Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 692 (29.12.1920)
- Date
- 1920-12-29
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette« Wien iunnwoH Wiener «vrorgenzerrnns 29. Dezember 1920 Ssr. 692 Eine ernste Warnung an unsere Industriellen und Kaufleute. Der argentinische Korrespondent der „Vossischen Zeitung* schreibt auS Buenos AireS: »Noch vor wenigen Monaten-glaubte man in Deuischkmd. daß die überseesichen Markte jede Menge deutscher DaM, »ufnehmen würden, und nicht^»zuletzt Argentinien galt als «as Land der unbegrenzten Absatzmöglichkeiten. . Es hat keinen Zwck. ja, kann nur weiteren' Schaden stiften, zu verheimlichen, daß schwere Enttäuschungen eingetreten sind: in Deutschland, weil die erhofften großen Be-- ‘ itcllungen aus dem Ausland immer seltener werden, bei den südamerilanischen Kauflcutcn, weil Deutschland in den meisten Fällen sehr tön er und — sprechen wir es offen" »nS — unzuverlässig und' schlecht geliefert hat, beziehungsweise noch liefert. ^-> - •- . . , Man ist in Südamerika nach dem Kriege, selbst m den Staaten, deren Negierungen sich'zu unseren Feinden schlugen, dem deutschen Export mit vollem Vertrauen enkgegSNgekommen. Denn man heute von wohlmeinenden Siidameri» kauern sehr harte Urteile übör dert deutschen Wsicnhandel Hort, muß man bei aller Würdigung der schwierigen deutschen kcrhältnisse solchen Leuten leider hr öielem recht gKen. Die Klagen ergehen sich fast immer in der gleichen Richtung:. Nachträgliche Preiserhöhungen seitens des deutschen L!eferauten unter Hinweis auf AiiSkichrexsarBniS usw... Verzögerung der Lieferung lwaS jedoch fast immer von den Bestellern selbst als entschuldbar, anerkannt, wird) und endlich ' va? am unangenehmsten empfunden wird —schlechte Ltr-seeuna. Das Schlimme liegt leider nicht nur im d.er sch selten Lieferung, sondern cs kommt Noch hinsii. daß die Muster, nach denen gekauft wutde, sich durchaus von der: L^ferung vnterfchekden, so daß der ausländische Käufer sich einfach betrogen fühlt. Dabei handelt es sich durchaus nicht um Einzelfälle. Die außerordentlich betrübliche Folge solcher deutscher Lieferungen ist dos nahezu - völlige Verschwinden des Vertrauens in die deutsche Redlichkeit. . Die sich überst!l''wtiden Preisforderungen aus Deutschland, oft für unentsch''ldbär mangelhafte, in keiner Meise den Mustern entsprechende Liefe»' runaen, haben dem kaufmännischen Ansebev Deutschs r.rbS aük Fahre hinaus einen umso schwereren Schlag versetzt. olS unsere Hauptlonknrrenten in Südamerika, nämlich die Vereinigten Staaten und England, sich wieder bemühen. den vor dem Kriege auch vom deutschen Autzeuhaudelbefolgten Grundsätzen redlicher Lieferung nachzu'ornmen. Heber englische Lieferungsbräuche hört man hier überhaupt weniger Klagen. . , Die Folgen dieses Mißtrauens werden, sich, in Deutsch-, land immer stärker fühlbar machen und' e'me Remedur erscheint umso .notwendiger, als das Dort'von dem Hunger der Welt nach deutschen Waren absolut bohlgeworden ist. Unsere großen Konkurrenten, die Vareinigten Staaten und. England, haben sich die Kriegszeit, beziehmrnsweise die Zeit. nach dem Waffenstillstand, mit großem Geschick zunutze gemacht. zum Teil auch ist in Südamerika selbst eine.kräftige Industrie entstanden, und so kommen noch eine Reihe weiterer ungünstiger Momente hinzu, die der deutschen Ausfuhr abträglich sind. In dieser Beziehung mag erwähnt.werden, daß selbst in dem Zweige, in dem Deutschland vor allen anderen Ländern den größten Vorsprung hatte, nämlich in der . Ausfuhr von Chemikalien, ihm von seiten der im Krieg entstandenen chemischen Industrien Nordamerikas,' Jap ins rnd Englands heftige und erfolgreiche Konkurrenz gemacht wird. Es gilt jetzt, den deutschen ' Absatz .im Ausländ'und das Vertrauen zu deutscher Redlichkeit wiederzugewinnen. Der Weg, der dieses Ziel am raschesten erreichen lasten wird, ist mein er* Ansicht der Weg der ° sogenannten Konsignatmrisseridungen. Exporteur und Fabrikant Müssen sich - zw sammentun. um diesen Weg gemeinsam zu beschreiten. denn der Exporteur kann allein die Kapitalien nicht aufbrmgcN, um sich größere Mengen Ware für eigene Rechnung hiuyuszulegen. Der Fabrikant wiederum hat em größeres Interesse daran, gute Ware zu liefern, wenn er selbst an dem end'. gültigen Verkaufserlös interessiert ist. Der Ausländer aber, jedenfalls der Südamerikaner, kaust, wie, die Verhältmsse heute liegen, im allgemeinen deutsche Ware nur, wenn sie in seinem Lande greifbar ist. er ihre Qualität prüfen kayn und vor nachträglichen Preiserhöhungen gesichert ist. ' All diesen Forderungen wird der Weg der KonsignationSsendungen am ehesten gerecht. Zum Schluß sei noch auf einen anderen Punkt hingewiesen. der für die Wiederbelebung des deutschen Außenhandels — jedenfalls aber nach Südamerika, und in anderen Weltteilen dürsten die Verhältnisse ähnlich liegen *— von ausschlaggebender Bedeutung ist, nämlich d.ie Verbesserung der deutschen Modelle. Ein Vergleich deutscher Ware mit entsprechender nordamerikansicher oder englischer zeigt in den meisten Fällen, von der oft vorhandenen mangelhaften Ausführung der deutschen Ware ganz abgesehen, daß jeste Landes während des Krieges industriell außerordentlich fortgeschritten sind, während Deutschland mehr oder weniger an seinen VorkriegZmodellen hängengeblieben ist. Die Tatsache liegt vor, und wir müsien versuchen, sg rasch als möglich diesem Mangel abzuhelfen, indem wir uns an bessere Modelle halten. Jih denke dabei an alle möglichen Waren, angefongen mit Automobilen bis herunter zu Grammqpkonen, Schlössern, Cicherhettsnadeln usw., nicht nur an technische Elnzclhetlcn, sondern auch an die geschmackvolle Durchbildung. , Diese an die reichsdeutschen Industriellen gerichtete ernste Mahnung gilt, vielleicht noch verstärkt, unseren österreichischen Fabrikanten nnd Exporteuren. Der Krieg hat unsere Erzeugung qualitativ heruntergebracht. Solange der Staat, ^rLiebuttLsrveise die Armee. Besteller waren, bat der Erzeuger eine PMM-Maite int englischen Werdaus. '»London, 86. Dezember. (Md. Korr.'Bm.)Jm engll-! schen Unterhaus richtete Lieut. Colonel Cr oft eine An-! frage an den Premierminister, ob er versichern . könnte, daß die Errichtung einer jüdischen - nationalen Heimstätte im Heiligen Lande keine permanenten Lasten , den britischen Steuerzahlern aufbürden werde; ferner, ob did Ausgaben für die britische Armee in Palästina jetzt von der jüdischen Bevölkerung in diesem : Lande getragen werden, und worin nicht, ob die Kesten in l der kommenden F'manzperiode gedeckt sein werden.! Wir. Bonar La w antwortete: Die Annahine des Mandats über Palästina bezweckt nicht die Ans- ' erlegung irgendwelcher permanenten Ausgaben für die britischen Steuerzahler. Die Antwort auf den zweiten lind dritten Teil der Anfrage! ist negativ. , I , Colonel Croftr. Wynn werden die Ausgabe^ in i der Form Don SchenkrmM aufhören?! Bonar Law: Mit der Annahme des Mandats! übernehmen wir'eine'gewisse Verantwortung. Die j Regierung hat nicht, die Absicht, jemanden von diesem ^LaNde ist. schwere Ausgaben zu verwickeln. - . Mr.. P. P i l litzn g: Würde der sehr geehrte i Gentleman an die jüdische Bevölkerung dieses Lügdes den Appell -richten, einen Fonds für diese Zwecke in! Palästina austubringen, um die britischen Steuerzahler > von schweren Ausgaben?u entlasten? I Lrent. Commander Kenn wort Hy: Ift es nicht! Tatsache, dass die Juden der ganzen Welt n n- I g eb e u r e Summen für die Entwicklung Palästinas! anfbr^Ngen und haben wir keine V"rpfl'chtrmg dem jüdischen Volke gegenüber dafür, daß eS für uns kämpfte? K Mr. Ormsby Gore: Hat nicht die j ü dlsche Bevölkerung der ganzen Welt seit der Besetzung Palästinas viele Tansende jährlich für das Erziehungswesen und allerhand Arbeiten, wie öffentliche Gesundheit in. Palästina, verausgabt, was sonst diesem Lande zur Last gefallen wäre? Bonar Law: Es ist zweifellos eine Tatsache, daß sehrgroßeSumtnen von denIuden der ganzem Welt aufgebracht wurden. Dies hat gewiß zur Belastung dieses Landes nicht beigetragen, nnd ich denke, dass das geehrte Mitglied recht hat, wenn es behauptet, dass dies Ausgaben erspart hat. * Stettt. Commander Kennworthy: Ist eS nM der Fall, dass'viele Inden an unserer Seite kämpften, und getötet wurden, weil sie die ausdrückliche Bürgschaft batten, daß wir ihnen zur Wiedererlangung ihrer nationalen Heimstätte verhelfen werden? Bona? Law: Ich habe eS nie erfahren, daß es irgendeine Andeutung gäbe, sie hätten bloss aus diesem Grunde gekämpft. Was die Frage Colonel Crofts betrifft. so sind bisher die britischen- Kräfte in Palästina vermindert worden. Ein Teil muß jedoch dort bleiben, bis die Zivilregierung in die Lage kommt, die innere Ordnung aufrechtzuerhaltcn und eventuellen Angriffen von draußen widerstehen zu können. Es ist unmöglich, schon heute zu sagen, wann dieS der Fall sein wird. Der einzige Weg wäre, einen Termin zu bestimmen, indem wir erklären, daß wir nach sechs Monaten keinen Penny für Palästina hergeben werden. Ich glaube aber nichts daß dies richtig wäre. getrachtet, die Qualität zu.verschlechtern die Preise wahnsinnig -in die Aöhe zu schrauben. Seine Sorge galt weniger dem Produktionsprozeß als der Erwerbung hoher Prvtetwren und der Ausfindigmachung bestechlicher amtlicher UebernabmSorgane. Dann kam dis Nachkriegszeit mit ihrem irnersätt.! sichen WarenhSnger und gleichzeitigen Warenmangel. Nun-! mehr war der Erzeuger in die Lage, versetzt, den bettelnden | Warensucher zu tyrannisieren und zu becrüqen. Nichteinhaltung .von LieferuNgsterminen und.Lleferungsverpflicht^ngeni seitens gricher F^en .äst eine normale Erscheinung ge° ■ worden^ ebenso unreelle Bemusterung Dse großen Firmen können ed sich ja leisten. Der Wiener Kaufmann uud die Vertreter der ausgehungerten Ost- und Balkanstaaien Müssen.ja doch, wieder um Waren betteln kommen. Der Ausgestaltung .der Produktion» der Ergänzung und Moderni-; siermlg der Werkzeuge, der Umschau um neue Modelle wird j keine Aufmerksamkeit geschenkl. Und diese verwilderten Sitten machen sich' auch 'im überseeischen Export, sofern er schon im tzkmge ist. breit. Dabei wiegen sich unsere Industrie- Herren in der angenehmen Illusion, als warte die ganze Welt sehnsüchtig auf ihre Erzeugnisse. Ja. die Welt wird gern bdi uns kaufen, wenn wir solide Ware liefern und solid kaufmännisch Vorgehen. Es ist hoch an der Zeit, daß! unsere Erzeuger und Exporteure die Grundsätze der. Vorkriegszeit wieder zu Ehren bringen. Der ungarische Galgen. Vier VolkrsssommM^ &tm Tode, sechs %n redensransichern Kerker verurteilt. Amtlich wird aus Budapest vom 23. Dezember gemeldet: . .. ’ ,; . <- Heute stm 9 Uhr vMtnittags wurde das Urteil im Prozeß D^en die eheirMgeü Volkskommissare verkün>et. Gerichtshofspiach sämtliche Angeklagten der MDe st ä t.sj» e letdigu.il g. der Au ßreizun g, der Falschmünzerei.und der Anstiftung zum M o r b e schuld'g nnd verurteilte Karl Bantus, Desider Pokanyi, Pe!er; ß. o ft o ti und Josef Haubrich zum Tobe durch den Strang. Franz Ba. j a k i, Asn!on D o v c s a k, Geo.'g N y i s z t o r, Heinrich Kalmar/ Josef Ke sc n und A'exander Szabad o s zu. l e b e n s l ä n g l i ch c n Zuchthaus. Wegen des Ve-brechens.der Falschmünzerei wurden mit^Ausnahme von Szabados, über den. der Gerichtshof eine Gelbst ase von 4009 Kronen verhängte, sämtliche Angeklagten ^.zu einer. Geldstrafe von je 1000 Kronen verur e'.lt? Aus der Begründung des Urteils geht hervor, daß den Berur eilten die Teilnahme an der Räteregierung sowie die Schuld an den von den Nevölutionstribunalen gefäll'en Todesurteilen zur Last gelegt'wird. Sie wurden überdies wogest „Fasschmünzerei" 'verurteilt,, weil die Nälepeg^exung e,igenfs Geld drucken ließ.» ’ - ’ v '; v"' Zu Weihnach'eR hat Horthy Ungarn mit einem Amnestieerlaß beglückt, den ein Teil dev ungarischen Blatter als Schlußpuukt der.eigenmächtigen Rechtsbeugungen dreier revolu ionärer Epochen in Ungarn bejubelte. Die B^gralssgung politischer Verbrecher sei der Ausdruck des Glaubens an die Möglichkeit, auch in der ungarischen Poli tk und Gerichtsbarkeit an Stelle des Ha,ses die Ve söhnung zu setzen und das .Racheaelülü aus dem LÄcricütsi'aal bannen ru können. Der Wortlaut des Amnestieerlasses und ganz besonders der in der .Presse verösfenilichts Kommentar des Jnst'zmim-- skers To m c sa n yi haben allerdings den Wert und die Bedeutung der. Amnestie auf ein Minimum herabgedrückt. Cinen Tag nach Weihnachten nun verkündet der ungarische S^aatsgerichtshof das Urteil in/ dem' Prozesse g-.'gen die zehn Volkskommissare, deren dio ungarische Regierung, habhaft werden konnte. Dieses' Urteil läßt nichts verspüren. von dem Geist der Versöhnung, der angeblich die^Politlk des DLhekL-srabiyetW von nun an leiten soll. HAß und Rache habsn dieses! Urteil diktiert und magyarischer Trotz un'd Selbstüberhebung waren die Triebfedern, welche das üngarischei. Staatsgericht dazu drängen, trotz der Bitten und Warnungen der Ärbeitermassen der ganzen Welt, der Vorstellungen eines großen Kreises Intellektueller, das Bluturteit zu fällen. Bezeichnend für das Urteil ist auch der Umstand, daß gerade die zum Tobe Verurteilten, Bantus, Bokanyi, Dr. Peter Agoston und Hau brich, die Intellektuellen der Bewegung und' die Gemäßigtesten unter den Volkskommissären waren. Sie waren so sicher, daß sie selbst der gehässigste Richter nicht zum Tode verurteilen könne, daß Ae an ihre eigene Flucht kaum dachten. Bokanyi war der Führer der alten sozialdemokratischen Partei in Ungarn und hat, wie aus der Prozeßverhandlung hervorging, mit den verschiedenen Bluturteilen des RätHegimes nichts gemein gehabt. Er war in einem früheren Pwzeß bereits frei ge sprachen worden. Auch Haubrich konnte nachweisey, daß er den Hinrichtungen SzamuelyS fernestand und keine Macht besaß, sie zu verhindern. Die interessanteste Erscheinung aber unter den zum Tvde durch den Strang verurteilten Volkskommissaren ist ohne Zweifel Dr. Peter Agoston. Dr. Agostön War in Friedenszeiten Professor und galt Zeit seines Lebens als ein überzeugter' Liberaler, dessen Aussprüche voll dErsiüdisch-assimilatorischen Presse gerne zitiert wurden, wenn es galt, den Liberalismus in Ungarn zu Be^ gründen. Als im Krieg die antisemitische Hetze von den Kirchenkanzeltt herab und in der Provinzpresse begann und ganz besonders als d i e a n t i s e m i t i s ch e Preß zentrale mit einem Kapital von zwölf Mlkrönen Kronen ihre verhetzende Propaganda trieb, überraschte Professor Dr. Agoston die Welt mit einem dickleibigen B u ch ü b e r d a S I u d e n t u m, tn welchem er auf Grund gefälschter oder längst widerlegter Zitate den Nachweis zu führen versuchte, daß es einen Ritual Mord unter den Juden gebe, und M dem Schlüsse kam, daß die Jubenfrage nur entweder durch die Taufe oder durch die Ausrott-ung gelöst werden könnte. Man merkte in Ungarn damals sofort, von welcher Seite Peter Agoston tn^piriertl wurde. Nach dem Zusammenbruch und dem kurzlebigen Karolyi-Regimev kam die zweite Ägostou-- Ueberraschung: Der ehemalige liberale und später semitische Professor wurde Kommunist und hat als Historiker bald die höchsten Würden iu Sowjctungarn bekleidet. Trotz dieses Charakterbildes des Professors Dv. Agoston muß doch der Wahrheit gemäß gesagt werden, daß ihm während der Prozeßverhandlung nicht nachgewiesen werden konnte, an den Grausamkeiten des bolschewikischen Regimes irgendwie mittatig gewesen zu sein. Man hat in Ungarn den Eindruck, daß man Agoston, der, wenn er bei seinem Antisemitismus ausgeharrt Lätt«. heute einer der wertvollsten Frh«