Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 667 (3.12.1920)
- Date
- 1920-12-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Einzelpreis LL L>! «Einzelpreis LL L.S Pri»»meratt»«spreifer ISte »r «»» «»d-lea te Kt ßhpetzMsn, ’i. t'fM.rt. I«»w ftoefe l »W S, «kt w eitet BerfAIriöfteß* tSwflft; Mematlt» . Ären« sn.» C(rrir!jaiHrlitfi \* 90.» Pitt Psstvn-s««» fftr Wie» rat v '} CeftemtiJj: Otonatttch .. fronen 30.- D»echo-klowakct: Monatlich .. ftebncn so.» WlmeljälirHrii „ nvt,tschechp.sIswakit<berWAlnm> , Nngar« Monatlich .. Krone» "9.- lviertejiatzrltch « OO«- > te «»goriskdkr Wädnm§ 3aftoflo»tr«: Monalltch .. Dur« O^- vterteltttdelt» » »8.- Nr. «87 Wien, Freitag, den 3. Dezember 1928 - PraumueeattoAspreistu - «chchv' * Monatlich .. Mo»» j Oierteliatrtliif» „ 9%' j te Otteif«er WHh«>sz 1 __ Ntanlreiar Monatlich. . Krane» Bo« Stalin: , ■ Monatlich . . .Stte *** Monatlich iSflwrtz: . . .Fr, aae»! SredaMonn.VdMiniftratte» SSten,«.B^.Taborft^»--W «i.»^4.» m> m J i | I 7fifFnrii» wmxnnvmmMi 440 ‘K, Redaktion 4»lUÄ ad v Uhr a»end»R!eiH»r»« Voftlbarkakfen lonto 2. Jahrgang Tine magyarische Klage.?t. W i e n. 8. ©rKttihrv. . In einem großen Leitartikel. des „Bester Lloyd" b'ssklagt der Universitätsdozent Dr. Ferenczi das traurige Schicksal des notleidenden Budapest. Er berichtet,, daß allst dom Ausland , her eingeleiteten Hilfsaktionen 'eingestellt und die hungernden, frierenden und siechen^ Minder und Greise dem Elend preisgeg^ben würden. Er Mldert die „unglaublichen Falle ausländißler Liebesaktionen, die in Wien seit Jahr und'Tag alle Schichten' der Bevölkerung unausgesetzt die .Wörme, des werktätigen Mitgefühl empfinden, lassen"', und fragt vorwurfsvoll und anklagend, warum Budapest im Stiche gelassen Oird. Er stellt wehmütig fest, 'daß Ungarn' anscheinend keine Freunde hat, glaubt annehmen zu müssen, daß die große Welt vom ungarischen Elend micht genügend unterrichtet ist, und macht Vorschläge, wie dem abzuhelfen wäre. " - ' -' - ' Der Herr Dozent irrt. Die Welt weiß, daß in Buda° Pest, neben.-dem prassenden Gesindel der Mörderoffiziere und. vonder Horthy-Regierung bevorrechteten Schieber ein Volk , im tiefsten Elend lebt.. Und Horthy-Ungarn. hat fluch Freunde, in der Welt, allerdings, solche, die sich mik Liebeswerken nicht befassen. . .-.Freunde Ungarns-sind die französischen Militaristen, welche auch-gerne undviel Geschenke nach Budapest schichen: Kanonen/ Maschinengewehre, Granaten und sonfügst niedliche, kostbare Dinge, und diese nur unter der Aorflussetzring. daß. die Magyaren die gelichteten Neiben tM.-iMiO Mdrschüll Foch, Magyariens illustrer Herzens freund,.nicht auf Lager bat. Freunde Ungarns sind arich die deutschen, österreichischen und polnischen Agrarier. Sie Ind fürs christlichnationale Prinzip begeistert und schwören, den frommen Büdavester Mördern nochzueifern. Aber diese Herren haben eigentümliche und leider. unerschütterliche Begriffe von Nächstenliebe. Sie füttern ihr Vieh mit Milch und Weizen und lasten seelonruhig Kinder. Kranke und Greise vom eigenen Fleisch und Blut am Hunger verrecken. Es ist nicht anznnehmen. daß diese edlen Freunde in ihrer Begeisterung für Horthy-Ungarn so weit gehen werden, den; Ernährungszustand ihrer Schweine, herabzusetzen und den Ueberflnß nach Budapest zu schicken. Freunde der Nudapester Gesellschaft sind auch die vielen Zi^il- und Militärattachees der fremden Missionen. Sie trinken gern mit Ungarns blutigen und fidelen Mordbuben nnd liebeln gern mit den.Rasseweibern des -magyarischen Uradels. Aus dankbarer Erkenntlichkeit schicken sie nach durchsubelren Nächte Berichte an ihre Negierungen, lvorin die Verhältnisse als „geordnet" und die Nachrichten über Greuel als „erlogen" bezeichnet werden. Sie. geben für die sieben magyarischen Freunde tagtäglich ein Dutzend falscher Offiziersebrenwörter her,, aber Tee-, Suppen- und Wärmestuben. Windeln. SMnipfe. Medikamente und Leibbinden sind nun einmal nicht ihr Fall. Also, verehrter Herst Dozent, Freunde gibt's in Hülle, und Fülle, nur kommen sie als Heiser der Schwachen und Pfleger der Kranken nicht in Betracht. Die Wärme des werktätigen Mitgefühls. von welcher Herr Ferenczi so sehnsuchtsvoll spricht, wirkt in anderen Zonen der Gesellschaft. Menschen, in welchen der Krieg Schauer und Ekel ausgelöst bat. wollen die brennende Schmach/daß sie das große Morgen miterlebt haben, daß sie es nicht bindern.'daß sie es überleben formten, tilgen. Sie baben die Kriegsbestie.nicht entfesselt, aber sie können das Gefübl nicht unterdrücken, daß sie als, Zejtaenoffcn für das Verbrechen mitverantwortlich sind. Aus dem .edlen Schuldbewusstsein dieser Menschen quillt die Warme werktätigen Mitgefühls. Diese Menschen mästen Feinde eines.Ungarn sein, welches durch seine Schandtaten das Weltgewissen,aukwüblt, eines Ungarn, das.vom estsen Attswnrf der Kriegsbestie. von Hortbn/.oesjas. Bibo, Pronay und ibren feigen politischen Helfern regiert wird. Sie müssen rede Vebindnng, jeden Verkehr mit Schurken gblehnen, die tagsüber in den Kellern der Hotelvaläste Menschen foltern. Kinder morden. Frauen vor denAngim ibrcr schänden und erschlagen, dann in den Speisesaal hmw'N"iaerr und das den Astern abgevrekte Vermögen verschlemw"n. wa^ei das Röcheln der Gequälten die Tafelmusik abgibt. Jeder Wille zur Hilfe muß erlabmen, wenn man sich vor - die Zwangslage gestellt sieht, Liebesgaben solchen Händen zu überliefern» Die poglMölle in der Ukraine. Der Bericht der Pariser Hilfskonferenz über die Greuel. LorrbM, 1. Dezember. (Tel. der- „W'euer MorgenzeilunZ".) Das Exekutivkomitee der Hilfskonferenz in Paris hat gcn.rue Berichte über die letzten Pogrome in der Ukraine erhalten, welche „The Jewiih Tim.'s" veröfjenlltchen. ^Ueberall dasse.be entsetzliche. Bild, das .-sich' in bei: letzten Monaten unaufhörlich "wiederholt.. Ein Lichtblick in. dicsem grauenvollen Jammer ist nur die rege aktive- S e l b st h i l fe der Inden. -In allen Orten, wo Pogroms erwartet werden,' wird rasch eine jüdische Selbst wehr organisiert' überall nimmt die ga nze jüdiiche'Bevölkerung daran teil. Die Selbst- Wehren arbeiten ra,'ch und gut. Sie sind, mit Revolvern, Gewehren, manchmal auch Mas ch inen ge weh ren und P a n z e r a n t v s ausgerüstet. D'e Rühe. Räichheit und Disziplin, mit welcher , sie arbeiten, schafft ihrer Tätigkeit.viel Erfolg. Beim ersten Signal ist alles auf dem Posten. In kleineren Städten sind durch die Solbstwehren schon oft Pogrome verhindert worden. Interessant ist auch, daß die vom Pogrom, bereits heirnge,achten Städte und Städtchen trotz ihres völligen wirtschaftlich.n Ruins noch immer Möglichkeiten finden, um denen zu helfen, welche dem Blutbad entronnen sind. Die jüdische Aktivität versagt auch auf diesem Gebiete nicht. Die Gemeinde^ von Kamnia zum Beispiel/welche; selbst schon -ach'cklak PoZromgeschädigiDN<^in^'d Wehk, 100 Pich Weizen. 52 Pud Kartoffeln aufgebracht, bist Gemeinde S m a l i a n y 400.000 Rubel. Diese Art der gegenseitigen Hilfe ist geradezu Regel und beweist die starte jüdische Energie der Selbsthilfe. . Die Konkurrenz der PogromM«. . Vnrfchc«. ,28. - Dezember. (Tel. der „Wiener-Mor-; genzeitung" ) Bon den Pogromen, welche die geschlagenen Söld nerhorden tu der U k r a i n e - veranstalten, werde^ furch tbave Einzelheiten. bekannt. So klingt - eine, dem „Naien Hajnt" zugegangene Schilderung über di« -Vor-», i ga nge in P r o s k ur o w geradezu. irrsinnige grauenvoll.! Ein Unterlaufe! des Judenschlächters Balachowiez^. „General" Peren^ikin, kam apr 14. November-min seinen Truppen nach Pro s kurv w. Seine Söldnerj wollten dort Pogrome veranstalten. Sie wurden jedoM von Petljuras Banditen daran gehirchert, weil, diesej in ihre wohlerworbenen Pogromvechte nicht eingresfeni lassen . wollten. ' D ie Balachowiez-Banden. verLxiehs^ . jedoch die Petljura Konkurrenz mit Waffengewalt, wobeL es.19 Tote gab, und veranstalteten/dann ungestört/ den Pogrom, dem 90 Juden zum Opfer.sielte«. In K r a s Hy l o w. (bei Ält-Konstantinow) . solle« beim Pogrom mehrere hundert Frauen vor» gewalt'iqt warden sein. Dort und in Mikvlajow». ebenso in Wolo czysk wurden die Pogrome von den Balachowicz-- und Petljura-Banden grmeirisam Vers», anstaltet. . , / / . i. ' / ' / i/ 3 Flüchtlinge, die aus Woloczysk, nach Pod-^' . w o l o c z y s k a kamen, ^versammelten sich i auf' dem!' Bahnhof, da der Bürgermeister hatte bekanntmachM - lassen, erwerde alle Flüchtlinge nach Lemberg,seüd«n. „Aus dem.Hahuhof hielt, der Wackere. 4Ü3 Familien, die" sich dort versammett/ hatten, 'M gange Nacht fest und sandte sie dann nach ^- iWdlpcE/, gerade, als dort die Pogromisten am ärgsten wüteten 1 (Finden solche Dokumente wahnsinniger Bestialität-! nirgends in der Welt Widerhall?. D, Red.);; / FrankreichfüreineNevlfiorldes türkischen Friedensvertrages. Paris, 2. Dezember. (Tel.-Komp.) Der Ausschusz für auswärtige Angelegenheiten, dem neuerdings auch Po in ca re angehört, hat unter Vorsitz von de SelveS seine Bereitwilligkeit ausgesprochen, den Vertrag von Sevres einer.Revision zu unterziehen. Der Ausschuß beschloß, die Mitteilung des Wortlautes dieses Vertrages zu. verlangen und den Ministerpräsidenten nach seiner ^Rückkehr ans London sowie den Militärgouverneur "von Syrien, General G o u r a u d, anzuhoren. _ Waffenstillstand zwischen den Kemaiisten «nd Armenien. Verttn » 2. Dezrmbrr. (Trl. der „Wr. Morqenztg.*.) Die a>'s Paus gcmelvel wird, rst zwischen K e m a l P a s ch a und Ä r m e n i e« ein be-nflctec Waffenstillstand abgrschlosscn worden. Tschechisch-deutsche Ausgleichsverhandlungen. // Prag, 2. Dezember. (Privat). >CäL" meldet: Zum tschechisch-deutschen Ausgleich P? der erste Schritt getan. Die bürgerlichellPar-' teien beider Nationen haben vereinbart, datz in die Parlamentsausschüffe Dolmetsche zugezogen werden und datzdie wichtiaen Doriu'ea ins Deutsche übersetzt werden. Aeder andere deutsche Forderungen wird «och verhandelte/ Die russisch-polnische« Friedensverhandlunge». Warschau, 2. Dezember. (Privat.) Das Lettische Preßbarea» benchtel aus Riga: Die lU'stsch'polni'chm Fncdensverhamlunge« werden jetzt m Kommt'stonen ge ührt. Bisher sind dle emzcinev Punkte des definit,vc» Frieden v rtrages noch nicht s»r«u1ind Beide Delegationen dementieren d e Gerüchte über äugeblich« Berichlepvungsabfichten und versichern, daß der aüßichvge Willn bestehe, daS Friedcnswerk möglichst bald zu finalistcren.' i aasnaam msaa HBW Das Ansland kann doch nicht die milden Gaben für Unglückliche an die Verbrecher ausliefern, welche heute in Ungarn Staat und Negierung spielen. Diese Gesellen haben doch bewiesen, daß ihren Ranbgelüsten .nichts heilig ist, auch nicht das Brot der Armen. Zwischendem ungarischen Elend lind der Hilfsbereitschaft des Auslandes steht als unüberwindliches Hindernis die Kette uniformierter Mordgesellen und ihrer politischen Handlanger, welche heute Ungarn souverän beherrscht und jeden freien Verkehr zwischen Menschen, die Hille brauchen, und solchen, die helfen wollen, unmöglich macht. Hinter diesem Hindernis müssen die Aermllen dahinsiechen. Zn den Erschlagenen geselle^ sich die Verhungerten. als Opfer des Sieges der magyarischen Barbarei über die Zivilisation. Am Schlüsse seines Artikels gibi.Dr. Ferenczi Ratschläge, wie dem Uebel des Verlassenseins, dessen Ursachen er irrigerweise im Ausland sucht, zu steuern wäre. Die Natschläae sind derartig, daß sich die Frage al/fdränat. ob sie abgrimdtieker Naivität oder elendem Komödiantentum cutiprinaen. Dr. Ferenczi schreibt: ..Znr'Erreich'mg dieser' Ziele muffen nun anch unsere (ffrößen auf W^rbcfabrten gebcu r'fc"? ihre einfT^nrnicfictt Beziehungen für die Samnwl'äi'gkcit im Interne Ungarns ausnützen!" Das ist starker Tabak! Unsere, das heißt Ungarns Größen sind Horthy, Pronay, Heijas und Konsorten. Will der'Herr Dozent diese Gesellschaft: auf Propagandareisen schicken? Der Erfolg wäre herrlich. Alle Schwerverbrecher des Westens würden die lehrreich«! Bekanntschaft dieser ' hervorrägenben Kollegen suchen, aber ob sie Hilfsaktionen einleiten würden, ist nicht ganz sicher. Oder sollen die korrupten Lügenpolitiker, welche, heute im Budapester Parlament sitzen und PriigelgDtze schassen nnd vor Horthy schweifwedeln, -sollen die. Smrecsanyis und Apponyis auf Reisen gehen? .Herr»' Huszar hat man in Amerika schon zum Teufel.gejagt. Ober meint der Herr Dozent vielleicht seine engeren^ Bernfsgenoffen, die magyarischen Wissenschastler.: He- Lehrer und Professoren? Soweit sie ehrliche, freiMW» liebende Männer sind, wurden sie ja von. den Hochschulen verjagt, geblieben sind einige akademisch gebil° bete Knechte der christlichnationalen Reaktion. Solle«- die auf Reisen gehen? Viel Ehre und Geld würde« sie wobl nicht einheimsen. Nein. Herr Dr: Ferenczi.' f» ist's nicht zu machen. Die gesittete Welt bat sich vom Barbarennngarn abgewendet. Da helfen Phrasen nnbi Propagandareisen nicht. Ungarn muß sich den Regel« der Zivilisation unterwerfen. Das ist der - einzig« Umsweg. " y<~y - A