Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 677 (13.12.1920)
- Date
- 1920-12-13
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Oelte t__Men, Montag_ Die finanzielle Hilfeleistung für Oesterreich. Drängen -er Pariser und LonÄonsr Presse. Londsrr, 11. Dezember. (Reuter.) „Daily Chroniele^ beschäftigt sich im tzeitartikl mit dem Tiefstände deS Welthandels und erklärt, der englische Ae-erseehandel könne seine normale Entwicklung, nicht wiedergewinnkn» solange die zerstörten und desorganisierten Staaten Europas nicht wieder ans eigene Füße gelebt sind. , Oesterreich ist das größte UebelMitteleuropas, man muß dieses Problem lösen. bevok das Land andere mit ins Unglück reißt. Selbst wenn der österreichischen Regierung Staatskredite gemährt würden, könnte sich das Land erst erholen, wenn ihm die erforderlichen Rohstoffe für die Privatindustrie geliefert würden. Paris, 11. Dezember. Der „TempS* schreibt im Leitartikel, Vertreter der österreichischen Regierung feien wieder nach Paris gekommen, nw neuerlich einen Hilferuf an die Entente zu richten. Wenn die Rahrungsmittelversorgung Oesterreichs nach. dem 15. Jänner nicht fichergesiellt werde und Kredite vor Weihnachten nicht zugesichert seien, könne die Wiener Regierung die öffentliche Ordnung nicht mehr gewährleisten; sie sülchte, daß sich dann der Anschluß der Provinzen an Deutschland wie bei einzelnen chemischen Verbindungen, mit einer Explosion vollziehe. Die finanzielle Lage Oesterreichs fei tatsächlich bedauernswert. Die Lebensmitteleinsuhr stelle für den Staat eine erdrückende Last dar. Man müsse auf einen längeren Zeitraum sich erstreckende Hilfsmittel ins Auge fasten. Für die nächsten Bedürfnisse aber müsse' man Ausland's kredite gewähren. Man 'preche von 40 bis 50 Millionen, ja selbst 85 Millionen Dollar, auf einen gewisten Zeitraum aufgeteilt. Der Bestand oder das Verschwinden eines unabhängigen Oesterreich sei eine große, Frage der europäischen Politik, die man nicht einzig und allein mit finanziellen Auslunstsmitteln losen könne. Dr. Spitzmüllev rvariiL vor der Bankrottgefahr. Paris, 12. Dezember. (HavaS.) Der Gouverneur der Oesierreichnch-ungorischer, Bank' Dr. Spitzmüller erklärte einem Mitarbeiter des „TempL", der banptsächlichste Zweck der Reise der Funktionäre der Oesterreichischnngarikchen Bank nach Paris sei, mit der Reparationskommission wegen der Liquidation der Bank /in Fühlung ZU treten. - Gegenwärtig, sagte Dr. Spitzmüller, interessiert NnS eme andere Frage mehr, jene der Kredite fü^ O Österreich, desten wirtschaftliche Lage die größten Befürchtung e n hervmrust. Bloß die Gewährung' genügender Kredite zur Beschaffung von Lebensmitteln und Rohstoffen und zur Deckung des Defizits, könnte eine wirtschaftliche Katastrophe verhindern. Dr. Spitzmüller schloß : Es wäre unheilvoll zu verkennen. daß hier pvr icrulnra io mora vorhanden ist. Jede Verzögerung kann »nbereck enbare Gefahren mit sich bringen. Die Flut, die Oesterreich zu überschwemmen droht. steigt unaufhörlich und Hilfeleistung ist dringend notwendig. __ Hilfe für die jüdische« Pogro«opfer im der Ukraine. Riga, 10. Dezember. (Jüd. Korr.-Bur.) Wie verlandet, haben die Sowjetbehörden in der Ukraine eine großzügige Hilfsaktion für die jüdischen Opfer der jüngsten Petljuca- und Balachowicz-Pogrome eingeleitet. Die Rigaer Verha«dlunge«. Riga, 12. Dezember. (FunLs^ruch.) Der Präsident der polnischen Friedensabordnung in Riga, D o m b f L i. hat die von Tfchitschenn an den Minister des Aeußern, Sapieha, gerichtete Note, betreffend angebliche Derschleppungsmanöoer der Polen, beantwortet. Er drückt sein Erstaunen darüber aus. daß die Sowjetbehördm statt die rote Armee zu demobilisieren, fortfahren, ihren Effektivstand zu erhöhen, und bedauert das Schweigen Moskaus bezüglich des Austausches der Kriegsgefangenen. Der Präsident der russischen Friedensdelegation, Joffe, hat seinerseits an die polnische Regierung eine Note gerichtet, worin er seiner Befürchtung Ausdruck gibt, daß das von Zieligowski besetzte Gebiet zu einem antibolschewikischen Agttationsherd werde. Die Meutereien in der italienischen Marine. ' Rom. 12. Dezember. (Funkspruch.) Die Regierung hat mit Rücksicht auf die jüngsten Matrosenmentereien angeordnet, daß alle Offiziere der in den letzten Tagen vor Fiume angekommenen italienischen Kriegsschiffe, bewaffnet an Bord zu bleiben haben» um ihren Befehlen Achtung verschaffen zu können. Berliner Kundgebungen gegen die Teuerung. Berlin. 1L Dezember. jW-lff.) Die Reichs^ Via««», tz-nd Korumunalbearuten veranstalteten heute große versamm» tunken, nach deren Beendigung sie zu Zehntausenden nach £eat Lustgarten marschierten. 2» ihren Reihe« trugen sie Wiens» Morgerrzettmrg AMCVikK-NNMMbr der ^Wiener MorsLKzeitlMI^ In den nächsten Legen. Saßt die -^Wiener M'EsnMLnüg^ ems für Ä M s r r k a beMmnrSs G o « d e rs tt .ttjnp m e t. erscheinen, von welche« 2V WO Meirrplare «och Amerikn gesendet «nd in alten SLZdLen ver- LrsiLeL werden. Alle jene, die Vers bmdunsi mit AngshSrigen, Freunden und Bekannten in Amerrtza suchen, deren Adresse» ermitteln oder ihnen Rachrlchtsn znkommen lassen woKen re., mögen derirrSsge Ans zeigen dis Mittwoch den 18. d. M.' an unseren f Schaltern arrfgehe» Plakate mit Jnschrifte,», Re sich namentttch ge ge« die Schieber und Wucherer wendete» und die Sicherung eine- Existenz Minimums verlangten. Die Erregung wurde durch radikale Redner geschürt, doch endete die Kemonstration ohne Zwischenfall. Borkkiegsremittiszenzen. Lev Dorfky, her bekannte tschechische FournaNst, h-at in einem Puche seine gesamten politischen Aufsätze aus den Jahren 1908/09 und aus der Zeit kurz vor Ausbruch des Weltkrieges erscheinen lassen. Die ArtiK! erschienen seinerzeit in der Prager „Samoftatnost" und in der „Pokrokova Revue" und beweisen heute nach AuSgang 'des Weltkrieges, dis politische Einsicht Borskys, der mit prophetischen Weitblick schon damals sah, was der Politik feines Volkes nottat. Im März 1909 schreibt. Borsky in einem Bilanz" betitelten Artikel, daß es unbedingt zu einem Krieg zwischen Deutschland und England kommen tvjrd. Die. offizielle Politik der damals mächtigen jungtschechischen Partei war aber aeaen eine aktive AuSlandsvosiitik und Dr. Kramarsch träumte in der Zeit noch immer den Traum van einen großen, von den Slawen - beherrschten Oesterreich- Ungarn . . . 'Borsky, der agile Anhänger einer aktiven rschehi schere Außenpolitik, die nur auf die eigenen 'Interessen Bedacht nimmt und die habsburgischs Monarchie schon damals als erledigt betrachtet, ist entschiedener G-egner dieser offiziellen tfchechtschrn Politik!, die er als ÜnLlück für sein Volk erkennt und mit stürmischem, jugendlichem Temperanrent verficht er in der Partei der fortschrittlichen. Staatsrechtlcr. der er angehört, das Postulat der aggressiven Außenpolitik, die bereits den Kampf gegen die durch innere nationale Kämpfe aufgewühlte und zermürbte Monarchie in Rußland und England organisieren soll. Bor sky ist noch unentschieden, wohin sich die tschechische Außenpolitik festlegen soll, ob nach England oder nach Rußland. In England, wohin er durch politische Freunde ein Memorandum gelangen läßt, das das Dogma Englands von der Notwendigkeit Orsterreich-Ungarns bestreitet, erhält er eine Absage. Sein Petersburger Aufenthalt bringt ihn auch auf dem erstrebten Wege nicht viel weiter, Dorsky. eure energische Arbcitsnatur. erlahmt in seinem Streben nicht und man sieht heute, daß die Geschichte ihm dock recht gegeben hat. In deutschen' Kreisen bat man sich nach dem Zusammenbruch der Monarchie oft Lwundert. wie es die Tschechen anaestellt haben schon vor dem Krieae ko eine Organisation durchgesührt zu haben, ohne daß es die maßgebenden altösterreichischen Kreise ahnten. Die Lektüre von Borskys interessantem Buch gibt uns die Antwort. Ein Volk, das. eine solche politische Jugend befaß, verdient die Freiheit, die es erkämpfte. ln. Der derzeitige Stand der Palksttaa» Wanderbewegung in Wien. Die Monate Juli, August und September 1920 haben dem Wiener Palästina-Amt eine schwere Aufgabe gestellt. Ein Sturm von Emigranten, die aus Osteuropa, besonderober au- Polen, kamen und nach Vrez Israel verlangten, fuhr über diese Stadt hin. Die Aufgabe wurde vom Palästina- Amt so gut als möglich gelöst und in je dem dieser Monate ist an 1500 unserer Brüser die Weiter reise an da- ZiÄ ihres Verlangens ermöglicht woroen. Im Monat Ok tob er aber war eine bedeutende A8fchwä.chung deS WanderstromeS zu verzeichnen und die Zahl der über Wien nach Trez Israel Weiterbefördertdr, verringerte sich auf 600 und der Monat No vember zeigt eine noch bedeutend vermehrte Abschwächung. Was die Gründe dieser Erscheinung betrifft, so wir« hier eine ganze Anzahl von Ursachen zusammen. Tor allem hat die überstürzte Einwanderung 1» Trez Israel bekanntlich eine kleiye Krise gezeitigt. Denn diese einwandernden Mengen, zu denen, ja solche hinzukommen, welche aus Sübrußlanb, Rumänien und dem Kaukasus über Konstantinopel fuhren, konnten reicht gleich alle Arbeit ijr.be» oder doch nur gröbste Arbeit, beim Straßenbau ulw>. 13. Dezember 1920_Sdc. 077 eine Arbeit, tvrkcher sich nicht alle Einwanderer, trotz das besten, früher geäußerten Borsätze, hingeben wollten. Di« Korrespondenzen, welche die Unzufriedener an ihre Derwandten und Freunde in der Galuth schickten, und die übev» triebe» schlechten Nachrichten, welche die paar gescheiterter, Rückwanderer nach Europa mitürachten, haben auf die zur Ausjoanberung bereite Jugend etwas ernüchternd gewirkt unb erst sie -Wen den Stvppbefehlen Gehör verschafft, die schon im August von der ztönistlfchen Exekutive her überallhin nach den Au-rpmcherungsläüber« telegraphisch verbreitet wurden. , ' > Auch Härte deS Winterwetters macht bje Paläftin»- Fahrt, welche an und für sich genug Strapazen in sich birgtj ivenig verlockend. Besonders dis Fahrt auf offenem Verdeck des Schisses, und wenn es gar wie ein Postdqmpser zwanzig Tage nach Jaffa unterwegs ist, ist bei kaltem Borasturntz fast nicht zu ertrage». < Ein schwerwiegender Grund, welcher zur Einschränkung der Palästina-Fahrten beiträgt, ist ferner die Tatsache, daß der Wert der fremden Valuten noch immer' steigend ist, fc der Pfunde, in denen die Schiffskarten von Triest nach! Jaffa, und der Lire, Ir» denen die Bahnkarten auf dep italienischen Linie TarviZ—Triest bezahlt werden müssen. Stellen sich doch allein die rund 6 Pfund für die Schifsahrtj (nach Abzug von 40 Prozent Ermäßigung) bei einem Umrechnungskurs von 1900 Krone» auf 11.400 jkrone» ergibt sich für die ganze Fahrt von Wien nach Jaffa — erni schließlich her Bahnstute«, der Bisataxen «rrd der Auslagen für die Verpflegung *-* heute ein Bedarf von nicht weniger als 14.000 Kronen. > Viele der Palästina-Fahrer sind aus ihre« Wohnländer« mit Beträgen ausgezogen, welche damals für die Vollendung der Reife genügt hätte«. Durch eine Menge Hindernisses aber, an denen kein einzelner, am wenigste^ die Palästim« Aemter Schuld tragen, sind diese Palästina-Fahrer auf ihrem! Woge so lange ausgehalten worden, daß Inzwischen die Fährte preise aus das Doppelte und mehr anschwollen, während sich daS Reisegeld durch die Beschaffung der kärgsten Nahrung, durch behördlich diktierte Strafen und sonstige Unfälle noch vermindert hat. Dabei ist nicht abzusehen, wann die von der Londoner Jahreskonferenz der zionistische« Exekutive auferlegte Pflicht erfüllt wird, wonach die nötigsten EMigration Sk rep Ite von dort aus bereitzustellen find. i In Wie« blieben unter der Obhut des Palästina-AmtiÄ nur mehr zirka 800 Palästina^Zahrer, welche als solche durch Legitimationen dieses Amtes anerkannt und den Behörden! gegenüber kerrntlich gemacht sind. Dem Fürsorgekomiteo deS Palästina-Amtes obliegt die Sorge, diesem gute», für den Aufbau des Landes so werwollen Material die Weiterfahrt nach Erez Jsrack und bis dahin ei« menschenwürdiges! Leben in Wien zu ermögliche«. Diese Palästina-Fahrer sind int Emigrantenheim, 9. Bezirk, Rosscmerkaferne, untergebracht. Doch gilt es. hert armen Burschen Beheizung und wärymnde Decku z» beschafsru und ihnen die notdürftigste Ernährur^ z« sicher«. Di« Hauptaufgabe de- FürsvrgekomiteeS aber bleibt es, die Reisegelder dieser Palästina-Fahrer durch Mobilisierung der jüdischen Hilfsbereitschaft zu ergänzen. Als et» Krebsschaden für diese Bemühungen des ^miterS hat eS sich nun erwiese«, daß eine Menge kleiner Komitees bisher auf eigene Faust in Wien gesammelt «nd über da- Geld nach eigenem Gutdünken disponiert hat. Dieses liebet ist endlich allseits erkannt worden und in der letzte« Sitzung des FürsvrgekomiteeS habe« alle angefchlossenen Körperschaften mjt Ausnahme der SsgudaS Jisroel — sich auf den Grundsatz geeinigt, daß vorläufig auf dem Gebiete Wiens das Fürsorgelonütee deS Palästina-Amtes allein sammelberechtigt sein soll. Das Komitee hat seinen Sitz im 8. Bezirk, Zictusgqsse 33, Ulld sind Spenden für dasselbe am besten bei der Eontinc^al- Bank auf Konto Palästina-Amt--Fürsorgekomitee zu erlege». Außer den Palästina-Fahrern gibt eS in Wien noch etwa 200 andere Emigranten, welche für die Fahrt nach Eiez Israel aus diesem oder jenem Grund« nicht in Betracht komme«. In letzter Zeit ist zum Beispiel ei« Zuzug aus Ungarn z« perzeichnen, wo di« Juden durch daS grausame Horthh-Regime an Vermöge«. Gesundheit, ja an ihrem Leben stündlich bedroht sind und Über die nächst« Grenze Rettung suche», GS wäre di« ärgste Härte, wenn die österreichischen Behörde« sortsahren wo'.lden, diese« dreimal Unglücklich^ den einzigen Weg zur Rettung zu verlegen. Um auch für diese Emigranten zu sorgen und ihnen nach Länder« zu helfen, wo sie sich in Frieden ernähre^ können, ist die Gründung eines - Allgemeiuen^ Emigrations- Komitees dringend nötig geworden. Herr Oberrabbiner C h ajeS hat sich dieser Ausgabe unterzogen und haben bei der am 11. d. M, im EttzungSsaale der Israelitischen Kultusgcmclude stattgesundenen Sitzung alle hiezu eingeladene^ jüdischen Organisationen,Einschließlich des Zioill,tischen LandeskomiteeS und der beiden Nationalräte und mit einziger 2iu3nähme der Israelitischen Allianz, ihre Zustimmurtg erklärt. Der Oberkommissär von Palästina hat bereits das rttua Einwanderungsgesetz erlassen, wonach bis Ende August 1921. mittellose, aber arbeitSlusttge 16.S0Y Familtenhäupter, beziehungsweise Familien über Empfehlung der Palüstina-Aemter, und wohlhabende Einwanderer ohne Eiuschränkuvzg nach Erez JsraÄ eingelassen werden sollen. Diese Anzahl wird auf hi« einzelnen Länder kontingentiert und hi« Auswahl und Ausrüstung dieser Kontingente von Wie« »ach ber< Ursprungsliürdern verlegt. Dem Verlangen der österreichischer Behörden gemäß wird aber diesen Palästina-Fahrern künftig die Durchreise durch Oesterreich nur dann ermöglicht sein, wenn sie sich in der Eintrtttsstatron Hohenau bereitmit den Lsgitimativaen deS Wiener Palästina-Amtes werden auSweise-n können. Nebst dieser Ausgab« haben die Palüstina-Aemter die großzügige Information der jüdischen Oefsentlichkeit. b-esvudert; ihrer kauf- I maunischeu und inb'.rslxiellnr Kreist, soweit sw tun Aust-aw