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Wiener Morgenzeitung · 1920-12-28 · Heft 691 (28.12.1920) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
2 (1920)
Issue
Heft 691 (28.12.1920)
Date
1920-12-28
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2_Wien. Dnnstag Die Vierte Internationale. Bon Dr. Paul Wcifengrün. Die Erste Internationale, an der ein Teil der großen Mitbegründer ' des Sozialismus noch gearbeitet hat, ist längst zerstört: der Weltkrieg hat auch die Zweite Internationale so ziemlich.verschüttet. Ob sie wirklich an der Kapitulation vor dem Imperialismus zugrunde gegangen ist, wie die Kritik der Unabhängigen behauptet, soll hier nicht erörtert werden. Auf jeden Fall wer ihre Haltung zu opportunistisch, sie konnte weder denArbertdwillen im Proletariat verstärken noch aber die berochtigtcn wirtschaftlichen Forderungen der Proletarierrnassen der halbbefrenndeten Bourgeoisie gegenüber mit Erfolg vertreten. Sie hatte ihre Zeit verpaßt, denn am Anfang des Weltkrieges befand sie sich in einer sehr guten Konjunktur, tüchtige und großzügige Führer hätten schon etwas ans der Situation machen können. Der Kampf, der zwischen der Dritten Internationale, die sich ausschließlich an Moskau anlehnt, und den gemäßigten Sozialisten tobt, ist noch nicht zu einem Abschluß gekommen. Aber auch die Dritte Internationale scheint die Arbeiterruassen nicht zu befriedigen. Die ans-, schließliche Herrschaft der Kommunisten in dieser Grup° , pierung, die sklavische Unterwerfung unter das Laktat ' Moskaus, die Nichtanerkennung berechtigter lokaler pnd, nationalgekärbter Strömungen haben eine ganze Anzahl von Proletariergruppen entschieden abgestoßen. In diesem Moment si'chen die Unabhängigem.die man als die reinsten Marxisten betrachten kann, ein«; neue internationale Organisation. In Bern tagten vom 5 bis zum 7. Dezember in einer Vorkonferenz die Vwtreter der Crisvien-Partei Deutschlands, die unabhängige Partei Großbritanniens, die von Otto Bauer und Friedrich Adler geführten Wiener Unabhängigen und einigandere kleinere, der Rechtspartei der Unabhängigen nahestehende Gruppen. Es wurde beschlossen, am 22. Febmiar 1921 eine große internationale sozialistische Konferenz nach Wien einzuberufen: auch ein neues'Programm wurde skizziert. , " Das Programm beginnt mit der Behauptung daß das urimittelbare Ergebnisses Weltkrieges die Weltherrschaft des britischen und amerikanischen K.<pita>is- > mus sei.- Dagegen müssen sich alle Arbeiter der Welt organisieren, nachdem die Zweite Internationale sich bereits selbst umgebracht bat. Da -die Dritte Internationale aber nur eine Zusammenfassung der reinen kommunistischen Gruppen haben will und' dadurch die Einheit des Weltproletariats überall gefährdet, muß "ine neue internationale Organisation gegründet werden. Die ganze sozialistische Weltpolitik kann um* durch den j e w e i l i § e n N e r f e gr a d d e r r e v o l n t i o n ä r e p Situation bestimmt werden. Die Arbeiterklasse kann ihre Astionsmittel weder auf die rein gewerkschaftliche Bewegung noch auf den rein politisch-parlamentarstchen Kampf beschränken; sie muß. sollte die Bourgeoisie sich der Arbeiterschaft gegenüber auflehncn, zur Diktatur greifen. Die Diktatur ist eine notwendige NebergcmgSstnse zum sozialistischen Gemeinwesen. Es bängt nun ganz vdn den einzelnen ökonomischen und politischen Derhästnissen der verschiedenen Länder ab. welche Formen die Diktatur annehmen wird. Es kann die Umwälzung auf dem Umweg der Demokratie erfolgen, dann ist die Diktatur nur dort notwendig, wo trotz der sozialdemokratischen Majorität die Bourgeoisie als Minderheit einen pemweifeltön Widerstand dem neuen sozialen Aufbau leisten wird. Sollte aber eine Realisierung auf demokratischem Wege nicht möglich sein, so muß zu der Waffe der Diktatur in einem historisch gegebenen Moment auch vor. der Erringung der Majorität gegriffen werden. Dieses P'-ocwamm ist wirklich im Gegensatz zur Politik von Moskau und z„m Opportunismus der Herren Scheidsmann und Ebert reiner M^rrismns mit scharfer Betonung. des Klafsenkampses. Ist mese Er. oberung der politischen Welt auf diesem - einseitigen Wege ober noch möglich? Das ist daS Problem und ich glaube, der Weltkrieg hat die Unmöglichkeit schon dargetan. Da ist für die meisten Fälle für einkurze Zeit die Moskauer Methode vielleicht noch praktischer; denn Moskau vertanat nicht einen Reifegrad der allgemeinen Loge, wenigstens eines Lond-s. Der Kominu* nismns ist da. er will und muß erobern, er greift zu terrorlsillchen MeU'nden und zu militärischen Mitteln. Das ist k-ine Politik a la longue, aber einklar? nrovisornche Methode, mit der man unt-r Mckstchen Umständen auch ohne einen Reifegrad der' Welt oder der günGaen Situation eines Fände? etwas ausri^wn f,.nn. Die Methode der Unabhängigen »st schwieriger. Kein Land im Westen und kmn Lnn^, in M'tteleurova ist' reif tür eine einseitige Herrschaft des Welt- und notionalen Proletariats. Die wiitschaftliche Macht der Anheiw'k'asse war vor dem Weltkrieg eine größere. Der, Reichtum der Produktion, die d^ran knüpfend- Mönsiickcke'.t einer Sozialisieruna. die. Schwäche nud Verschuldung des Bauerntums, die Unerfahrenbeit des mittleren Vüigertums und die ungeheure Snmpathie'der mtell-kti»c'''len Klasse sind durch den Weltkrieg zuungunsten des Proletariats verändert worden. Wirklich stark, auch wirtschaftlich. ist das Bauerntum geworden, arm die Produktion. überaus schwer die Sozialisierung selbst bei eint r Diktatur, vollkommene Abhängigkeit der Lebenshaliung vom ganzen und halben Aaraneft'nn. das si"d di- Charakteristika der Periode nach dem Weltkrieg. Da kann vielleicht die ursprüngliche Absicht Bauer«, für längere Zeit mit der reinen Demokratie auszukmninen. die Gkwei-lschastsbeiaegung inzwischen zu stärken, den Internationalismus vorzubereiten, starke international«? Wiener Morgenzennng 28» Dezember 1920 89r Erzherzog milbein von lsabsbmg König (kr Ukraine. Ei» Veschluß Oes Generalausschusses -er »krainischen Armee. L a-Vno w, 27. Dezember. (Tel.'Komp.) 3m hiesigen Answarti en Amte drr Petljura. Neaieruna i'L die Nachricht eingetrofferr, datz der Woiskowy Krrrh, das ist der G e n e t a la « ssch ufr derA krairris chenArmee, nach dem AeLertrrtL auf das ostgalizilche Terrrtorrnm und tmft der Entwaffnung der ukrainischen Truppen Lurch die Polen in der Stadt Zbara; am 2. d. M. eine geheime Sitzung abhielt, in der beschlossen wurde, Len Oberst Wifyl Wyschywanhj (Erz-! Herzog Wilhelm von tzabs-rrrg) zum König -er Ukraine auszurrrfen. Diele Machricht hat in den Kreisen der Petljura-ArrlrLnger grötze Bestürzung hervorgernfen und es wurde der Minister Andreas Lwiekyj beauftragt, die er Bswegnng, die auch vom Sberkommandier.nden der ukrainischen Armee General P a wi e n k o begünstigt wird, mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln entgegenzrrarbeitei^ Wirtschaftsverbände des Proletariats zu schaffen, eher helfen, besonders da die politische Unfähigkeit und Einsichtslosigkeit der Bourgeoisie noch immer sehr groß ist. Die Bourgeoisie >ist politisch schwach, die Agrarier sind es nicht mehr; hiezu kommt, daß die Proletanerpolitik es in keinem Lande verstanden hat, die Majorität der Intellektuellen an das Schicksal der Arbeiterklasse zu fesseln und zu kitten: im Gegenteil, in den meisten Ländern sind die Intellektuellen von den Arbeitern schlecht behandelt worden, wirtschaftlich in den Hintergrund gedrängt, und eine riesige lleberschätzung der körperlichen Arbeit hat zu einer Entfremdung minbestens so viel beigetragen wie die schlechte theoretische Politik. Angenommen, daß dos Vroletanat eine viel größere Reise der politischen Schulung und einen ungeheuren einheitlichen Charakter hätte, konnte sie ohne langjährige vorherige Demokratisierung kaum diese einseitige Politik durchsetzen. Zu stark ist die wirtschafte iche Not, zu schwach der technische Konzentrationsprozeß im Manschen Sinns, zu dürftig die industrielle Weiter» eptwicklung selbst, zu reich, zu stark, zu sehr indivldna-! listisch gefärbt, die. agnköle Produktion. Aber erfüllt das Proletariat beute auch nur im entferntesten die doppelte Vorbedingung politischer. N e i f,e und einer kräftigen e i n h e i 111 che n Gesinnung? Ich glaube, es dürften auch wenige. Unabhängige dis Frag«" ohneweiters bejahen. So bin ich denn der Ansicht, daß die' Vierte Internationale ebensowenig Bedeutendes aus- . richten wird wie die Zweite und die Dritte, i,- Im Zusammenhang Nkpchte ichMf die Tatsache hin-. weisen, daß auch m den wenigen Ländern, wo die Landwirtschaft, sehr schwach. ja spärlich und kümmerlich ist, wo die Bourgeoisie, am blödesten und 'unreifsten sich gebärdet, das Proletariat keine entscheidenden Erfolge! aufznweisen vermag.' Sebr interessant ist ein Artikel der; . Arbeiter-Zeitung" vom 18. November d. I.; es handelt ' sich hier, um -kein -bürgerliches. Blatt nUd um keine Darstellnng von Tatsachen, die sehr lange znrücklieaen. In ' Sachsen fand zu Friedens?>eiton»der deutsche Sozialismus ein glänzendes Territorium, das reichst? Land l Deutschlands, nach Belgien das volkr-ichfte in Er'rova, ungeheure Haufen geschulter, rein tnhnftrieTIer Prole- ■ tarier, tüchtig- Schulung, lauter günstige Vorbedingungen. dazu noch d?e Imvanderab'l?en großer politischer Traditionen. Lassalle. B^bel, Ll-bknecht. lauter sächsische Führer — schon im Frieden hieß mit Recht Sachsen das Rote Königreich. Im Iabre 1903 errang die Sozialdemokratie bereits wsi . alle varlaniepsawschen S'tze in dem .Königrwch. ftnd nun schobert chie „Aib-jter- Zeitung", wie di- S-zi-ldemokrafte in Sachsen iunner kleiner, immer ^erspalten-r wi"-de. Dorr, wo -Z keine starke Ba-nernschaki- und keinfw?e Aa^rie^h-wegung - gibt. in. dem rei"sten indnftriellen Lande, blül't deo Kapitalismus wieder auf. Por e'niaen Wochen Mützen Neuwahlen in die VoEskammer statt, rrnd das Ergeh. niS. meint die .Arbeit-r-Zeituua". ist zweifell''? eine Niederloade? Sozialismus. N'ck>t weuiaer wie vier sozialistische Pa^t-wn ft-ud-n im Direvolutionären .^nah^ängiaen verloren die Halft?. dio H-ghen- Aallerschen D^stschnatio"-^ g-'w-nuen meßr ein Drittel der Sftmmen s"ft den lebten ^'st das die vol't-schs Veiie a^s s,",^ -tur? das der l^"d dar alle? ist ^dre Entwicklung in einem Lande, wo die günstiaen Borkommnill? a"r-od""'f?'"? .H r o- Ietarierwillentz" bäit-n zeitigen können. Ich gsai'r->^ Tmw* d'^ auk ch'r^er Linie liegt. Wenn die Nnahk'änaiaen sich entschlossen hätten, in Bern dsfl Diktatur des Br^^tariats n-ch einer Beriode der vall^,i'^»g^ }„ Vordergrund zu sch'-'r-^g. gynr,^,^. pP-TpTft Moaftch Reif-, die Einheit braucht ein'ae D-^ennien zur Ent» ' Wicklung, pi-lleicht kann bis dah'm die stark«' agrikal? Be- ^.weaung ghstauen. .auch die industrielle Produstioud-! käbigkeit sich erhöhen. Dos Programm der Vie-ten Internationale hätte lauten sall^„: Zf,nächst keine Dif. tatnr des Vrol'etor'attz. .Herbe'stil'r"ng her Demokratisiemma. einer wirsttck'^ D"rnt,p,.ev'sierfmg aller . sch^st?st«>ssen. igih W'-stg, duna großer inlernatiauakor Verhände d-r Ge. werkschaften. Da? Proletariat ist h?"te in eium siher- ' aus schwieriaon Lage und a,'ch die Nechts"i«ibhängigen scheinen der Situation nicht gewachsen zu sein. Senator Mae Cormick über die jüdische Einwanderung nach Amerika. Der Warschauer „Moment" gibt ein Gespräch wieder, Las eine jüdisch-amerikanische'Pgrsönlichfeit gelegentlich der Anwesenheit des Senators Mc Cormick in Warschau mit diesem führte; unter anderen aktuellen Fragen wurde auch 'die jüdische Auswanderung aus Polen im Zusammenhang mit dem bevor», stehenden Einwanderungsverbot in Amerika berührt.» Mc. Cormick wurde von seinem Besucher auf die traurige Lage der vielen Tausende jüdischer Flüchtlings aus der Ukraine und anderen Gebieten Osteuropas aufmerksam geinächt, von denen die meisten Verwandte in Amerika haben, die gutsituiert sind, als gute amerikanische Bürger aktiven Anteil am Kriege genommen haben unb große Verdienste um Amerikas wirtschaftliche Entwicklung^ haben. Sie wollen ihre unglsicklichen Ungehörigen aus Europa hinübernehmen und sie bei sich so unterbringen, daß sie niemandem zur Last Men. Dennoch mache man diesen Einwanderern große Schwierigkeiten bei der Erteilung der , amerikanischen Visa, selbst wenn sie alle erforderlichen Dokumente aus Amerika besitzen. Mc. Cormick wurde auf eine ganze Reihe von Fällen hingewiesen, wo auch solche Emigranten, die von ihren im amerikanischen Militärdienst invalid gewordenen Verwandten angefordert wurden, kein Visum erhalten konnten. Mc. Cor m t ck nahm die ihm vorgebrachten Fälle schriftlich auf. Er versprach, sich innerhalb der , vom Gesetze gezogenen Grenzen zu bemühen, damit Len F l si ch tlingen, welche Einreise bewilligen und die nötigen amerikanische^ Dokumente besitzen, keine Schwier i g k e i t e n bereitet werden. Mc. Cormick konferrierte in dieser Angelegenheit auch'mit dem amerikanischen B otschä ft er und Konsul in Warschau. Mit dem letzteren begad er sich auch aufs Paßamt, wo er die Scharen der Emigranten, die auf amerikanische Pisa warten, sah. Mc. Cormick, welcher neun Sprachen, darunter Russisch und Deutsch, spricht, informierte sich persönlich bei einer Anzahl mm Emigranten über ihre Verhältnisse. Der rvsstsch-yolnlsche Friede. Der „Abend" b?rich'et-: Nach'ich':en au? LUp und polnischer Duelle besagen über.'inst'mmerld. das; der polnsich-russische Friede unmitt.lbar vor dem Aü-- ichwß strhe. Der Frieb.'nsve'trag enthält bereitJ d'.e Bestimmungen für den Holm ich russisch?« Handel?ve 'k?hr und für den Durchz"grve'kehr des deutsch rujfischen Handels über polniiches Gebiet. Diese Nachricht wird du cheine A."U^eru:,g Lenins aus dem Sowjetkongreß besteigt. Lenn sagter „Der Krieg ist zu Ende, wir könren an unser.; großen Ausgaben ungehindert hs'?angehen. Aber wir müssen vor unseren Feinden auf der Hut sein." ' Aus dem RWarischru Kukturstaut. Kathosthen: Protestanten und Juden, Was^ wir gleich zu Beginn des We'ßen Trrr-rs Voraussagen und waS die ungarische Neg'erung b'shcr zu vertuschen b.'müht war. daß nämlich tu christl'ch- . ro iona'e Kurs sich letzten nur tzsien d'e Iu'-en, srMern geg en alle Nichtkath oli.ken wendet, mußte nun in öffen-tlrcher Sitzung der ungarischen Na iona'vörfamn^u.ug zur K.'nn'n's psnommew werden. Der Mgerrbne's Atti^a-Orba-g hat in Form einer Interpellation auf die. Grausamkeiten Hingewiesen, denen die P r o t e st a n t - n* im „kaltz'nisch rr Nom," in De-ree-in, durch die „Crwacloubsn Ungarn" aus'csetzt sind. Die La^e in Debreczin sei womöglich eine noch schlimme e als in Budapest, Nicht nur wir schaftlich sei di« Stadt zugrunde. g-erichwt worden, sondern auch moralistb Völlig heruttter'-'ekommen. In Deb-eczin gibt es. heuie infolge der Tätigkeit gewisser Cliguen n'cht nur einen furchtbaren Äntisemiiismus. sondern heut« st-ehen in Debrecz'n die l Katholiken im Kampfe gegen die P-oteftanten und dieser Kampf habe bereits die ung^aubsich^en Formen angenommen. Die Negierung hat. um die Protestanten zu stmsen, den verbissensten Feind der Kawiner, Otto Hubert, znrn Obergespan von Debreczin ernurmt, einen Mann, der, nebenbei gesagt, währ.md Les kommunistischen llteairnes. wiedurch Protokolle erwiesen

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