Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 696 (3.1.1921)
- Date
- 1921-01-03
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 696 Wien, Montag Standpunkt, daß die Luxussteuer eine Vcrkehrssteuer sei, der dieselbe Behandlung zukommt wie der Verzehrungssteuer. Der Verzehrungssteuer aber könne sich niemand entziehen, ob er nun Inländer oder Ausländer ist. Der Zeitvertreib der PeLtzura-Levte. Der Krakauer „Jlustr. Kurjer Eodzftnny" schreibt: „Einige Truppenabteilungen Petljuras, welche vor einigen Wochen die Ostgrenze überschritten hatten, wurden entwaffnet und. in Pikulice bei Przemysl interniert. Sie finden sich dort lustigen Zeitvertreib. Saufgelage und Hasardspiel bilden die Peschäftigng der Offiziere. Vor kurzem schoß bei einer solchen Lusöbarkeit ein Offizier mit einem Revolver, nach einem Obersten, der ihm im Hasardspiel 50.000 Mark abgenommen hatte; die Kugel durchbohrte die rechte. Lunge. Noch viel vornehmer ist der Zeitvertreib der Soldaten. Vor einigen Tagen traf der SoLat Myknietnicki auf einem Feldweg einen Kvsakenoffizier, ermordete ihn in bestialischer Weife und raubte dem Toten Geld, Schmuck und Kleidung. Deu nackten Leichnam lieH er liegen. Der Raubmörder, welcher mit Hilft eines Polizeihundes dingfest gemacht wurde, gestand beim Verhör, daß er noch zwei andere Raubmorde verübt habe." Dies waren also die Leute, die ungestraft Juden morden durften! _ Der Irrdenba««. Zwei Herren, a»f den erste» Blick als Inden kenntlich, steige» in die Tramway ein vnd setze» sich mir gegenüber. Jdr infolge der Schwerhörigkeit des einen recht laares Gcfpräch drel»t sich um Weihnächte». .Wie ,M8di* zufrieden war V -- «Sehr sie habe gesagt, sie sei noch me io reich bncheert worden.* Der andere repliz rrt. man muffe angesichts der großen Teuerung von den einen Weihnachten zu den andere» Angst haben. Der erste »Ich wnßte gar urcht. daß man bei Ihnen zu Ha,sie auch Werhuachlrn leiert. Aber ohne Chr,stbaam;we>ge V Der andere wehrt ab: er verzichtet auf de» Ebrrstbau« nicht. Darauf der. erster «Ich meinte immer. Sw göben wchis auf religiöse Aeußerlichkerten", woraM der andere dem Cchwerhörigrn rnkgegenbrüllr: ,Bei uns \n Hause war Weihnachkr» seit jeher ein gut jüdisches Fest!* Was für ein „bodenständiges* G.'schlecht mag ernst ans diesen reichbeichenkten Siegfrieden und J'olden emvorwachsen, wen» sie nicht inzwischen am .allcinseligmachenden" Ufer gelnndet sind? __ — s. Polnische Waggons „fabriziert". Gin neuer Schwindel. Da die nach Polen fahrenden Waggons nicht mehr znrückgelassen wurden, konnten nur solche Waggons zur Verfrachtung nach Polen verwendet werden, die die Hoheitszeichen des polnischen Staates trugen. Für die Ucberlaffung eines solchen Waggons wurden Beträge bis zu K. 40.000 gezahlt. Nun verfiel vor etwa Monatsrist .der Magazinsverwalter einer hiesigen Speditionsfirma Moritz Mifchnowiher im Vereine mit dem Mchazinsmeister Franz Schwarz auf den Gedanken, polnische Waggon» »ns österreichischen zu fabrizieren. Das sollte in der Weise geschehen, daß die Eigentumszeichen der österreichischen Waggons mit den Hoheitszeichen des polnischen Staates übermalt wurden. Diese bestanden ans dem polnischen Adler, den Buchstaben «P. K. P.*, einer vierstelligen Zahl und dem Namen einer beliebigen polnischen Stadt. Um diese Maskerade auszuführen, wurden eigene Patronen hergestellt. Auf diese Weise wurden, wie die Dahnverwaltung bisher feststellen konnte, zwölf Waggons aus österreichischen in polnische verwandelt. Der Wert eines Waggons stellt sich zurzeit auf etwa 400.000 K. Der Schaden, den die Bahnverwaltung erleidet, ist aber höher, da bei den jetzigen Verhältnissen ein Ersatz für die verschobenen Waggons schwer zu beschaffen ist. Die beiden Hauptschuldigen und verschiedene Mithelfer sind verhaftet worden. __ Das Attentat gegen die Handelsfchnlbesttzeri« P!Shn. . Der geraubte Schmuck zustandcgebracht. *;■ 1 Sfm September des vorigen Jahres wurde bekanntlich auf die Handelsschulbesitzerin Plöhn - Freya von maskierten Räubern ein Chloroformattentat verübt und hiebei Schmuck im Werte von einer halben Million gestohlen. Ein Täter, der angebliche Architekt Karl Weber, konnte sofort verhaftet werden, während seine beiden Mithelfer mit dom Schmuck die Flucht ergriffen. Die Polizei setzte die Erhebungen fort und in den letzten Tagen lenkte sich der Verdacht der Teilnahme an dem Raub gegen einen gewissen Rudolf Wurm, Waffenmeister, und einen gewissen Rudolf Nebel, Fleischhauer, zwei schon abgestrafte Einbrecher. Da eS hieß, daß sich die beiden iy Steyr aufhalten sollen, wurden von. Wien aus Kriminalbeamte vorhin entsendet. Znnächst wurde festgestellt, daß Wrmn zrrrzeit beim ffooU» gericht Steyr wegen eines im Vormonat begangnen Einbruches in Hast fitzt. Bei seiner Einvernahme »ab « gtf, den Raubank«! mit Weber und Redl cmSgesiihrt «ntz den erbeuteten Schmuck in einem Wald bei Dörnach an der Donau vergraben zu haben. Die Kriminalbeamte» brächte» Wurm nach Dörnach. In $>em; . ^ctuumten Schlewitzka- Wiener Morgerrzettirriq Mitteilungen ans dem Publikum. BRILLANTEN, PerUnTÖoia,Silber,Platin n.Ufer«n kauft sad T«rb&nft V7« ETTER Rotentumatr. 23, MarJahilferstr. 83 Wald bezeichnet« er eine Stelle im Dickicht, an der der Schmuck vergraben war. Man grub nach und hob nach einiger Zei' den ganzen der Frau Plö.m geraubten Schmuck und ^lß wichtigstes Beweisstück eine Tube mit Chloroform aus dem Boden. Rede! befindet sich gleichfalls in Haft, und zwar beim Bezirksgericht Berg ick Oberösterreich wegen eines Diebstahls. _ Die Automobilraserei. Wilde Szenen auf der Ringstraße. In der Nacht von Samstag auf Sonntag spielten sich auf der Ringstraße infolge Zusammenstoßes eines Automobils mit einem Fialerzeug wildbewegte Szenen ab, Über die uns berichtet wird: Der Kaufmann Markus Wahl hatte nach Mitternacht «uf dem Nabenplatz, den Fiakerkntscher Hugo Fried aufgenommen, um ihn und seine aus noch fünf Personen, unter ihnen den Dentisten Karl Wallner und die 21jährige Private Anna Ebner, bestehende Gesellschaft nach der Lerchcnfelderstraße zu führen. Fried führ mit seinem offenen Zeug, auf dessen Bock neben ihmder Dentist Wallner saß, durch die Schauflergaffe zum Ring des 12. November. Bei der Bellaria kam in rasendem Tempo in entgegengesetzter Richtung und auf der falschen Seite ein gelbgestrichenes offenes Automobil dahergesaust und fuhr in die Pferde des Fiakers hinein. Der Wagen wurde nmgeworsen und fast vollständig demoliert, die Fahrgäste aus dem Wagen und vom Bocke geschlendert. Die beiden-Pferde waren sofort tot. Der Kutscher Fried stürzw kopfüber im Schwung auf die Karosserie des Automobils und wurde sofort von einem neben dem Chauffeur fitzenden Mann mit Fan st sch lägen bearbeitet. Der Chauffeur schaltete die hö l ste Geschwindigkeit ein und suchte zu entkommen. Im letzten Augenblick sprang der Kaufmann Wahl auf das Laufbrett des Autos und suchte den Chauffeur durch S t o ck s ch l ä g e auf die Hand zum Halten zu zwingen. Ein Passant feuerte einen Schuß ab und viele andere liefen dem Automobil nach. Der neben dem Chauffeur sitzende Mann boxte aus den Kaufmann Wahl loS. nm ihn vom Auto zu vertreiben. Da kam der Einspänner Anton S t r o m m e r mit seinem Zeug des Weges; er stellte sich mit seinem Wagen giier über die Fahrbahn, so daß das Auto schließlich »nhalten mußte. Der Chauffeur wurde verhaftet. Bon einem Einspänner wurde das zertrümmerte Fiakerzeug zum HauSkommissariat geschleppt. Das Automobil wurde auch in den Hof des Polizeidirektionsgebäudes gebracht und alle Beteiligten wurden zum Hanskommiffariat beichieden. Der Chauffeur heißt Friedrich Babitsch. RegierungSrat Wildner vernahm die Parteien ein. Das Automobil ist Eigentum deS MiihlenbesitzerS S p i n e l l i aus Florenz, der im Hotel Bristol wohnt. Babitsch sollte im Auto einen Bekannten SpinekliS von Rodau» zum Schottentor fahren. Er war etwas angeheitert, aber zurechnungsfähig und gab an, in Rodaun einen halben Liter und vorher beim Heurigen drei Viertel Min getrunken zu haben. Der Kutscher Fried beziffert den Schaden, den sein Herr erleidet, auf eine Vlertelmillion Kronen. Die Kieider des Fräulein Ebner waren ganz ruiniert. Der Polizeibezirksarzt Regierungsrat Dr. Schild untersuchte die Fahrgäste des Fiakers und. stellte fest: Bei dem Kutscher Fried leichte Quetschungen am linken Mittelfinger und an der rechten Ripyengegend, an dem Dentisten Wallner Rißwunden an der linken Schläfe, am rechten Handrücken, am Mittelfinger und eine Blutbeule am Kreuzbein. Kaufmann Wahl war von heftigen Ausregungszuständen befallen. * Streik der Israellttschen RettgionSlehrer. Die israelitische» RellgionSlehrcr Wiens treten heute Montag wegen Nichtbewilligung ihrer Fordeungen in den Streik. * Gin Dühnenbrand im KomödienhauS. Wahrend der gestrigen Nachm tta,Svo,stellung ,m KomödienhauS geriet während deS dritten ÄkteS infolge Kurzschlußes an einem «Icftii* scheu Lasier ans der Biidne die Plawnddekoranvn in Brand. DaS Feuer wurde von der Feuerwehr rasch gelöscht. * Kn Iayre «tteS 331». In Wfetrt, Departement AiSrre, wurde dieser Tage daS Ergebnis einer Ausgrabung zutage gefördert, welches wahrscheinlich daS älteste Bildnis eines Menschen bar stellt. CS wurde der Pariser Akademie der Wissenschaften durch den Lyoner UnipersitStsproftffor Deperet übermittelt. Die Entdeckung stammt von einem Herrn M a y e t. Das Bildntz stellt einen Mann, dar, der in vorsintflutlicher Zeit vor wenigstens 20.000 Jahren gelebt haben muß. Seine Ziige sind auf einem Stein, der unter dem Geröll gesunder: wurde, im Profil ehlgraviert. Die Kleidung scheint ein Tiersell zu sein. Eine genauere Untersuchung und mögliche Feststellung des Zeitalters, welchem der Kund entstammen könnte, mied nunmehr durch eir^ Fachkommission der Akademie d« Mffonfcholften «felgen. D-refkaften der Redsktrss, B. B. Uns ist vom Bestehen eines selchen KmlrZ aich!§ bekannt. Fragen Sic stir alle KiiKe m irgend einer schult »ach. 3. Jänner 1921 _ EHfoT Der Hausarzt. Redigiert von Dr. 6t»n«l 45m#« DaZ 91!t/tvn und feine Ursachen. Unaufhaltsam stellen sich bei jedem Menschen M Erscheinungen deß Alters ein, bei dem einen früher, de» dem anderen etwas später. Seit Menschengedenke» herrscht das Streben, die Mersveränderungen abz»- wenden. In jedem Jahrhundert glaubte einer, dre wahren Ursachen des Alters entdeckt zu haben. Das normale Altern, das zwischen dein 65. und 65. Lebensjahr eintntt, wird von den meisten bedeutenden Merzten als ein normaler, physiologischer Prozeß aufgefaßt, dem sich niemand entziehen kann. Di« Abnützung der Gewebe durch die LebenSvorgange ist eben eine Haupturiache des AlternS, gerade wie eine Maschine bei beständigem Gebrauch immer weniger leist,riigssiihstz wird und endlich den Dienst versagt und stille steht. Man hat auch die im höheren Alter eintretende Veränderung in den blutbildenden Organen, die Unvollständigkeit der Blutbildung infolge der Starrheit des Brustkorbes als Erklärung herangezogen. Andere Gelehrte wollen in einer Entartung der Nervenzellen des Gehirns und Rückenmarkes die Grundlage für das Altern gefunden haben, woraus sich dann die rückbildenden Vorgänge an den Muskeln, an Herzen, an der Haut un>d am K.wchensostem erklären ließen. Viel Aufsehen hat vor einigen Jahren die Anschauung MetschnikoffS verursacht, der die Alterserscheinungen auf die Anhäufung von abnormalen Stoffwechselerscheinungen im Darm und die daraus entstehende Vergiftung deS Körpers Zurückführte. Lange Zeit mußte daS Schlagwort „der Arterie»:- Verkalkung" für die Deutung der Altersveränderungen herhalten. Man sagt ja auch, daß der Mensch fo alt sei wie seine Arterien (Blutgefäße». Die Starrheit und dir Verstopfung der Gefäße findet sich aber nicht immer bei hochbetagten Menschen. Gerade der Krieg har mr> viele Kriegsteilnehmer mit frühzeitiger Arterioftleroft und früh einsetzendem greisenhaften Aussehen gebrachi — meist als Folgezustand überstandener schwerer Kranke heiten. In jüngster Zeit stehen ganz andere Theorien i» lebhafter Diskussion. Da sind es vor allem die Vlutdrüfen (Schilddrüse, Zirbevdrüse, Nebenniere, Bauchspeicheldrüse, Gehirnanhangdrüse, Briese! und die Ge. schlechtsdrüsen), die man in einen nicht rmberechtigteck Zusammenhang mit dem Auftreten von Altersveränds rungen bringt. Es entstehen tatsächlich viele ähnlich« Symptome im Alter, wo sich die Schilddrüse zurück' bildet wie bei der Myxödemkrankheit, die bei MangÄ oder operativem Verlust der Schilddrüse eintritt. Bekannt sind die aufsehenerregenden Vtrsuchk Steinachs, die die ungeheure Bedeutung der Keimdrüse« für die körperliche und geistige Reife und die Erhaltung der Leistungsfähigkeit bewiesen. Leider hat Steinach seine genialen Experimente an Tiere«, besonders a« Ratten, gemacht, bei denen die. Keimdrüsen eine viel wichtigere Stelle einnehmen— während beim Mensche» das Altern sicherlich nicht allem auf das Erlöschen der Tätigkeit der Keimdrüsen zurückzuführen ist, sondern üö spielen dabei auch die anderen oben genannten Drüse« ohne Ansführungsgang (vor allem die Nebenniere^ eine große Rolle. So werden trotz werter Ausblicke in die Zukunfß noch viele Generationen von Menschen alt werde» nüissen, bis das Verjüngungsproblem gelöst ist. Aerztttche Winke. Dlutverbeffernde Mittel. Seit altersher wurde von den Aerzten Eisen 6ef Schwächezuständen. Blutarmut, Bleichsucht verordnet. Der Gebrauch war teils durch die Erfahrung bestimmt, teils durch mystische Vorstellungen begründet. Krßs spät entdeckte man. daß Eisen im Blute sich als Be» standteil finde, und daß der Eisengehalt im Blute sich nach Darreichung eisenhaltiger Nahrung vermehre. Ebenso übt Arsen auf die Bildung der roten Mut* körperchen einen anregenden Einfluß auS. Auch in großen Höhen kommt eS beim Menschen zur Ber- ' mehrung der Blutkörperchenzahl und des NkutfarsistoffeS. Diese ^günstigen Wirkungen der genannte» Mittel auf die Wachstum- und Stoffwechselvorgänge sind der Allgemeinheit unbekannt und so erklären ksch die Widerstände, bei Verordnung solcher Kuren. Behandlung der Fadenwürmer. Das Hauptmittel zur Bekämpfung besteht in peinlichster Reinlichkeit des Kindes. Die kleine«, Weißlichen Würmer kriechen aus dem Mastdarm heran» und erzeugen Juckreiz. Die Kinder bekommen beim Kratzen die Würmer und deren Eier unter die Rüget und an di- Finger und weiter in den Mund, wv st« wieder zu Wiirmem auswachsen. Man gebe den Kindern daher geschloffene Leibwäsche, reinige deren Nägel und Hände vor jedem Essen, verabreiche vor dem Schlafengehm durch acht Tage «inen. Darmeinltmf mit einfach«« Wasser oder einer Knsbütuchabkochung. Erst nach Mißerfolg-LLeser Kur wende man sich an den Am wegen ernO Wurmmittels» AeszSttcher Kr»gek«pen. Rosa B. W. Selbst ki leichter Wninlimrier-kttiiuMus 'iß vrchopüdn'che^ Tvmr«, Schwimmru o. dal. z» euipfthuu- ~- Plattsutz. Die nötige» Einlegm kausk» Sle »icht öv ttet*