Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1921-01-01 · Heft 695 (1.1.1921) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
3 (1921)
Issue
Heft 695 (1.1.1921)
Date
1921-01-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2979076-2979773-2979774--06253-2992187
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

9fr. 695 Wien, vamstag ZionistxgQbe Bezirks Sektion Brigittenau MEUTE, halb 7 Uhr abends Yersammitma M '*#• im Saale, 20. Bezirk^ Wallensteinstrasse Tlr. 72 „vis politische Lage und die Optionsfrage“ Referenten! Robert Stricker. Gem.-Rat Dr. Plasclikes jj fchen Belgien überrennen würden, antwortete er: «Dos würde in England große e w e g u n g chervorrufen." Aber Frankreich braucht nicht eine Bewegung. sondern reale Hilfe.« 100.000 Mann in Belgien würden die Lage nicht allzu stark beeinflussen.-Hingegen würden. 250.000 oder 500.000 Mann den Kriegslauf vollständig ändern. Wie die Dinge heute stehen, könnte England nicht ein« mal,100.000 Mann schicken. Und ich bin überzeugt, daß unsere Lage so lange eine sehr kritische bleiben wird, bis nidit England eine dieses Namens würdige nationale Armee besitzen^ wivd. Wenn der Krieg kommt und wir wegen Mangels an Hilfe vernichtet sind, so werden sie viel größere Verpflichtungen zu erfüllen haben oder sie werden sich vor dem Sieger beugen. Ich habe das ununterbrochen gepredigt und erst in jüngster Zeit an« läßlich des Besuches des Präsidenten Fallier es in London neuerlich mit' allem Nachdruck betont. Es ist aber furchtbar^ schwer. England zu unserem Standpunkt ■ zu bekehren und ihm die Notwendigkeiten der Lage verständlich zu machen. Gewisse englische Politiker sind von einer erschreckenden Ignoranz." Der letzte RettmrgSNMer. Bon «nserem Lemberger KorxespSNdente«. Lemberg, 25. Dezember.. (E. W.) Wie ein Blitz aus heiterem Himmel kam uns die Hiobsbotschaft,- daß der Washingtoner Kongreß die Einwanderung in die Vereinigten Staaten für die Dauer eines Jahres sperren will. Die osteuropäischen Juden, die in den letzten Jahren so schwer gelitten haben, klammerten sich mit einer verbissenen Zähigkeit an das schändliche Leben, weil sie nie die Hoffnung aufgeben wollten, daß es ihnen dock einst gelingen könnte, sich den Krollen der blutdürstigen Pogromisten zu entreißen und den Staub des Landes abzuschütteln, das durcktränkt ist mit dem Blute tausender äbgeschlachteter Juden. Auf Grund verläßlicher Nachrichten des amtlichen polnischen Emigrationsbureans und der jüdsick^mucri« . konischen Emigrationökommission „H i a s" in Warschau sollten in den nächsten Monaten rund zwei hu n derttausend Leute über Polen nach A merika answandern. Davon sind etwas mehr als hunderttausend aus der U k r a i n a allein, während sich der Nest auf Polen. Litauen und Weißrußland verteilt. Es versteht sich von selbst, daß 05 Prozent aller Emigrationskandidaten Inden sind. Etwa hundertdreißigtansend haben als ihr Reiseziel die Vereinigten Staaten, ungefähr fünfzigtausend wollen nach Kanada, der Nest nach Brasilien und Argentinien. Gemäß einer statistischen Aufstellung aller in Polen legalisierten Schiffsgescllschaften haben min bestens sechzigtausend Emigranten bereits im voraus bezahlte oder von Amerika zngeschickte Schiffsbilletts, die für die in den nächsten Monaten abgehenden Dampfer Gültigkeit haben. Und nun denke man sich dazu die unheilbringende Nachricht über die amerikanische Jmmigraiionsbill. Es fällt sehr schwer, die niedergedrückte Stimmung der Leute zu schildern, die in banger Erwartung der Möglichkeit der Abreise harrten. Und wenn schon unsere einheimischen Emigranten aus Galizien unh Prien angesichts der neugeschafsenen Lage einer verzweifelten Ratlosigkeit anheimfielen, um Ivie viel schrecklicher ist die Lage der ukrainischen Heimkosen, die mit knapper Not der Hölle entkommen sind. An eine Rückkehr in die Ukraina ist wohl kaum zu denken, da einerseits die Grenzen gesperrt sind, andererseits aber sich viele eher den Tod wünschten, als umzukehlen in das, Land, wo jede jüdische Gemeinde in einen Friedhof verwandelt wurde. WaS sollen die Unglücklichen anfangen? Hierzlliande Iverden sie einstweilen noch toleriert. Einstweilen! Die polnische Regierung machte ihnen bisnun keine Schwierigkeiten beim Erlangen der Reisedokumente. Was würde aber geschehen, wenn Amerika wirklich seine Tore schließt? Schon heult die antisemitische Presse, daß „fremde Juden das Land überschwemmen", daß „fremde Elemente bolschewikische Ideen verschleppen und das öffentliche Leben vergiften"... Wenn die hunderttausend Flüchtlinge aus der Ukraina. die derzeit auf dem Territorium der polnischen Republik das Gastrecht genießen, keine Möglichkeit bekommen, ihre Reife fortzusetzen, wird sicherlich — daS läßt sich schon heute voraussehen — die antisemitische Hetze frischen Nährboden gewinnen und dies kann leicht zu katastrophalen Folgen führen. Inzwischen wird auS Warschau gemeldet, daß der amerikanische Konsul in Warschau in den letzten Tagen die Herausgabe eines PaßvisumS denjenigen Emigranten vorenthielt, die nicht zu ihren Männern, Eltern oder Kindern fahren. Die Sache klingt ganz sonderbar, denn noch hat der amerikanische Senat über Johnsons Gesetzesvorlage nicht verhande't. r ech fehlt die Sanktion des Präsidenten, der erst durch sein Votum die Vorlage zum Gesetze mackt. Wiener Morg?nz?itu::g 1. Jänner 1921' Seite 3' - —. .... .....—i Nach dem Kamp? «m Fiume. Niom, 31. Dezember. (Stefans.) Gestern abends wurden die Grundfragen eines Abkommens zwischen Genera! Caviglia und den Vertretern Fiumes gelöst. Es wurde auch der Tag der Abreise d'Annunzios und ,die Entlassung der nicht,in Fiume ansässigen Legionäre erörtert. Weiters würbe die Frage des Schutzes der öffentlichen Ordnung gelöst. Man einigte sich, diese Ausgabe hauptsächlich der Fiumaner Miliz zu überlassen. ' Heute werden die weiteren Einzelheiten des lieber» einkommens und die Garantien festgesetzt, damit daS Uebereinkonunen innerhalb der festgesetzten Frist durchgeführt werde. Nach der Konferenz gab General Caviglia reine Zustimmung. jede bewaffnete Aktion auf unbestimmte Zeit einzustellen. Rom, 81. Dezember. (Stefan:.) Wie-die Blätter aus Mailand berichten, ist eine Verschwörung von Fascisten und Anarchisten entdeckt worden, die gleichzeitig mit dem bewaffneten Angriff gegen Fiume die Durchführung einer Aktion bezwecke. Es wurden 17 Verhaftungen vorgenommen. Die Verluste der ttaUenischr« Truppen. Nvm, 31. Dezember. (Tel.-Komp.) Nach amtlichen Feststellungen haben die italienischen Truppen in den Kämpfen zur Einnahme von Fiume insgesamt folgende Verluste erlitten: 1 Offizier tot und 12 Offiziere verletzt, darunter 1 Oberstleutnant der Alpenjäger und t 1 Oberstleutnant der Karabiuieri. Von Soldaten wur- ' den 41 getötet und 136 verletzt. 203 Soldaten werden vermißt. Sie sind den Gewalthabern von Fiume in die Hände geraten und werden auf Grund des Mkommens dieser Tage befreit. Wohin geht d'Annnnzi»? Rom, 31. Dezember. (Tel.-Komp.) In römischen Kreisen behauptet man, d'Annunzio werde sich in der italienischen Hauptstadt niederlassen. Dagegen nill das „Giornale d'Jtalia" wissen, dev Dichter ziehe vor, wieder »ach Paris zurüclzuleh.en. Sein Flugzeug sei bereits bei Venedig geta.'ldet, von wo er nach Frankreich Weiterreise. Der „Corriere d'Jtalia" behauptet, d'Annunzio werde in seiner Villa an der ligurischen Riviera seinen Wohnsitz aufschlagen. , . Wir glauben zwar und erwarten, daß sich im Senat noch Leute finden, welche wenigstens für die Tausende eine Ausnahme machen/ die religiöser oder nationaler Unterdrückung wegen gezwungen sind, ihr..Vaterland'' zu verlassen und im freien Amerika eine zweite Heimat zu suchen. Aber Pflicht und Aufgabe der amerikanischen Judeü ist es,- wenigstens momentan durch eine sofortige Intervention dafür zu sorgen, daß das amerikanische Konsulat in Warschau bis zur endgültigen Erledigung der Einwanderungsfrage, denjenigen Emigranten das Visum nicht verweigert, welche bereits Schiffsbilletts und amerikanische Einreisebewilligungen besitzen und sich bereits unterwegs befinden. Für die hunderttausend Juden, die den Mörderbanden P e t l j u r a s entkommen sind, ist momentan Amerika die einzige Freistätte, wohin sie sich retten können. Dort haben sie ihre Verwandten, ihre Kinder, ihre Brüder und Schwestern, und es wäre vom rein menschlichen Standpunkt ein Verbrechen, sie dieser einzigen Rettungsmöglichkeit zu berauben.! . Magyarische WechLsemffaMmg. Wie wir seinerzeit berichteten, hat der Verband der jüdischen Hochschüler in Budapest vor einiger Zeit an das Rektorat der Budapest er Universität eine Eingabe gerichtet, in welcher die Revision der gegen mehrere hundert jüdische Studenten erbrachten Aus» schlüßbeschlüsse gefordert wird. Damals versprach der Rechtfertigungsausschutz 'der medizinischen Fakultät, diese Eingabe raschest zu erledigen und die Revisionsgesuche, soweit sie sich aus das erste Semester beziehen, während der Weihnachtsfeiertage ‘ zu prüfen. ES scheint jedoch, daß' der Budapester akademische Senat noch immer nicht seine Freiheit wiüdererlangt hat und nach wie vor von der Gnade der „Erwachenden Ungarn" und des Rechtfertigungsausschusses der studentischen Brachialformationen abhängt. Denn nur so ist die ge« bundene --jesuitische Erklärung zu verstehen, welche das medizinische Dekanat in dieser Frage vor einigen Tagen j ausgegeben hat. DaS Dekanat sagt nämlich: „Allzu! große Hoffnungen dürfen die .betroffenen jüdischeu Universitätshörer nicht hegen. Die im November überreichten Gesuche werden vom Nechtfertigungsautz« schutz jetzt behandelt. Die Lage ist demnach die, daß daS eiste Universitätshalbjahr bereits verflossen ist, io daß. wenn etwa irgendeine Verletzung des Rechtes auch vor' gekommen ist, ihre meritorische Reparation nunmehr ausgeschlossen erscheint. Der betreffende Hocksichüler könnte von seinem Rechte, im ersten Halbjahr zu mskribieren, selb st wennesihmjetztzu gesprochen würde, keinen Gebrauch mehr machen. Der Verband der jüdischen Hochschüler hat eine Liste überreicht, welche ungefähr 400 Namen enthält. Der Nechtfertigungsaus« schuß hätte daher die Aufgabe, auß den 5600 Anmeldungen für das erste halbe Jahr diese 400, welche nach i *hrer Meinung mit Unrecht zuriickgewiesen rourbeit, , G Pelzhaus - Hermann & Landesmann Taborstrasse Nr. 1, L Stock empfiehlt sein reiches Lager in allen Arten Pelzmänteln, Stadtpelzen, Fü chs on und Verbrämungen in feinster Ausführung site nochmals zur 11 eher prüft mg zu stellen. Eine solch* Arbeit, welche den betreffenden Referenten Tag unh Nacht beschäftigen müßte, jetzt zu übernehmen, da' bort f einer faktischen Wiedergutmachung nicht mehr die Rede sein kann, ist eine sehr mühselige und ziemlich undanki bare Aufgabe. Andererseits bildet die Finge des zwei» teu Halbjahres nicht Gegenstand der Eingabe und dieS' umsoweniger, als im Sinizp des bekannten Haller« Erlasses bis zum 31. Dezember jedem das Recht zustehtz um die Aufnahme für das zweite Universitätshalbjahr anzusuchen!" Schamloser ist wohl noch niemals eine Rechtsbeugung begründet, worden als mit dieser Erklärung. Die jüdischen Studenten Ungarns werden. man nun sieht, auch im zweiten Semester denselben- Leidensweg durchznmachen haben, um'dann schließlich noch Ablauf des Semesters zum Schaden auch noch deq^ Spott zu haben. ________ H' Wiens internationale SteArmF. Der Londoner „Observer' dom 20. Dezemk«, schreibt: „Entgegen den Erwartungen, die von mancher. Seite gehegt wurden, hat die Auflösung der ösierreichisch-ungarischen Monarchie die Stellung Wiens als Mittelpunkt des Handels und Verkehrs nicht berühr^ Wien bleibt in jenem Teile Europas daS ein z i g tz Zentrum mit einer anerkannten Bankenorg«- nisation. Tradition, Uebung und Erfahrung habe» dort den Status quo ebenso wirksam aufrechterhältem, wie zum Beispiel London aus ähnlichen Gründen ei« Mittelpunkt des Geldmarktes der Welt auch zu ein«' Zeit blieb, als New-Dorck alles Geld in seinen .Hände»' gesammelt hatte. Die Londoner Finanzsachverständige» glauben, daß die britische Regierung sich' an den K r &* diten für Oesterreich beteiligen werde. Gewinn m# Verlust des britischen. Handels sind in weit» gehendem Maße an das Bestehen oder den Zusammenbruch Wiens geknüpft . . . Die Tak-i fache, daß wichtige deutsche Handelszweige gegenwärtig darangehen, ihre Exporte, in die Donaustaate», über Wien zu finanzieren und diese Stadt für ihre' . Warenhäuser auSznwählen, ist ein Symptom öafÜHi welche Bedeutung Wien für die britische Industrie hat.^ Den weiteren Ausführungen des Blattes möchten wie nur noch -den Satz entnehmen, „daß bas Verschwinde«' Oesterreichs für ganz Europa ein Unglück sein und de» unmittelbaren Ruin der neuen Staaten im SüdosteH Europas nach sich ziehen würde". Die GeheimdokAm^nLe der NeaLMsrr.- Jn den Veröffentlichungen der Londoner Blätter über/ die Verschwörung der Orgesch und Horthys wird unK <ur$ gut informierter Quelle mitgeteilt, daß der berüchtigte Agent T re bitf'ch-Lincoln tatsächlich der Prager Regierung die Dokumente zum Kaufe anbot, aber abgewiesen wurden Er verkaufte sodann die Dokumente den Vertretern gewisses Parteien, die alle Schriftstücke überprüfen ließen und de»' größten Teil als richtig und echt erkannten. Selbstverständlich haben diese Persönlichkeiten an den maßgebenden Stelle^ interveniert, dan.it die notwendigen Maßnahmen gegerdies« reaktionäre Verschwörung ergriffen werden. Weiters wir» uns mitgeteilt, daß Dokumente ähnlichen Inhalts schon frühes in den Besitz einer Ententemacht kamen, die Gelegenheit hatte, die Entwicklung der Dinge zu kontrollieren und dieri, Richtigk.it der .Enthüllungen zu konstatieren. Die Ueberg«be WestungarRS « Orfterreich. Wie die „Politische Korrespondenz" erfährt, ist der österreichischen Negierung eine Entscheidung dsx Botschafterkonferenz über die durch die Verträge von Samt-Germain und Trianon an Oesterreich fallenden west ungarischen Gebiete übermittelt worden. Nach dieser Entscheidung werden nach Inkrafttreten' des FriedensvertrageS von Trianon die. alliierten Hauptmächte Westungarn übernehmen und et sodann durch die Vermittlung der interalliierten Kommission in Oedenbnrg an Oesterreich übertragen. Diese.-, doppelte Uebertragung erfolgt unter Kontrolle der interalliierten Kommission in Oedenburg, d»e sich bereits mit,.' dem Studium der NebernahmS« und IlebergabSmodakh». täten beschäftigt. Dieser Kommission werden alliiert^ Offiziere zur Verfügung gestellt. . Die Tschecho-SlomsKei «zch dir WiTd-' schastskonfrrenz der SrrkzeMvnsß«Z^^ Eine Cr''rärANg des Prager Äutzeyarntes. Prag, 21. Dezember. Das Ministerium des AeußeM teilt mit: In der letzten Zeit wurden in der Oeftenttich» keit unrichtige Nachrichten über die Wirtschüsttz^ i konferenz der SukzessionSstaatsn verbreiteQ

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.