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Wiener Morgenzeitung · 1920-12-12 · Heft 676 (12.12.1920) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
2 (1920)
Issue
Heft 676 (12.12.1920)
Date
1920-12-12
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Rr 676 Wien. Sonntag Die unbequemen jüdischen Stimmen. AuS Warschau wird uns berichtet: Die kleine Gruppe der jüdischen Ab geordneten , im po ln 'schen Sejm bildet durch die eigentümlichen i Part.'iettverh7.ltniise in diesem Parlament in entscheidenden allgemeinen Fragen vft einen wichtigen Faktor, während sic in jüdischen Fragen gegenüber einer ^ungeheuren Mehrheit. die sich, wo es gegen die Recht: der Inden geht, von links und rechts zülammenfindet, machtlos ist. Seinerzeit haben bei der Durchb ringirrig des Gesees über d e' Agrarreform die jüdisch.« St'mmen den Ausschlag gegeben und dazu verholfen, daß die Agrarreform gegen die Rechtsparteien, welche sie verhindern wollten,. Gesetz wurde-. Diese Unterstützung * der Jird-n ist nun den Linksparteien wohl erwünscht, abiw s e werden schamrot, wenn sie daran erinnert werden, daß die jüdischen stimmen zu ihnen gehören. Dies zeigte sich wieder in d^r letzten'Sejmsitzung hei der Behandlung der Derfassungsartikek, welche.die Zusammensetzung des Senat; regelni In der Debatte, trat der Sozialdemokrat Nie dzialkow ski gegen.die /neuen Vorschläge der Verfasfungskommissiisn auf'..und lehnte das Senatsprojekt gänzlich ab; denn das Volk werde die Einführung einer solch:« reaktionären Institution nicht bullen. Als nun der bekannte Hetzpfaffe Lutoslawski das Senatsprojekt verteidigte ünd dabei darauf hinwieZ, daß die Majorität des Sejm bereits ihren Willen zur Einführung des Senats kundgetan habe und der Wille der Majorität g achtet werden müsse, rief eine Stimme von links: „Die Majorität ist deutsch!" (Bekan rt.'ich ist der J8schiuß auf Einführung des Senats durch sechs deutsche S.imm-en aus Porümern herbetgefuhrt wori en) Lut o s l a w s k i replizi-rle promt: „Aber die Minderheit war eine jüdische" Die Linke warf eilig ein: „Die jüdischen Stimmen sind nicht gekauft worden. ihr aber habt die Deutsch n gelaust'? Und Lutoslawski entgegnet:: „Schließet die Jude« von der Abstimmung aus, so schenken wir euch die se^K deutschen Stimmen!" Nun — die Linke will doch nicht Stimmen verschenken, sie fühlt aber das Bedürfnis, sich dafür, daß es gerade jüdische Stimmen sind, zu rehabilitieren, und es ertönt der Ruf: „Wir haben die Juden um ihre Ct'mmen nicht gebeten!" , Dies kennzeichnet am besten den Geist, der in der polnischen Volksvertretung herrscht, den Geist der'verächtlichen Unduldsamkeit gegen alle n'ch polnischen Minderheiten im Staate. Diese gegenseitigen Vorwürfe der Unterstützung durch die Deutschen oder Juden charakterisiert Abgeordneter Grünbaum richtig als den Ausdruck des schlimmst:n Nationalist sch:n Ci/auvi- «ismus. Er wies auch darduf hin, daß die Anhänger des Senatsprojektes gerade durch die Einführung dieser Körperschaft den politischen Willen der nich'polnischen^ Minderheiten im Lande unterdrücken wollen. Cr machte auch die Herren von links und rechts darauf'aufmerksam, daß die demokratische Politik der jüdischen Abgeordn trn keinerlei Privatintcressen dient, sondern nur der Sicherung der Rechte dor Mischen Minderheit; nur die wahre Demokratisierung Polens könne die^e Sicherung bring:«, \ Wie weit in Polen die demokratischen Parteien von wahrer Demokratie entfernt find, das beweist jen:s „Grüß' mich nicht "unter den - Linden", das die Linkspaitttten den Juden zurufen zu müssen glaubten. _ Eine Liqa -er kankafischen UepubU^e^ In Tiflis wurde, wie der ^Ternps* berichtet. Wer Initiative des bekannten armenischen- Dichters Ovanes Loumaniant und des georgischen Publizisten Varlaarn Lcherkessow ein Komitee gebildet, welches sich die Gründung einer »Liga des Friedens und der Solidarität der Völker des Kaukasus und Vorderasiens^ zur Aufgabe stellt. Dieses Komitee hat feine öffentliche Tätigkeit mit einer Protest Proklamation gegen das Eindringen derTürken in TranSkaukafien - begonnen jDer Zusammenbruch Armeniens", heißt es in diesem Aufruf, »wird zu neuerlichem Triumph des religiösen Fanrsis» wuS und zur Verschärfung dcS nationalen Chauvinismus führen." Nachdem Armenien erledigt ist, werden die vereinigten pantürkischen Mächte daran schreiten, den Vertrag 6on Drest-Litowsk durchzuführen, um binnen kurzem sich auf Georgien zu werfen. DaS Komitee wendet sich' daher an den Völkerbund, an alle Parlamente und an die fortschrittlichen ünd demokratischen Organisationen aller zivilisierten Länder mit der Bitte, alle Maßnahmen zu fördern, welche geeignet find, den Ruin zweier uralter Völker hintanzuhalten, welche aus ihren Gebieten die modernsten Formen des auf Freiheit äufgebäuten politischen Lebens geschaffen haben. Und zu der» hindern. daß die muselmanischen Mästen, welche sich bereits anschickren, sich der Zivilisation anzubictcn. nicht abermälS kn die finstersten Zeiten des Mittelalters zurückverfallen. Der »Daily < erald" über die gegr«- , wSrtige Lage in Ungarn. Ein Vertreter beS „Daily Herald" hatte in den letzt:« Tagen eine Unterredung mit dem ungarischen Ministorprasid:nt:n Grafen Teleki und gibt seine in dieser Unterredung gewonnenen Eindrücke über die gog-nwärtige Lage in Ungarn w.e folgt wieder: Der Minist rprä i ent a.wrkan te. bast die wi.tscha tlich: Lage Ungarns eine verzweifelte sei. -Bor einigen W.chen litt das Land so sehr untor der Kohlennot, daß die Regierung nur zwischen zwei Alternativen zu wühlen hatte: enkveder den Eisenbahnverkehr einzustellen oder die Wiener Morgenzeit»»^ 12 Dezember 1.920 Seite 3 Die Kämpfe unter den tschechischen Sozialisten. 5P v a tr, 11. Dezember. Wie „Narodni Listy^ melden, rvurd ^gestern bereits im Ministerium des Inner« die eventuelle Ausrufung des St and rechtes?Kr Prag und nSiigen?a8s auch für andere S t L d t e vorbereitet. Prag, 11. Dezember. (Tel. der „Wiener Moroenzeituna".) Aus d:m Streit um das Prager sozialistische. B-olksAkus ist ein sehr ernster Kampf zwstch.'N den Rechts- und Links so zi allsten geworden, der von beiden Seiten mit aller Leidenschaftlichkeit geführt wird. In der FahrikSstadt Smichov, in der sich^große Werkstätten befinden, sind gestern große Ausschreitungen vorgekommen; eine Milltärabteilung, die intervenieren wollte, wurde entwaffnet und zur Flucht gezüngen, eine Wachstube demoliert. Bei den Krawallen, die am Donnerstag der Besitzergreifung des Dolkshauses durch die Rechtzsozialisten folgten, wurden fünfzig Polizisten und Zivilpersonen verwundet. Der von den Kommunisten Prags angesagt: Generalstreik ist b'.S zur Stunde no ch nicht eingetreten. Prag ist von Militär und Gendarmerie besetzt. In Kladno und im mittelböhmischen Jndustri..'gebiet ruht die Arbeit, in Teplitz, Mähriich-Ostrau, Pilsen und Olmütz wird gearbeitet. In Brünn ist der Generalstreik bereits beendet, kann aber jede Sekunde wieder ausbrechen. Die Sozialdemokraten erklären -in einem Aufrufs das Vorgehen der LinkZsozialisten und der Kommunisten als den D:rsuch, den Bürgerkrieg gegen die Republik hervorzuruftn. Das aus dem Dolkshaus delogierte Organ der Linkrn, das „Rüde Pravo". stellt folgende Bedingungen auf: Errichtung von Arbeiter- und Betriebsräten, das Kontrollrecht über die Produktion, ein: allgemeine Lohnerhöhung von.30 Prozent, Auszahlung eines vierzehntägigen Lohnes als Weihnachtsbeitrag und Demission des Kabinetts Cerny. Nur ans dieser Grundlage könne die kommunistische Partei in Verhandlungen eintreren. Prag, '11. Dezember. (Tel.-Komp.) Die das „Prager Tagblatt" aus Komotau erfährt, ist h:rrte dort der - G e n e r a l st re i k ausg:b ochrn. Das Abendblatt des „Pravo Lidu" meidet, daß gestern nachmittags etwa 150.000 Kommunisten aus den Nachbardörfe.'n in Cakodie eingedrungen seien uttd di": dortige Zuckerfabrik besetzt haben. Prag, 11. Dezember. (Tel.-Komp,) Auch heute nachmittags wurde die, Kühe nirgends gestörte Die KolyMnisten hielten eine Versammlung ab, die von ungefähr, 1500 Personen besucht war. Prag, 11 ^Dezember. (Tschecho-slow. Preßbur.) Auch in der Provinz haben die Versuche der Prager , kommunistischen Leitung, einen Generalstreik zu entfesseln, einen nur geringen Erfolg erzielt. Es fanden nur teilweise Arbeitsniederlegungen statt, so in Jungbunzlau, Kolin> Deutschbrod und Budweis, wo namentlich die deutschen Kommunisten den Streik fördert.». — In der Streitfrage um das Prager Volkshaus jch:int ein Kompromiß in Aussicht zu stehen. Auf Einladung der Vertrauensmänner der Metallarbeiter tra'en die MgeordnetenklubS der Rechten und der Linken heute zusammen und beschlossen, die Frage der D:ilhaberschast an dem Volkshaus durch eine gemeinsame Konferenz mit-dem Vorstandder Gewerkschaften morgen vormittags zu bereinigen. Alle Teilnehmer werden zur Ausrechterhaltung Aer Ruhe in den Straßen beitragen. Minderheltsschutz in Polen. 11.Dezember. (Tel. der »Wiener Morgenztg") Die pol i^eR'gieruni veröffentlicht im Reichs Gesetzblatt den Text des Versailler Minderbeitsschutzvert r a a e s vom 8. Juni ISIS in drei Sprachen: Polnisch, Fran^öfifcki nnd Deutsch. Damit tritt d^Mertragfür Polen in Nechtskraft. Fabriksbetriebe zum Stillstand zu bringen. Die Negierung hat die letztere Lösung gewählt und dadurch 35 000 Menschen das Brot weg^enommen. Die Zahl öer Arb e i t s lo fe n in Budapest übersteigt diejenige der Arb itenden um das Doppelte. Die Ernährungslage ist eine erbärmliche. In den Mühlen hat die Arbeit eine Zeitlang geruht, die B ä u e r n liefern die Produkte nicht ab und nehmen das Papiergeld nicht au. -Die Regierung ist gezwungen, den Bauern daS Getreide mit Gewalt ab^ünehmen. Der' Vertreter des „Daily Herald" fü't noch hin'ü: D'e Detachements haben auch bisher requiriert. Es herrscht große Wohnungsnot. In Budapest gibk es heute 300.000 Flucht inge aus d:n loZgetrennten ehemals ungarischen Gebiet?», welche in Baracken wohnen. D'ese Barack:«- Unterkünfte -stinken von Schmutz,- dis Regierung hat die Sitzungen der Gewerkschaften verboten, die Akten derselben wurden von den Ofsiziersdetachenlent) verschleppt. Der Großteil der Arbeiter s'tzt in den Kerkern oder ist i:.t:rniert. Dir Bergwe,xke stehen unter militärischer Lei ung. die Telephongrspräche werden von geheirnen Kundschaftern und Recherchen reu abgehorcht. LeliilLus Bermann & Landesmann; Taborstrasee Nr. I, I. Stock empfiehlt sein reiches Lager in allen Arten Fe 1 z m änto 1 n, Stadtpelzen, '-..W Füchsen und Verbrämungen ' , i n feinster A ü s f fi h r u n g " - - " »t Die Aufnahme Oesterreichs in den Völkerbund. «, Ms dem Kommisfionsbericht über die Aufnahme! Oesterreichs sind einige Reden nachzutragen. RoWells (Kanada) führt: aus, daß die Zulassung zur Arbeitskon-i fevouz und die Aufnahme in den Völkerbund für Oester».! reich sowohl als auch für Deutschland miteinander verknüpft seien, wenn auch letzteres dem Belieben der Völkerbundversammlung zu überlassen sei. Es fei von! hdöen Ingresse, in Oesterreich die Stabilität und dicZ Pr>odulLionsmittel -wiederherzustellen. j Jonescu sagte, daß der wesentliche Unterschieds' zwischen Oesterreich und dem alten HaLsburgerrei^ darinliege, daß jenes sich von Ungarn, dem bösem Geist der Monarchie, getrennt habe, .§ Henessy betonte, daß die radikale Umwandlung^- in Oest-:rveich keinem Zweifel unterliege könne. Mrl Wille, den Friedensvertrag auszuführen, fei evident^ Das östervrichische Volk scheine Beweise gegeben pv - haben, daß es unter einem demokratischen Regime leben; wolle. - ’i Winiarski erklarw, Polen sei fürdie nähme. Brnesch habe sich über die N'chterfüÜung beÄ Minorit'itend?rtrages beklagt. W niarskis Meinung.naH beziehe sich dieser nicht auf kürzlich Eingewander^ Ben-e sch führte dann an, daß man jene, die für^ Oesterreich optiert haben, nicht als Eingewanderte Gegensatz zu den Einheimischen ansehen könne. Seines Bem-crkung betreffe die Minoritäten, ändere aber nichM an dem, was er zugunsten der Aufnahme gesagt habö. i - N Auf dem Wege zur Vierten Inter, nationale. Gemäß den Beschlüssen der in Bern staftgefM.-, denen Konserenz dcr U nab h ä u gige n So zialist-eni aus Deutschland, Oesterreich. Fmnkreich und <§«#*! kastd, denen sich die sozialdemokratischen -Parteien. länds und der Schweiz und die deutscheu SozialdemUm kraten der tschecho f wwattichen Republik - angefchlofsewhaben, wird für den 22. Februar des kommenden Jahrvsj - eine internationale sozialistische Konf-s«;. re n z n a ch W ie n einbcrusen. Auf der, Tagesordnung stehen Jmp-:r'alismus und die soz'ale Revolution, thoden und Organisation de) Kta,s:nkampfes und de^ internationale Kampf gegen die Konterrevolution. Jtzj' dem Aufruf zu der Konferenz wird sehr scharf gegeP die Moskauer Dritte International: Stellung genomme« die als bewußter Schädling der GewerkschafirLewsgung erklärt wird. Das Ziel der Arbeiterschaft bleibe Eroberung der politischen Macht, die Anwendung 8etz Diktatur sei aber nichts m:hr als eine Methode, dies zur Gegenwehr gegen eine Sabotage oder Auflehnung der Bourgeoisie gebraucht werden soll. Sie sei eine; Uebergangsphafe in der Entwicklung vom kapitalisti^ scheu Klafsenstaat zum sozialistischen Gemeinwesen und« ihre Formen hängen von den ökonomischen, soz'aleU und politischen Verhältnissen einzelnen Lander ab. Ztt'i tritt zur Konferenz haben alle sozialistischen Parteien die aus der Zweiten Internationale ausgetreten sinbs und sich der Dritten nicht angeschlossen haben. De«! Aufruf tragt folgende Unterschriften: Friedrich Adlet (Wien). Otto Bauer (Wien), Karl Ce rm a k (Mplitz> Tschecho-Slowalei), Ar:ur C r i s p i e n .(Berlin), Paul Fan re (Paris), Paul Gräber (B:rn), Robert: Grimm (Bern), Rudolf H i l f e r d i n g (Berlins - August H u g g l e r (Bern), Francis I o h ns o n (Lon- ' don), Georg Ledebour (Berlin>. J^an LongueL (Paris), I. Martow (Moskau), Ernst Reinhard (Bern), Kurt R o s e n f e l d (Berlin, E. S h i n w e l i (Glasgow), R. C. Wallhead (Manchester). i'. Das Wiener kommunistische Biatt wendet sich' gegen diesen Aufruf und nennt die Konferenz eine«;' Reformvervin der Hinausgeworfenen. J. Prasmattsier»«gderkrieg«hefchSdrgteO StailtsaugesteSte«. Di: kriegsbeschädig'en Staatsangestellten, finb Dt)tj. kurzem an die Bundesregierung mit Forderungen hcran-. getreten, die sich auch auf die doppelte Anrechnung dey Krieüsdienst'ahre und die Einreihung in den Staats- ' dienst nach dem Lebensalter unter Zug undelegung eineZ!. Ein.rittsalters von 21. Jahren erstrecken. Ein vo«! Vundesministerium M soziale Verwaltung aüsgravä. beiteter Gesetzentwurf, der dem Nationalrate bereits vorliegt, sieht die Pragmatisierung aller kriegsbeschK» digren Staalsau^estellten unter A.m:chnung ihrer! KriegSdUnst-.eit als Zivilstaatsdienstzcit vor, sofern M eine Einbuße il^rer Erwerbsfähigkeit von mindestens 25 Prozent nachzuweisen vermögen. Die Durchführung des Gesel.es üedeu et eine Neuanstellung hon Lngefahrf 900 bis '1200 Personen, hievon rund 800 der Jnvalidonentschädigungskommission.

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