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Wiener Morgenzeitung · 1920-12-21 · Heft 685 (21.12.1920) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
2 (1920)
Issue
Heft 685 (21.12.1920)
Date
1920-12-21
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Gelte 2 /Wien. DiensraF Wiener MorgenzerrnnA / 21. Dezemder I9*ip Nr. 66 c» ■0 Masienflucht der Juden aus der ukrainischen Hölle. Do« unserem Lemberger Korrespondenten. 8 e m b e r g. 17. De miber. Das größte und ehenr-als auch kulturell stärkste jüdische Zentrum OsteuropaZ, das ukrainische Judentum, ist in seinen Grundfesten untergraben. Was Genera! tonen mit schwerer Mühe dn^ch Jahrhunderte gebaut, wird durch Verbrecher- und- Mörderhände zerstört und cs findet sich keiner, der dem an den ukrainischen Juden verübten Mass.'nmord Einhalt tut, es findet -ich kein Erlöser, der das bluttriefende Schlachtni?sser den Händen der vorder entrisse und die Feuerfackel der Brandstifter löschte. Millionen ukrainischer ' Juden sind vogelfrei ''er-w 7 klärt und dem erbärmlichsten Gesindel preis ge geben. Schon mehr als drei Jahre sind sie zum Raub wilder - Bestien in Menschengestalt geworden und jg^aus, tagein durchleben sie Martern und Qualen der Hölse.. Ihre Weh schreie und Hilferufe we . den erst'ckt und selten erreichen sie das Ohr der zivilisierten Welt; nur .von Zeit zu Zeit bahnt sich daS Todesachzen unserer gepeinigten Brüder und geschändeten Schwestern einen Weg zu uns, aber wie durch eine chinesische Mauer ist die Ukraine von der Welt ab ge schnitten und dank den unaufhörlichen Revolutionen und Unruhen, dank dem ständigen MachMchsel, hervorgerufen durch die Banden Petljuras, Budziennys, Machnows, Tiutiuneks und anderer Räuber Horden, konnts den llnglücklichen weder materielle noch moralische Hilfe zuteil werden. Mehrere jüdische Gemeinden, darunter Krassilosv, Woloczyska, Ljubar. Qstwpol, Stavokynstantinow und Palone, schielten in letzter Zeit solche herzzerreißende'' Jammerüriese in die Welt hinaus und schilderten ihre Leiden in solch schauerlichen Bildern, daß man überhaupt jede Hoffnung aufgeben /muß, noch jemals t^ie drei Millionen ukrainischer Juden gufricht-en und auf die Beine stellen zu können., . ,, In den letzten Wochen schienen die, Unglücks'chen dir Unmöglichkeit eingesehen. zu haben,/ ihre zerstörten Siedlungen wieder au'zuba.uen unh^ ruhig ihrem Leben nachzu^ehcn, und panikartig ergre'fen.Tausende die Flucht, um nur das nackte Leben zu ^retten. Ihres Vermögens vollständig beraubt, ybdachlos. - in ewiger Furcht, was der nächste Tag ihnen bringt/achten sie nicht auf Schwierigkeiten,, überwinden alle - Hindernisse und verelassrn in Massen die ukrainische Hölle, Räuberbanden überfallen unterwegs die Flüchtlinge und nehmen ihnen all d-as weg, was sie aus unzähligen Pogromen und Plünderungen noch zu retten vermochten, ja es kamen Fälle vor, wo die Entfliehenden, in halbnacktem Zustand zur Grenze eilten. Die Grenzbahnhöfe sind der Schauplatz verzweifelter Szenen, da jeder so schnell als möglich dem Lande des jüdischen Elends entkommen möchte. Kein Hindernis ist irysta ndes die I Massenemigration au'f zu halt en. In Velen! Orten sind die Bahnlinien zerstört, es fehlen- Lokomotiven, die Waggons siu^ zerbrochen, es mangelt sogar an Fuhrwerken, da sowohl Lie Bolschewiken als auch die „Erlöser"banden Petljuras alles .requiriert haben, aber die Unglücklichen lassen sich durch nichts abschrecken und laufen, ohnmächtig und ausgehungert, mit ihren Frauen und Kindern zu Fuß und sind glücklich, wenn sie nach langer, mühevoller Wanderung ljen Stdinb der Ukraine von sich ab schütte ln können. Diese neuartige jüdische Mosfenemigration nahm die größten Dimensionen an, als die letzten Ueberreste der Banden ^Petljuras unter - dem Drucke der bolschewikischeu Armee, sich zurückzogen.und raubend, plündernd und mordend'sich über die polnische Grenze" hinüberretreten. Diese allgemeine Anarch'e benützten ungefähr hunderttausend J'.iden, um'dem Lande den Rücken zu kehren. Der größte Teil dieser Flüchtlinge nahm den Weg über Wolhynien gegen Warschau, etwa dreißigtausend kamen über den Zbrucz nach Galizien und halten sich gegenwärtig in den Städten und Städtchen des Tarnopoler Kreises auf. Auch jetzt noch, da bereits die Bolschewiken die Herren der Ukraine sind, flüchten tagtäglich tausende Juden über die Grenze und scheinen sich nicht allzu sehr nach dem „Paradies, auf Erden" zu sehen. - . * Schrecklich ist die Lage der Flüchtlinge. Biele find * verseucht und müssen isoliert werden. Die meisten sind mittellos und auf die Hilfe, der hiesigen Juden angewiesen. Die amerikanischen Hilfs- und Nettungskorrntees waren auf eine derartige Massenflucht überhaupt nicht vorbereitet und verfügten nicht über die nötigen Mit'.el. Die Hilfe, die von der Warschauer Zentrale des Joint Distribution Committee verlangt und auch bald geschickt wurde, steht in gar keinem Verhältnis zum ungeheuren Elend der Flüchtlinge, so daß die galizischen Juden sich bald genötigt sahen, allein größere Aktionen einzul-iten, situ ihren Brüdern zu Hilfe zu kommen. In Tarnopol entstand ein Hilfskomitee, welches von allen jüdischen Parteien gestützt wird und für d^.e Flüchtlinge nach Möglichkeit sorgt. In Lemberg sind mehrere Aktionen im Gange, die den Zweck verfolgen, die Heimlosen mit dem. Notwendigsten zu versorgen.,Die hiesigen.jüdischen Gewerkschaft^, die in der Poale-Zion-Partei organisiert sind, haben Sammlungen großen S.ils veranstaltet und mehrere Fachgenossenschaf.en haben bei ihren Mitgliedern eine Art S e l b st'b e st e u e r u n g eingeführt. Die Restaurant und Kasfeehauebesitzer bestimmten ein Prozent von mau Monaröerlös ihrer Unternehmungen, .die, jüdischen Friseure und die Zwischen Kellner verpflichteten sich, ^yen Mitten.Alt, ihres Monats- Verdienstes, für dH FMHPnA -rUHer Ukraine zu geben. Als ein sehr interessantes Charakberistikum möge beidieser Gelegenheit erwähnt - werden, daß die christlichen Kellner:es als,eine Beleidigung hielten, daß sie von dieser Selbstbesteü^rung befreit wurden, und erklärten sjK bereit, zusammen mit ihren jüdischen Kollegen in gleicher Weise zur. Linderung der Rot der Unglücklichen beizu tragen, Auch?die Lember^er Orthodoxie hat sich in den Htzlen Tagen endlich zur Tat aufgerafft und in einem.• die*'jüdische' Bevölkerung zu. einer ausg'ebi-gen Hilfeleistung aufgefordert. In mehreren großen Synagogen und Bechäusern sind Salnmelsektionen errichtet, wo Spenden , an Geld, Nahrungsmitteln und Wäsche entgegengenommen werden. Daß allen LieiHlr.HMnen^ sowohl in LeMerg als auch in der Provinz, immer die Zionisten und Nationaljuden an erster Stelle stehen und auIer der öffentlichen Hilfelcisinng auch privat den Flüchtlingen mit Nat und Tat zur Seite stehen, ist selbstverständlich. Fast alle Flüchtlinge betrachten ihren jetzigen Aufenthalt als einen nur zeitweiligen, denn, sie warten nur auf Geld und Papiere von ihren amerikanischen Verwandten, um dann ihre Reise nach Amerika, Be*, ziehukgsweise nach Palästina fortsetzen zu können. Sehr viele mittellose Flüchtlinge, die keine Verwandten in Amerika haben, werden aus Rechnung ihrer reiche« amerikanischen Landsleute dorthin befördert. Unter den Flüchtlingen befinden sich auch einige hundert C h a l uz i m, für welche der ostgaljzijche Merkas chasuzim i« aufopferungsvoller Weise sorgt. Die galizischen Juden tun also nach Möglichkeit ihre Pflicht gegenüber ihren ukrainischen Brüde^, aber trotzdem ist es klar, daß bei einer so großen Zahl der Heimlosen das ganze Elend nicht so leicht gelindert werden kann. Pktriit der Regierang. Dasrqnski demissioniert. W a r s^h a n, 20. Dezember. M. P. G.) Dis Parteileitung der P. P. S. (Polnische soz'a!- demokratische Partei) fatzte den nachstehenden Beschluhr Unter Bezugnahme auf die Resolution vom 21. November d. I. stellt die Parteileitung fest, daß die Zeit, für die die Koalitionsregierung geschaffen wurde» bereits ahgelaufeu ist. Die Parteileitung erklärt, daß in der gegenwärtigen überaus schwierigen politischen, sozialen und wirtschaftlichen Lage die R:- gierung unbedingt ein klar ausgesprochenes Programm und einheit-- ttche Richtlinien besitzen muß. Dieses ist für das gegenwärtige Kabinett, in welchem fich Vertreter der sozialen und der politischen Reaktion befinden, unmöglich. Die Politik einer Regierungdie den reaktionäre« Einflüsse« unterliegt, kann unmöglich den Intereffen der Arbeiterschaft den notwendigen Schutz biete« und den Bedür'niffen des Landes genü en. Unter solchen Umständen erscheint es unmöglich, den Vertreter der loziaft demokratischen Partei weiter in der Regierung zu bslaffen. Vizepräsident Daszynfki hat nach diesem Beschluß sofort beim Staatsches fein Demission sgefuch eingereicht. Sie mgaweden Mauren vor der Trotzdem „Hilfe" für Offiziere! l Dudaprst, 20. Dezember. In Erledigung der Tagesordnung wurde das Budget Provisorium in dritter Lesung angenommen. Finanzministcr Hegedüs entwickelte hierauf stin Programm und.führte aus, wenn der unerschütterliche Wille eines Menschen genüge, so werde er im Verein mit der Nationalversammlung Ungarn vor der nationalen Katastrophe retten. Der letzte Staats- Voranschlag weise an Zinsen der Staatsschuld 1,5 Milliarden auf. Die Zinsen der in inländischer Valuta zu zahlenden Staatsschulden betragen 2 Milliarden, jetzt aber infolge der seitherigen Verschlechterung der Valuta 4^ Milliarden, so daß die gesamte Zinsenlast 6 Milliarden erfordere.' Hiezu kommen noch die unbeglichenen ~ Zahlungen für die Armee aus der Zeit der gemeinsamen Armee mrd schließlich müssen, nachdem mit der Ratifizierung des Friedensvertrages, die Zahlungsverböte aufhören, unsere Schulden gegenüber dem gesamten feindlichen Ausland, die zusammen 15.7 Milliarden ausmachen, gezahlt werden. Er sei daher gezwungen, zu erklären, »daß wir die gesamten Schuldzinsen des nngarifchen Staates auf vier Prozent reduzieren". - Nachdem die uiMrische Kriegsanleihe drei Jahre nicht gekündigt werden könne, werde er auf drei Jahre eine Zinsenprolongiernng vornehmen und erklären, daß mit Kriegsanleihe die Kriegsgewinnsteuer nicht mehr bezahlt werden könne. Für die nationale Armee, erklärte der Finanzminister, . müssen die Kosten unbedingt aufgebracht werven. Man dürfe die O f f i z i e r e -n i ch t hungern l'a s f e n. Er fordere deshalb die Fortsetzung der durch ihn eingeleiteten Aktion zur gesellschaftlichen Unterstützung der Offiziere. Er habe bei Banken 80' höhere Offiziere untcrgebracht m»d erwarte, daß der Großgrundbesitz dieses Beispiel nachahmen werde. Er habe den Kriegsminister ersucht, vorläufig nur für ein halbes Jahr die Kosten festzusjellen, sich jedoch auSbedungen, daß die Armee nicht politisieren dürfe. (!) ' Ein ernstes Problem fei die Frage der ' Kriegsgewinnj^uer. y Gr weihe die Anwendung von zwei Steuern versuchen: Eine rückwirkende, die jeder zahlen muß, der während des Krieges keinen Militärdienst geleistet hat, und weiters eine Besteuerung der eine Million Kronen überschreitenden Vermögen. Der Mittelpunkt aller Fincmzprobleme sei die Frage der Vermögenssteuer. Eine einmalige Vermögenssteuer würde einen leichten kommunistisches» Beigeschmack haben. Nichts wäre' so schädlich Wiel die fortwährende Drohung mit der Einführung dieser Steuer. Seit dieser Gedanke aufgetaucht sei, gebe es keine Nube.im Lande und allenthalben werde das bewegliche Vermögen versteckt oder über die Grenzen geschmuggelt. Die bisbenctLrt Schutzmaßregeln des Finanzministeriums seien fast ausnahmslos unglücklich gewesen und hätten nur berechtigten Interesten geschadet, wie zum Beispiel das Verbot an die amerikanischen Ilngarn und an die oberungarischen Geldinstitute, ihr in Ungarn deponiertes Vermögen aus dem Lande auSzuführen. Er hoffe, daß sich das Publikum beruhigen werde, wenn er erkläre, er werde eine einfache LSprozentige Permogensablöfung cinführen, welche hauptsächlich die großen Kapitalien treffen werde. Von den Eigentümern ausländischer Aktien oder Valuten werde er mit drakonischer Strenge eine Fatierung fordern, wobei auch die Banken zur Angabe aller Daten verhalten werden sollen. Auslandspapiere und Valuten werden mit 20 Brozent besteuert werden. Finanzmiwister HegedüS erklärt weiter, bezüglich der Hauser. werde er sich.bei denjenigen Gebäuden, die vermietet werden, an das VruttomieterträgniS halten und den- Mlösungs« betrag mit dem Drei- oder Fünffachen des Jahresertrag"S feststellen. Ein Drittel der Ablösungssumme müsse gleich bar bezahlt werden, zwei Drittel werden intabutiert. Wenn jedoch die Realität inzwischen vertauft werde, serrn lv Prozent deS Kaufpreises zu entrichten, was eventuell mehr betragen könnte als die Ablösurrgssumme. Sobald die ganze Bevrnögensabtösung vorgefchrieben sei, werde der Minister jeden Steuerpflichtigen, deffen Dermögen nach dem Ste-uerausweis «ine Million überschreite» zur Ausweisleistung darüber auffordern, ob er dieses Vermögen schon im Jahre 1913 gehabt habc. Im vcrueinendsn Falle werde noch eine dritte Steuer, d-ic Steuer des größeren Krieg^vermögens, zu . entrichten sein. Was das dritte Problem, das Gleichgewicht im Budget und das Steuersystem, anbelairgt, wünsche der Minister keine Aenderungen einzuführen, da man bereits an der-äußersten Grenze der Steuerquote angekömmen sei. ÄöaS die Sterier« freiheit betreffe, werde großer Ki nd er sagen den wich« Ngsten Befveiungsgrund bilden. Als ' Verzehrungssteuer wünsche der Minister eine Z ü n d h o I z. und Zigaretten, st e u e r sowie eine W c i n p r o d u k t i o n s st e u p t, und 3>var int doppelten Ausmaß der vom früheren Finanzminister Koranyi votgeschlagenen Steuers wnz-u führen. Er beaL-slchtigte mich die Einführung einer großen Berk ehrest euer. deren günstige Ergebnisse er in Frankrerch bemcctt habe.. Wit dieser Verkehrssteuer werde auch eine Erbschaftssteuer kombiniert sein. Der Mitnster vertraue auf die Arbeitslnst der Pevölkenmg^ und wünsche daher auf allen t Gebieten den s r c i e n V e r k c h r. ' >.-»

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