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Wiener Morgenzeitung · 1920-12-03 · Heft 667 (3.12.1920) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
2 (1920)
Issue
Heft 667 (3.12.1920)
Date
1920-12-03
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seile r Men AreltHg SPtcr^r ^erffc«jeitnni| 3. Dezember 1920 Nr. 667 Ein Wort an die Wohlhabenden. Von Dr. Joses Nesch, Bnndesministkr für foulte 9*ertt)’T’ttnn. Das Leben der Stadt Wien?eigt derzeit ein Bild grellster Kontraste. Roben der bit^erstsn Armut, die nicht imstande ist. auch nur das Nötigste.Zur Fristung des armseligen Lebens herbci'nschaffon. »rigt sich, ein schwelgerischer. üppiger.Reichtum, für den es k.ine Hcmn'.nksse gibt, der keine' Teuerung. .Nicht^den geringsten Mangel kennt. In den änderen Bezirken Kiens jedoch lebt eine Bevölkerung, die seitIahren hungert. Wir wissen es. daß es dort Kinder gibt, die seit den ersten Ledenstagen noch f.'in einziges Mal das Gefühl der Sättigung kennen gelernt haben, für die der Hunger das graue Schattengesveüst ist, das sie n'emals verläßt. D?rt leben Mütter, die n-'ch nicht ein einziges Mal das Lächeln des Glückes auf den keinen LeidenSgciichtern ihrer Kinder gesehen haben; dir es erleben müssen, wie die kleinen, von Hunger geschwächten Körper unter der Qual des Frostes leiden, der sie bis in die Wohnungen verfolgt., in denen l'.nst der Ösen erloschen ist, und deren Betreu nur mit alten Lumpen bedeckt sind. Furchtbare Krankheiten?e stören bas Mark unserer Jugend, die, wenn nicht sch"eunlle Hilfe und Rettung wird, wohl ihr Lebcnlang die Folgen dieser entbehrungsreichen Jahre tragen wird. Neben dem Leben d'efer Aermsten aber spielt sich bas Le ben der Reichen ab. ein Leben der materiellen Sorglosigkeit, des raffinierten Luxus, des schrankenlosen Genießens. An sie möchte ich mich mit eindringlichen Worten.wenden! Das Ausland hat sich unserer Krnder angenommen. Vieles ist geschehen, um die Not einzudämmen. aber immer noch zu wenig. Aber auch die Wohltäter in fremden Ländern könnten ihres Liebeswerkes müde werden, wenn sie sehen, daß ihre Opferwilligkeit, ihr tätiges Mitgefühl n'cht in unserem eigenen Lande unter den Neichen unserer Bevölkerung ein Gegenstück findet. Die auswärtigen Besucher berichten über den Luxus, der sich in Wien ausbreitet und bemerkbar macht. Sie erzählen von der Vergnügungssucht der W'euer, von den Festen, die sie feiern, und den Unsummen, die dabei verausgabt werden. Gewiß, kein Mensch wollte die Le^ensl'st ernstlich schellen. Seien wir glücklich, wenn wir es können — aber vergessen wir dabei derer nicht, die arm und elend sind und alles Herzleid der Exde tragen müssen. Das Bunteswinisterium für soz'ale Verwaltung will die Leitung einer großen Sammelaktion'für die Wiener Kinder -übernehmen. Kein Haus darf es geben, in dem nicht der Kinder der Armen .und. des Mittelstandes mit einer kleinen Gabe gedacht wird, kein Einkauf soll gemacht werden, bei dem nicht ein Teilchen Geld und Liebe auch für die ärmsten der Kinder abfällt. An alle Menschen, die in dieser Zeit schenken können, schenken dürfen, ergeht mein Ruf als Minister für soziale Verwaltung, mir bei dem großen Liebeswerk zu Helsen, sei es, daß ihr weiches Herz, sie zu dieser Gabe drangt ober daß sie diese Gabe als ein kleines Opfer an» das Schicksal ansehen, das ihnen so gnädig ge wesen. Nicht Spielzeug wollen wir den..Kindern geben. Sie. die so früh schon gelernt haben, auf Freuden zu verzich en. sollen nur mit den primitivsten Lebensnotwendi gleiten leerst werden, mit warmer Wäsche, Strümpfen und Schuhen. In diesem Sinne ergeht mein Appell an die gesamte Bevölkerung. Spenden für die Aktion nimmt auch die Redaknon dieses Blattes, das Bundesmini-- sterium für soziale Verwaltung und das Kinder Wohlfahrtslverk, Wien, 1. Bezirk, Naglerg.stse 1, entgegen. Die Ausnahme Oesterreichs in den Völkerbund gesichert. Genf. 1. Dezember. (Schweiz. Depeschen-Agentur.) In der Kommission, die sich mit der Aufnahme neuer Staaten in den Völkerbund befaßt, verlas Lord Robert Ce eil gestern den Bericht der Unter Immission über die Aufnahme Oesterreichs. Cr stellte fest, daß -as Aufnahmegcsuch in regelrechter Form erfolgt sei. Oesterreich sei ein ouerkunntcr Staat mit anerkannten Grenzen und einer demokratischen Negierung und erkläre sich bereit, seinen internationalen Verpflichtungen nach ukommen. Auch die Beschränkung des Heeres sei nach den vorgeschrieüenen Bedingungen erfolgt. Lord Robert Cecil erwähüte die Feststellung des Dundespräiwenten M o tt a. der durch die Aufnahme Oefteroe'chs die Vorarlberger Frage nicht Präjud iziert wissen wolle. Er wies darauf hin, daß in der Tat der Artikel 10 des Völkerbundpaktes nicht die territoriale Integrität eines Mitgliedes - garantiere, sondern nur von außen kommende Angriffe auf diese Integrität verurteile. In der darauffolgenden D. batte erklärten sich sämtliche anwesenden Delegierten. mit der Ausnahme Oesterreichs einverstanden, so unter anderem Take Jonefcu (Rumänen). Spalejkcv.c (Jugojlaw.en). Dr. Bue,ch (Tsch.chO'Slowakei) nnd auch der Teteg'.erte Per,iens. , Sval ejkovic stellte f st. daß die jetzige öfter- .reichische Negierung aufrichtig bemüht sei, den Ber- Kongress der amerikanischen Zionisten. Buffalo, 20. November Verspätet. fJüd. Korr.-Bur.) Gestern mittags wurde der jährliche Kongreß der amerikanischen Zionisten in Anwesenheit von 250 Delegierten and allen Teilen der Vereinigten Staaten eröffnet. Mr. Jost'k Cowen Hielt eine Begrüßungsrede namens der englischen Zkonisten. Hieraus wurde eine Knbeldcpcsche des Direktorin ms des Keren Hascssod an die amerikanischen Zionisten verlesen, in welcher den amerikanischen Zionisten der Tank für die Erhaltung des palästinensischen Siedl ungs wertes wahrend des Krieges nnd für die zahlreiche freiwillige Beschickung der jüdischen Legion ausgesprochen wird. Das Telegramm würdigt die Forderung der amerikani. schen Zionisten nach Anwendung kaufmännischer Methoden im nunmehr auf.znnehmenden Kolonisationswerk im großen, spricht jedoch die Ucberzengung auS, daß dies ohne Abkehr pon dem die neue jüdische Gesellschaft belebenden geistigen Einschlag des zionistischen Ideals nnd ohne sich von der Silvreinttie der monistischen Weltorganisatinn lossagen *« müssen, gelingen kann «nd w'rd. Dem amerikanischen Zionismus ist es beschieden, eine hervorragende Rolle an dem Aufbau der nationalen jüdischen Geselllchast in Palästina zu spielen, für dessen praktische Durchführung der Keren Hajessod bestimmt wurde. Richter Julian Mack gab als Präsident der amerikanischen Zionistischen Organisation eine längere Erklärnng ab, in der er aus die Notwendigkeit einer vereinten Krastanstrengung des ganze« jüdischen Volkes hinwies nnd mit besonderem Nachdruck betonte, daß die amerikanischen Zionisten, einen integralen Teil der zionistischen Wcltorganisatov bilden. Die amerikanischen Zionisten werden daher im selben Maße wie bisher die Weltorganisation in loyalster und ausgiebigster Weise unterstützen. Wir wollen vom Separatismus nichts wissen nnd wünschen nur, daß es den Ortzain'fationen in den einzelnen Ländern überlasten wird, nach den dort obwaltenden Umständen ihre besonderen Ausgaben zu erfüllen. Mack schloß seine Ausführungen mit dem Hinweis ans den politischen Erfolg der Ernennung Herbert Aamivels und gab der brwartnng Ausdruck, daß die englisch'sranzösische» Verhandlungen über die Grenzen Palästinas das allein mögliche Ergebnis bringen werden, das notwendig ist, um ans Palästina wirklich eine jüdische Heimstätte zu machen. Dies kann nnr durch die größten Opfer des gesamten jüdischen Volkes gelingen. Aus dem Rechenschaftsbericht des Sekretärs d e HaaS gebt hervor, daß die amerikanischen Zionisten bis und nach San Remo etwa 75 Prozent des gesamten Budgets der Zionistischen Weltorganisation decken. Er betonte die Notwendigkeit der Reorganisierung der inner:- konischen Organisation in einer Weise, daß ste in die Lage komme, die neuen Bedürfniste Palästinas zu be. friedigen. Mr. Louis Lipski unterbreitete der Konserenß den RporganisationSvlan nnd entwickelte ein Programm der künftigen Tätigkeit, worauf die erste Sitzung geschloffen wurde. mMmmammmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmammaBm, tragaus'«führen. Der jugoslawische Staat suche die Bevölkern« z O.'sterre'chZ zu unterstützen und wünsche, mit ihr in Zukunft gutnachbarliche Beziehungen zu unterhalten. Dr. Be ne sch er'nn<rte an die Hilfe, die die Tichecho-Slowakei Oesterreich erwiesen habe, und betonte. daß heute kc'n Konflikt mehr zwischen derTschccho- Slowakei und Oesterreich bestehe. Allerdings sei die Befr.nt'lung der Minorit ä ten noch nicht bl rtragsmäß'g erfttgt. man müsse aber die großen materiellen Schwierigkeiten Oesterreichs in Betracht ziehen. Er werde im Jrrerosse der Beruhigung Mitteleuropas für die Aufnahme O e st r r.r^ ichs - st simmen. Zum .'Sch.'usjd kam Bm!esprLsibent M o t ta noch" mals auf die , Vorarlberger Frage zu sprechen und drückte seine Befriedigung über die Erklärungen Lord Eec'.ls zu Artikel 10 des Paktes aus. Die Schweiz wünsche das B.st'hen des gegenwärtigen österreichisch.'N Staates; man müsse aber den Fall i n Betracht ziehen, daß die Integrität Oesterreichs Veränderungen erfahre. Redner begrüßte' endlich die Nachbarn O-sterre'chs zu ihrer versöhnlichen und edelmütigen Haltung, die voraussehen ll.sse, daß Oesterreich einstimmig in den Vö.kerb.md aufg.nommen werde. Vorläufige Ablehnung der Anträge auf Revision der Friedensverträge. — Dir D rm schrnven Kemai'^enrr^ Armenien. Genf, 2. Dezember. (Tel.-Komp.) Zu Beginn der heutigen Vvrmittagssiynng drr Vöikerbundtagung, auf deren Tagesordnung sämtliche beantragten Amendements zum Völkcrbundpakt stehen, gibt Präsident Hy» mans Kenntnis von den Mitteilungen der Vereinigten Staaten, Spaniens und Brasiliens, die sich ans die Aufforderung drr Versammlung hin entfchlostcn haben, thre Vermittlung zwischen den türkischen Nat i o n a l i st e n nnd den Armeniern' anzubictcn. Der Präsident schlägt weiters der Versammlung vor, sie solle in einer feierlichen Kundgebung an den Präsidenten Wilson und an die Regierungen Spaniens und Brasiliens den Dank und die. Anerkennung aussprcchen. Zur Tagesordnung selbst nimmt dann der Berichterstatter der ersten Kommission, Präsident B a l s o n r, das Wort, um einen Beschluß der Kommission aus vorläufige Ablehnung sämtlicher Anträge und Verweisung an de» Rat zu begründen. Ter Moment, sübrte Balwur aus, wo wir alle uns bemühen werden,, den Pakt.zu verbessern, wird kommen; derzeit jedoch können wir den Versailler Vertrag, von dem der Pakt eine» integrierenden Bestandtcil bildet, nicht ändern. Tic Kommission ist der Ansicht,, daß der Augenblick noch hinaukgeschoben werden müsse, wo man dieser Vertrag abändern wird, der, wie m a n g c l h a s t e r a u ch s c i n m n g. d o ch d e r W e! t das Zeichen des Friedens gegeben hat. Noch ein Grund hat die Kommistion zu dieser Ablehnung bestimmt; wir können nicht heute schon daS Iustrument ändern, aus Grund dessen wir hier Zusammenkommen. Wir haben noch zu wenig Erfahrung, um entscheiden zu. können, ob die Leistungen der Gründer des Paktes wirklich so viel schl"chter sind alS die vorgeschlagencn Acuderungeu. Deshalb empfiehlt die Kor». Mission ihren Antrag, der aus Ablehnung der Anträge und Ueberweisung an eine vom Rat zu ernennend; Kommistion geht, die der nächsten Versammlung ihre Vorschläge zu machen baden wird. Die Versuche Zur Behebung der deutschen Finanznot. Reicksnoto^fer und Zw^n-rsanleihe. Berlin, 2. Dezember. Tie Meinungsverschiedenheiten über die Frage, welche Schritte in allernächster Zeit zur Behebung der Finanznot des Reiches und zur Eindämmung der Noteninflation notwendig seien, hatten den Reichsfinanzminister veranlaßt, den Präsidenten der Reichsbank, Haven stein, einzuladen, sich im Steuerausschaß des Reichstages über die Finanznot zu äi'ßern. Die Deutsche Volksnartei und die Demokratische Porter hatten sich zunächst mit der.^ beschleunigten Einziehung eines Teiles des Reichsnotöpfers einverstanden erklärt, doch war dann der Havensteinsche Plan einer Verbindung des Reichsnotopsers mit einer Zwangsanleihe aufgetaucht und vom Reichsfinanzminister unterstützt worden. Da jedoch die Deutsche Volkspartlsi und die Dewafratische Partei jetzt augenscheinlich nicht mehr gewillt sind, für die Regierungsvorlage zu stimmen, hat die politische Lage eine gewisse Schärfe angenommen, Werl der Reichsfinanzminister seinerseits die Vedingring stellt, daß die Regierungsvorlage ohne wesentliche Aenderrmg angenommen werde. Die Ausführungen Havenstems im Steueransschnß liefen nun keineswegs auf Unterstützung der Anträge auf 'Abschwächiing der Regi'erungsvorlage hinaus, sondern der Präsident der Reichsbank legte im Gegenteil dar, doß die Regierungsvorlage noch lange nicht der Finanznot des Reiches steuere. Dadurch erscheint die Stellung des Neichsfinanzministers gestärkt. In. der herstigen Sißrmg deS Arlsschustes ergriff Rerchswirtschaftsminister Scholz das Wort, welcher betonte, daß er nnr die Politik des Kabinetts vertreten könne und daß es' nichts Wichtigeres' gebe, als der Noteninsiation Einhalt zu gebieten, was sowohl durch die beschleun'gte Einhebirug des Reichsnotopsers als auch durch eine Zwarrgsanleihe geschehen könne. Der Reichsfinanzminister erklärte "heute, daß er einer Verbindung zwischen dem Reichsnotopfer und der Zwangsanleibe nicht ablehnend gegenüberstehe daß rhm eine solche vielmehr lieber wäre als die beschlennigte E'mbebung des Reichsnotopsers; aber eine Aenderung des Reichsnotopsers dürfe aus keinen Fall erfolgen. Debatte im Neichstag. über Deutschlands Handelsbeziehungen. Berlin, 3. Dezember. In der gestrigen Reichstag^sitzung wur'en die Handelsverträge zwischen Deulsch^aud einerseits und der Tscheche-Slowakei, Oesterreich und Un-^a"n andererseits beraten. Minister des A'vßern Simons erklärt, es sei. gelungen, mit allen drei Ländern die Gegenseitigkeit zu vereinbaren. Abgeordne'-er Eberling (Deutsche Boll'par'.eN erklärte, die Ausschreitungen gegen die Deullchen in Prag hätten im ganzen Reiche große Erregung hervorgerufen. Der M i n d e r h e i t s s ch u h müsse gewähr^e'stet werden. Abgeordne'-?r Erkelenz (Demokrat) v^angt für die Deu schm in der Tsch''cho Slowakei d'e völlige Gleichb.'rech ign-g.und den Schutz alli-r Fre'heittm und Gerech sa-oe, die bei der G üudnng deZ lschecho-ft^wakischen S aa!eZ zuges-'gt wurden. Abgeordne'er Levy (Koumunist) sr.^gt, ob die ungarische Regierung auch der Ent"ute gagenüber den Mut habe, sich als k ö n i a l i ch e zu be-

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