Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 690 (27.12.1920)
- Date
- 1920-12-27
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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drite 2 Ö5iftt, Mvllwg Frankreichs Furcht vor Deutschland. Paris, 24. Dezember. (Havas.) (Kammersitznng.) Zn fortgesetzter Generaldebatte über das Vudgelprovi'vnum erflart C&erft Fabry, der dem Generalstabe Fosfres angchört hatte, Frankreich sei gegenwärtig imstande, Deutschland den Frieden aufzuellegen. Eine wirkliche Ge fahr sei aber nicht die deutsche Armee, sondern die Werkstätten und Laboratorien Deutschlands, die seiner Armee' eine erschreckende Macht geben könnten. Redner schliere sich der Ansicht Lesövres an. daß die deutschen Werkstätten und Laboratorien einer strengen Kontrolle unterworfen werden sollten, und verlange, daß die französischen Laboratorien in die Lage versetzt werden, allen Eventualitäten gewachsen zu sein. Kriegsminister R a i b e r t y erklärt gegenüber Lelövre, daß er an die Wirksamkeit des Versailler Vertrages glaube. Frankreich werde, um sich gegen eine vom Osten kommende Gefghr zu schützen, seine militärische Macht aufrechterhalten, ja selbst verstärken. Abg. Tardieu stellt fest, daß Deutschland 95 Prozent seiner Geschütze abgeliefert habe und insolgebeffcH n i ch t mehr gefährlich sei. . Ministerpräsident Leygues sübrt auS, die obersten militärischen Chefs Frankreichs kennen die Stimmung Deutschlands vollständig und seien der Ansicht ‘ -gewesen, daß man die Dlenstzeit auf 18 Monate herabsetzen könne, ohne der Sicherheit Frankreichs zu schaden. Die' Stärke der deutschen Armee werde bald auf 150.000 Mann herabgesetzt sein. Frankreich bleibt eine friedliche Nation; aber wenn sein Feind von gestern den Vertrag nickt, erfüllt und Revanche sucht, werden wir die Mittel besitzen, um ihm nötigensalls mit Gewalt die Erfüllung auszuerlegen. Das ist der Zweck innerer militärischen Gesetze. Wir sind nickt mehr wie im Jahre 1914 durch einen Ueberfall bedroht. Wir stehen am linken Rh^rnu er und halten die Brückenköpfe, die mir in 15 Jahren verkästen werden, wenn der Vertrag erfüÜL worden ift, wo wir al»cr bleiben werden» wenn dies nicht der Fall ist. (Allgemeiner Beifall.) Der Ministerpräsident schließt mit der Erklärung, die Befürchtungen Le'evres seien nur.aut Hypothesen gegründet, ein großes Land wie Frankreich müßte aber seine Politik aus Tutiachen ausbauen. Deputierter Leiövre versichert, nicht die Frage der Verkürzung der Dienstzeit habe seinen Rücktritt verursacht, da er jede wünschenswerte Beruhigung erhalten habe; er sehe jedock dre europäische Politik mit anderen Augen an als der Ministerpräsident. Redner iührt statistische Taten über die Anstrengungen an. die-die deutschen vnd österreichischen Fabriken macken, um Handelsflugzeuge zu bauen, die leicht in Kr iegs Lu gzeüge umgewandelt werden könnten. Ter Staatssekretär kür da? Flugwesen entgegnet darauf. diesex'Bau von Handele slugzeugcn biete nichts Beunruhigendes. _ Die ErrterrLe gefeit die fcentfcfjett Beamten in den besetzten RheinLattden. London» 23. Dez. (Tel.-Komp.) «Daily Telegraph" meldet aus Zürich: Nach einem Berichte aus Berlin hat die interalliierte Rheinlandskommission der deutschen Regierung mitgeteilt, daß die Stellungnahme des Polizeipräsidenten von Köln mit seinen offiziellen Funktionen nicht in Einklang zu bringen sei und daß sie deshalb seine Entlassung beautrage. Eine ähnliche Forderung sei in bezug auf andere Beamte in den besetzten Gebieten gestellt worden. Amerika verlangt von England Aufklärungen. Prrrs» 27. Dezember, (Wsttff.1 Im „Echo de Paris" teilt Pertinar mit, daß die Bereinigten Staaten vor zehn Tagen an die englische Regierung eine Note gerichtet hätten, worin verlangt wird, man möge der Reqi-cung - in Washington milteilen, wie die englische Regierung die Frage der ihr anvertrauten Mandate über einige ehemalige deutsche Kolonien sowie über einige der Türkei übenommene Gebiete regeln wolle. In dieser Note der Regierung der Vereinigten Swaten beißt es. daß nicht der Völkerbund, sondern die alliierten und assoziierten Mächte, zu deren Gunsten Deutschland und die Türkei alle ihre Rechte abgetreten hätten, die Frage zu regeln haben. Die finanzreÄe Lage Belgiens. Brüssel, 24. Dezember. (Havas.) Der belg'fche Fmanzminüter erklärte in einer Darlegung vor der Kammer, Belgien habe an Reparationen. Maschinen und Rohmaterialien für 2600 Millionen Francs und Kohle, Farben und andere Produkte für 2000 Millionen Francs erhalten. i Ueber die Staatsausgaben bemerkte der Minister, der Kriegsminister habe eine Herabsetzung der Heeresbedürfnisse um 400 Millionen angekündigt. Die Eisenbahnen haben ein Defizit von 322 Millionen. Für die drei ersten Monate des kommenden Jahres werde die Ernährung einen Zuschuß von 59? Millionen erfordern. Die Hilfe für die Arbeitslosen, die im Jahre 1920 93 Millionen verlangt habe, werde im kommenden Jahre immerhin noch 73 Millionen erfordern. Wiener Morgerrzeitvwg Tt. Dezember 1920 Rr» MV Frankreich gegen de« Exkönig von Montenegro. Belgrad, 26. Dezember. (Havas.) Die französische Regierung hat der jugoslawischen Regierung zur Kenntnis gebracht, daß sie den Posten eines diplomatischen Vertreters bei der Negierung des Exkönigs von Montenegro aufhebe und denr diplomatischen und Konsularoertreter Montenegros in Frankreich alle Rechte entziehe. Die Gründe dieses Beschlusses sind einerseits das in Rap'allo abgeschlossene Abkommen zur Regelung der adriatischen Frage und andererseits die Wahlen in Montenegro zur verfassunggebrnden Nationalversammlung. Paste übernimmt die Bildung des Kabinetts. Belgrad, 27. Dezember. (Havas.) Pasie hat den Auftrag, das neue Kabinett zu bilden, angenommen. Ansiedlvng von Donkosaken in Südserbien. Del rad. 26. Dezember. (Privat.) Die jugoslawische Regierung verhandelt mit dem Generalstab Wrangels wegen Ansiedlung der dieser Armee angehörigen Donkosaken in Süds^rbien und stehen die diesbezüglichen Verhandlungen vor ihrem Abschlüsse. Griechenland und die Entente. Paris» 27. Dezember. (Havas.) »Chicago Tribüne* meldet aus Athen- Hier wird versichert, daß Prinz Georg von Griechenland Mittwoch nach Paris reifen werde. Er soll den Auftrag haben, den alliierten Regierungen zu versichern, daß die Politik Denizelos' fortgesetzt werde, und ernste Garantien für die Gesinnung der neuen Negierung zu liefern. Die Kämpfe in dev Ukraine. * Ären, 26 Dezember. Die Ukrainische Presiediensi meldet ans Lemberg: Eine fliegende Kavallerieabteilung bat im Rücken der bolschcwikischen Front die Stadt Starokonstantinow besetzt. Englische WyÄsendungen nach Polen. London, 26. Dezember. (Reuter.) Zwischen Großbritannien und Polen ist ein Abkommen wegen Lieferung von 35.000 Ballen australischer und neuseeländischer Wolle im Werte von ungefähr 1,150.000 Pfund Sterling an 'Polen abgeschlossen worden. den solche Studenten künftig lieber nach England konnnen, anstatt nach Berlin und Wien au gehen — -- — Wjr müssen versuchen, diese Entwicklung nach Kräften zu fördern." Sie sehen also: Der kluge EnglSnde-r sieht auch hier wieder sehr viel weiter als manche Leute in Deutschland. Er kennt und würdigt die grobe Kultur- und wirtschaftspolitische Bedeutung, die das Studium von Ausländern für eb^ Land haben kann. —--Gerade deutsche Studenten sollten im übrigen auch nicht vergessen, welche unendliche Bereicherung die deutsche Literatur und die deutsche Wissenschaft- Männern jüdischen Blutes zu verdanken haben. — — — Und nennen Sie mir erst einen Germanen. der Deutschlands grössten Dichter, Johann Wolfgang Goethe, so tief empfunden und ihn dem deutschen Volke so nahe gebracht hat. wie der Jude Gundolf, den gewisse unerfreuliche Verhältnisse an der Berliner Universität zu meinem schmerzlichen Bedauern dazu de» stimmt haben, einen Ruf des preußischen KuktüSmlni», steriumS an die erste Hochschule deS Landes abzulehneru* Hänisch nennt dann noch eine Reihe Namen, die für den Ruhm deutscher Wissenschaft in der Welt unendlich viel mehr getan hüten als tausende antisemitische Wanderredner: Ein st ein. Ehrlich, Weber, Zuntz. Mauthner, Marx, Rathenau. Man brauche nur gerecht zu sein, um daS alles anzuerkennen. „Man denke sich,- führt Hänisch fort, „auS der deutschen Theaterwelt Otto B r a h m und Max Reinhardt fort, auS der Publizistik Maximilian Harden oder die Antipoden Theodor Wolfs und Georg Bernhard, aus der dentstkien Politik Lassalle, LaSker, Bamberger und Eduard Bern stei n, und sofort wird man begreifen, um wie-, viel armer unsere Nation aste Kultur ohne die Juden wäre. Schließlich noch eine Bemerkung: Zwei Dinge müßten neben allen anderen Erwämingen aerade jeden denlscken Studenten dazu bringest, sich mit Ekel van der antisemitischen Straßenagitation al-zuwenden: Ihre widerwärtige Roheit und ihre sachliche Unfruchtbarkeit.-" Aber die antisemitischen Hetzer lassen nicht locker und die Hetze gegen Hänisch nimmt immer ordinärere Formen an. Der Verband der Turnerschaften der deutschen Hochschulen ist ergrimmt über Hänisch,' weil er die Forderung der Deutschnationalen nach Aus- Muß der jüdischen und anderen Angehörigen der Ostlonder nicht ohneweiterS durchführen will. Die Turner haben darum frisch, fromm, fröhlich, frei über Hänisch heim preußischen Ministerpräsidenten Beschwerde geführt. «Sie versichern dort, daß sie „mit tiefster Entrüstung und Empörung- Hänisch? Haltung zur Kenntnis genommen haben und dergleichen mehr. Diese Resolution haf das Staatsministenum an Hänisch zur Erledigung abgetreten, der den entrüsteten Herren erklärt, daß sie über seine Politik mir mangelhaft unterrichtet seien und sie im übrigen zur Orientierung auf sein --- oben Zitiertes Buch verweist. Ob der Hinweis etwas nützen wird, läßt sich bei der Geistesverfassung der akademischen Hakenkreuzlcr.' die ja an ihren österreichischen „Kommilitonen" ein ge-, treues Pendant haben, billig bezweifeln. Zn den Maffenvrrhnstnnge» von Kommunisten in der Tschecho-SlowaLsi. Olm "tz.' 26. Dezember. (Privat.) Dem hiesigen Landcsgericht werden aus den Bezirken Eibens ch i tz. Auster! itz und B o s k o w i tz über 300 Kommunisten eingelieferl und in das Gefängnis auf dem «spielberg gebracht. In G ö d i n g ist die Zahl der vechasteten Kommunisten auf 47 gestiegen. In der Slowakei wurden im ganzen 42 Personen verhaftet, von denen die Mehrzahl bereits den Gerichten eingeliefert wurde. Darunter befindet sich auch der Pfarrer N a q y aus der Gegend von L o s o n c z. der., aufrührerische Reden gehalten haben soll. Bei einigen hiesigen Kommunisten wurden Hausdurchsuchungen vorgenommen, die jedoch keinerlei belastendes Ergebnis hatten. _ Dir Iudenfrage an den deutschen Hochschulen. film Buch 5 cs steufti tfett K»lti»smi»ilters Hünisch. Der sozialistische Kultusminister Preußens. Hanisck. gegen den die germanische Reaktion mit den schmutzigsten Waffen kämpft — u. a. wird er ein Töldling des „Alliance Israel',te" genacknt hat ein Luch über „Staat und Hochschule" erscheinen lassen. Einem Kapitel dieses DncheS. ursprünglich eine in Münster gehaltene Rede über „Hochschule und Judenfrage", entrelmen wir den folgenden Auszug: ^„Gerade wer mit mir davon überzeugt ist, daß pattttsch und iKoitumiidi die Zu-nrrst Teilt schwndS aufs engste verknüpft ist mit der wirtschaftlichen Erschließung der LsttenS, inSbesol^cre Rußlands, muß auf das sorgfältiaste alle Beziehungen pflegen, die von Deutschland nach dem Osten führen. Wie aber die Dinge heute stiegen, sind unser« Hochschulen mit ihren zahlreichen Ctudenten auS jenen Ländern nahezu die einzige«, jedenfalls aber die tragfahigste« Brücken zwischen Deutschland und dem Osten. Diese Brücke« abznl recken wäre geradezu ncitianaker ■ Selbstmord Es kommt hinzu, daß die geforderte Ausschließung der Juden von unseren Hochschulen, sei eS nur. der fremr ländlichen, fei eS, ui* »na. * j;.i' r l ,( ) i; er o tt y ">en Juden selbst, auch im Westen, vor allen Dingen in den Vereinigten Etaaten von Amerika, ohne jeden Zw-ifel wieder?.n ^iner neuen, rnaßloscn?-ei'e gegen Denischlarw auSgenützt werden würde-Was —— von dem besonderen jusischen Problem abgesehen — die Austänveena,V-* tt « i (■ .i i i ■ . i .« . w vji t. o oröchte ich Ihnen hie« noch einen Latz an» der varhin bereit» zit-ierten Rede dar englischen AnterrichtrministerS bisher vorless«. <err Fi'her sagte m Cardiff darüber: „Dre?sahl «ns«,« Vtndvr - wird noch anunrcksen durch starken Austom von "kenden aus andren Ländern. Infolge deS dunklen : S, den drr 5tciea über die deutsche?,ivitrsation reworstm nt irr- Kleine Palästina-NachrichtM. Sir Herbert Samuel hat allen KreiSverwoltem und NegierungsabteilungschefS ein Verzeichnis der Namen der jüdischen Kolonien zukonuum lassen und verlangt, daß sie sich bei Nennung dieser Kolonien dieser Namen bedienen. Arich in allez» Schulbüchern und auf Karten sollen diese Namen benützt werden. — Wie der ^Haarez" aus sicherer Onelle erfährt, hat Baron Edmond N o t h s chi l d alle nötigen Ausgaben für den Bau der Eis e n b a h n von Betach- T i k w a h nach N o j ch - E l - E i n auf sich genomnren. Diese für die ökonomische Entwicklung Petach-Tikwahs so wichtige Bahnlinie wurde schon lange projektiert, konnte jedoch mangels an Mitteln nicht zur Ausfühnmg gelangen. Jetzt sollen dem Bau keine Hindernisse mehr im Wege stoben. Der bekannte Philanthrop Kadori hat laut „Doar Hajom" für den Vau »wn Gartenstädten und eines großen Krankenhauses in Jerusalem als erste Rate seiner Zcichmlng 30.000 ägyptisckre Pfund der Zioniftisckicn Organisation überwiesen. Die Jerusalemer Kaufleute wrwden von den Behörden vorgeladcn und über die Ursache befragt, weshalb die Warenpreise trotz niedriger Gestehungskosien nicht nur nicht billiger, sondern zuweilen. u>ie %. 93. beim Zucker, auch noch teurer würden. Die Kauflente beriefen sich auf ihre großen Vorräte, die sie noch teuer hätten bezahlen müssen. Die Regierung schrieb den Kaufleuten Durchschnittspreise vor, unter Betonung, daß sie das 6)cbaren der Kaufleute scharf kontrollieren und daß jede Preitreieerei dein schärfsten Widerstand der Negierung begegnen werde. Außerdem hat die Negierung angeordnet. daß alle Waren, in erster Reihe die des täglichen Gebrauches,' PkeiSaufschnft tragen sollen. Jede Uebertretung wird mit einer Geldstrafe von 100 Pfund oder drei Mo- , naten Gefängnis, beide Strafen eventuell auch verbunden, geahndet werden. Luftdienst Kairo—Jerusalem. N Nach einer Meldung des „Doar Haj uv' wird , zwischen Kairo und Jerusalem ein Reise- und Postdienst per Luftpost eingerichtet. D!e Reise wird eiu- I schließlich von Ausenjhaltnahme in Alexandrien und Jasf» nur fünf Stunden dauern. Entwicklung des TclephouwesrnS in Palästina. Das Telephon wesen in Pal^stma en.tv streit ,ich. laut der Aion'stische« Korrespondenz, n.ue.dinZs sehr rasch. Eine Reihe von B-.'hörden und Handels«- Häusern ln Jerusalem haben die Anla?.e vor-!enommen. Auch in Jaffa hat man nunmebr mit der Emrichiung \ des Telephons bezonue«.