Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 689 (25.12.1920)
- Date
- 1920-12-25
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 Wien, Samstag führender Persönlichkeiten oder herrschender Richtungen wagte, der lief Gefahr, alb Nörgler oder Störenfried betraO-ct Zu werden.' Und es waren gerade die Arbeiter dritten, vierten und letzten Ranges, die den größten Unmut über solche Ansichten 'zeigten. Begreiflicherweise. Wenn das Feuer der Kritik die Zedern des Libanon bedroht, gibt es wohl keine Rettung mehr für die Zmergpflanzen von Irgendwo. Indem Täubler die jüdische Wissenschaft so nüchtern smschätzt, bekundet er den guten Willen, die Schönfärberei zu vermeiden und sich auf den Boden des Gegebenen zu stellen. Der Führung eines solchen Entwurfes wird man folgen können, so glauben wir. Leider aber ist diese Hoffnung trügerisch. Die vorgefaßte Absicht, eine Akademie zu gründen, erweist sich stärker als das Stieben nach Sachlichkeit. Bald reiben wir uns erstaunt die Augen: Die Hochburg des geistigen Judentums liegt vor uns wie Aladdins Zauberpalast. Sie besteht, im Gegensatz zu den großen europäischen Gefe^rtergeiellschasten. nicht aus Klaffen, die einen nur losen Zusammenschluß von Forschern bilden, sondern zerfällt in höhere Arbeitskommissionen. Sektionen genannt, deren vornehmste A"lgabe ebenso wie die des Gesarntkörp-rs in der Organisierung von nur auf diesem Wege lösbaren wissenschaftlichen Ausgaben liegt. Solche Sektionen enthält die Akademie nicht weniger als ein volles Dutzend. Zuerst kommen die fünf, die einer älteren Einteilung der Wissenschaft entsprechen: die historische, philosophische, »rsitgiouswisienschaftliche, sprachwissenschaftliche und literarische: dann wer weitere: die biblische, hellenfftsichromische, talmudische und islamische: endlich — etwas stiefmütterlich in einer Anmerkung angehängt — eine soziologische, topographisch-archäologische und rechtshistorische Sektion. Nicht, wie sonst überall'in de: Welt, bildet Me. Akademie einen gewissen Abschluß. Sie soll den Aufstieg möglich machen, der uns not tut. Freilich, um organisieren zu können, muß sie selbst wenigstensin den Grundzügen vorhanden sein. Das wird uns auch wiederholt versprochen: Sie soll von richtig gewählten Anfängen, aus organisch aufgebaut werden: die materiellen und ideellen Möglichkeiten, die Aufgaben :md die Leistungen sollen ibre Entwicklung bestimmen. Aber nach der vorhandenen Basis, über die sich der Entwurf, wie wir gesehen haben, keiner Täuschung bingibt. sind diese Möglichkeiten und Leistlingen, gemessen an dem Rang einer Akademie, nicht hoher als Null. So versinkt der Palast des Aladdin wieder und an seiner Stelle stellt ein bescheidenes Räuschen. Das ist das Forschung sinstitut. Es wird von beamteten Mitarbeitern gebildet und hat, wie man aus dem Bericht des (von der Verwaltung getrennten) wissenschaftlichen Deremsrarftcmdes ersieht, seine Tätigkeit bereits begonnen Vorläufig stellt es sich ungefähr als die Vereinigung eines historischen und eines pbilologischen : Nmvei-sitotSfeminars dar mit der Möglichkeit der A"aliedenrng von Arbeitsplätzen , für andere Gebiete. Tä,'ble.rs Artikel spricht, trotz seiner Neberschrift. fast gar nicht von diesem Institut. sondern beinahe ausschließlich von der Akademie. Er äußert sich auch nur in allgemeinen Worten über die Schwierigkeiten der Entwicklung dieser Keimzelle zu dem vollständigen Organismus. Es kann aber nicht zweifelhaft sein, daß für diesen Weg im besten FÄle einige Jahrzehnte erforderlich sind. Trotzdem erscheint die Akademie als Zweck in dem Namen des Vereines. Da hätte man es gerne gesehen, Laß von den ihr zugewiesenen positiven Aufgaben einige mit einwandfreierer Klarheit bestimmt 'seien, als es in dem Entwurf der Fall ist. Ms größte und notwendigste Leistung wird die Schaffung einer Bibliotheca tzudaica bezeichnet. Diese soll die Texte sämtlicher Jüdischen Schriften bis zum Ausgang des 18. Jahrhunderts in Ausgaben enthalten, die dem Höchsterreichboren Maß kritischer Dmcharbeitung entsprechen. Verlangt wird insbesondere: vollständiger. Handschriftenapparat, Geschichte und Kritik der Ueberlrcserung. einschließlich der indirekten, sowie des auf die Verfasserdie Abfassung, die Quellen und die literarhistorische Stellung der Schrift Erkennbaren usw. Man glaubt zuerst, daß es sich hier um einen gewöhnlichen Druckfehler handelt. Statt des 18. Jahrhunderts ist offenbar das 13. oder 14. hochsteus das 15. gemeint. Freilich wäre auch m dieser Beschränkung das Programm noch immer zu weit, da z. B. die Uebei-setznngen ins Hebräische doch wohl auSscheiden. wie ja.auch Dr. David Hartwig B a n e t h in eben diesem Heft eine Einführung in seine sprachlichen Untersucbnngen über die hebräische Uebersetzung von Bachjas „Hergenspflichten" gibt.-ohne eine solche Textausgabe zu haben oder zu wünschen. Aber man merkt bald, daß hier rein Irrtum vorliegt. Diese Forderung wird Wirklich für das gesamte jüdische Schrifttum erhoben. Im Interesse der ernsten Sache hätte eine solche Ueberspanmmg unbedingt vermieden werden müssen. Ms eine zweite wichtige Aufgabe nennt der Entwurf die Talmud-Philologie. Ohne das dagmatische „Lernen" in seiner Eigenart berühren zu wollen — ein recht duldsamer Standpunkt — soll das literarhistorische Verständnis für den Talmud auf philologischem Wege gewonnen werden. Es handelt sich also um Schaffung von Konkordanzen über die Sprache der tatmudischen Schriften, um systematische Sammlungen <lller biographischen Materialien unter Hinzuziehung der Aussprüche und endlich um systematische Sammlungen der im Talmud ausgesprochenen Anschauungen, geglieder-t nach den Männern, den Zeiten, den Schulen, den Büchern. Hier liegt entweder der Einfluß des genann- Dr. BanM ejne2 Wlologen von zweifellos daher Wiener Moraenzeltnng Fiuirzeme Tcrecliet'enster Systems?*» Zündsteine Sshb und «Uvers« SKet&llware» M. F01DL & SOHN ’WIBS, L. rra.nz-Jo«*f«-Kfti 7*8 Industr’epalstst, III. Stock. Tel. 17-2-11 Fachkenntnis, oder ein ähnlicher in einem Grade vor, der durch die Sache nicht als zulässig erscheint. Der Talmud ist ein Rechtsbuch. Soll die heutige Talmudkritik durch eine höhere wissenschaftliche Entwicklung überwimden werden, so hat dies auf rechtshiftorischem Wege zu geschehen, aber gewiß nicht mit dem hier vorgefchtagenen Uebergewicht der Philologie. Trotz aller dieser und noch anderer Bedenken, sei der herzliche Wunsch ausgesprochen, .daß das Unternehmen nicht im Sande verlaufe. Dazu müßten die Berliner Herren allerdings zu der Akademiegründung selbst eine gewisse Distanz gewinnen und dann dieser geänderten Anschauung einen sichtbaren, etwa statutarisch formulierten Ausdruck verleihen. Damit wäre der innere Widerspruch behoben, der das Werk aufs schwerste gefährden wird, wenn er bleibt. Jedenfalls ist dieses ..Korrespondenzblatt" denkwürdig für die Anschauungen weiter Kreise, die an der Universität in Jerusalem nicht unmittelbar interesiiert sind. Der Entwurf bewertet die Persönlichkeit im Vergleich zur Organisation in der Wissenschaft gering. Da möchte man daran erinnern, daß vor beinahe genau hundert Jahren in Berlin eine ähnliche Gründung, dar Verein für Kultur und Wissenschaft der Juden, nichts geworden und gewesen wäre ohne die Begabung von Leopold Zunz. Von einem Ingenium verwandter Act ist freilich in dem Judentum unserer Zeit nicht die Spur eines Schattens zu bemerken. Aber wir brauchen einen solchen Mann. Einen, der in diesen unerhört großen Tagen aus dem Wesen und Leben unseres Volkes AehnlicheS und mebr hervorholt als Jakob Grimm für die Deutschen. Einen, der unsere Freiheit nicht nur wissenschaftlich organisiert, sondern überhaupt geistig und im Gegensatz zu manchem, der heute redet und herrscht. Propheten haben wir genug; wir brauchen einen Profesior. __ A. Z. Schwarz. Der Ankauf der alten Staatsschulden« titres. - Mit einer Kundmachung des Bundesministeriums für Finanzen werden die bisher in Krott stehenden Vorschriften über den Ankauf der Fälligkeiten der aftösterreichischcn Staatsschuld in einigen Punkten abgeändert. Hiedurch wird der Kreis der TitreseigentUmer, deren Fälligkeiten im Jnlande zum Ankairf zugelaffen sind, erweitert. Außer den in der Republik Oesterreich heimatberechtigten Personen können nunmehr die Staatsbürger aller Staaten, denen durch den Friedensvertrag kein Gebiet der ehemaligen österreichisch-ungarischen Monarchie zugewiesen ist (einschließlich der Angehörigen der feindlichen Staaten), die Fälligkeiten ihrer hier befindlichen TttreS der Finanzverwaltung zum Ankauf anbieten. ' Die Mische» Flüchtlinge r« Betzarabie«. Bukarest, 20. Dezember. (Jüd. Korr.-Bur.) Auf Intervention des Oberrabbiners Z'.relson verfügte der rumänische Min sterpräs'.dent General Averelcu: 1 Allen Flüch li.gen wird die Erlaubnis zum D. rbleiben in ihren gegenwärtigen Aufenthaltsorten e teilt. 3. ES werden ihnen Zeugnisse über ihre Aufführung erteilt. S Flüchtlingen, die das Sand verlassen wollen, sollen ohne Schwierigkeiten Pässe ausgestellt werden- Diese Verfügungen wurden allen Präfekten BeßarabienS auf telegraphischem Wege übermittelt. Letztere wurden angewiesen, sich an diese Verfügungen genauest zu halten. Jüdische Flüchtlinge aus der Krim. Paris. 22. Dezember. (Jüd. Korr.-Bur.) „Le peuple Juif" veröffentlicht einen Bericht des Joint-Verireters in Konstantinopel, Mr. Sanitzki, demzufolge unter den von Wränge! aus der Krim evakuierten Massen über 8000 jüdische Flüchtlinge sich befinden. Die Juden sind verschiedenen Verfolgungen durch die demoralisierten Soldaten ausgesetzt, deren einzige Beschäftigung Rauh und Plünderungen sind. Polens ErnShrrnrß gesichert. Warschau, 24. Dezember. (Funyprrrch.) Der Ernährungsminister Vl iw in skr hat demissioniert; in einem Schreiben an den Ministerpräsidenten führt er aus, daß er nach 14 Monaten harter Arbeit das Bedürfnis nach Ruhe fühle und daß die unmittelbar bevorstehende Ankunft amerikanischer Brotfrucht in Danzig die Ernahrrmgslage Polens sichere.' Warschau, 84. Dezember. (Kimkspruch.) Die WUnaer Regierung dementiert das von russischer Seite verbreitete Gerücht, daß die Truppen des Generals BalvHowicz zur VsrsehunA des Ordnungsdienstes im Ab- 25. Dezember 1920 Nr. 689 stimmungsgebiet von Wilna verwendet werden sollen; von den Truppen dieses Generals befindet sich niemand auf dem Gebiet von Wilna, die ndch Polen übergetretenen Teile derselben würden entwaffnet. Polen gegen die Ostseestaaten. Kopenhagen, 24. Dezember. (Wolfs.) Wie die „Nationaltidende" aus HelsingforS erfährt, hat die polnische Regierung gegen die Aufnahme der neuen Ostfeestaaten in den Völkerbund protestiert. Diese Meldüng ries in HelsingforS großes Aufsehen hervor, da. man angenommen hatte, daß sich gerade Polen für die Aufrichtung der Nandstaaten einsetzen werde. Das russische Defizit. Urmg. 24. Dezember. (Tel.-Komp.) Der „Telegraaf« entnimmt der „Ekonomitscheskaja Sh'su" d'.e Nachricht, daß sich die russischen Ausgaben für das heuritze Budgets fahr auf 1150 Milliarden und die Einnahmen arf 150 Milliarden belaufen. Das Defizit beträgt tS i 1000 Milliarden Rubel. ( tzegediis kommt nach Wien. Budapest, 24. Dezember. Wie „Az Eft" berichtet, wird sich Finanzminister HegedüS nächste Woche nach Wien begeben, um die mit der Liquidierung der Oester re ich isch-ung arischen Bank in Zusammenhang stehenden Verhandlungen zu beginnen. Diese Verhandlungen dürften längere Zeit in Anspruch nehmen. Das französische Militärgesetz. Brisiel, 24. Dezember. (Havas.) In ber heutigen Kammersitzung wurde die Vorlage über die M i l i t ä rd i e n st z e i t für die Jahrgänge 1918 und 1919 ange-, nommen. Die Regierungsvorlage sieht für den Dienst bei der Infanterie 10. Monate, bei der Artillerie und den Pionieren 12 Monate und bei der Kavallerie 13 Mg» note vor. Die Kammer vertagte sich bis 11. Jänner. Die bayrischen Wasserkräfte. Berlin. 24. Dezember. - Wie daS „Berliner Tags« blatt" aus München meldet, haben sämtliche Fraktionen des bayrischen Landtages mit Ausnahme der Unabhängigen der Heranziehung ausländischen Privatkapitals zur Nutzbarmachung der bayrischen Wasserklüfte beigepfUchtet. Nur die Demokraten machen, lediglich ans politischen Gründen, gewisse Vorbehalte und erheben Bedenken gegen die Zuziehung französischen Geldes. Ruhe in Mesopotamien. London. 24. Dezember.' Künkspruch.) Hr Britifät Oberkomrnissär in Mesopotamien hat über die Verhältnisse in. Mesopotamien der Negierung berichtet, daß der' p r o v i s o r i s ch e S t a a t s r a t, der seit einem Monat, tätig ist, sich gut bewährt und erfolgreiche Arbeit ge« leistet habe. Die Arbeiten zur Schaffung einer Singeborenenarmee, die die britischen Truppen, die zurzeit im Lande stehen, ersetzen solle, machen Fortschritts. Dis Beruhigung des Landes schreitet zufriedenstellend fort. Die Bezirke von S h a n i y a h und Hillah ach mittleren Euphrat seien vollkommen pazifiziert. Ein astgemeiner Strafnachlaß konnte erklärt werden, der nur wenige Schiververbrecher ausschließt. Trotzes Erdbeben in China. Schanghai. 23. Dezember. (Wolfs.) In der Provinz Kanfu sind infolge eines heftigen Erdbebens 2000 Opfer zd verzeichnen. Mehrere Städte sind vollständig ze*» stört worden. Die Arbeitslosigkeit in England. Vondon, 24. Dezember. (Funtfpruch.) Vertreter von 33 Städten haben bei dev Regierung den Antrag gestellt, die Regierung solle. 75 Prozent der Arbeitslosenun'erstühüng tragen. Premiermin ster Lloyd George wies darauf hin. daß die Uebernahrne dieser Dev, pflich ung eine weitere Belastung der Steuerträger wäve und daß das Finanzministerium nicht in derLaae sei, die nötigen Summen beizustellen. Die Arbeitslosigkeit in England. Paris, 84. Dezember. „Echo de Paris" meldet aus London, die Zahl der infolge der wirtschaftliche». Krise zum Feiern gezwungenen Arbeiter werde gegenwärtig auf mehr als sine Million geschätzt. t. Lloyd George habe in seiner jüngsten Rede über die Arbeitslosigkeit noch erklärt, wenn in der Welt nicht bald normale wirtschaftliche Verhältnisse wiederkehren, werde das Problem der Arbeitslosen in England unlösbar werden. Die englische Regierung fasse zur Behebung der Krise haup s 'chiich die Wi-.-deraufnahme des Handels mi Rußland in» Auge, ferner Schutzmaßnahmen gegen die Konkurrenz von Ländern mit niedrigem Wechselkurs und mit billigen Arbeitskräften. Das französische Kabinett erschüttert- Bafel, 24. Dezember. (Tel.-Komp.) Wie der Pariser ° Berichterstatter ber ,Mseürr Natwnalze'tung" meldet, scheinen die Tage des französischen Kabinetts gezählt zu sein. Die Abstimmung in der französischen Kammer hat gezeigt, baß sich eine Neuorientierung in der französischen Jnuenpöliük vorbereitet. Bei der geg nwärtigen Sachlage läßt, sich aber scheuer erkenneü, ob birst von links oder von rechts kommt und ob sis weitgehende Folgen nach sich ziehen wird.