Mobilisierung in Rumänien. Paris, 5. Jänner. (Funkspruch.) Die rumänische Negierung dementiert die Nachricht von einer teilweisen Mobilisierung und von der Militarisierung der Eisenbahner. — Die rumänische Negierung hat die Einwanderung der Krim-Flüchtlinge verboten. Einberufung der südslawischen Konstituante. - Belgrad, 4. Jänner. (Südslaw. Preßbur.) Die Konstituante tritt am 12. Jänner zusammen. Südslawischer Protest gegen die Vudapester Vluturteile. - Laibach, 4. Jänner. lSüdslaw. Preßbur.) Der Vorstand der sozialdemokratischen Partei beschloß, gegen die Durchführung des Urteils an den ehemaligen ungarischen Volkskommissaren zu protestieren. D e sez'aldemokratischen Abgeordneten wurden ausgesoräert, bei der Verhandlung des Fricdcnsvertrages mit Ungarn eine Entsprechende Haltung einzunehmen.- Im Konzert des Wiener jüdischen Gesangst e t c i nc s gelangte eine Reihe jüdischer Volkslieder zur Aufführung. Der Chor, der sich rasch zu einem ansehnlichen Kunstinstrument entwickelt hat, besitzt Jugendfrische und besonders in den Bässen hervortretende Klangfülle und sv'egelt in fein abgetönten Darbietungen die mühevolle Arbeit wider, die Chormeister Professor Leon Erdstein in den Proben geleistet hat Auch die Bearbeitung für gemischten Chor zweier ostjüdischcr Volkslieder sowie eines babylonischen und eines jeministischen Volksliedes nach Resten althebcüischer Musik, die A. Z. Idelsohn in Jerusalem gesammelt hat, stammt von Erdstein und läßt den gediegenen Muiiker erkennen. Das Festhalten an den alten Kirchentonartcn kam den teilweise alten Gesängen viel mehr zustatten als die allzu starke Betonung des Harmonischen, das in den rein einstimmigen Melodien gar nicht vorhanden ist. Nur!cse Beziehungen zu jüdischen» Geist besitzt der 150. Psalnr von Lewandowsti. der in seiner Melodicnbildung, Durchführung und Mehrstimmigkeit viel mehr von deutscher Romantik beeinflußt ist. Tie vortreffliche Aufführung dieses »dankbaren Konzertstückes", das wiederholt werden mußte, bewies, daß der junge Ehor auch schwierigeren Aufgaben gewachsen ist. Oberkantor Hermann M a y? r o w i t s ch, der in seinem Konzerte mit einer leichten Indisposition zu kämpfen schien, besitzt einen in der Höhe und Tiefe - begrenzten, leicht ansprechenden. angenchrnen Tenor und zeigt in seiner reinen Intonation, seinem geschmackvollen Vortrag und seinen kraftvollen Steigerungen Intelligenz uut Musikalität. Reicher Beifall lohnte den Sänger für den Dortrag liturgrschec Gesänge, Standrecht in Bosnien. Sarajewo, 5. Jänner. (Südslaw. Preßbur.) In Tuzla wurde das Slandrccht proklamiert. Im ganzen Lande herrscht Ruhe und Ordnung. Rene Kormmmistenurteile in Ungarn. Budapest, 5. Jänner. (Ung. Tel.-Korr.-Bur.) DaS Strafgericht verkündete heute die Urteile in dem Strafprozeß gegen die kommunistischen Leiter der O e st e r r e i^ch i s ch - u n g a r j s ch c n Bank. Max F a r a g o wurde zu 3 Jahren Zuchthaus und 1500 Kronen Geldstrafe verurteilt. V a r j a s zu 42 Monaten Kerkers und 500 Kronen Geldstrafe, Por zu 1 Ifeafir Kerkers, Kertesz zu 5 Jahren, die verwitwete jferaii Varanyi zu 4 Jahren Kerkers und ihr minderjähriger Sohn Eugen zur Abgabe in eine Besserungsanstalt, Geotg Szamuely zu 4 Jahren Zuchthaus. Ludwig S z a m u e l y zu 1 Jahr Kerkers, R o t b zu zwei Jahren, Nasa Gal zu 6 Monaten Arrests, Blau zu 3 Jahren Kerkers, Mahler zu 6 Monaten Arrests, Frau Lederer zu 6 Monaten. Frau B idn e r zu 4 Monaten Arrests. P a c a r und G o s z t o n y i zu je 1 Jahr Kerkers. Alle Angeklagten sind berechtigt, auf die Amnestie Anspruch zu erheben. Ein EmigraLionsraL bl der polnischen Regierung. Warschau, 3. Jänner. (Jüd. Korr.-Bur.) Die Cnrigrationssrage beschäftigt immer mehr die verschiedenen politischen und ökonomischen Kreise des offiziellen Polen. Zrrr Regelung der Auswanderung aus Polen hat die Regierung einen besonderen Einigrationsrat eingesetzt. dem sechs Sejmdeputierte und Vertreter der interessierten Institutionen angeboren. Doszynskis DernMou anH?nommen. Warschau, 5. Jänner. (Poln. Tel. Agentur.) Das Staatsoberhaupt hat die Demission des stellvertretenden Ministerpräsidenten D a s z y n s k i angenommen. Die T^che^y-Slor^tzei und Dstgaliz^en. Prag. 5. Jänner. Wie die Preßzentrale erfährt, sind alle Berichte üöer die Abtretung Marmaros-Sziget? an die Tichecho-Slowakei vollständig aus der Lust gegriffen. Auch die neuen Nachrichten über die vebernahme des tscheche slcwati'chen Proteltarats über Ostgalizien sind ganz falsch. Die tsrhecho^slowakische Regierung betrachtet die ostgalizische Frage als eine innere Angelegenheit Rußlands und Polens. Keine Besetzung Westrmgarns durch Lschechs-sLowakische Truppen. Pr g. 5. Jänner. Das Tschecho-slowakische. Preßbureau meldet: Einige Blätter brachten die Nachricht, daß Westungarn, das an Oesterreich abgetreten werden soll, aus Weisung der Entente durch tschecho-ssiowakisches Militär besetzt werden soll. Wir sind zu der Erklärung ermächtigt, daß diese Nachricht jeglicher Grundlage entbehrt. Vor einem Streik der Beamten im Ostrauer Revier.! Prag, 5. Jänner. (Tel.-Komp.) Das „Prabo Lidu" i mc[be: aus Mährisch-Ostrau: Die in zwei Fachgruppen vereinigten 4500 Beamten des Ostrauer N.biers haben im Hinblick aus die ablehnende Haltung des Verbandes der Industriellen bezüglich des vorgelegten neuen Rahmenvertrages den Beschluß gefaßt, daß für den Fall der Richtunterferttgung des Vertrages am 10. Jänner 10 Uhr vormittags der Streik der Beamtenschaft proklamiert wird. Präsident Masaryk an den Bundespräsidenten Hainisch. Prag, 5. Jänner. (Tschecho-slow. Preßbur.) Prä-« sident Masaryk sandte dem Präsidenten der Republik Oesterreich Dr. Hainiich. nachstehendes Teleg amm: Ich danke Ihnen ausrichligst für Ihren Glückwunsch, welches Sie mir zum neuen Jahr gesandt haben. Ich beeile, mich, ihn zu erwidern und Sie meines besonderen Interesses zu versichern, das ich für die glückliche Zukunft Ihres Vaterlandes hege. Die Erinnerung an die persönlichen Beziehungen zu Ihnen und zu Ihrer Frau Mutter ist mir sehr wertvoll und ein Grund mefr zur Fö derung der freundschaftlichsten Beziehungen zwischen unseren Staaten. Die englische Arbriterdepntation in 4Zrag. Prag, 8. Jänner. (Privat.) Heute abends trifft in Prag eine sünfzehnglicdrige Delegation der englischen Arbeiterpartei ein, in der sich C. H. T h o m a s, William Adamson, Arthur Henderson und sieben andere Mitglieder des englischen Parlaments befinden. Mit der Delegation kommt auch Albert Mounsbridge, der Gründer der Gesellschaft für Bildung der Arbeiter. Blutige Vorfälle tu Flensburg. Flensburg, 8. Jänner. (Wolfs.) An der gestern erfolgten Beerdigung des von der Polizei auf der Flucht erschossenen Kommunistenführers Hoffmann haben viele Tausende von Arbeitern und Arbeiterinnen teilgenommen. Aus Hamburg und anderen Orten waren viele Kommunisten eingctroffen und c? wurden ar'Freizende Reden an die Menge gehalten. Nach Abhaltung zweier Kommnnistennersammlimgen zager» etwa 400 Personen vor eine Kaserne, um dort einzudringen. Die Polizei verteidigte sich zunächst mit Schreckschüssen. Als gegen 11 Uhr nachts die Menge durch die äußeren Tare der Kaserne eindrang. wurde scharf geschossen, wobei 7 Demonstranten getötet und 22 verwundet wursten. Ein Polizeibeamter wurde gleichfalls verwundet. 40 Personen wurden verhaftet, darunter der Führer der Flensburger Kommunisten. Noch in der Nacht verbreiteten die Mehrheitssozialisten Flugblätter, wonach sie non den Demonstranten abrücken, die Bestrafung der Aufwiegler verlangen und die Arbeiterschaft zur Rückkehr in die Betriebe arrffordern. Dieser Aufforderung ist die Arbeiterschaft heute früh fast restlos nachgekommen. 'Gegenwärtig herrscht in Flensburg wieder Ruhe. Konferenz der jüdischen Farmer in Amerika. New Dort, 23. Dezember. (Jüd. Korr.-Vur.) Unter dein Vorsitz Mr. Louis Marschalls wurde die zwölfte Jahreskonferenz der Föderation der jüdischen Farmer in Amerika eröffnet. Der Vorsitzende wies itt seiner Eröffnungsrede darauf hin, daß man aus der Tatsache, daß Tausende von Juden in den engen Stadtgäßchew zusammengepfercht leben, auf die Abneigung der Juden gegen die Landwirtschaft nicht schließen darf. Dies sei eine Folge des Galuth. Marschall appellierte an die amerikanische Judenfchaft, eine große Armee pon landwirtschaftlichen Arbeitern zu schaffen. Nach einem der Konferenz unterbreiteten Bericht beträgt das Vermögen der jüdischen 10.000 Fariner Amerikas über 15 Millionen Dollar in Immobilien und mehr als 10 Millionen Dollar' in Inventar. die er auch teilweise selbst bearbeitet hat. Die Melodien wiesen vielfach den charakteristischen Wechsel Zwischen Moll¬ und phrygischer Tonart auf, der in der Akkordi? der begleitenden Orgel nicht folgerichtig zum Ausdruck kam. * Es zeigt sich immer wieder, daß daS Problem, zu einer jüdischen Melodie eme stilgerechte Begleitung zu schaffen, noch nicht gelöst ist. Eine ideale Begleitung der Melodie wäre dann erreicht, »venn es gelänge, alles daS, waS an Begleitungsmomenten in einer Melodie liegt, aus ihr herausznhoten, ohne dadurch allzu viel »vesensfcemde Elemente; in die Melodie hincinzutragen. 9hm sind die jüdischen Ge° > sänge, soweit sie sich aus alten Melodien entioickelt haben, j gewiß nicht harmonisch intendiert, da die Harmonie weder > im Altertmn noch im Mittelalter noch im Orient der Gegenwart eine höhere Enttvicklung erreicht hat, vielmehr aus° schließlich in den letzten Jahrhunderten der europäischen Musik Zu einer bereits im Abnehmcn begriffenen Hochblüte gelangt ist. Aus der Kenntnis der alten und außereuropäischen Musik wissen wir. daß es außer der Harmvmk noch manche andere Möglichkeit gibt, die Begleitung einer Melodie ailözugestalten; so vermag die reine Akkordik mit Ausschluß der engen h a r m o n i f d) c n Beziehungen zwischen erster, vierter und fünfter Stufe der Tonart, ohne Berücksichtigung des Verhalnisseö zwischen Dominante-, Sept» akkord und Tomka-Dreiklang, unter Anßerachtlasinng aller harmonischen Funktionen, dem Sänger den wusi.kaii-- schen Rückhalt, der Begleitung die nötige Fülle zu verleihen, ohiie in die Begleitiing harmonische Verwandtschaften hineinzutragen. die m der reinen Melodie (int nicht vor» : banden sind. Wollte man bersilchen, einen japanischen Kunstdruck durch Farben Zu beleben, so dürfte man ihn nicht iw der Farbenpracht Makarts kolorieren, sondern müßte in Kenntnis des japanischen Charakters jene zarten Facbentöne verwenden, die dem Volke im Leben und in der Kunst eigenartig sind; ebenso kann auch eine alte jüdische Melodie nicht dadurch stilgerecht allsgeschöpft werden, daß mar» sie in eine moderne europäische harnronischc Gewandung preßt, soirdern nur da-! durch, daß man alle jene, aber auch nur solche Meckrnale tu | die Begleitung hincinträgt, die der reinen Melodie immanent; sind. Zur gründlichen Erforschung der melodischen Struktur gehören Besitz und Kenntnis eines großen, »nöglichst! alten Melodienmaterials, das vor allem dort gesammelt werden müßte, wo die Juden relativ unbeeinflußt von fremden Kulturen in geschlossenen Siedlungen leben. Die religiöse Musik ist im allgemeinen konservativer als die weltliche Musik und so können wir annchinen, daß sich in der jüdischen Synagogalmusik trotz der ungeheuren Zeiträunte und Länderstrecken, die sie geineinsam . mit dem jüdische»» Volke; zurückgelegt hat, und trotz der unter dem Einfluß vo,r Ort und Zeit unvermeidlichen Verärrdernngen noch alte Musikelementc vorfinden. Wir wißen, daß die liturgischen Texte in den verschiedenen Ländern mit wesentlichen Abweichungen gesungen werden, anders bei den jen»cnitischcn oder persischen Juden, anders in Holland oder bei den Ostjudcn. ES sollte ohne Verzug darangegnrlgen werden, von ei.»ec! Zentralstelle aus die verschiedenen synagogalen LeS- >md Singarten und ebinlso die üußersynagogalen Gesänge, die speziell bei Familienfesten, wie Konfirmationen und Hochzeiten, gesungen werden, in allergrößtem Umfang in den verschiede»»cn Ländern zu sammeln, durch phonographische Aufnahme,., soweit e3 die materiellen Älhttel ermöglichen, zu konservieren und so auch einem späteren Studiuin zugänglich zu l machen. Je umfangreicher und vielfältiger das gesammelte