Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 673 (9.12.1920)
- Date
- 1920-12-09
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2979076-2979416-2979751--06030-2991943- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Katowice 1× ep/1002406
- Riga 1× ep/1000826
OCR text
Sfr 673 Wien, Donnerstag Einberufung einer internationale« Sozialistenkonferenz «ach Wie«. Bern. 8. Dezember. (Schweiz. D-speschrnagentur.) Die sozialistische-Borkonfsrenz hat beschlossen, zur Beendigung der Besprechungen für den 22. Februar 1921 eine internation ale Sozialisten konf eren z Nach Wiencinzube rufen. Für die Vorbereitungsarbciten wurde eine Kommission eingesetzt.' welche Ende Dezember in Wien zusammentreten wird, um dann der Kdnferenz bestimmte Anträge zu unterbreiten. D'.ese Kommission besteht aus je einem Delegierten von Eng- Land, Frankreich. Deutschland, Oesterreich und der Schweiz. , Umtriebe desdeiltschenEx-Kronprinzen. London, 6. Dezember. Im Unterhaus lenkdr Sir F. Hall die Aufmerksamkeit de^ Negierung auf die Nachricht hin, wonach der frühere Kronprinz des Deutschen Reiches seit einiger Zeit in Verbindung steht mit de« Führern der Monarchist!,ch.'n Partei in P.enßen zwecks Sturzes der gegenwärtigen Regierung und der neuerlichen Besteigung des Thrones! durch die Hohenzollern. Er fragte die Regierung, ob die holländische Regierung über diese Treibereien auf dem laufenden sei u nd ob die Alliierten an hie holländische Negierung einen Protest erlassen hätten. Hall fragte weiter, ob Man Holland ersucht habe, den Kronprinzen auf -Grund her Verbrechen. 'die er während des Krieges begangen hat, auszulie fern, und ob angesichts der neuen Zwischenfälle man diese Frage von neuem an die holländische Regierung richten werde. Bonar Law antwortete, er habe Kenntnis von diesen Gerüchten und er zweifle keineswegs daran, daß die holländische Regierung sich ihrer Verantwortung in dieser Hinsicht bewußt ist. Seine Antwort aus die beiden letzten Fragen lautete verneinend. , Der britische Handel mit Zentraleuropa. London, 8. Dezember. (Wolfs.) „Daily Chronicle* meldet, daß die britische Regierung gegenwärtig zwecks Förderung des Handels mit den europäischen Ländern, die durch den Krieg gelitten haben, einen wichtigen Man mit ihren Handelsberatern erörtere. In diesem Plan werde die Bildung eines Kemral Qleuring Üov«rs in Europa für den britischen Handel vorgesehen, verbunden mit Vorkehrungen zur Verteilung von Waren. Die englisch-russischen Verhandlungen. London, 8. Dezember. l Wolfs.) Wie die Blätter tnelbetf, ließ die russische Räteregierung in London «urteilen, daß die hauptsächlichsten Bestimmungen des englisch-russischen Handelsäbkommensentwurses für sie annehmbar seien. Sie ersucht jedoch darum, daß in einer neuen Konferenz zwischen den englischen und den russischen Delegierten über gewisse Einzelheiten beraten werde, bevor man zur endgültigen Ratifizierung bes Abkommens übergehe. Die russisch-polnischen Verhandlungen. Warschau, 8. Dezember. (Tel-Komp.) Nachrichten aus Riga besagen, daß die Frist für die Unkündbarkeit des zwischen Polen und Sowjetrußland abgeschlosienen Waffenstillstandes mit Vl2 Monaten festgesetzt worden ist. In der Frage der Entlassung der polnischen Kriegsgefangenen haben die russischen Vertreter ihr Entgegenkommen zugesagt. Tschechische Wirtschaftsverhandlungeu mit Krafsi«. Prag, 8. Dezember. (Privat.) „Tribnna" berichtet, baß ein Vertreter der tich-echo-slotvakischen. Industrie fn London mit K r a s s i n über die Möglichkeiten her Ausfuhr nach Rußland verhandelt.' ’ ' ' Bürgerkrieg in Armenien. Kvrrfwnt'nopel, 8. 'Dezember. (Havas.) Der armenische Kriegsminister hat'nach Verkündigung der Diktatur den Marsch auf Eriwan angetreben, wo' die armenische Sowjetrepublik cuisgerusen worden map. Die Lage in Firrme. Rom, 7. Dezember. (Stefani.) In einem Interview erklärten die von Fiume zurückgekedrten Abgeordneten einem Mitarbeiter des „Giornale d'Italta". daß ist der Stadt Fiume ziemliche Ruhe herrsche. Ein Besuch im alten Varosz-Hafen und iw Delta Eneo habe die Notwendigkeit gezeigt, im Interesse der Stadt Fiume. deren Leben bedroht sein könnte, eine befriedigende Lpsung zu finden. Die Abgeordneten, hätten den Eindruck, man müsse, um einen günstigen Weg zu einer friedlichen Lösung zu betreten, vor allem die Regentschaft Huarnero offiziell anzuerkennen. Dann müsse inan Fiume die Möglichkeit, geben, zu leben. DAnnimziohabe den Abgeordneten gegenüber einige Male erklärt, er sei der Diener des Vaterlandes, und habe nicht die Absicht, Italien Schwierigkeiten zu bereiten. Sei einmal die Fiumaner Frage gelöst, so sei er bereit, Fiunle zu verlassen. V Die Abgeordneten werden ihren Klubs über ihre Eindrücke berichten, worauf sie mit der Regierung Besprechungen haben werden. Minister des Aeutzern Graf Sforza ist in Turin öingetroffen und wird morgen in Rom erwartet. Wiener Morgenzeitung Die Abstimmung in Griechen- : Land. Paris, 8. Dezember. (Havas.) Die letzten, hier, aus Paris eingegangenen, vom 6. d. M. datierten Meldungen über die Vol-sabstimmung in Griechenland besagen, daß die Ergebnisse dieser Abstimmung offiziell am Abend desselben Tages bekannt sein werden. Diese sind jedoch hieher noch nicht mitgeteilt worden. Depeschen aus halbamtlicher Quelle melden, daß 300.000 Wähler mehr als bei den Parlameniswahlen sich an der Volksabstimmung beteiligt und daß nur »wer Prozent der Abstimmenden sich gegen König Konstantin ausge. sprachen haben. Thrazien hat bis ans einige wenige Ausnahmen für Konstantin gestimmt. In der Garnison Smyrna^ habe» vo« 12.000 Offizieren und Soldaten, die an der Volksabstimmung teilgenommen haben, nur 800 gegen Konstantin gestimmt. In bat Provinzen haben 80ProzcnLderVenizelisten ihre Stimme für König Konstantin abgegeben. Es sind zahlreiche Stimmenthaltungen, namentlich in den großen Städten, zu verzeichne«. Athen,?. Dezember. (Havas.) Zum Ergebnis der Volksabstimmung in Griechenland erklärt die Regierungspreffe, daß das Volk bei der Abgabe der Stimmen keine Herausforderung beabsichtigte. Es habe lediglich ein grundlegendes Recht jedes freien Volkes ausgcübt, in der Neberzcugung, daß es sich lediglich gegen das Vorurteil wende, dem sich die von der öffentliche» Meinung getragene Regierung gcgenübcrsehe. Die Zeitung „Dolpcia" schreibt: Der Entschluß des Volkes, seinen König zurückzurusen, kann nicht als feindselige Kundgebung gegen die Alliierten ausgelcgt werden. Das Volk hoffte und hofft noch, daß sich die Alliierten davon überzeugen werden, wie auch von! seinem Wunsch, in enger Verbindung mit ihnen zu! arbeiten. König Konstantin soll auf den Thron verzichten. D e r l i n, 8. Dezember. (Korr.-Vur.) Die' „Dentsche Allgemeine Zeitung" meldet aus Athen: Die griechische Regierung soll König Konstantin telegraphisch ourgefordert haben, zugunsten des Kronprinzen Georg dem Thron zu entsagen, mit Rücksicht auf die Feindschaft der Entente, die durch seine Rückkehr auf den Thron hervorgernten werden würde, Die Regierung war durch die. lebte Rote der Verbündeten sehr bestürzt und wollte zunächst dem König die Entscheidung überlassen. Auch von seiten Rumäniens werden Versuche gemacht, Konstantin zum Verzicht zu bewegen, um Schwierigkeiten zu vermeiden. Rom. 8. De^mber. (Tes.-KompV Nach den italienischen Blättern rst der frühere griechische Alweordnet-G bantzis in Brmdisi emget, offen. Er b gibt sich zu König Konstantin nach Luzern, um drrsen nach Griechenland zu beglenen. Ron 7. November. (Strsam.) Der Torpedobootzerstörer „D u g l i e" und das Torpedoboot r o n z e t t t". die zum Geschwidcr der oberen Adria gebören, sind vcfchlswidng vor FrumevorAnkerge gangen. Es ist noch unbekannt, wer diese Abweichung von der lefohlcuen Route angeorrnet «ni\ dntchge ühn hat. Ten ersten Melsungen zu olge scheint es. daß den Komm'Ndmten und den O fizieren durch Uebcrraschung die malenrlle Möglichkeit genommen worden sei. den Vorfall zu ver» Wen. Den militärischen Justizbehörden wmde sofort Anzeige hievon gemacht. Der Austritt Argentiniens ans dem Völkerbund., Grnf, 8. Dezember. Der Führer der argentinisch»» Delegati.n beim Völkerbund, Pueyrredon, hat gestern Genf verlassen und sich nach Paris begeben. -Genf, 8. Dezember. Die argentinische Delegation ist abgereist. Buenos Vives, 8. Dezember. (Havas.) Im Min'sterrat hielt der Präsident der Republik ein Expass über die Lage, die durch die Haltung der argentinischen Delegation bei der Völkerbündversammlung geschossen wurde. Ein hoher Beamter der Republik führte einem Berichterstatter gegenüber aus: Wir.haben die volle' Billigung der Bolktz- und Arbeiterparteien; auch die Vereinigten Staaten und viele andere Nationen billigen unsere Haltung. Der Völkerbrmdkougretz. Genf, 8. Dezember. In der heutigen Sitzung der Völkerbundversammlnng legte Berichterstatter Haimotaux den Kommissionsbericht über die technischen Organisationen des Völkerbundes vor. die sich auf die wirtschaftliche und finanzielle Organisation, auf Transport- und Transitsragen, ans das Gesundheitswesen, ans Mädchenhandel, Opiumhandel und die Gerichtsbarkeit im.Sinne der Artikel 336 unb folgender des Versailler Vertrages beziehen. Es wird die Einberufung einer Wirtschafts- und Finanzkonferenz vorgeschlagett, die ein ständiges Komitee aufznstellen habe, ohne daß aber der Zeitpunkt für diese Einberufung festgesetzt wird. 58ick mehr ist darin dem Dölkerbundrnt freie Hsnd gelassen, auf dessen bisherige Wünsche, besorders auf jene vom 19. Mai, Bezug genommen wird. Für Transport- und 1 TranMragen soll m Barcelona eine Konferenz zuv. Dezember 192V Seite 3 » '""i fammentreien. Für die rm Versailler Vertrag festgelegtr Jurisdiktion des Völkerbundes in Verkehrs- und Transit fragen soll vorläufig ein dreigliedriger Gerichtshof bildet werden, dessen Präsident vom Volkerbundrat er« nannt wird. Für die Behandlung öffentlicher Gesund^ heitsfragett sollen ein Gesundheitsamt, ein permanentes Komitee'und ein internationals Sekretariat geschaffen werden. Die Kosten für diese Einrichtungen fallen deuz Völkerbund zur Last. Eine Käufers«; der slowakische« ttft] geordneten. Preßburg, 8. Dezemberl Der von der letzten gemeinsamen Sitzung der slowakischen Abgeordneten zum Sekretär des zehngliedrigen Ausschusses der slowakischen Parteien ernannte Abgeordnete Igor Hrusovsky beruft für den 10. und 11. Dezember eine gemeinsame Sitzung der slowakischen Abgordneten nach Preßburg ein. Die Kriegsanleihefrage in derTschecho- Slowakei. s Brag, 8. Dezember. Wie das „Prager Tag- Matif erfährt, dürfte die Verordnung über die Em«j fuhr/im Ausland erliegender Kriegsanleiheüters in den nächsten Tagen verlautbart werden. Danach kann die im Besitze ifchecko-slowakifcher Staatsbürger im Ausland erliegende österreichische oder ungarische Kriegsanleihe unter der Bedingung in die Tschecho- Slowakei überführt werden, daß die Stücke vom' tschecho-slowakifchen Postsparkassenamt oder bei einer inländischen Aktienbank deponiert werden. Tagesberichts Adolf Stand. Zum ersten Todestage. { Daß er San Remo nicht erlebt hat, war bas irdisch«' Geschick eines Judeusührers; daß er jedoch sich selbst überlebte, ward zur tiefsten Tragik dieses Menschen. Dreißig Jahre hindurch rang er um die Seele der östlichen Juden-, Massen. Es war ein Kampf eines Fanatikers und ein Rlngew aus tiefster Pein einer erwachenden, Judenseele. Da galtz' es vorerst den Kampf mit sich selbst auszutragen. Aus der.' dumpfen Schwüle der Agudäs Achim ging der assimilierte; Judenjnnge hervor und kaum, daß er sich an Nietzsche unS] Dostojewski) zu einem ästheti,irrenden Kosmopoliten durchs gerungen, da erwachte sein jüdisches Gewissen. Die Pogromes der Achtzigerjahre waren der Anstoß und Pi-uslt der erste, Wagweifer. Leicht war der Anschluß an die Juden, dochs. mühevolldie Rückkehr zum Judentum. Er ging den M. a rebours. Es war eine Abkehr und Rückkehr zugleich^ Allmenschliches Streben ballte sich in ein«: jüdischen Willens- und europäischer Snobismus in eine harte, unerbittliche Etyikj' eines modernen Juden. ' k Aus den Höhen europäischer Kultur stieg Stand ibr? die Enge dumpf brütender Judenmassen Galiziens hinab, ^lrotzrg,' selbstbewußt, geistreich und mit verbissenem Groll eines Pflicht-'' Menschen. Er predigte und schrieb, gründete Vereine und'! - organisierte» jahraus, jahrcm, mit dem Starrsinn eines.? -Chassids - und mit der lohenden Glut eines Mahners und- Künders. j Don Lemberg ging sein Ruf aus und bald erstvecktv sich von der Weichsel bi) zum Zbrucz ein Netz von VereinerL? Den Judcnjungen, die im Schlamm zu ersticken drohten» ward Stand zum Deuter jüdischer Wiedergeburt, den tnr^' Dogma erstarrenden Chassidim eröfsnete er eine neue Welt; von Liebe und Begeisterung, den kosmopolitischen Dünkel: dsst Maskilim drängte er mit schnietternder Beredsamkeit in die Wege jüdischer Einkehr. So floß sein -Leben dreißig Jahre, hindurch auf der Warte eines gefeierten VolkstrtounZ/ und kaum ein anderer seiner Zeitgenossen durchkostete der-s maßen den ganzen Freudentaumel einer auserstehenden Men^e.! Ehre? -Ruhm? Lösender Deisalt?- Stand lechzte' nie nachf'- Ehren und nie sah' man dieses finstere Antlitz äusstrahlen' in natürlicher 'Freude an persöulihen Erfolgen. Und viel--: leicht lag eben darin ein Großteil seiner Triumphe, baff er stets die kühle Gemessenheit eines Menschen bewahrte, der die Ewigk.it in sich trug und am Erfolg des Alltags achtlos vorbeiging:. . . Er erfüllte nur seine Pflicht. Und' fühlte es allzu gut, daß er nur ein -Werkzeug sei deSj Geschicks und dessen grausames Opfer. Er war ein Volks^ mann und trug in sich di: Tragik des Einsamen. Mußte sich Ml Leben lang der Menge v?rfchenken, dieweil der. Höhenmensch sich im Schmerz« ewigen Sehnens wand Und' feine, zerklüftete Judensee'.e gewaltsam nach Einheit rang.^ Er konnte keine Muße finden und durfte sich nicht sammeln.s Die er zu neuem Leben erweckte, ließen ihn nicht mehr los.' Aber ullzu gewaltsam überstürzten sich ' die Ercrgnrsse von Kattowitz bis kurz vor San Remo und Stand mußte den.' auferstehenden Volksmassen alles ersetzen, was die Not dev.^ »Stunde erheischte. -Er mußte Parteiführer-sein mrd Organi--' sato-r, Schriftsteller und Redner, Agitator und Politiker luttt; während feine heroische Judenfeele am Wendepünkt von Jahrhunderten die Glut der (5wigk.il in sich fühlte, mußte»: sie in kleinlicher Fronarbeit des Alltags erstarren. So verzehrte sich Stand zeitlebens i:r bergeblichenü Streben nach voller Entfaltung all seiner Kräfte. Er wußte,, es allzu gut: Was er .schrieb, war nur ein Torso, was e# schu), war nur ein Stückwerk. Er hatte das tiefe Empfindungsvermögen eines Künstlers und brachte es nie zur. schöpferischen Gestaltung. Er erweckte Hunderttausende M neuem Leben und vermochte sie ni..ht zwn Büllwrrk politischer' . Machtcntfaltung zu schmi-edsn. Er zögerte allzuoft, wo L bandeln Ließ, und baute allzuviel ans di: Niechi der gjtöfc