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Wiener Morgenzeitung · 1920-12-12 · Heft 676 (12.12.1920) · p. Seite 4

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
2 (1920)
Issue
Heft 676 (12.12.1920)
Date
1920-12-12
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Sette 4 Mm, Sonntag Die Bürgermeister beim Brm-espräsidenten. Bürgermeister Reumann und DizeVürgermeister Emmerling machte» gestern dem Bundespräftdenten Dr. Hainisch ihre Aufwartung. In längerer AuZsprache tnsormierle Bürgermeister Reumann.Len Bundespräsidenten über eine Reihe von Wiener Angelegenheiten. Den wesentlichsten Teil der Besprechung bildeten die Ern Lhrungsfrage, die Versorgung'der Industrie mit Rohstoffen und der Bau derWasserkraftvn la g e n. Die Konferenz schloß nach einer eiustündigen Aussprache, in der der Bundespcäsident seine Anlichten über diese Fragen klarlegte. Gesetz »der Willkür? Der komplizierte Organismus unserer neuen Bundesverfassung, auf welche ihre Auroren so stolz sind, wäre anscbeinknd nicht vollkommen, wenn Nicht die Willkür der kommunalen Be» Hörden im Bundesland« Wien hmzukäme, welche sich kühn über alles Recht hinwegseven und in ihrer autonomen CelbstherrWikeit aller Entscheidungen, auch solcher drS VenvaliungSgerichtShvfcS. fpottcn. Bürge»meister Reumann hat gisiern im Ge- «emderat in der Ausweisungsfrage Ansichten vertreten, die endlich eine menschliche Behandlung deZ Problems erhoffen lasten. Dir M i e t a m t e r von Wien i doch fchnrn sich den Teufel um all« Bervldnungen und sabreu unentwegt fort, der nackten Willkür die Zügel schießen zu lasten. Zn unserer Nummer vom 1. d. M. veröffentlichten wir eine Zuschrift, m welcher dargelcgt wird, daß die Miermnter gegen die Entscheidung res BrrwaliungsgerichtshofeS Wohnungen sogenannter »FlÜckÜnge" m>t dem Bemerken aniordern, daß gegen die Entscheidung ein Rrchtsmrttelunzulässig fei, und es mehren sich die Fälle, aus denen mit aller Deutlichkeit hrrvvrgrht, daß hier eine b wußte und bea'sichrgte Sabotage der Wiener Kom- «unalbehördcn gegen Enlscheldungru des Brrwalmngsgerichts» Hofes vorliegt. So hat das Wohnvngs» und Sicdlungsamt der Stadt Wien. Dohnungskommistär für den X I V. Bezirk, di« Wohnung der FluchiUrgs!amil>e M. T. aus dem Grunde angtsorderi, weil die Polizeidireklivn die Milteilung mochte, daß diese Fam lic 'eechtskiättig ausgewiejen wurde, was, nebenbei gesagt, auf einer unrichtigen Auskunft der Polizerdtreknon beruhte. Auf einen eingebrachlen Einspruch hat der B e r w a l» trrngsgerichtsbof nach wenigen Tagen die Entscheidung zugchen lasten, daß er über die Beickwerde muRüäsicht darauf, als der Einspruch gegen das Änforderungseckenntnis zulässig war. erst nach Erschöpfung dieses adwmistrative» LustanzevzugeS eme mentale Entscheidung zu treffen in der Lage ser. Bei der am 20. November anberaumten Einspruchsverhandlung unter dem Borsise des Magisiratssrkretäis Doklvr Fischer faßte der Mrersevat. beziehungsweise Wohnungsuusorderungssmlit den merkwürdigen Beschluß, daß der Einspruch «st Rücksicht auf die betiördl che Kundmachung der nieder öfferrrich,ichen Landesregierung, die em Einspruchsrecht gegen ein solche- AnlorderungselkenrimiS versagte, als unzulässig zurück-- ßewiesen werde, wiewohl bei der Verhandlung mehrfach darauf hingewiesen wurde, daß drrSenat an dieReckts- «»fchauungdesBerwaltungsgerichthofeS. der gerade indiesemkonkretenFalle entschieden hatte, gebunden sei. Wunder muß es allerdings nehmen, daß ein recht-' tun b i ger Magi st rotsbeamte r, der Vorsitzender eines Mietsenats ist. ein solches Erkenntnis sollen konnte. Diescm Schau! Pinchas Skabinmoitz . (Schefer). (Anlatzlich der zehnfZhrigen Wiederkehr seines Todestages.) Von Tr. Josef Nleisk.! In jenen furchtbaren Tagen am Beginn der Acht- Srgerjahre des vorigen Jahrhunderts, als die gewaltige Pogromwelle über die russische Judenheit hereinbrach hatten die zaristischen Behörden das naturgemäße- Streben, über die schmachvollen Vorgänge möglichst wenig in der Oeffentlichkeit verlauten zu lassen. Eine rigorose Zensur wachte mit Argusaugen darüber, daß die Kreditwürdigkeit des Landes ja -nicht durch peinliche Nachrichten, die über die Grenzen drangen, rsi Mitleidenschaft gezogen würde. Das Interesse der russischen Juden gebot dagegen eine möglichst genaue und regelmäßige Information des Auslandes über ihre Leiden, denn die in die europäische Presse gelangten Berichte waren anfangs so lückenhaft, daß die Leser auch.nicht annähernd ein Bild von der gefährdeten Lage der russischen Jüdenheit empfangen konnten. Und plötzlich ward der Bann gebrochen. In den „Times" erschienen regelvrätzige Mit- Leitungen über die russischen Pogromedie detailliert und in drastischen Farben die Wahrheit über die russischen Greuel vor der europäischen Dosten:! ichkeithlötzlegten, die Stimmung gegen die zaristische Viiroaukfatie in England und Amerika entfachten und zu den flammenden Protesten das Tatsachenmaterial lieferten. In der berüchtigten „dritten Abteilung" des Petersburger Ministeriums des Innern war man'bestürzt. Wer hatte es gewagt, trotz aller Kautelen, d:e man geschaffen zu haben wähnte, das Amehen Rußlands in den Augen der Welt, von der eZ in taufend .'5h?n$ten abhängig war, durch die Enthüllung des ängstlich. geleiteten Geheimnisses zu schmähen? Webe den allzu Wagemutigen, die sich auf solche Abwege verleiten liehen! Die Bureaukratie bot alles zur Entdeckung der I^ebeltäter aus. doch die kleine Schar non ^‘{ernten, welche aus liefen’ jiidl- MW, Vatr.iytismus diele schwere Mission auf sich ae- Wiener Morgen-zeitung '12 Dezember 1920 Sit 676 —imninrni niMniii iminni iiiim «i rnwnmm—r Pelzmäntel und ms Stadtpelze! f u.f.Ä'Ü» „Leipzigermann“ J . Fl E H L & Co., I. KSrntnerstrasse Nr. 4, Telephon Nr. 3493 VI. Mariahilferatrass* 29 VI. Marlahilferstr. 3 Permanente Pelzausstellung in—Lima imimhii... emulnrn Bcamten ist jede ch kemrSlavS die ganz« Schuld zuzuschreiben, sondcrn dem Wirrwarr in unsner Brrwabuvg, wv feden Tc g die widersprechendsten Ansrdnimgen und Gehermerlaffe auSgebr'ület werden! Auck die P o l i z e i d i r>e k tio n i n W i e n laßt dem WohnnngSnnd SiedlungSamte die unrrchlise Auskunft über angeblich rechtst-, ästige Auswnsung?erkenntnlstk zukommen. Wiewohl nach dem Rechtsmittelgesetze vom Jahre 1886 im administrativen Verfahren stder Berufung ou'srineb nde Wukung zuzuerkenncn ist. teilt die Polnrldireklron in Wim rn ihren Bescheid n über neg.'t've RekurScrledrgungen der niederöstmeichischen Landesregierung mit, daß der Br,u png an das Slaalsamt für Inneres und llnteiticbt keine austchiebende Wirkung zukommk. schafft die betroffenen Personen >chon auf Grund einer negativen Rekursrrled gung der nieder pi'lerrrichächen Landesregierung ab und gibt diese unrichtige RechttanSkunft über die angebliche Rechiskrajl des ÄusweriungSerkenntnlsteS dem MöbniingS- und Siedlungßamte der Stadt Wien zwecks Anforderung dieser MchtlrngSwohmrrig bekannt. Zn einem andere» Falle wurde einem KrieMüchtling dcffrn aus Zimmer und Küche bestehende, von sechs Personen bewohnte Wohnung in O t l a k r i n g mst dem typischen Bemerken angefordert, tat gegen biefc Entscheidung rin Rechtsmittel nickt zulässig ser. Ucbrr de» dieSbemglich erhobenen Einspruch fand vor tem Miets em atOttakring eine Verhandlung statt, rn welcher dre Entscheidung teS WohnungskommlffäiS wegen Mangels der Rechlsmirreltelehiurig rn endgültiger Werse als u u g? s e tz l ick aus gehoben wurde. Es wäre wohl nunmehr auch an der Zeih daß der Landes, hauvtmann Reu m an n durch Ueberprüsung der AüSwrisunßSriläffr und Ansorderüngseikenntn sie einen AnSweg aus'diesem Chaos schaffe und den Unterbchörden die Achtung vor dem Gesetz ms Gedächtnis rufe! Der Amtssitz des Dundespräsidenten. Die Gerüchte von einer Verlegung des Amtssitzes des Bundespräillente'n entbehren, wie amtlich mitgeteilt wird, jeder B:g ündung. Der Amtssitz des Bundespräsidenten, und die Präsidentschastskanziei befinden sich n^ch wie vor im Gebäude des Bundesministeriums des Aeußern, 1. Bezirk, PallhauSplatz 2, woselbst der Bundesprässient. jeden Mittwoch gegen vorherige Anmeldung zwischen '11 sind' 1 Uhr empfangen wird. Die Völkerbundversammlung. '> G enf, 11. Dezember. Zu Beginn der Nachmittags sihung der Bölkerbundversammlung wurde an Stelle des argentinischen Delegierten der Delegierte von Uruguay, Blanco, zum Vizepräsidenten gewählt. "Der Nest der Sitzung wurde mit der Diskuffion des Kommissionsbcrichtcs über die Wahl der n i ch i st ä n d i. gt« Mitglieder des Bölkerbundrates ansgefüM Nachdem Berichterstatter Balfour. den bekannten KommiffionSbeschlnff verteidigt hatte, zeigte sich tzesau^ ders gegen die Verteilung der nichtständigen Sitze eine starke Opposition. Der kubanische Vertretet Aguero nahm am schärfsten Stellung dagegen. Schließlich einigte man sich auf einen Antrag Benes ch, Balfour und Wellington.K 00, daß die gegenwärtigen Mandate mit Ende des Jahres e rl ö f ch e n, daß die Versammlung noch in dieser Taguug für ei» Jahr die neuen vier-Mitglieder zu wählen habe und daß von diesen drei Europa und Amerika und einer Asien nnd den übrigen Weltteile» angehoren sollen. Die geographische Verteilung der neuen Ratsmktglieder wurde gegen die Stimmen der vier nordischen Länder angenommen, wogegen die übrigen Bestimmungen Einstimmigkeit erzielten. Deutschland» Ernährungslage. Berlin, 11. Dezember. In der heutigen Sitzung des ReichswirtschaftsrateS wurden di« Berichte der beiden Unterausschüsse für Landwirtschaft und Ernährung sowie für künstliche Düngemittel behandelt. Berichterstatter Dr. August Müller betonte, daß man allmählich, erkannt habe, daß die Frage der Ernährung nicht ein Bertrilungs-, sondern ein Erzeugungsproblem sei. In der Debatte traten die Redner einstimmig für die Meinung ein, baß eine Erhöhung der Getreidopreise unerläßlich sei. i Neichsminister Hermes führte aus, er sei ein Anhänger des Abbaues der Zwangswirtschaft, aber es müsse eine gewisse Pause eintceten. Die Sitnation sei ernst, aber im ganzen nicht ungünstiger als im Darjahre. . Krasstns Verhandlungen. MoShM, 11. Dezember. (Funkspruch.) $ r a f f t tt führt mit der englischen Regierung Verhandlungen über die Aufhebung der Blockade und über die Abgabe der Versicherung, baß russische Goldsendungen nicht beschlagnahmt werden würden, um zur Deckung von Schulden des Zarenreiches zu dienen. Die Schweizer Sozialisten gegen die Dritte Internationale. Bern, 13. Dezember. Die schweizerische spzialdemokraiische Partei hat mit 350 gegen 213 Stimmen den Eintritt in die Dritte Internationale ab gelehntr worauf die Linke der Partei den Saal verließ. Demodilisternng. nnd Srnatsfrage in Polen. Warschau, '11. Dezember. (Poln. Tel.-Agentur.) Der Ministerrat hat heute das Demobilisierungsprogramm angenommen. — Der Landtag hat in der heutigen Sitzung di« Abstimmung über die Artikel der Verfassung, betreffend den Senat, auf die Zeit nach Weihnachten verschoben. nommen hatte, ließ sich von ängstlichen Rücksichten nicht bestimmen. Nur wenige Eingeweihte wußten, auf welchen Schleichwegen »die Preßberichte über die Grenze geschmuggelt wurden, welche Schaul PinchaS Nabinowitz auf Grund des ihm übermitteltön Materials verfaßte und persönlich an verschiedenen deutschen Grenzstationen in die Hände von Vertrauensleuten ab liefere, derselbe Rabinowitz, welcher damals unter dem Pseudonym „Pe—Er" , für die Zeitschrift „Nußki Jewrei" über die Pogrome jene' Artikelserie „An den Ufern der Weichsel" schrieb,^ie den berühmten Schriftsteller Leo Lewanda so begeisterten, daß er die Bekanntschaft des ihm nach diesen Aufsätzen ungewöhnlich begabt erscheinenden Mannes zu Machen suchte. Dieser von den Mühsalen des Lebens hcMDdrängte „Melamed", der durch seine Lehrtätigkeit enie kinderreiche Familie aiishalten mußte, war in der Tat mehr als irgendeiner seiner zahlreichen Berisisgenosien. Ein glühendes' Temperament, ein lebhafter Geist, eignete sich Rabinowitz^ frühzeitig neben tiefgründiger Beberrichnng des jüdischen Schrifttums auf dem unter den Maskillim nicht ungewöhnlichen Wege des Selbststudiums hervorragende Kenntnisse ans verschiedenen Wiifer»saebieten an. Es ist keine Uebertreibüng. wenn von ihm gefügt wurde, daß' er «in. wandelndes Lexikon war. Sein Wissen blieb indes nicht trockene Gelehrtenweisheit, die in veschanlicher Mutze wie ein Treibhausgewächs die Fährlichkalten des Lebens ängstlich meidet, sondern ward zum lebendigen-Quell, der die zarten Keime der nationalen Bewegung befruchtet'und zur Blüte gebracht hat. Die Korrespondenzen für die Auslandsprtzsse bil- 1 Men mir eine Evisode in Rabinowitz' publizistischer Tätigkeit, der er sich, da er ftir den Lehrberuf keine starke Neigung und Eignirnsi fühlte, mehr und mehr guwendete. Schon zur Zeit der RögromS batte lein Name; nT? Pnhl^ist in der bebrä'schen Rreffe einen guten Klaua. ^ab es doch damaks unter den hebm'lchen Schriftstellern nicht allzu viele, die in den das Judentum bewegenden Tagessrogen so beschlagen waren und gimlcicki über eine so anbgezeichnete Feder verfügten wie i dieser von Geist und Witz sprühende Kopf. Rabinowitz blieb schließlich nicht bei der Journalistik stehen. Die Artikelschreiberei genügte ihm nicht, denn allzu stark fühlte er die Rot seines Volkes, dessen Dienste er sich mit seiner ganzen Persönlichkeit weihen wollte. Als nach dem Pogromsturm die Emigration ernsetzte. war Rabinowitz zusammen mit R. S a m u e l M 0 h i l e w e r unter denen, welche auf das eifrigste dafür wirkten, daß der an der galizischen Grenze sich stauende Wanderstrom in möglichst geregelte Bahnen gelenkt wm de. Rabinowitz' Sachkenntnis und Erfahrung in den Fragen der „Judennot" 'wären schon damals so sehr geschätzt, daß er auf der in Petersburg unter dem Vorsitz deS „Eisenbahnkönigs" Poljakow abgehaltenen Konferenz, die sich hauptsächlich mit Auswanderungsfragen befaßte, das Referat übertragen erhielt. Die Konferenz nahm allerdings, einen kläglichen Ausgang. Die versammelten Notabeln ließen den Vortrag des Referenten völlig unbeachtet und Poljakow entschied, daß man aus patriotischen Gründen die Abschiebung der Emigranten nach den russischen Steppen der Einwanderung nach Amerika yorziehen müßte. Zu jener Zeit hatte Rabinowitz sich noch nicht dem Kreise der Chowewe-Zion angeschlossen. War er. dessen Rolle in der nationalen Bewegung später so bedeutungsvoll werden sollte, doch einer der letzten, die in die Reihe der Zionskämpfer traten. Perez Smolensky war es. der in hartem, zwei Nächte währendem Geistesringen den Widerstand des nicht ganz leicht zu überzeugenden Befürworters der Emigration nach Amerika zu brechen wußte. Kaum hatte Rabinowitz. sich der ZionSbewegung angeschlossen, als er seine Hauptaufgabe in der Organisierung der überall zerstreuten Kräfte und ihrer stärkeren Geltendmachung nach außenhin erblickte. Journalistik und Unterricht gab er um dieser Aufgabe willen gänzlich auf. Man kann der heutigen Generation der Zionisten, diö den riesigen Verwalkungsapparat der Bewegung als eine Selbstverständlichkeit betrachien, nicht leicht.klarmachen, was für eine gewaltige geistige Leisiirug es bedeirtet, wenn ein einzelner Mann in Warscharr olme jode Hilfe mit einigen hunderten Vereinen und Einzelpersonen m Verbirrdung trat, um sie zu

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