Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 672 (8.12.1920)
- Date
- 1920-12-08
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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t Settel Mm. MÄtwoch Die ungarischen Ofstziersdetachements arbeiten ungehindert weiter. i Während durch die Vorfälle im „Hotel Britannia" die OffiziersdetachsmentS in der ungarischen "Haupt-, padt ihre „Arbeit" wen'gstens vorläufig unterbrochen haben, herrscht das Schreckensregime dieser DcLacho- »nents in der Provinz und besonders in, der Nähe der Grenzen ungehindert weiter. Dies mußte nach einer Meldung des ,^8'csi Magyar Ujsag" der italienische Staatsbürger A. Büchler, ein^Jude, in den letzten -Tagen am eigenen Leibe verspüren. Büchler, der auch Reserveleutnant ist, fuhr vor kurzem von Wien nach Budapest, um von dort nach Siebenbürgen zn reisen, wo er bei einer rumänischen Firma den Dienst anztttreten hatte. Auf Grund seines regelrecht ausHeMLtzM Reisepasses konnte er auch bei Szob die tschechische Grenze passirren. Die ungarische Grenzwache jedoch fand ihn trotz der einwandfreien Dokumente verdächtig «und führte ihn in die Kanzlei der Grenzwache ab. Verdächtiges wurde wohl bei ihm-nichts gefunden, hingegen wurden ihm die goldene Uhr und goldene-Kette, zwei Pril.antrin^e von hohem Werte, eine silbrrne Zigarette.:- dose und seine Brieftasche mit mehreren tausend Kronen Anhalt abgenommen. Hierauf folgte das bei den Detachements übliche Verhör, in detn der An gehaltene blutig geschlagen und", nachdem er unter den Schlägen zusammengebrochen war, mit Füßen getreten wurde. Diese Prozedur vollzogen der Unterleutnant N o szlo p y gemeinsam mit einem Oberle tnant. Als Büchler zu sich kam, zwang man ihn, ein Protokoll zu unterschreiben, in welchen: er zugibt, daß er ein gefährlicher Spion und Schmuggler ist. Hieraus wurde Äüchler in die Kaserne des Jankowicz-Detachements nachWaitzen gebracht. Dieses Detachementspielt in der ^Geschichte des Weißen Terrors eine furchtbare Rolle, denn-in dieser Kaserne wurde der Kaufmann L ö w y aus Nograttz veröce und andere Juden ermordet. Hieher geriet nun auch Büchler, der in der Zelle, in welche er. gebracht wurde, schon eine Anzahl anderer Leidensgenossen in furchtbarem Zustand auf den eiskalten - Steinen gm Boden liegerü) vorfand. Dort befanden sich bereits der Kaufmann Samuel Weinmann aus Sziget-Szent- MikloS mit feinem Schwiegervater Johann Gran er, welchem die Offiziere während des „Verhörs" drei Rippen zerbrachen und den die übrigen Insassen der Zelle pflegen mußten, weil ihm trotz mehrfacher Bitte kein Arzt beigesöellt wu^de. In derselben Zelle befand sich auch der Kaufmann Samüel Schön, dessen Gesicht und ganzer Körper mit furchtbaren Blutunterlaufungen bedeckt war.- Diese unglücklichen Menschen befanden sich schon seit Wochen in dieser sogenannten Untersuchungszelle, ohne daß, sie dem Kommandanten des Detachements vorgeführt worden wären. . Auch Büchler mußte 87 Tage lang warten, bis er in die Kanzlei der Kaserne vor einen Oberleutnant, gebracht wurde. Das Derh ör ende te mit der F r e i l a s s u n g Büchlers und mit dem Beschlüsse, ihn als fremden Staatsbürger unter militärischer Bewachung an die Stschecho-flowakische Grenze zu bringen. Büchler forderte rrun die Herausgabe, seines mit 100.000 Kronen bewerteten Gepäcks und seiner Wertsachen', von denen er pnnahm, daß die Grenzpolizei bei Szob sie nach Wüitze.n habe befördern lassen. Der Oberleutnant erklärte jedoch, daß ihm von Wertgegenständen und Kleidungsstücken Nichts bekannt sei, und da Büchler bei feiner Behauptung verharrte und nachwies, daß man tthm sogar den Ueberrock und den Hut abgenommen Hütte, fiel der Oberleutnant wütend über ihn her, so daß Büchler schließlich froh war, wenigstens von dieser Stelle heil davongekommen zu sein. Von der tschecho slowakischen Grenze, wohin Büchler unter militärischer Bedeckung gebracht wurde, kam er nach Wien. und begab sich, zerschnnden, auf einem Fuße hinkend, ohne Hut, mit einer zerrissenen Mütze, welche ihm einer der Petzleitmannschaften aus Mitleid überreicht hatte, in die Redaktion, wo er' fein Abenteuer erzählte. Ueber Rat der Redaktion begab sich Büchler zur italienischen Mission in Wienwo Hauptmann B i-ttÄ'-RorM'MW-iM-Dü Protokoll auf nahm und das Versprechen gab, in seiner Angelegenheit unverzüglich beim ungarischer: Mimstr- Mm des. .Auswärtigen ßu intervenieren. , Nationalrat und Bundesrat. Von unserem Parlaments berichterstatter. Gestern, am Vortag der Wahl des Bnndespräsi- Leuten, wären beide gesetzgebenden Körperschaften der Republik versammelt. Wer für die nächsten vier Jahre die Funktion des Staatsoberhauptes' ausübep sollist in der gestrigen Parteibemtung noch nicht geklärt wordem Die Christlichsozialen hatten am Vormittag dem Landeshauptmann Hauser und Dr. Rinte len abermals diese hohe Würde angeboten, doch lehnten beide ab, so daß nichts anderes übrig blieb, als für die Abendstunden «ine Probeabstimmung innethalb des christlichsoziälen Klubs anzuberaumen, um auf diese Weise wenigstens den Namen des Partei Kandidaten' sicherzustellen. Man wird vor der heutigen Bundesversammlung versuchen, eine Einigrrng der anderen Parteien, oder znmindestens mit den Großdeutschen, herbeizuführen, um so die notwendige absolute Mehrheit für die Präsidentenwahl zu erzielen. Sollte dies nicht gelingen, so würde, entsprechend einer Abmachung der gestrigen Obmännerkonferenz, versucht werden, eventuell in drei Wahlgä"gen eine Mehrheit zu finden. Allenfalls soll auch £ie Sitzung der Bundesversammlung unterbrochen und Wiener Modenzeitung Pogrome der Bolschewiken in der Ukraine. Die Greuel der Kosaken BndjenniS. Paris, 7. Dezember. (Tel. der „Wiener Morgenzeitung".) Dem Komitee der Jüdischen Delegationen in Paris sind in der letzten Zeit Meldungen über neue Pogrome zugekommen, welche die Kosaken Bkdjennis in jüngster Zeit in der Ukraine veranstaltet haben. Ans eine telegraphische Anfrage beim Klub der jüdischen Abgeordneten im polnischen Sejm über die Authentizität dieser Meldungen erhielt das Komitee eine bestätigende Depesche. Hiernach haben in Ljubar die Pogrome vierzehn Tage gedauert mit dem Ergebnis, daß 44 Inden getötet und 260 schwer verwundet wurden; nahezu 700 Frauen wurden auf offener Straße vergewaltigt. Die Massakers waren von unbeschreiblichen Folterungen begleitet. Die gesamte Habe der Juden wurde geplündert. In Ostropol wurden 11 Juden getötet, eine große Zahl verwundet, 70 Frauen vergewaltigt. Auch in anderen Städten hat der Pogrom gewütet. Nahezu sämliche Juden dieser Gegend sind vollständig ünsgeraubt upd obdachlos geblieben. Aus der Ukraine hat eine Maffenflucht der Juden eingesetzt. Rasche Hilfe ist unerläßlich. ' Keine englisch-französische Militärallianz. London, 7. Dezember. (Tel.-Komp.) Im Unterhause kam Lord Derby auf den Abschluß einer englisch-französischen Allianz zu sprechen. Der Abgeordnete O r m a b y Gore stellte die Frage, ob der Ministerpräsident beiden Häusern Gelegenheit geben wolle, den Vorschlag Lord Derbys zu erörtern, bevor die Regierung sich irgendwie für eine solche Allianzpolitik gebunden hat und ob die Regierung bereit sei, mit der Prüfung dieser Angelegenheit zu warten, bis sämtliche Teile des britischen Reiches restlos - um ihre Meinung besragt worden sind. Lloyd George antwortete, die Frage einer besonderen militärischen Allianz zwischen der britischen und stanzösischen Regierung stünde nicht in Erörterung. neue Verhandlungen der Parteiführer angesponnen werden. Es ist nicht ausgeschlossen, daß die Wahl des Buuhespräsidenten auf morgen verschoben werden mutz, wenn in der heutigen Bundesversammlung keiner der Kandidaten die absolute Mehrheit erhält. Im Nätionalrat wurde zunächst das Kreditermächtigungsgesetz in dritter Lesung angenommen und hierauf die erste Lesung des Gesetzes über die Stellung des Burgenlaudes beendet. Abgeordneter Luttenberger (christlichsozial) verteidigte die Haltung der Christlichsozialen in der westungarischen Frage, die niemals, schwankend gewesen sei. Dagegen hätten die Sozialdemokraten mit Vela Kun ge- Uebäugelt, und zur Zeit Vela Kuns sei es ihnen nicht so sehr um den Anschluß Deutschwestnngarns zu tun gewesen. * Dr. Deutsch (Sozialdemokrat) führte Klage über die Unterdrückung der anschlußfrenndlichtzn Bewohner Däutschwestungarns und erklärte, daß das österreichische Problem durch den Anschluß Westungarns nicht gelost werden könne, die Wirtschaftslage Oesterreichs nicht lösbar sei. durch die Eingliederung eines kleinen Gebietsstreifens, sondern nur durch den Anschluß Oesterreichs an das große deutsche Wittschüstsgebiet. Nachdem noch der Christlichsoziale Par rer. gesprocheti hatte, würde die Vorlage dem Ausschuß zugewiesen. Hierauf wurde das Gesetz, betreffend die Bezüge der Mitglieder des Nationalrates, dos Bundesrates und der Volksbeauftragten, ohne Debatte in zweiter und dritter Lesung einstimmig angenommen, desgleichen bas Gesetz, betreffend das Bunde sgesetzblatt. Schließlich wurde noch die erste Lesung über das Kahlgesteingesetz abgeführt. Bundesminister Hauei3 griff in die Debatte mit einer Rede ein, in der er die Vorlage verteidigt, durch die d a s A l p e n g e b: e t o b e r der Vcge tat ionsgrenze in das Eigentum der angrenzenden Älmenbesitzer übergehen soll. Die Tiroler Sozialdemokraten S ch e i b e i n und Abram sprachen sich gegen das Gesetz aus, das einigen millionenreichen Alpenbauern ein ziffernmäßig nicht be° wertbares . Geschenk biete., Die Christlichsozialen Niedrist und I u tz erklärten sich mit dem Gesetz ein verstanden.. Äie Vorlage wurde schließlich den Aus schlissen für Landwirtschaft und für Finanzen über wiesen. . s Die nächste Sitzung des Nationalrates findet Diens tag den 14.. d. M. um 3 Uhr nachmittags statt. Der B u n d e s r a t wählte zu stellvertretenden Vorsitzenden den Christlichsozialen Dr. Drexel und den Sozialdemokraten G r u b e r.. Ohne Debatte wurde dann die Geschäftsordnung des Bundesrates angenoinmen und beschlösse::, gegen die von: Nationalrat verabschiedeten Gesetze über die Vezügeder Mitglieder des Nationalrates, des Vundesrates und der Volksbeauftragten sowie über das Bundesgesetzblatt keinen Einspruch zu erheben. 8. Dezember 1820 Rr. 672 Der DundesprSstdent. KienvLck oder Seitz? Abends wird uns aus dem Parlament gemeldet: Die Christlichfozialen haben beschlossen, den BundeSrat .und früheren Stadtrat Dr. Viktor Kienböck als Kandidaten für die Stelle des Bündespräsidenten zu nominieren. Seine Designierung erfolgte, nachdem Hauser, .Weiskirchner und Rin tele n abgelehnt hasten. Die Großdeutschen dürsten jedoch Kienböck nicht akzeptieren, nicht etwa aus politischen Gründen, sondern sie stoßen sich daran, daß der Kandidat mütterlicherseits jüdischer Abstammung ist. Nachdem es also den Christlichsozialen doch gelungen ist, ihre Angst vor der Verantwortung soweit yinzudämmen, daß sie sich auf einen Kandidaten einigen konnten, scheint die Situation im Augenblick geklärt. .Ueherraschungen sind aber nicht ausgeschlossen. Wie das - hier folgende Commumquee der „Sozialdemokratischen Korrespondenz" durchleuchten läßt, sind Bemühungen im Gange, den bisherigen Präsidenten, Herrn Seitz. im Amte zu erhalten. Er scheint von solchen ^.Bestrebungen Kenntnis zu haben, da sonst seine Erklärung unverständlich wäre, in der er von dem Fall seiner Wahl spricht. Es wird hierüber -berichtet: „Der Verband der sozialdemokratischen Abgeordneten und Bundesräte hielt gestern eine längere Sitzung ab. in der auch die Stellung zur Wahl des Bundespräsidenten erörtert wurde. Gegenüber einem Antrag, den Präsidenten Seitz zu kandidieren, erklärte dieser, daß er eine solche Kandidatur nicht annehmen könne« Trotzdem beschloß der Verband einstimmig, seine Stimmen bei der Wahl des Bundespräsi-denten auf S e i tz zu vereinigen. Dieser dankte für die Bekundüng des Vertrauens, erklärte aber, daß seiner Ansicht nach unter den derzeitigen politischen Verhältnissen ein Sozialdemokrat nicht Bunüespräsident sein könne. Falls er infolge eines nicht vorherzusehenden Ereignisses gewählt werde, müßte er daher das Recht in Anspruch nehmen, die Wahl abzulehnen. Der Verband nahm diese Erklärung genehmigend zur Kenntnis und beschloß n e u e i> l i ch, Seitz zu kandidieren." Die grobdeutschen Antisemiten werden für Doktop Dinghofer, ehemals Bürgermeister von Linz und Vorsitzender der dortigen Ortsgruppe der freien S ch u le, stimmen. Es wird wahrscheinlich vier Wabkgänge geben. Die Auslandskredite für Oesterreich. Wie wir erfahren, entsprechen die Gerüchte, daß die Regierung sich infolge der tristen finanziellen Lage entschlossen habe, zrn'ückzutreten und die ReparatiorrSkommrssion zu. ersuchen, die Regie,ungsgeschäfie zu übernehmen, nicht dm Tatsachen. Die Lage ist zwar emst, hat jedoch msolern eine gewisse Klärung erfahren, als anS Paris hier Nachrichten vorlregeu, wonach die französische Regierung die prinzipielle Genehmigung zu den Krediten erteilt hat. Ans London, wo die Verhandlungen zwar noch nicht abgeschlossen sind, liegen ebenfalls günstige Nachrichten vor.. Die Brotauflage. In der gestrigen Sitzung des ErnährungsMs* schusses machte vor Eingehen in die Tagesordnung Oberstnanzrat Schmidt Mitteilungen über das Erträgnis der B r v t a u f l a g e. Die Brotauflage, die nur für ein Jahr beschlossen wurde, ist mit ungefähr 70 Millionen Kronen veranschlagt. Eingeflossen sind sind bis jetzt 62 Millionen. Die den Grundbesitzern vorgeschriebene Brotauflage ist zum größten Teile eingegangen, während bei den höher Bemittelten nochj ein weiterer Eingang zu gewärtigen ist so daß sich der Gesamtertrag auf etwa 80 Millionen Kronen belaufen dürfte. Es wurde hierauf die Anssprache über die allge-. meine Ernährungslage fortgesetzt. , 1 Minister Grünberger berichtet über die Kartoffelversorgung und die Pläne der Engländer zur Erhöhung der Erzeugung. Die Engländer wollen Saatkartoffeln englischer und sonstiger Herkunft um den Betrag von einer Million Pfund an OesterreiG liefern« : , _ * Angehörige der Kriegsgefangenen bei der Negierung und de« Parteien. Im Parlament erschien gestern abends eine Abordnung des Hilfsvereins der Angehörigen russischer Kriegsgefangener und der Freien' Bereinigung dep Frauen und Mütter von Kriegsgefangenen. DW Abordnung, bestehend aus den Frauen Dittmaun, Fug er, Bojtsch und Turn heim, sprach b^i Vertretern aller Parteien vor und überreichte denselben eine in der aM Sonntag in der Volkshalle stattgefun- » denen Versammlung gefaßte Resolution, worin dargetan wird, baß trotz des mit der russischen Regierung in Kopenhagen geschlossenen Vertrages, die der Jntelligenzklasse an gehörigen österreichischen Kriegsgefangenen in Moskau und in anderen Lagern zurückgebalten werden, und man nicht auf Invalidität, Alter und-Dauer der Gefangenschaft Rücksicht nimmt. Die Abordnung ersuchte die Nationalräte, sich bei der Negierung dafür einzüsetzen, damit diese die russische Svwjetregieruncx zur Vertragseinhaltung mahnt. Mtionalrat Richter teilte mit. daß die m Türke st an befindlichen österreichischen Kriegsgefangenen bis Ende dieses Jahres abtransportiert sein , werden. Ans O sts i b ir ieu ist von unserem Vertreter i