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Wiener Morgenzeitung · 1920-12-25 · Heft 689 (25.12.1920) · p. Seite 4

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
2 (1920)
Issue
Heft 689 (25.12.1920)
Date
1920-12-25
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Sette 4 Wlen. Samstag Ferner galt seine Mission der Frage der D^. letzungen deS MinoritätenverlrageS durch Polen und Ungarn. Im letzteren Falle könnte beim Völkerbund keine unmittelbare Aktion unternommen -werden. La der Friedensvertrag von T rian on n och nicht in Kraft getreten ist. Da es aber hieß, daß die ungarische Negierung sich Um die Aufnahme in den Völker. Hund bemühen will, unterbreitete Lucien Wolf mit Zustimmung des Präsidiums der Völkerbundversammlung einen Protest gegen eine eventuelle Aufnahme Ungarns in den. Völkerbund, indem er auf die Verletzungen des Minoritötsvertrages seitens Ungarns, insbesondere durch die Annahme des Gesetzes wegen der Nichtzulassung jüdischer Studenten zu den Hochschulen, hinwies. In bezug ans Polen hat Lucien Wolf in Anbetracht der besonders schwierigen Lage, in der sich Polen befindet, es vorgezogen, anstatt sich an den Völkerbund zu wenden, unmittelbar mit den polnischen Vertretern beim Völkerbund, Paderewski und Askenasy. in Verbindung zu treten. Dieser Schritt verfehlte leine Wirkung nicht. Die fiU,.enden Staats« Männer der Dölkerbundveriammlung nahmen ihn mit Genugtuung auf und die polnischen Vertreter er« klärten in einem an Lucien Wolf gerichteten -Schreiben, formell im Namen der polnischen Regietung, daß diese auf dem Standpunkt des Minori« tätenvertroges steht und die sich daraus ergebenden Verpflichtungen anerkennt. (Der bekannte englstch-jüdifche Journalist Lucien Wolf, aus den Anfängen der zionistischen Bewegung als einer deren Be^ämpfer bekannt, vertritt in Genf das Joint Foreign Committee, das eine die pelitifchen Interessen des Judentums in den verschiedenen Ländern vertretende Organisation sämtlicher englilch« jüdischen Vereinigungen darstellt.) Wie Ungarn -ie Wahrheit verbergen will. Die ungarische Negierung laßt durch ihr Telegrapheu-Korre/pondenz-Bureau die Bevölkerung neuerdings darauf aufmerksam machen, daß jeder, der ftiudlich geftunen S.aaren über die Lcv.ze £an- Co, m pott i fchen Terhalrnisse. hauptsächlich aber über die nationale Armee. Mitteilung mache, auch wenn er eine bürgerliche Person ist. vor das Militärgericht gestellt und von diesem stand gerichtlich mit dem Tode durch dcn Strang bestraft wird, selbst wenn die Tat ohne jeden Erfolg bloß, ein Versuch geblieben ist. Mit Kerker bis zu 15 Jahren wird auch jeder bestraft, der eine derartige Spionage oder Mitteilung der Behörde nicht hinterbracht hat, obzwar, er von ihr Kenntnis hatte. Als. Abschreckungsbeispiet wird in derselben Mitteilung bekanntgegeben, daß das Budapester Divisionsgerlcht in den jüngsten Tagen wegen der erwähnten Berichte einen Feldivebel und einen Soldaten zum Tode verurteilt hat und daß das Urteil an beiden am 15.. b. Mvollzogen wurde. Die ungarische Regierung, deren Chef im Parlament erklärt hat, daß sie auf dem Boden des Friedensvertrages von Trianon stehe, gebärdet sich in dieser Warnung so. als wenn Ungarn noch mitten im Krieg« und von lauter Feinden umgeben wäre. Diese Sp'.onagefurcht wird nur daraus begreiflich, daß die ungarisch« Negierung eine Armee yon 313.000 Mann erhält und es gerade mit Rücksicht auf die Bestimmungen des Friedensvertrages unter Androhung der Todesstrafe verhindern will, daß über diese "Tatsache, die ein« ständige Gefahr für Europa bildet, authentische Mitteilungen ins Ausland gelangen. Trotzdem kann nicht Wie Sarah starb.*) Bon Julius Ludafsy» Sie erwachte und schaute mit wirrem Staunen um sich. Wo war sie nur? Sie saß in einer Stube, die sie nicht kannte, hatte einen Nocken vor sich und spann.' Aber wo war dies Gemach? In wessen Haus lebte sie? Sotane Fragen kunnt sie sich nicht beantworten. Denn Schleier senkten sich wieder über ihre Seele, und aus der Tiefe eines Schmerzes, für. den ne keinen Namen hatte, quollen Nebel, ihr Bewußtsein zu umdustern. Auf einmal drang ein regelmäßig Geräusch an ihr Ohr. Ein Wehen. Ein Schaben. Ein Knirichen. Ihre Augen taten sich neuerdings auf. Da gewahrt sie unweit einen ungeschlaclften Mann, der stumpfen und finsteren Gesichts ein breites Schwert fegte. Dazu trank er aus einem ungefüoen Kn,ge, der ihm zur Hand stand. Der Niese war ihr fremd. Dennoch war's ihr, als hätte sie ihn einmal schon erschaut. Wann nur? Ein Grauen iibcrllef sie. Da hob sie das Hauys. „Wer seid ihr?- fragte sie beklommen. Der Blick seiner kleinen, durchdringenden Augen heftete sich aus sie. „Meinst mich?" „Freilich." ‘*in Lächeln schimmerte auf seinen derben Zügen. „Bin dein ehelich Gemahl, Weib", sagte er und begann wieder zu scheuern. Sie fühlte, daß sie erblaßte. „Was? . . . Wie? . . stammelte sie bebend. „Ich war'... Nein — nein!... Ich weiß es ganz gut: mein Mann, das ist doch David Israel aus Enns . . . Und ich? . . . Wer bin denn ich? ... Ja... jetzt erinner' ich mich! ... Solang ich noch daheim gewest bin, haben sie mich Sarah genannt — *) Aus dcm «Praaer Taüttalttt Wiener Mor^ettZesrrmqt verborgen bl-ttben, daß Ungarns Rüstungen, einen bedrohlichen Charakter annehmen. So fiitb in Westungarn, das an Oesterreich fallen soll, 25.000 Mann in voller Gefechtsausrüstung konzentriert. Auch an der slowakischen nnd jugoslawischen Grenze stehen magyarische Truppen, in Perei sich a ft. Das ist die magyarische Vertragstreue, über, die man trotz aller Absperrungen im Ausland genügend unterrichtet ist. Wenn man die Juden braucht. Wenn die Prager Deutschen die Juden an sich Locken wollen, werden sie sogar demokratisch. Im Präger Stadtrat hat am 21. Dezember der Deutichbürgerliche Herr Röckl folgende Erklärung namens ssiner Parteien abgegeben: „Uuserer Ddeinung nach kann es den Deutschen jüoi,chen Beleunmiffes n cht verwehrt werden, ihre Kinder in deu.jche Schulen zu senden- Als wahrhafte Demokraten haben wir auch dagegen nichts einzuwenden, daß die Juden, sorveit sie sich als eigene Natton fühlen, ihre eigenen jüdischnattonalen Schulen errichten, was übrigens der Miuderheitsschutz d-.'S Friedensvertrages von Saint-Germain, an den auch unsere Republik gebunden ist. vors'eht. Wir meinen jedoch, daß es en gegen aller Demokratie ist. auf Bürger irgendwelcher Na.ivnalität oder Bekeuntw,fts zu wirken und sie zu zwingen, bei der Auswahl der Schulen ihrer Kinder nicht so zu handeln, wie «s ihr Gewissen >erfordert." Das klingt sehr hübsch, aber man erkennt den Teuselssuß. Die Prager Deutsch?» haben sich um jüdische Forderungen ebensowenig gekümmert wie um Demokratie. Wenn sie jetzt jeden Zwang bekämpfen, so wollen sie damit eine Schmälerung ihrer statistischen Bedeu ung verhindern. Nachher we.der» sie ihren Nativnaüomuo wieder zeigen, wie zum Beispiel an der Universität, too der Numerus clausus über Nacht eingelrettu ist.* _ Eine Konferenz des katholische« Weltbundes in Paris. Aus Budapest wird uns berichtet: „Magyar Kurir" bringt ans Grund von Informationen aus kompetentester Quelle die Mitteilung, daß die Bildung eines katholischen Weltbundes bereits in das Stadium der Durchführung getreten sei. Die katholischen Führer Englands. Frankreichs, Hollands und Spaniens haben sich zu ei,lem Aktionskomitee vereinigt und seien über den Durchführungsplan bereits einig geworden. Nach dem Plan wird der Bund eine soziale, eine charitative und eine Preßsektion umfassen. Das Aktionskomitee habe die Ent« würfe sowohl dem Papst als auch den Kirchensürsten und einzelnen führenden katholischen Persönlichkeiten der in Betracht kommenden Länder vorgelegt und von allen Seiten die Zustimmung zur Aktion erhalten. Der nächste Schritt ist die Abhaltung einer Delegiertenkonferenz des katholischen Weltbundes am 2. Februar 1921 in Paris, wo nach Wiederaufnahme der Beziehungen zwischen Frankreich und dem Vatikan der Nohen für diese Beratung günstig erscheint. In dieser Konferenz wird auch der Zeitpunkt des bald hernach abzuhaltenden Weltkongresses bestimmt werden. Ein Vorschlag für nationalkulturelle Autonomie 1« Polen. Die jüdisch-polnische Verständigung, Üie durch die gegenwärtige Kabinettsktise wieder ins Stocken gerät, kann nur dann wirklich zum Ziele führen, wenn die Giundvoraussetzung erfüllt ist: daß es eine Verständigung von Volk zu Volk sei. Bisher jedoch war die pol- Sarah Aron. Erst nachher, als ich schon verheiratet war, hieß ich Sarah Israel ,. . Natürlich! ... So war's!... Tenn ich entsinn'mich ganz genau, waS meine Mutter, die schöne Lea Aron, mir an meinem Hochzeitstag gesagt hat. Bis jetzt bist du gewesen die Tochter deS Moses Aron, hat sie gesagt, aber von heut an bist du Sarah, des David Israels Weib. So hat sie gesagt. Und gewelnt hat sie. Dann hat sie mich gesegnet. Auch der Vater hat mir die Hände aufs Haupt gelegt . . „Unsinnl" fuhr es ihr entgegen. „Das alles ist gewest und vertan. Jetzo heißt dr» Maria Pernhofer und bist dem Zacharias Pernhofer sein Weib, daß du eS weißt. Und der Zacharias Pernhofer. daS ist der Freimann von Wien — daß du es weißt!" „Der Freimann seid ihr?'. . . Der Henker? .. * Sie wollte sich aufrichten. Aber ihre Knie waren zu schwach, sie zu tragen. So sank sie denn alsogleich auf ihren Stuhl darnieder. Der Odem versagte ihr. Sie stieß das Fenster auf. um frischer Luft teilhaftig zu werden. Da ersah sie. daß es mit starken Stäben aus Eisen vergittert war, sie an Flucht zu hindern. So. von dunkeln Furchen durchpflügt, bot sich ihr Ausblick. Vor ihr dehnte sich, vom Leilach winterlichen Schnees bedeckt, das Weichbild der Stabt. Nahbei hob sich, von trüben Düsten umflossen, der Nabenstein mit Galgen und Rad: schwarze Vögel flogen krächzend über den schauerlichen Ort. als wären sie gewohnt, hie Atzung zu finden. Die Bastei trotzte mit.breiter Stirn, und dahinter strebte die Kirche der Schotten zum grauen Himmel emvor Sarah bebte. Wie lang hauste sie schon hie? Und waS war mit ihren Lieben geschehen? - Zacharias Pernhofer warf das Scheuettuch hin. stellte das ^Schwert in einen Winkel und setzre sich, gutmütig und zutunl'rch in seiner wuchtigen Kraft, zu Sarah, i „Eigentlich Hab' ich eine rechtschaffene Freud', daß du 25. Dezember 1620 Nr. 689 nische öffentliche Meirtung für eine sachliche Erörterung der Judenfrage nicht zu haben. Umso erfreulicher ist es, daß in der letzten Zeit gerade in maßgebendeck Kreisen der polnischen Oeffentlichkeit mit Ernst und Sachlichkeit auf das jüdische Problem in Polen hin-- gewiesen wird. Vor kurzem erst haben der linsozialistische Abgeordnete Zaremba und der ehemalige zaristische General und russische Kadettensührer B abinski (ein Pole) die Judenfrage zum Gegenstand von öffentlichen Vorträgen gemacht und dabei darauf hingcwiefen. daß den Juden in Polen eine nationalkulturelle Autonomie gewährt werden müsse, wenn man das jüdische Problem zu einer befriedigenden Lösung bringen wolle. Nun liegt eine überaus bedeutsame Aeußerung' eines polnischen Gelehrten von Rang vor. welcher das gesamte Nationalitätenproblem des polnischen Staates einer genauen Erörterung unterzieht. Der bekannt« Humanist Professor Boduen de C n r t e n a bespricht in der seit kurzem erscheinenden Wochenschrift „Przymieze", welche auch vom Amte für ausländische Propaganda gestiitzt wird und unter der Redaktion des bekannten Fortschrittlers Wl. Wakar, des Verfassers der „Konstitutionellen Deklaration", steht, das Problem der nationalen Minderheitsrechte. Er erörtert zunächst die Mängel des ethnographischen Prinzips, nach welchem man jetzt das Leben der Völker Osteuropas regeln will. Dieses Prinzip birgt nach der Ansicht des Gelehrten die Gefahr der Bureaukratisierung in nationalen Fragen in sich und ist dadurch besonders für Gebiete mit national gemischterBe Völker ung nicht geeignet. Gerade Polen hat viele solche Gebiete und kann daher nicht ethnographisch genau begrenzt werden. „Zu allererst schon modifizieren die Juden" — sagt Boduen wörtlich' — „soweit sie sich nicht assimiliert haben und sich selbst auch nicht für Polen ansehen, die ethnographische Einheitlichkeit Polens." Bei der Bestimmung der Grenzen Polens sollte nach Ansicht Professors Bo due nS eine gegenseitige Kompensation der beteiligten Nationen und Staaten bei der Zuteilung der Gebiete mit gemischter Bevölkerung erfolgen. Daher müsse auch die sogenannte „Rand- Politik", die ckrlf die gewaltsame Polonisierung der andersnationalen Bevölkerung in den Randgebieten Polens ausgeht, aufhören. „Man muß vermeiden" — schreibt der Verfasser weiter — „den Staat zu nakionaljsieren und die Nationalität zu verstaatlichen. Der Staat muß außerhalb der Nationalitäten stehen und allen Nationen die Gleichberechtigung sichern . . . Terrttona-. lismus und Nationalismus sind zwei ganz verschiedene Dinge." ''v-' Auf Grund dieser Darlegungen, welche die Unzulänglichkeit des ethnographischen nnd des territoriale^ Prinzips in der Behandlung der Nationalitätenfrage aufzeigen, schlägt Professor Boduen vor, den polnischen Staat auf die Grundlage der nationalkultvrellen Autonomie nach dem Personalprinzip zu stellen, so daß jede Nationalität ihre kulturellen Angelegenheiten selbst verwaltet. Die Zugehörigkeit zu einer Nation soll vom „personellen" Willen jedes Bewohners abhängig sein. Diese Lösung der Nattonalitätenfrage in Polen ksält der Verfasser für die einzig mögliche. Damit ist dargelegt, daß gerade das, was die Juden Polens fordern, für die Ordnung des ganzen polnischen Staates von ungeheurer Wichtigkeit ist. Umsomehr ist die Darlegung des Gelehrten zu begrüßen, da sie gerade den gegenteiligen Schluß zieht, wie ihn die antisemitische Mentalitat der polnischen Oeffentlichkeit zu ziehen geneigt ist. welche stets auf dem Standpunkt steht, was den Juden nützlich sei. sei für Polen schädlich. . - wieder bei Sinnen bist und so vernünftig fragst", meinte er. „Da steht man's halt, daß die Schotten sich auf die Teufel verstehen. Wer weiß, wieviele ihrer in dich gefahren waren. Aber ich Hab' mich's ein tüchtig Stück Geld kosten lassen, daß sie dir die höllischen Unholde ausgetrieben Haben ... Ja, ein tüchtig Stück Geld, sag' ich dir. Damals, als ich den Juden Israel auf den Holzstoß gebunden Hab' und verbrunnen..." Ein schriller Schrei unterbrach ihn. „Meines Mann . . . meinen Mann Haft umbracht?" „Ei •— ein wenig warm Hab' ich ihm gemacht . ... Sonst nichts . . . Aber dieweilen du ein so Zauber Weib gewest bist, ich vermein, eines mit Augen wie Schlehen, mit runder Brust und mit breiten Hüften, da hät's mir um dich leid getan, dich auch dem Feuertod anrieimzugeben. Zum Glück ist's bei uns ein altes Recht, daß jeder ein Mensch, so daS Leben verwirkt hat, lösen kann; er braucht nur zu sagen, daß er's heuern will. Ist dann gerettet. DaS Hab' ich mit dir tan. In deinem ersten Schreck bist recht gefügig gewest, hast gleich die Tauf angenommen, auch nichts gegen die Trauung nicht gehabt. So bist die Meine worden, und so bah' Ich dich beimgefübrt. Gleich in der ersten Nacht aber ist eine große Schwermut und Traurigkeit über dich kommen, .so das Werk der Teufel in dir war. All diese Zeit her hast kein Wort fürbracht und überhaupt nichts von dir mehr gewußt . . Ganz ruhig, ganz gseichgüstig klang Sarabs Stimme, als sie wieder zu sprechen cinhub. „Warum hast meinen Mann verbrunnen?" . „Weil er verstockt gewest ist, rmd von seinem vermaledeiten Glauben nit hat lassen wöllen ..." „Und war er der einzige, der sich so treu erwies?" „O nein! . . . Am 29. Mai vorigen Jaln-ok. Ist Me gesamte Judenschaft aus Befehl des Marschalls Pilgrim

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