Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 683 (19.12.1920)
- Date
- 1920-12-19
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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©efieT' Wien, Sonntag fr*---;---- Tagesbericht. Macht der Mustk. Aus den Phantasien eines Realisten. } Don ftofef Popper.Lynkrvs. * Ein junger Mann empfahl sich van seiner Geliebten, Um ein Konzert zu besuchen, mit dem Versprechen, nach Beendigung desselben sogleich weder zu ihr zu kommen. Die verliebten Neben, die Scherze und Küsse hatten rhn aber so aufgehalten, daß bei seinem Eintritt in Den Konzertsaa! eines der Musikstücke schon zu Ende war. Er begab sich nun an den ihm angewiesenen Platz und frug seinen Nachbar nach dem Programm der Aufführung, das er leine Zeit gehabt hätte, näher anzusehen. Der Nachbar, ein ältlicher, untersetzt gebauter Herr mit zerrauftem Haar und abgetragenen Kleidern, hielt fortwährend einen Stock mit beiden Händen zwischen seinen Beinen und machte auf die Frage ein sehe unwirsches Gesicht. „Sie fragen," antwortete er, nachdem er den Zungen Mann mit durchüohrerrdem Blick gemustert hatte, „was wir heute zu hören bekommen? Wir hören: Zuerst den satten Elefanten, der brummt sich in seiner Behaglichkeit etwas vor und wir sollen dabei sein; auf dem Programm heißt es: Tocvate von Johann Sebastian Bach. Indessen kann ich Ihnen sagen, mein junges Herzchen, hiezu sind Sie schon zu spät gekommen; den Elefanten haben Sie also versäumt. Es wird aber nicht lange dauern, so wird der Zwinger wieder geöffnet; und heraus wird stürzen der große hungrige kLvwe, er wird abwechselnd brüllen und seufzen; auf dem Programm heißt es: Mondschein-Sonate. Nun, meinetwegen. Ueürigens habe ich schon genug mit Ihnen tzezprochen: er kommt gleich; hüten.Sie s'.ch. einen Laut vder einen Blick mir zuznsend^n, es würde mich stören; und überhaupt: ich kann Sie heute weiter nicht brauchen!" Hierauf wandte sich der alte Herr ab, stützte sein Kinn auf seinen Stockknopf und blickte mit erwartungsvoller Miene ins Leere. Nun begann auch sogleich die Sonate. Nach wenigen Augenblicken schon kam das Gemüt des jungen Mannes in eine stetig sich steigernde angenehme Bedrängnis. Bald fühlte er sich mit freierem Mtsm in die Höhe schweben und eirvem süßen und Zugleich gewaltigen Zuge unwiderstehlich nachgetricben. Er kannte das Bild des Musikers, der dieses Tonstück geschaffen hatte, und ec sah immer deutlicher, wie der Meister seine wilde Mähne schüttle, mit strengem Blick sich nach ihm umlvende und ihm bedeute, ihm zu folgen. Da sagte der junge Mensch zum Meister: „Habe Nachsicht mit mir! Du reißest mich zu jäh in die Höhe und ich fürchte, zur Erde zu stürzen!" Auf das schleudert der Meister Blitze aus seinen Augen und schwang sich immer höher und riß alles so jäh mit sich fort, daß ein heulender Sturmwind entgegenblies. Der junge Mann ha.te schon sich und die Wett verloren, da empfand er mit einemmal eine beglückende und trauernde Beruhigung, und immer mehr bemerkte er, daß alte Töne ja aus seinem Innern kamen. Da sah er die Erde und die Menschen so klar vor sich wie noch nie, und er sprach zum Meister: „Ja. es ist so! Das Unglück schleicht summend unter den Menschen umher . . . Wie sie weinen und klagen! Wißt ihr denn nicht," rief er hinab,, indem er sich vorbeugte, „das; das alles nur ein Scherz ist? Ihr Guten, wie liebe ich euch! . . . Wie sie sich umeinander drängen! Me KuckrurksUhr. Aus drm Uriganschcn des Futtvs Fodor. ' I. Der alte Gras Mizislaw Darovski saß ick Erkerzimmer seines Palais, vertieft in das herbstliche Lundschaftsbild. Er blickte wehmütig über die Weinbügel hinweg, die er einst besungen, über die sandige Ebene, die jenseits der Hügel begann und sich weiter hirrausstreckt als sein Blick reicht. In dieser Ebene hatte Mizislaw Darovski jene Wunde erhalten, deren Narbe auch jetzt. noch auf seiner Stirne glänzte wie ein feuriger Stern unter den dichten Silberlocken. Darovski war nämlich ernst Dichter und Revolutionär, polnischer Dichter und polnischer Freiheitsheld. Aber mehr als ein halbes Jahrhundert ist seitdem vergangen, da er noch mit Reimen spielte und sein Blut bei Rimanoff vergoß. Von der Poesie und der Revolution ist ihm nichts geblieben als die Erinnerung, aber wenn man achtzig Jahre auk den Schultern trägt, wird man bescheiden und begnügt sich auch mit Erinnerungen. Graf Darovski pflegteimmer zu sagen, das Leben sei nur dazu gut, um schöne Erinnerungen zu sammeln. Sein Sohn Kasimir, Major bei den Siebenerukanen, stand vor ihm. Sie sprachen miteinander, langsam und gezogen. „Hast du einsvcmnen lassen?" — „Jawohl. Vater. Wir müssen jedoch noch ein wenig warten. Dem Pfannen werden die Huf? gerichtet. Wollen Sie in die Stadt, Vater?" „Ja. Wir fahren in die Stadt. In die Schwallenyasse." „Ins Ghetto? Was führt Sie dorthin?" „Ich lasse ein . . . 51 Mittel schreiben." r »Ein Kwitlel? Was ist denn das?" 'Sölcwi't? MosüSttzeltTM? Pelzmäntel und £8$ Staätjselze! „Leipzigermann« IJ FIEHL & Co., I. Kärntnerstrassa Wr. 4 Telephon Nr. Z-193 VI. Marlahilferetrasee 29 VI. Mariahilferetr. 3 Permanente PtesMing SSÄ Wenn euch zu wehe wird, so horcht, und ihr werdet getröstet sein. Seht, welches Pa «dies er euch zeigt, und ihr wußtet gar nicht, wie nahe es euch sei!... Schnell, seht doch, welche Herrlichkeiten sich euch nähern! Ungeheurer Meister, halte ein, du gibst zuviel!" Aber der Mister wandte sich nicht, antwortete nicht und stürmte weiter. „Unendlicher Meister," rief ihm der junge Mensch nach, „nicht so weiter, es ist zuviel! Willst du denn alle Nebel der Welt ausgleichen? Ueberschreit? die Grenzen nicht! Was du uns zeigst, ist uns Menschen nicht erlaubt, zu sehen. Ich fürchte, wir vergehen! Du forderst ein Weltunglück heraus, tvenn wir zu selig sind! Halt' ein! Steh' sttlle! . . . Endlich! Du läßt dich herab! . .. Hier bist du!" Das. Tonstück war zu Ende und der Beifall der Zuhörer weckte den jungen Mann aus seiner idealen Betäubung. Sein Nachbar sch ie mit gW.endern Angesicht in den Lärm hinein: „Ja. ja, freilich! Ruft ihn nur, ruft ihn immer wieder, rukt ihn von den Toten herauf, vielleicht bringt ihr ihn doch zu-uns!" Erschöpft schwieg er dann, setzte den Hut auf, und während ihm die Trauen über die Wangen liefen, sprach er vor sich hin: „Wir mögen rufen, wie larpse wir wollen, wir können ihn doch nicht herausbringen!" Er wie alle anderen verließen den Saal, und der junge Mann ging langsam davon, und-in Empfindungen uird Träumen verloren, ivrie er in den Straßen der Stadt umher. Spät, sehr spät, erinnerte er sich seiner Geliebten. „Ist das die Eile deiner Liebe?" rief sie ihm. beim Eintritt gleich entgegen.' Er aber antwortete: „Dü willst doch n'cht mit Beethoven kämpfen?" Wiey ohne Gast- und KaffeehLuser. Der seit zwei Tagen währende-Kellnerstreik hat hunberttausends Menschen in die peinliche Lage versetzt, morgens ohne Frühstück zur Arbeit gehen und das Mittagmvhl in einem Greislerladen emnchMN zu müssen. ,, Gestern früh haben die Betriebe der Gast-, Hotel- und Kaffeehau'gnre.be im ersten b is ne unten Bezirk nicht mehr geSffn'e.ü.' Dadurch ist in der zweiten Etappe,des Streiks. eine',, große Verschärfung eingiitcelen. Für ' die Gehilfenschaft kam die Sperrung der,Betriebe in den Bezirken 3, 4 und 5 sehr über- „Eine in Schrift gefaßte Bitte. Ein Bittgesuch. Eine Petition. Mit solchen Knütteln pflegten die frommen Juden mit ihrem Wunderrabbi zu verkehren." „Nun? Sucht denn mein Vater auch eine Der bin- ' düng mit dem Wunderrabbi?" „Ja. Mit dem. Wunderrabbi!"; „Und wer. ist denn dieser Wunderrabbi?" „Er heißt Reh Mendel Torem."! „Wo ist seine Wohnung?"! „Auf dem Nimanower Friedhof. 1. Parzelle, 1. Gasse. Grab Nr. 27. Unter dem Schatten einer großen Eiche. Dort, ist seine Wohnung." . „Und Sie,, mein Vater. . ." ... „Dorthin will ich ihm mein Bittgesuch bringen" „Verzeihen Sie, Vater, daß ich Ihnen so viel mit meinen Rehen zur Last falle. Aber was geht unS denn dieser Rabbi Mendel eigentlich an?" >. „Du, meinlieber Sohn, hast sicherlich nicht btel mit ihm zu tun. Mich jedoch geht er sehr nahe an. Ich Habs ihm nämlich mein,Leben zu danken." „Aber!. Wie können Sie , so etwas sagen? Sollte etwa mein teurer Vater gar abergläubisch sein? Der Aufgeklärte, der Schüler Voltaires? Womit vermochte wohl jener Wunderrabbi Sie in solchem Maße zu derwirren, etwa mit Zauberei, mit Hokuspokus oder mit Taschenspielkunst?" „Mein lieber Sohn, ich bin durchaus nicht abergläubisch. Man hat mich auch durch keinerlei Hokuspokus getauscht. Höre nun, wie es gekommen ist. Ich i erzähle' dir so, wie ich es von meiner lieben Mutter j gehört habe. Dann wirst du selbst urteilen."! II. | „Als Kind erkrankte ich plötzlich schwer. Wochen hin»; durch lag ich in hohem Fieber. Ich aß nicht und trank j nicht. Ich war bereits so entkräftet, daß ich nicht mehr die Kruft besaß, im Bette anfzusitzen und erkannte nicht IX V-zmttw? l!fö9 Vtt. brw rascheirb, hiedurch ist die Zahl der Feiernden nicht unbeträchtlich vermehrt worden. Auf seiten der Unternehmer ist wieder eine Schwierigkeit dadurch eingetreten, daß infolge des Streiks ein großer Teil der Hotelgäste beschlossen hat, kurzem Hand aus JBiejt abzureisen und eventuell so lange fernzubleiben, als der Streik andauert. Gestern sind bereits! sehr vtele Gäste aus Wien nach Baden und B ö s l a u, auf den Semmering und in die anderrn größeren Orte der Süd- und Westbahnstrecke abgereist, so daß aus allen Bahnen ein sehr starker Andrang war. Montag soll, wie verlautet, seitens der Wirte und' Kaffeesieder die „zweite Etappe" der Gegen sperre erfolgen, indem sämtliche 2t Wiener Bezirke sperren sollen. Den Angestellten i,n Gast-- und Schankgewerbe ist bereits einwöchig gekündigt worden. Dis .Gehilfenschaft will gleichfalls zum Beginn der nächsten Woche mit der völligen Arbeitseinstellung in ganz Wien und mit der Sperre der Bo lkskaf feeh äuser und Volksküchen Vorgehen. Die Massenversammlung der Wirte. Die Unternehmer traten gestern vormittags in einer Massenversammlung im Zirkus Busch zu Beschlüssen Zusammen. Kammerrat Stegbauer erklärte in der Versammlung, daß die Wirte nie zugeben könnten, daß die Betriebe einer rein sozialdemokratischen Organisation ausgeliesert würden. Die Verfügung detz Komitees zur Sperre der Bezirk 3, 4 und 5 sei ausnahmslos eingehalten worden. Gremialvorstand Nagler erklärte: „Wir haben es mit einer wortbrüchigen Gehilfenschaft zu tun und mit einer Vertragsbrüchigen Gesellschaft kann man keine neuen Vertrage schließen." Der Kaffeesieder Zav adil erklärte, daß bei einer Beharrung der Gehilfenschaft auf ihren, Standpunkt den Unternehmern nichts anderes übrig bleibe, als am Montag die Betriebe in ganz Wien zu sperren. Der Redner kündige an, daß die Unternehmer gegenüber jenen Kollegen, die die Beschlüsse des Uruernehmerkomiiees nicht respektierten, ebenso Vorgehen werden wie die Gehilfen gegenüber den Unternehmern. Dr.Blasel bekundete die Verhandln« gsivilligkeit der Unternehmer. Schließlich erteilte die Versammlung dem Komitee die unbedingte Vollmacht zur Durchführung aller im Interesse der Gastwirte gelegenen Maßregeln. Ein Demonstrationszug der Gehilfen. Die Angestellten,der Schankgewerbebetriebe in den Bezirken Landstraße, Mieden und Margareten — 6Q00 bis 7000 an der Zahl — veranstalteten gestern uch 5 Uhr abends einen Demonstra ionszug, der vom Favoritener Arbeiterheim seinen Weg über die Favoritenstraße zur Ringstraße und von da zum Schwarzenbergplatz nahm. Die ^8^'^ des Streikkomitees hielten Ansprachen an die Menge. Die Demonstration verlies ohne Zwischenfall. Die Sanatorien werden durch den Streik nicht in Mitleidenschaft gezogen, da schon vor längerer Zeit von den Inhabern mit den Angestellten feste Abmachungen getroffen worden sind. Ein Kampf zwischen Kellnern und Gasten. Zu stürmischen Szenen ist es gestern nachts in einem Kw'er-Gasthaus gekommen, als streikende Kellner seine Schließung erzwingen wollten. Der Kampf hatte das Gasthaus Frommer in der Hilterstraße einmal mehr meine teure Mutter. Meine Eltern waren verzweifelt. Ich war das einzige Kind, der letzte Darovski. Man holte einen Arzt aus Krakau und ließ auch den berühmtesten Warschauer Professor kommen. Drei Lemberger Aerzte wohnten bei uns eine ganze Woche hindurch. Aber keiner hat mir geholfen. Mein Vater ward immer mehr in sich gekehrt, meine Mutter hatte die Verzweiflung aufs Krankenbett geworfen. Der Tod lauerte schon am Kopfende meines Bettes. Da kam die Frau des Ritters Taddäus Gniewosz zu uns zu Besuch. „Hier kann nur noch ein einziger Mensch helfen" — sagte der Gast — „wenn überhaupt noch eine Hilfe möglich ist. da kann nur noch Mendel, der Nimanower Rabbi helfen." Mein Vater ließ sofort einspannen, und meine Mutter war mit einem Male wieder gesund. Mein Vater war aitr Zeit des Direktoriums bevollmächtigter Minister in Paris und ein Freund des Abbee Sieyes. Du kannst dir denken, daß auch er nicht an Geister glaubte. Meine Mutter hatte die „Neue Heloise" in» Polnische übersetzt. Sie tvar kein zurückgebliebenes Dorfweib, aber welche Mutter wird nicht abergläubisch, wenn daö Leben ihres Kindes auf dem Spiele steht? ES kann ja fein, daß sie von Rabbi Mendel nichts erhoffte; aber Tatsache ist, daß sie noch in jener Nacht sich auf den Weg machte, um zu ihm zu gelangen. Die Landstraße war mit Schnee bedeckt, der Vollmond beleuchtete den Weg des Schlittens. Morgens fünf Uhr kam meine Mutter im Hause, des Rabbi von Rimauow an. Damals waren bereits eineinhalb Tage vergangen, seitdem ich in Bewußtlosigkeit verfallen war und ohne Nahrung dalag. In der Küche des Rabbi wurde eben Brot gebacken. DaS heißt viele Brote für die Armen. Man versprach meiner Mutter, sie nach dem Morgengebet in doZ Empfangszimmer des Neb Mendel zu führen. Ihre Begegnung mit dem Rabbi erzählte nu'iuc SKuücl: folgendermaßen: