Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 696 (3.1.1921)
- Date
- 1921-01-03
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Wien. Montag Aufreizung zum Vogrom. f Unter diesem Titel enthält die letzterschienene „Monatsschrift der Oesterreichisch-Jsraelitischen Union" eine Mitteilung, daß sie am 12. Oltober an die Grazer Staatsanwaltschaft gegen den Abgeordneten Stocher die Strafanzeige erstattet hat. Stöcker habe in einer Wählerversammlung in Graz die „gesetzliche Ausweisung der Ostjuden" verlangt und hiebei folgende Worte gebraucht: „Ein Volk, das im Existenzkampf steht, bat die moralische Pflicht, alle jene Elemente, die seine Existenz untergraben wollen, zu entfernen, und wenn es nicht anders geht, im Wege des Pogroms. So ein Pogrom braucht nicht einmal allzu blutig verlaufen; denn wenn auch nur ein Dutzend Juden einmal auf den L at er n en p fä h l e n b a u m e ln. dann verschwinden die übrigen 300.000 von selbst nach Galizien und Ungarn, von woher sie gekommen sind." Dazu bemerkt die „Union" unter anderem: Der Abgeordnete Stöcker hat zunächst nur. von den O st j u d e n gesprochen: die Schlußsätze seiner Ausführungen lassen es jedoch im Zweifel, ob er den von ihm gepredigten Pogrom nur gegen die eingewanderten. Ostjndcn oder auch gegen die bodenständigen Juden angewendet wissen will; unter der von ihm angenommenen Zabl von 300.000 sind auch die letzteren inbegriffen. Ge- Witz ist aber das eine, daß, wenn einmal auch gegen eingewanderte Juden zu Gewalttätigkeiten und insbesondere ^nm „Aushängen an Laternenpfählen" gegriffen wird, nicht abznsebcn ist, wo die aufgewühlten Volksleidenschaften Halt machen, und die Gefahr vyrliegt, daß dann auch österreichische Stagtsbürger jüdischen Glaubens und vielleicht auch Angehörige, anderer Bekenntnisse in derselben „nicht, allzu blutigen Weise"" behandelt werden könnten." - .. \ Bemerkenswert an dieser Strafanzeige ist es, daß in ihr zwar ausdrücklich darauf hingewiesen wird, - es liege ein Verfloß gegen den 8 302 St.-G. vor, „gleichviel, ob er gegen fremde oder einheimische Juden gerichtet ist", aber trotzdem fühlen sich die Verfasser gedrängt, in einer Weise zwischen Ostjuden und Einheimischen zu unterscheiden, als ob die Aufreizung zum Pogrom gegen Ostjuden sie nur wegen des möglichen NebergreifenS auf Einheimische zur Anzeige veranlassen würde. Wozu dient überhaupt dieser Hinweis in der Anzeige, da dies vom Standpunkt des Gesetzes als nebensächlich ausdrücklich erwähnt wird? Doch offenbar nur, um den Schein zu vermeiden, als ob die Aufreizung zum Pogrom gegen die Ostjuden den Verfassern ein völlig ausreichender Anlaß zu einer solchen Anzeige wäre. Das zeigt sich auch. darin, daß die Gefahr des Nebergreifens an die erste Stelle gerückt und so nachdrücklich betont wird, daß die Aufreizung zum Pogrom direkt gegen die Ostjuden dagegen geradezrr als nebensächlich erscheint. . Was dachten sich die Verfasser obiger Anzeige? Schien es ihnen wirklich möglich, daß die „bodenständigen" Juden, wenn sie auch unbed'ngt gesichert waren, ruhig zuiehen könnten, wenn der Pogrom ausschließlich die Ostjuden ereilen würde? Ich will ihnen sagen, nicht einmal die bodenständigen Christen Wiens würden eine nur einigermaßen größere Ausdehnung dulden. Man kennt überhaupt die Gesinnung der Wiener g'gen die „Polnischen" in „Kaftan" und mit „Pajes" schlecht. Gewiß, geschimpft und gespottet wird viel über sie, aber man betrachtet die - „Pol'ischen" immerhin mit einer gewissermaßen „wohlwollenden S'cheu" darob, daß sie trotz der ihnen bewußten Anfechtung so äußerlich kennbar an ihren Ueberliefevungen haften. Da läßt sich die „Union" im Zusammenhang mit einer Aufreizung zum Pogrom auf Unterscheidungen ein, die eine solche Auslegung nicht nur zulassen, son- Lern geradezu zu ihr nötigen, und sie veröffentlicht so etwas noch, offenbar in der Meinung, damit etwas Rühmliches und zugleich besonders Kluges für die „Bodenständigen" geleiftet zu haben. Es mag anerkannt werden, daß die „Union" jenen Vorfall überhaupt zum Anlaß ihres Einschreitens nahm, aber sie irrt, wenn sie gerade den Wiener Antisemitismus allzusehr, als gegen die Ostjuden gerichtet betrachtet. Er wurde weit mehr von jenen Bodenständigen geweckt und genährt, die sich nickt genug tun konnten — in völlig unjüdischer Welle — nach äußeren Ehren und Würden im öffentlichen Leben zu Haschen und zugleich nur allzu offenkundig vor Neid vergingen, wenn einem mehr als dem anderen züfiel, er richtet sich vor allem gegen jene mehr oder weniger Bodenständigen, die sich für berufen hielten, über alle und alles sich zum Richter aufzuwerfen, auch wenn es sie. auch als Staatsbürger, gar nichts anging, er richtet sich gegen jene, die den Spott über alles Mögliche für „geistreich" hielten, auch wenn es tief im Gefühle weiter Volkskreife wurzielte. Siehe noch in letzter Zeit die jüdischen Vorkämpfer gegen die katholische Ehe. Bei so etwas tut freilich ein Ostjude überhaupt nicht mit. weil hier bei ihm, genau so. wie es oben von den Wienern erwähnt wurde, eine fast gleich Art von Scheu einsetzt. Wahrlich, es wäre höchste Zeit, daß sich in Wien auf beiden Seiten unter den Juden Männer und womöglich auch Frauen finden, die eine Klärung der beiderseitigen Gesinnung mindestens so weit herbeiführen, daß wenigstens solche — sagen wir Gedankenlosigkeiten — an solcher Stelle nicht Vorkommen können. Es wäre weit mehr als verfehlt, wenn eS auf die '&auuAnxsxb_&ib des Judentums den Ostjuden der- Wiener Morgenzettnng argt werden würde, daß ihnen das Judentum, das vielen von ihnen ihrs ganze geistige Welt bildet, mehr bedeutet als den m Westen Einheimilchen, weshalb die Ostjuden daS Judentum mit größerer Lebhaftigkeit, ja sogar leidenschaftlich vertreten sehen wollen und infolgedessen der vorsichtig tastenden Art der westlichen nicht trauen. Diese aber, die eben, von glücklicheren äußeren Umständen begünstigt, viel Anerkennenswertes, aber auch viele unjüdische . oberflächliche Aeußerlichkeiten lernten, werden leicht bei den Ostjuden Verständnis, ja sogar Dank ernten, wenn sie ihnen zeigen, wie sie Anstoß vermeiden und neuzeitlichen, allenfalls auch westlichen Anforderungen in gebührender Weise zu entsprechen vermögen, ohne sich selbst preiszugeben. _ Otto Lang. Antisemitismus i» SowjetrutzlanL. Im „Volk" bespricht Halevr die Erscheinungen des Antisemitismus im Räterußland in einem längeren Artikel, in welchem eS unter anderem heißt: Wir Juden unterscheiden verschiedene Formen des Antisemitismus;, nicht, alle davon sind in Sowjetrußland vertreten.. Offiziellen Antisemitisnlus findet man dort nicht.' Freilich Wird die nationale Bewegung von den bolschewikischen Machthabern in diktatorischer Art unterdrückt, das ist aber nicht Antisemitismus: im Gegenteil, die Menschenrechte der Juden verteidigt die Sowjetregierung überall dort energisch, wo sie verletzt werden. Dies war zum Beispiel in der Angelegenheit der lettischjüdischen Flüchtlinge in Nutzland der Fall. Groß ist jüdoch der gesellschaftliche Antisemitism u s: davon haben diejenigen, welche in den letzten Jahren nicht in Rußland gelebt haben, keine Vorstellung, ja viele glauben eS gar nicht, besonders in Amerika, wo man sich ansmalt, der Bolschewismus habe die russischen Massen „gehoben". Der gesellschaftliche Antisemitismus findet seinen Ausdruck wohl nicht ln Pogromen und Verfolgungen, er ist jedoch moralisch nicht weniger peinlich. Die JudenfeindschafL finidet stets die ihr zusagenden Begründungen. Jetzt ist die russische Bevölkerung über die Juden aufgebracht, weil angeblich sie allein am ' Bolschewismus schuld sind. Unbekümmeick darum, daß in den Sowjets heute fast gär keine Juden vorhanden sind und auch wenige in der Noten Armee, werden doch die Juden allein verantwortlich gemacht, und das nicht nur von den Massen, sondern auch von der Intelligenz. „Was wissen unsere Russen" -7lautet die gewöhnliche Erörterung der Intelligenzler — „sie verstehen nichts und -die. Juden haben ihnen den Kopf verdreht." - „Lenin" 7-7 so heißt e§ — „ist ein ganz anständiger Mensch: er hätte schon längst in allem nachgegeben, aber Trotzkij und seine.jüdischen Genossen lassen es nicht zu." Mehr als einmal wurden schon Legenden verbreitet, Trotzkij habe Lenin arretiert oder gestürzt. Die bolschowikisch^n Führer sind gezwungen, mit dieser Stimmüng der Massen zu rechnen, und es ist ein offenes Geheimnis, haß die Zahl der Juden in. den Negierungsämterm von Tag zu Tag kleiner wird. An ihre. Stelle kommen, die ehemaligen Beamten unter dem Namen „Spezialisten". In Petrograd,, wo die Zahl der Juden in den Negierungsämtern noch unter Kerenski recht bedeutend war. , sind Juden jetzt in diesen Aemtern fast gar nicht zu finden, abgesehen natürlich von einigen Größen, phne die man sich schwer behelfen kann. Die Judenfeindschaft wächst. In den größeren Städten, wo die Masse intelligenter ist, trägt der Antisemitismus einen mehr heimlichen und verbissenen Charakter. In der Provinz kommt er offen zum i Ausdruck und der Jude spürt ihn auf Schritt und Tritt.; Es genügt, daß ein jüdisches Gesicht sich in einem Eisen- : bahnivagen zeigt, um das Schimpfwort „Zyd" hervor-! zurufen und es zum Theina für den ganzen Waggon zu machen, wobei dann das ganze „Sündenregister" der gesamten Jndcnheit aufgezählt wird. In den kleineren Städten und Städtchen kann ein Jude nicht auf den Markt gehen, sonst heißt eS, die Juden kaufen alles auf. Versucht ein Jude, den Preis herabzudrücken, so heißt es. alles sei ihm zu wenig: handelt er nicht so heißt es, . der Jude schaffe die Teuerung. Ueberall schreit man, die Juden hätten alles kn Vorrat und sie brauchten sich nicht' „anzustellcn"; stellt sich aber ein Jude an. so heißt eS, auch beim Anstellen wolle der Jude alles an sich bringen. ' Als die Bolschewiken bei ihrem Kampfe gegen den KleruS die Gebeine der Heiligen auSgrnben nnd oort bekanntlich Watte gefunden wurde, hieß eS allgemoin, dies fei ein Schwindel von den Juden, oder auch, sie hätten selbst die Knocken gegen Watte ausgetauscht. So befindet sich die Judenheit. welche in den russischen Städten und Städtchen zerstreut ist. in einer traurigen Lage. Da sie vorwiegend der Kleinbürger¬ und Handelsklasse angehört, hat sie mehr als alle gelitten und leidet bis heute durch den Bolschewismus mehr" als die russischen Bauern. Und wenn sie auch die Befreiung von der bolschewikischen Herrschaft wünschen, so seben sie mit Angst und Zittern dem Tag entgegen, da die Bolschewiken stürzen werden... ES ist überall klar, daß nur in der Versklavung der russischen Mai e daS Geheimnis der Dover der Bolschewikenberrfchast steckt. DaS ist aber auch der einzige Grund, welcher die finstere Masse davon abhäli. ihre Judenfeindschaft in Exzessen i a«m Ausdruck zu bringen: Sie weiß ganz gut, daß 3. Jänner lv81 Nr. (Hhy solche Exzesse gegen den Willen der Mochtbaber sind tm$ hat Furcht. Wenn aber diese Furcht nicht wäre, die jo bei einer regelrechten Herrschaft verschwinden wird, se ist der angeblich organisierten russischen Arbeiterschaft und der klassenbewußten Roten Armee wenig zr trauen... Die Juden, denen es nur halbwegs möglich ist,.derlassen Rußland: diejenigen, welche es nicht können, sehnen eine feste, aber wahrhaft demokratische Herrschaft herber. _' Tagesbericht. Gin Vertreter der „Iea" zionistischen ökonomischen Rat. Der palästinensische Korrespondent des „Najer H'ajnt" hatte kürzlich ein Gespräch m't dem Chefi admiiiistrator der' der „Jca" gehörigen jüdischen Kolonien in Galiläa, Herrn Kalwaryjski, welcher soeben von seiner Euvopareise zurückgekehrt ist. Kalwaryjski, ein organisierter Zionist, hat in den Kolonien wertvolle Arbeit geleistet. Box allem ist seinem Einfluß und dem Vertrauen, das er bei den Arabern genießt, zum großen Teile die Besserung des Verhältnisses zwischen Juden und Arabern in Galiläa zu verdanken. Kalwaryjski hat auch eine hebräisch arabische Schule errichtet, in welcher die Fellachenkinder unterrichtet werden. In dem Gespräch erklärte Kalwaryjski, daß in der letzten Zeit die Beziehungen zwischen Bavon Rothschild, dessen Kolonien die „Jca" verwaltet, und der Zionistischen Organisation viel engere geworden sind als früher. Für die künftige Arbeit in Palästina sei dem Baron und der „Jca" eine Reihe von Plänen vorgelegt worden, welche die landwirtschaftliche Kolonie sation, Industrie- und Fabrikspwjekte betreffen. Den letztgenannten - mißt der Baron große Bedeutung bei. Die landwirtschaftliche Kolonisation in Palästina hat ihm große. Kosten verursacht; gegenwärtig kosten hie Kolonien angesichts des Standes der französischen Valuta den Baron 15 Millionen Franken jährlich. Fabriksbetriebe würden dagegen keine weiteren Rachschüsse von großen Summen fordern. Doch will 5er Baron die landwirtschaftliche Kolonisationstätigkeit nicht aufgebep, da er sich dessen wohl bewußt ist, daß sie die Grundlage für die Festigung der jüdischen Position im Lande bilde und auch weiterhin die Siedlungsgrundlag? bilden wird. Doch infolge der großen Summen, welche die landwirtschaftliche Kolonisation erfordert, müsse jetzt die Industrie die erste Stelle in der Palästina- Tätigkeit des Barons einnehmen. Ueber die Finanzfrage äußerte sich 'Kalwaryjski dahin, daß die vor kurzem nicht besonders günstigen finanziellen Aussichten des Palästina-Aufbauwerkes sich jetzt stark gebessert haben. Auch in den' Kreisen der französischen Assimilationsjuden sei der Wille vorhanden, viel für die Palästina-Interessen zu tun. Für die weitere Besserung der finanziellen Lage fei viel dadurch zu erhoffen, daß die ,Hca" sich bereit erklärt habe, am Oekonomischen Rat (Economic Council) bei der Zionistischen Organisation teilzunehmen. Ihr Vertreter Herr Maiersohn bringe der Palästina-Idee großes Interesse, entgegen und von seiner Mitwirkung sei viel zu erhoffen. Der Eintritt der bisher asfimilatorischchhilanthropisch geleiteten ,Zca", welche bekanntlich das Erbe des Baron« Hirsch verwaltet, in den unteö dem Vorsitz, des englischen Ministers Sir Alfred Mond stehenden Economic Council der Zionistischen Organisation, die finanzielle Kontrollbehörde der gesamten künftigen Palästina-Arbeit, wäre jedenfalls geeignet, eine wesentliche Stärkung des Ausbauwerkes herbeizuführen, und ließe auf eine charakteristische Sinnesänderung der „Jca"-Leitung schließen. Luxussteuerstreik der AuslSuder in Budapest. Aus Budapest wird uns geschrieben: Die Einhebung der Luxüssteuer ist plötzlichauf Schwierigkeiten gestoßen, da ein großer Teil der in den Budapester Hotels wohnenden Ausländer die Bezahlung der Luxussteuer unter Berufung auf den Umstand ablehnen, daß sie in Ungarn Exterritvrlalrcchte genießen und daher mit solchen Spezialsteuern nicht belastet werden dürfen. Als die Zählkellner der betreffenden Hotelrestaurants di.'se Affassung nicht gelten lassen wollten, unterschrieben die Ausländer bie' KontrollcouponS mit ihrem Namen und wiesen die Hotelbediensteten an, bei den Steuerämtern an Stelle deI Bargelde) die unterschriebenen Coupons vorzuweisen. Die Hoteldirektionen wandten sich nunmehr an dasl Jnforma ionsbureau für Luxussteueraigeiegentzeiten im Finanzministerium um Ausklärung und Verhaltungsmaßregeln. Das Finanzministerium gab den Hotelleitern den Rat. die entfallende Luxussteuer vorläufig für die streikenden Ausländer zu bezahlen und es werde dann später irgendeine Lösung der Frage gefunden' tverden. Da die HPielbesitzer hieraus nicht eingehen. wollten, bleibt diese auch vom Rcchtsstandpunkt interessante Streitfrage vorläufig ungelöst. Budapest ist heut« von Ausländern überflutet, in einem einzigen' großen Hotel allein befinden sich 70 solcher ausländischer Gäste, welche die Bezahlung der Lnxussteuer 1 verweigerten. Im Finaliziuinilterimn.vertritt mau dev.