Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 695 (1.1.1921)
- Date
- 1921-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2979076-2979773-2979774--06252-2992186- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
* leite 2 •_Wie«. Samstag _»teuer M»rgenzeit««s__4 Sinnet 1921 Nr. 695 Ein französisches Kommunique zur deutschen kntWttnnngsstage. Der deutsche Aytisemltlsmus. Im Verlag „Friede durch Rech^ (Stuttgart) hat her bekannte deutsche Pazifist und Ethiker Professor Fr. W. Foerster ein interessantes Buch „Mein Kampf gegen das militärische und nationalistische Deutschland" erscheinen lassen, in dem er die Sünden des neuen deutschen Geistes in der ihm eigenen Weiseaufdeckt. Vir vringen au§ dem Werke das Kapitel über dis Judenfrage mit Weglassung, der Stellen, welche aus der christlich-ethischen 'Einstellung des Autors resultieren, zum Abdruck. Bemerkenswert bleibt, wie wenig der entschiedene Wahrheitskämpfer Foerfter von neuem jüdischen Wesen, von der Bewegung der nahjonal-menschlichen jüdischen Wiedergeburt weiß. In dem Kapitel über den deutsch-französischen Konflikt wurde ein Wort Paul Seippels zitiert: daß der Triumph des Rechtes und der Wahrheit im Dreyfus- Prozeß die Ouvertüre zum französischen Sieg an der Marne gewesen sei. Dieses überaus treffend? Wort hat eine tiefe, mahnende Bedeutung für. Deutschland.'So wie Frankreich gerade deshalb dek deutschen Wucht standzuhalten vermochte, weil es moralische Kraft und Klarheit genugbesessen hatte, um das Recht eines einzigen Juden schwer zu nehmen und monatelang dafür zu ringen, daß das Leben dieses Juden den Militärs entrissen werde — so wird .Deutschland endgültigznsammenbrcchen, wenn es den deutschen Nationalisten ' gelNgt, weitere Kreise in Deutschland zur Brutalisierung der jüdischen Elemente aufzuhetzen. Wie wir den- Juden behandeln, danach weroen wir gerichtet werden. Der Jude ist uns gegeben, damit wir uns ihm gegenüber in schwerem Kampf mit eigener roher Unduldsamkeit zum Rechtsgedanken emporringen — reifer eigenes Recht tri der Welt wird weder durch flammende Proteste noch durch Gewalt und Intrigen, sondern nur durch unsere irinerste Bewährung gegenüber dem fremden Rechte zur Aberkennung gebracht werden. - ,- Gewiß kann es niemand verwehrt werden, den jüdischen Einfluß für schädlich zu halten und ihn mit allen erlaubten und anständigen Mitteln zu bekämpfen, das wilde und harte Generalisieren aber, die Fußtrütsprache, die gesellschaftliche Aechtung und Ausschließung verrät eine unbeschreibliche Roheit der- Gesinnung: man fragt sich mit Grauen, ob das deutsche Volk für diesen Antisemitismus, dessen erster uno lautester Wortführer bezeichnenderweise T r e i t s ch k t war, mcht noch einmal schwer gestraft werden könne dadurch, daß ihm in der Welt das gleiche zugefügt wird, was seine Hetzer jetzt dem Juden 'zufügen. Eine Ahnung von solchem Gericht kann man im Ausland bekommen, wenn man merkt, nne wir überall als „Boches" gestempelt sind; da kann man sich eine Vorstellung von der Tiefe des Wehes machen, das die hochgesinnten Elemente unter den Juden über diese verallgemeinernde Ausstoßung, über diesen Makel ihrer Geburt, über triefe vnmeuschliche Mißachtung empfinden. ‘ So wie im vorangehenden vom Preußen gesagt war, daß er die letzten Konsequenzen aus einem allgemeinen Weltzustano gezogen habe und dadurch . -ein Spiegel si'rr eben diesen Weltzustand geworden sei, so., darf man auch vom Juden sagen, daß sein Geschäfts- , geist nicht etwa ein isoliertes Nebel innerhalb der' menschlichen Wirtschaft darstettt. sondern vielmehr das tiefste Wesen dieser' Wirtschaft mit konzentrierter Betriebsamkeit und Logik ans Licht bringt.und'deshalb ein Spiegel der Selbsterkenntnis 'für den Geist unserer „arischen" Oekonomie ist. Man soll gewiß die Art von jüdischem Typus,^Zie auf diesem Boden gewachsen ist, nicht beschönigen, es ist aber der Gipfel der Oberflächlichkeit, wenn man den Zorn'all derer, die unter dem modernen Geldmenschentum leiden,/auf den Juden abtenkt, statt ihnen das Wort auf die Lippen zu legen: Rostra culpa, nostra maxima crAa! Denn auch die arischen Kapitalisten sind nicht Banditen innerhalb einer Welt von Liebe und Ehrlichkeit, sondern auch ne bringen aus. einem ganz bestimmten Gebiet nur die allgemeine rücksichtslose und kulturlose Gier nach materieller Sicherung und Macht zum Ausdruck. Für das deutsche Volk wird die Art seiner Stellungnahme zur Judcnfrage außenpolitisch und innerpotiti,ch von höchster Bedeutung werden. Es möge sich dreimal besinnen, ehe es sich in das Treiben seiner Autksemiteu. hineintreiben läßt. Wir haben -wahrlich genug Feinde in der Welt, es fehlte gerade noch, daß wir auch jetzt noch, wo unsere ganze 'Wiederherstellung von riesigen Krediten abhängt, die jüdische Hochfinanz der ganzen Welt gegen uns aufbringen. Ferner: Unsere weltgeschichtliche Aufgabe in den .nächsten Zeiten wird die kulturelle und soziale Auseinandersetzung mit dem O st j u d e n t u m werden. Wir können dieses Problem in einer Weise lösen, die uns den Dank der ganzen WeM bringen würde, wir können es aber auch in einer Weise behandeln, daß es zum Ausgangspunkt einer allgemeinen europ/ischen Vergiftung wi.d. J-nnerpolitisch endlich sollten wir bedenken, daß wir Zwietracht und Streit genug im Innern haben — sotten wir uns nun rief) da? deutsche Judentum, dessen Energie und' Sach- ' ienntnis wir zum Aufbau unseret Wirtschaft unbedingt brauchen, wieder gegen uns mobil machen und es in die Reihen unserer Gegner treiben? Ist dies ganze Treiben nicht der reinste deutsche Selbstmord? Es sei dem Verfasser gestattet, hier folgende Schlußsätze des Kapitels über die Judenfrage aus feiner „Politischen Ethik und politischen Pädagogik" zum Abdrucken bringenr Paris, 80. Dezember. (HavaZ.) Das Abkommen von Spa vom 9. Juli sieht die sofortige Durchführung folgender drei Maßnahmen, betreffend die Entwaffnung Deutschlands, vor: 1. Die Entwaffnung der Einwohnerwehren. 2. Die Entwaffnung der Sicherheitspolizei-. 3.. Die AblieferungdeSüberschüssigenKriegSmaterialS an der Ostgrcnze. Das Abkommen zog im Falle der Nichtdurchführung dieser Maßnahmen Strafmaß- -nahmen in Betracht, darunter die Besetzung eines, Teiles des deutschen Gebietes, das geräumt werden * würde, wenn die vorgesehenen Bedingungen vollständig erfüllt wären. Nun setzt die deutsche Regierung durch ihre Roten vom 9. und 22. Dezember dem Verlangen des Generals Rollet, betreffend fbte Entwaffnung der Einwohnerwehren in Bayern und in Ostpteußen und die Auflösung der „Selbstschutz" benannten Bürger- Wehren eine Ablehnung a limine entgegen, indem sie als Minde^die bolschewikische Bedrohung Ostpreußens und die Möglichkeit von inneren Unruhen in Bayern anführt. Die Botschasterkonferenz hat an die Berliner Regierung eine Rote gerichtet, worin die Verstöße gegen daS Programm, betreffend die Sicherheitspolizei, erwähnt sind, die einen mehr militärischen als' bürgerlichen Charakter bewahre."Am 26. d. M. übermittelte die deutsche Friedensabordnung der Botschasterkonferenz die Antwort, betreffend die Reorganisierung der Polizei, worin die deutsche Regierung dagegen p r o t e st i e r t, daß sie gegen den Friedensvertrag oder das Abkommen von Sva verstoßen hätte, wobei sie wiederum auf^die Gefahren des Bolschewismus hinwies und die Verantwortung für die möglichen Ereignisse auf Frankreich überwalzte. Gleichzeitig 'Unternahmen Minister des Aenßern Dr. S i m o n s und der Leiterder deutschen FriedenSabordnnng G o e p p e n Schritte im selben Sinne beim französischen Botschafter.- . Bezüglich der Ablieferung des Kriegsmaterials verlangt die deutsche - Negierung in der Note vom 26. d. M.. daß die Festungen.Königsberg, ftüstrin und die Grenzstadt Doyen nicht gänzlich entwciftnet werden, wobei auf die Unsicherheit der polnischen Grenze hingewiesen wird.' Nachdem das Problem in dieser Form gestellt war. empfing Ministerpräsident Leygues den Botschafter Dr. Mayer und betonte ihm gegenüber die Gefahren, - die .sich f ü t Deutschland ergeben „Es ist etwas von der Vorsehung Bestimmtes, daß iri vielen Erscheinungen des' entwurzelten Judentums uns die ganze Häßlichkeit' und Gottverlassenl^it der Selbstsucht in ihren versched'nsten E fch'inungsformen ausgewachsen und abstoßend vor Augen tritt. Wir können uns dagegeDaber nur dadurch zur Wehr setzen^ uftlP zugleich, dem höchgebornen Volke selbst aus seiner weltgeschichtlichen Not Heraushelsen. — daß wir uns gerade im Angesicht d?r ausgewachsenen Selbstsucht zur aus g e wachsemen -Liebe bekennen und dieses Bekenntnis im Umgang mit dem Judentum zur Tat werden lassen. . Mit dem schlechten und entarteten Judm'nm werden wir nur dann fertig werden, wenn wir uns mit dem edlen und innerlich befreien Judentum ve binden. Damit die edleren Inden aber gegen die Erbschaft des Ghettos-auch wirklich mobil gemacht werden, müssen, wir alles tun. diese edlen Elemente nicht durch verallgemeinernden Antisem tismuS in Kameradschaft -mit' . den schlechten Elementen hiticinzujre'ben. DalGcrmanentum hat in den . letzten JahrzchMn durch solchen verallgemeinernden Antisem'tismus schwere Schuld auf sich geladen und die. Lösung des. Problems.außerordentlich/ erschwert. .Statt solcher kurzsichtigen und .unchristlichen. StellungnalMe müssen alle christlichen Völker sich bewußt werden, daß sie die Sünden ihrer, Vorfahren wieder gutzumachen haben. Wo immer wir abstoßende Juden antresfen, da müssen wir an alte dis schweren Untaten denken,' die von christlichen Völkern, an den Juden begangen worden sind -rdas wird uns nachsichtig machen und uns antreiben, jüdischen Fehlern bei aller Offenheit -doch ' nie mit Roheit' und harter Mißachtung zu begegnen. ‘ Die Anwesenheit/des jüdischen Elementes in Unserer Mitte r- und gerade oft des durch jahrhundertelange Aussperrung und Mißachtung entarteten Judentums, das sich nun dadurch an uns rächt, daß es alle die in .ihm emporgezüchbeten Eigenschaften zu unserem Schaden betätigt'— das' alles ist eine gottgewollt Prüfung für unsere ganze soziale Kultur und vor allem für' unsor Christentum. Solange, wir dieses jüdische Element nur vom Standpunkt kalter und gereizter Abneigung und gelehrten oder ungeleh.tcn RassendünleN b handeln, solange wird unsere ganze soziale und ch 'stliche Kultur aus niederer Stufe stehen bleiben. würden, wenn es auf seinem Widerstand gegenüber den Bestimmungen des Versailler Vertrages und den Ver» / pflichtungen von Spa beharren würde. In Paris und London ist noch keine Initiative ergriffen worden. Cs ist aber unerläßlich, daß die Verbündeten in kürzester Frist ein Abkornmen treffen, um die Frage zu bereinigen. Sie können die schweren Verstöße Deutschlands nicht dulden. C8 kann kerne Rede davon sein, die Frage der A-8rüftung.und jene der Wiedergut machung.- die voneinander vollkommen.verschieden sind, zu verknüpfen, wie es die deutschen Vertreter zu tun versuchen. Wenn man Deutschland außerstand setzen muß, v o n neuem ' züschaden, muß man auch die Bezahlung der Schäden . verlangen, die es absichtlich verursacht Haft' Deutschland darf nicht daran denken, von den Alliierten- ’ eine Milderung seiner Abrüstung zu erlangen, indem eS . droht, die geschuldete Entschädigung herabzusetzen. Ein Bericht Fachs. Paris, 31. Dezember. (Tel.-Komp.) Der „Matin* meldet, daß Marschall F och seinen Bericht über dre Abrüstung Deutschlands nunmehr fertiggestellt habe und ihn heute dem Ministerpräsidenten Leygues übers geben werde. In dem Bericht soll sich MarsckM Föch darauf beschränkt haben, in obiektiver Form alle Punkte i anzufübren. in denen Deutschland die Bedingungen erfüllt habe oder in denen es seinen Verpflichtungen nicht nachgekommen ist. Der Bericht enthält aber keinerlei Schlußfolgerungen oder Ratschläge. Ministerpräsident Lengues habe den Botschaftern Englands und Italiens erklärt, daß eine neue Zusammenkunft der alliierten Regierungschefs in a l l e r n ä ch st e r Zeit unbedingt notwendig sei. England mit Frankreich einig. London. 3t. Dezember. (Fimksdrnch.) Der Kabinetts«/ rat hat sich gestern mit der Auflösung der deutschen i Einwohnerwehren beschäftigt. Es verlautet/ daß England die Schritte Frankreichs zur Erzwingung der Entwaffnung g u t h e i ß e n werde. Die Lage nicht Kritisch. . - London,. 31. Dezember (Funkspruch.) Die „TiineS^ erfäln-t, daß zwischen der engliscl)en und der französischen Regierung Beratungen über die Schritte stattfinden, um.- Deutschland zu der Erfüllung se.iner- Verpflichtungen zu. verhalten, hält aber die Lage n i ch t f ü r k r i t i s ch. Eduard VH. und ELemeneeau in Marienbas. Wickham Steed, Chefredakteur der „Times", der bekanntlich lange Zeit der Korrespondent dieses Blattes in Wien war, veröffentlicht soeben seine Auszeichnungen üher ein Gespräch, welches am 26. August 1908 zwischen König Eduard dem Siebenten und Clemenceau, der damals Ministerpräsident war, in Marienbad stattgefunden hat. Clemenceau absolvierte damals ein«, Kur in Karlsbad untd Steed fuhr zu ihm, um ihn übei, die .damalige politische Situation auszufragen. , Der französische Ministerpräsident äußerte sich über verschie-, bene Tagesfragen, während Steed sich Notizen machte«, um sie gleich nach d.er Unterredung dem damaligen englischen Botschafter 'in Wien. Sir E. Goschem weiterzugeben. Am 26. August hattatsächlich in Marienbckd eine Zusammenkunft zwischen König Eduard. Clemens ceau und Jswölski stattgefundon. Clemenceau führte die Unterredung auf die Frage, was geschehen würde, wenn den ägyptischen Nationalisten wirklich liberale Zugeständnisse gemacht würden, und schnitt dann die'Bedeutung der maritimen Wettrüstu n g e n» z w i s ch e n Engl a n d u n d Deutsch 1 and an. Clemenceau sagte damals: „Ich bin der Meinung, daß. weün es zu einein Konflikt kommen wirh, dieser ganzbestimmt durch irgendeine Unklugheit der englischen Politiker oder durch eine unzeitgemäße Bewegung der öffentlichen Meinung Englands heworgerufen werden, wird. In England wind die so stark exponieri Lage Frankreichs nicht vollauf verstanden.- Obgleich sehr viel von der Möglichkeit einer Invasion durch Deutschland gesprochen wird, glaubt doch niemand ernsthaft daran,., und man. wiegt sich in dem Vertrauen auf die Macht der englischen Flotte, die deutsche Flotte zu vernichten. Für Frankreich hingegen ist die Jnvasionsgefahr begründet. Wjr.-wissen ganz gut, 'daß am Tage nach der Eröffnung der Feindseligkeiten zwischen Deutschland-und England die deutschen Armeen Frankreich durch Belgienüberfluten-würden und daß Deutschland von Frankreich eine Schadloshaltuyg für die Verluste, die es, durch die Tat Englands zur See erleiden sollte, fordern würde. Was könnte nun in diesem Falle England irnS helfen? Etwa die oeutsche Flotte zerstören? England wiirde nur ein großes Loch ms Wasser machen. Im Jahre 1876,. bat es keine deutsche Flotte gegeben imb dennoch sind die Preußen in Paris eingczogen Altz ich Sir.Edward .Gretz jrug, was Eugland tun würde, wenn die Deut-