Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 691 (28.12.1920)
- Date
- 1920-12-28
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2979076-2979416-2979769--06215-2992146- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
'€eite 4" Wien. Dienstag , --.... ■■ ■ — ->---- Lviensr Mor^enzekLung i7»r. ...... /28. Dezember 1920 ^Rr. 69! iwmgwww^ 8 Aller Art liefern' rasch a::d billig gs 1 Wien, II.,Praterstrasse 56^1 sroch der Sowjetregierung gegenüber Mißtraurn gezeigt, äm August hätten sie den festen Wunsch geäußert, für UöwjeLrußland zu kämpfen. Der Sowjet egierung ständen gewaltige Aufgaben bevor. Die Wirtschaft des Landes rnüsse geregelt werden. Gleichzeitig müßten die Interessen der kleinen Bauernwirtschaften gewahrt werden. Auf Vorschlag der kommunistischen F akt'on wurde das Präsidium einstimmig gewählt, das unter anderen «nü Kalinin, Lenin, Trotzki, Sinowjew, Kamenew und Bucharin besteht. RüLgang der Arbeit in NAßland. Rom, 27. Dezember. (Funkspruch.) Der Sekretär der italinijchen Metallarbeirewrganisation Colombinv, der kürzlich Petersburg besucht hat, veröffentlicht einen Bericht über die A be'teranzahl in den dortigen Fabriben. Die Putilow Werke beschäftigen 7000 Arbeiter (vor dem Kriege 40.000), die Kabelwerke 380 (vor dem Kriege Ü600), die baltische Schiffswerft 4000 (vor dem Kriegs 8000), die Treugoinik-Gummiwerke 5000 (vor dem Kriege 20.000), die Siwrobod-Bootswerft 500 (vor dem Kriege 20.000). Eolombino fügt hinzu, daß die geleistete Arbeit in keinem Verhältnis zu der Arbeiter-« anzahl stehe, obwohl es sich Zum größten Teile, mn qualifizierte Arbeiter handle. Blutige Unruhen in Breslau. Bresiau, 27. Dczrmbrr. (Wotff.) Auf dem Schlvstplatz fand deute nachmittags eine Arbcitslofmdersammlung statt, die von der kommunistischen Partei gegen de» Ställen der Gewerkschaften ««berufen worden war. Nach Schluß der Versammlung zogen die Teiluchmer zum Ncttbaus. Die Menge griff die zum Schutze des RachauseS berritgestellte Polizei, die den Zug auhaltcn wollte, an. Nachdem dir Polizei Schreckschüsse abgegeben halte, zerstreute stch die Menge. Durch zmucknrallende Kugeln wurden einige Personen verwundet. Mehrere Beamte wurden durch Schläge und Strmwür'e vn letzt. Drei Personen wurden in das Allerheiligen-Hospital ringeliefert, von denen eine ihre» Berwrrubrmges erlegen ist. Kein Streikrecht fire die deutsche« Eisen- SabAbeLMten. Berlin, 27. Dezember. (Wolfs.) Das ReichsverkehrS- Ministerium hat unter Hinweis auf den Erlaß der Reichs« regierung vom 17. d. M. sich an die Eisenbabndirektionen gewendet, um nochmals Len klaren und festen Standpunkt der Regierung zur Frage des Beamtenstreiks mit allem Nachdruck zu vertreten. Das Reichsverkehrsm mi« sterium betrachtet es als seine Aufgabe, eine gerechte und, soweit es die Verhältnisse zulassen, befriedigende Wsung der Frage der Besoldung der Beamten zu erreichen, betont aber, daß das Streikrecht den Bannten abgesprochen wurde. Die deutschen Einwohnerwehren. Paris, 27. Dezember. (Havas.) Die Botfchafterkonferenz hat, nachdem sie von der zwischen General Rollet und der deutschen Regierung über die Entwaffnung der Einwohnerwehren geführten Korrespondenz Kenntnis genommen hatte, einst 'mniig beschlossen, den alliierten Regierungen diese Frage vorzulegen. Horthy sPart Kohle für einen Krieg. Die Ar^cken der «naarischrn Kohlennot. Prag, 27. Dezember. (Pretzzenirale.) Die in Prag erscheinende ungarische Korrespondenz „Pragai Sze'.nle" erfährt aus vertrauenswürdiger Quelle, Latz in Nngarn eine allgemeine Kohlennot herrscht. Die Ursache derselben ist aber nicht eine ungenügende Kohlenlieferung, sondern die Regierungsanordnung, daß die Kohle für den b e dar stehen den Krieg gespart werden muß AuS diesem Grunde wurde der Eisenbahnverkehr vom 23. De. zember bis 4. Jänner eingestellt, die Polizeistunde im ganzen Lande auf 10 Uhr abends gestellt, die Schulen, geschlossen und die Industrie lahm^elegt. Nur in den Waffenfabriken wird in vollem Umfang gearbeitet. In StaatZeisenbahnmagazinen sind große Kohlenvorrats eingelagert. Die Ententekommisston, die die Ent» waffnung Ungarns kontrollieren soll, hat ihre Arbeit noch nicht begonnen und diesen Umstand will Hmtby ansnützen. Durch die Behauptung einer Konsolidierung der Verhältnisse sollen diese Kriegsvorbereitungen der Welt verheimlicht werden. Ezobel ver«rteilt. Budapest, 27. Dezember. (Ung. Tel.-Korr.-Bur.) Im ' Kommunistenprozeß wurde Professor Ernst - C z v b e l, der Vertreter des Rätcregimes in Wien, zu einem Jahr und zwei Monaten Kerkers verurteilt. Die Freiheitsstrafe wirb als durch die Untersuchungshaft verbüßt erachtet. ES wurde feine Internierung beantragt. Ei». Judenpogrom t« Balta. Der Ukrainische Pressedienst meldet aus Lemberg: In Balta meuterte die balschewikische Besatzung. Me Sowjetkommissäre wurden erschossen und hierauf wurde ein Judenpogrom veranstaltet. 6 Juden wurden getötet, 37 schwer verwundet. Die Meute.-ei konnte erst durch frisch herangez-ogenes Militär unterdrückt werden. Polnisch-litauische Verständigung. Var'ch^u, 27. Dezember., (W. P. G.) Der „Kurjer Warszawski" berichtet: In der letzt.n Sitzung der polnischlitauischen Konferenz nahmen d'e litauischen Delegierten eine überaus gemäßigte Haltung ein. Sie erstatteten neue Vorschläge und man darf nach der gegenwärtigen Lage schließen, baß es zu einer Verständigung kommen werde. Die Megrerrmgsvrlvrmg in Jugoslawien. Belgrad, 27. Dezember. (Südslaw. Preßbur.) Die Verhandlungen zwischen den Vertretern der Parteien zwecks Bildung der neuen Regierung und der eventuellen Abänderung der Geschäftsordnung, die von allen Parteien verlangt wird, dauern fort. Die neue Regierung batte das Arbeitsprogramm, die Verfassung, die Ge» schästsordnung und das Wahlgesetz auszuarbeiten und die Agrarreform zu lösen. Es besteht das Bestreben, möglichst viele Parteien zur Bildung der neuen Regierung heranzuziehen. Die ArrsnahmsbestLMMMtgen ist Pretz- -urq aufgehoben. Preßburg, 27. Dezember. (Preßzentrale.) Die AuSnahmsbestimmungen im Komitat Preßbmg sind aufgehoben worden. ' Der Eidam des Rabbi Me>r Baall-netz. Tcke Dollßleomdr. nacherzäblt von A. Eifeqfchkotz. In Qstrolenka lebte einst ein Rabbi, dessen Weisheit und Scharfsinn sehr berühmt waren. Die Juden aus der ganzen Gegend ließen ihre Prozesse von ihm entscheiden und die ganze Stadt wußte, baß der Siadtrlchter oftmals, besonders wenn er am nächsten Tag einen schwierigen Fall zu entscheiden hatte, spät bei Nacht Zum Rabbi kam; und wie der am Abend den Fall entschied, so entschied ihn am nächsten Tag der Richter. Die ganze Stadt und alle Juden der Umgebung hingen hem Rabbi in heißer Liebe an, besonders aber liebten sie' ihn wegen der klugen Streiche, die er reichen Geizhälsen spielte, die arme Juden nicht über ihre' Schwelle ließen. Einmal klagten dem Rabbi die Juden der Stadt, baß es in einem nahen Dorf eine Schenke gebe, deren Pachter keinem armen Juden Einlaß gewähre. Er ist sehr reich — erzählten sie — kommt aber nie in die Stadt; denn er hat Angst, das könnte ihm ein paar Gulden kosten. Armenspenden gibt er keine, hält auch nichts davon, außer von den Spenden in die Rabbi-Meir-Baal-neß-Büchse. Doch er traut keinem; albe Boten, die zu ihm die Büchse leeren kommen/ Hagt er mit Prügeln davon und sagt, er lasse da? Geld von niemandem nehmen, außer von Rabbi Mir Baalueß selbst. Seine Spendenbüchse — erzählten die Juden weiter —- ist sehr groß, beinahe so groß wie ein Eimer. Wenn einmal ein reicher Jude bei ihm eintritt und bas Gespräch auf Armcnspenden kommt, da schleppt er immer seinen Eimer herbei, den er in ein-?m eigenen, Zimmer eingeschlossen hält, und sagt stolz: „Ihr glaubt wohl, daß man aus dem Dorf keine Armenspenden tzibt. Im Gegenteil! Seht her!" Dabei zeigt er den AeLdgesÜllten Eimer. „Ich will meinen Diener hinschicken," antwortete der Rabbi, „die Sache wird bald in Ordnung sein." Sofort rief er den Diener, erzählte ihm, was die Juden ihm soeben mitgeveilt hatten und' befahl ihm, sofort ins Dorf zu fahren und dort alles genau zu erkunden. Ein Paar Stunden später kehrte der Diener zurück und berichtete dem Rabbi, alles, was die Juden erzählt hätten, sei volle Wahrheit. Am nächsten Dag ließ der Rabbi zeitlich früh eine größere Menge von Leuten zu sich rufen , und hieß sie einige Banernwagen beschaffen und mit großem Lärm und Gepränge zur Schenk fahren. Und wenn der Pächter sie fragen ließe, was der Aufzug bedeute, so sollten sie ihm antworten: Ein - sehr großer Rabbi fährt vorüber, er kommt aus Erez Israel! Und wenn er fragen würde, wer der Rabbi sei, so sollten sie sagen: Es ist der Eidam des Rabbi Meir Baal-neß. Eine Stunde später machte sich die ganze Menge auf den Weg mit großem. Gepränge . . . Im letzten Wagen saß der Rabbi verkleidet mit seinen zwei Dienern, die ebenso wie er in orientalische Gewänder gekleidet waren. Als die Gesellschaft in die Nähe ver Schenke kam, begann sie laut zu singen, so daß' der Pachter selbst herauskam, um. zu sehen, wer da käme. Als er hör e, wer vorbeisahre, da geriet er vor Freude beinahe ganz aus dem Häuschen; er Matschw in die Hände und rief dabri fortwährend: -;JH habe es doch - cg »artet! Ich habe es doch erwartet!" . . . In-wischen waren alle Wagen -bei' der Schenke angelangt. Der Pächter hielt sie an, lud sie ein und bereitete ihnen eimn präch igen Empfang mit einer großartigen Mahlzeit. Die ganze Nacht wurde gegessen und getrunken. Als der Pacher am nächsten Morgen sah, daß der Rabbi Weiterreisen wolle, rief er ihn zu sich in das Zimmer, wo der geiogefüll'e Eimer für Nabbi Meir Baal neß stand, und sprach: „Schon jahrelang sammle ich dieses Geld für euvru Schwieaervakr. Hs Die Kommuniste«verhaft«ngen in Del Tschecho-Slowakei. PUtch» 27. Dezember. (Preß-Zentrale.) Bei eftmt de« verhafteten Komniunishenführer, Hanblir, wurde bet der Hausdurchsuchung belastendes kompromittierendes Material vorg»« sirnben, das die ganze kommunistische Aktion ins wahre Licht stellt. Me- Untersuchung und die - Einvernahme der Verhafteten, deren Anzahl ans 1100 - gestiegen ist, werdaw mH BeschKunigürig geführt. DaS Gericht wird sehr wahrscheinlich die Au8li:ftrung derjenigen kommunistisch-m Abgeordneten vöm Parlament verlangen, bereu Verschulden «n den: Exzeß bewiesen ist. , v Tagesbericht. Der Keren Hsjefiod. Der Aufruf an das jüdische Volk» den wir aus der rrüen Seite des Blattes vrrösfevtlrchm, fordert die Berrrtstellung cfle* physischen und materielle» Kräfte für das Anibanwerl m P.ilMrra. Der Größe deS zu schaffenden Werkes solle» die Mittel entsprechen, die die Ratio« zur Bersüguazn Alle« hat. Dir politische und wirtschaftliche Lage det Volkelaßt eS als geboten erscheine«, daß die Hoffnung aus ecken Erfolg dcS Aufrufes erfüllt wird, der alle Momente knapp mfammenfaßt,. M feine Dringlichseit erhalten. DaS Judentum steht vor dem Untergang, wem» es sich nicht anfrafft; in Palastm» w'nkt ihm dre Rettung, aber 'nur, wenn es sie in seiner eigene» Kraft, suchen will. Der Aufruf trägt die Unterschrift einiger führender Zivnille». Lord Walter Rothschild ist der Empfänger der * Deklaration BalkourS vom November 19l7 und Vorsitzender des großen Zionisti'chen AktionSkomiittS. Sir Alfred Mond, C'ief der G oßfirma Mond, Brunner & Co. und englischer Minister für öffentliche Arbeiten. D» Rdclrffe N. Salamon, rin sehr angesihener Jude nnd Zivm't, Forschen und Arzt, war Militärarzt beim jüdischen Bataillon in Palästina und hat foedm e n Buch „Palcfiine Reelmmed" herausgegeben. Der Anssichlsrat (Economic Council) bat zum Präsidenten Minister Sir Alfred Mond. Zu seine» Mitgliedern gehören «nter anderen Baron JameS de Rothschild (Lohn des Drrons Edmund Rothschild, deS, Schöpfers der jüdischen Kolonisaiion ln Palästina). Sir Robert W a l l e h E o h e n, em führender englisch-jüdischer F nanzmann; Mr. Albert B e l i s h a, Direkioc brr Oeusrrq Electric Co.; M. Halm M a r k S, Dirrltor der Krnox Co. und mehrere andere. - ■ Die Nationalsteuer der jüdische« De, völkernug Palikstinas. Jerusalem,. 24. Dezember. (Jüd. Korr<Bur: ) Das' Nationalkomitee hat bis ChanukaMche als Termin für die Einsammlung der nationalen , Steuer unter her ge- . samten jüdischen. Bevölkerung Pali'stinas bestimmt. Sämtliche Schriftsteller, Lehrer und Mak-abi-Organrsationen stellten sich freiwillig in, den. Sammeldienst, der befriedigend vonstalftn ging. Der Strcikbejchlntz der israelitische« Religionslehrer. Wie wir berriis berichteten, hat die Doll Versammlung der ReligionSlehrer der Wiener KultuSgemeinde einstimmig beschlossen, auf sämtlichen Forde-- ruvgen zu bestehen, alle Zugeständnisse, welche nicht die restlose Erfüllung ihrer Wünsche zum Inhalt haben, ZArück« zuweisen nnd, falls diese Forderungen nicht im Sinne bcB tvarew schon sehr viele Juden hisr, welche daS Gell» mitnehmen wollten; doch ich bin nicht dumm; fremden Leuten vertraue ich das Geld nicht -an. Doch da mir nun das Glück zuteil wurde, den Eidam des Rabbi Mir Baal-neß zu schrn — da habt ihr das Geld, Rabbi, nehmt es zu Gesund mit!" Mit diesen Worden schüttelte er das ganze Geld aus dem Eimer auf den Tisch. Der Rabbi rief seine Diener, hieß sie das Geld einpachen und sagte dem Pächter: „Bon nun an w-erdr ich jeden Monat einen meiner Abgesandten herschicken,. damit er das Geld abhole." Dann bat er'ihn, er möge, da doch er und seine Begleiber längere Zeit im Lande' blieben, um überall die Spenden einznsammeln, darauf' achten, baß die-Ge sandten in seiner Schenke stets Nachts kager' und ein warmes Mahl fänden. Das' Kennzriche» seiner' Gesandten werde ein Zettel fein, auf dem ge« schrieben'steht: „Eidam' deS Räbbl 'Mir- Baal-nLß." Der Pächter versprach alles und war im siebente» Himmel, weil ein so; großer Rabbi wie der Eidam, des Rabbi Mir Baal-neß sich an ihn,, den ungebildete», Juden vom Dorfe, mit einer Bitte gewandt hatte! Der Rabbi nahm freundlich' von' ihm Abschied und versprach ihm, seinem „Schwiegervater" von' ihm zu erzählen .. . Die Begleiter des - Rabbi hielten mit- Muhe das Lachen zurück. Sie fuhren alle in die Stadt zurück,.froh des ge.ungenen Sireiches. Das Geld sanbw der Habbi natürlich nach Erez Israel. UebechieS ließ er alle Armen der S.aot' zusich kommen' und gab ihnen Zettel, auf denen :geschrieben stand: „Eidam de- Rabbi Meir Baal-neß.^ Damit bekamen alle Arme» beim Pächier unentgeltlich Nachtquartier und oft auch ein warmes Mahl. Bei einigen Familien, die schon längst nicht mehr arm sind, wirb noch heute «in Zettel mit d?r Nuiichrist: „Eidam des Nabbi Mir Baal-ue^" aufbörvahrt.