Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 665 (1.12.1920)
- Date
- 1920-12-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Sekte t~ Wien Mittwoch Die Frage an unser Gewissen. Ein Makmrüs von I -U Dr. Kurt Rosenscld. Lebt es noch überhaupt? Ist seine Stimme in dem Wutmeer, das seit Jahren die Erde überschwemmt, nicht rmtergcgangen und irgendwo in einem Winkes unseres Herzens ihr Widerhall geblieben, dann können diese Worte, die nicht von der Nüchternheit der Politik getragen sind, ruhig ihren Weg suchen zu all den Herzen, in denen der warme Abglanz non Menschlichkeit ruht und die den Sinn hilfsfroher Bereitschaft sich gerettet haben... Heimsuchungen, die das Leben einzelner bedrohen, sind oft Kraftproben für sein? Existenz. Ohne Anhang, ohne den Segen einer Gemeinschaft, die den Rückhalt ihnen bietet, das Geborgenheilsgefühl stärkt und das Bewußtsein nicht verloren zn lein, weil auch andere den Glauben an sie haben, wird die Widerstandskraft zermürbt und gelähmt. In das Leben eines Volkes treten schicksalsschwere Stunden mit tragischer Wucht. Die historische Mission, die ein jedes-Volk zu erfüllen hat. kann durch Menschenwillen gewiß nicht getrübt oder vereitelt werden, aber Ereignisse auf dem Wege dahin können hindernd eintreten, denen ganze Volksteile zum Opfer fallen. Und solche Zeiten rufen nach Zusammenschluß der Bedrohten und ihr Hilferuf geht hin über den Kreis der engen eigenen zu der Familie der Völker verwandter Kulturen. An solch einer verhängnisvollen Wende steht ein Teil des jüdischen Volkes. Es ist nicht.die er-ste in seiner Geschichte. Das finstere Mittelalter tragt überall Blutmale jüdischer Leiden und die düsterlohe Flamme von Autodafes wirft tief bis in die neuzeitliche Aufklärung ihren grellen Widerschein. Und hörten wir davon, dann setzte unser Herzschlag ans und die Vernunft wehrte sich gegen die grausame Wahrheit der Geschichte. Und heute? Blutiger als je geht da§ Schwungrad über das Leben tausender, unschuldiger Opfer, der blinden, rohen Wut hinweg. Kannst du schlafen in Ruhe, wenn du weißt, daß einige Stunden weit, aus wilder Lust und Gier, Wohnstätten von Menschen zerstört werden. die sie mühsam errichtet? Kannst du . dem Beruf nachgehen, wenn du weißt, daß tausende verzweifelte Familien, Väter, Kinder, Kranke und Greise hungernd und frierend umherirren, wehrlos preisgegeben entmenschten Bestien? Und brennt nicht das Gold in deinen Händen, wenn du's aufsparst oder Wohlleben im schäumenden II oberst uß dir schaffst, wenn du weißt, daß Tausende hohlwangig und krank Ausschau halten nach dir undum Hilfe dich, rufen, Menschen, mit demselben angeborenen Recht ans Leben wie du, mit demselben Schmerz wie du, aber ohne Glück, zerbrochen... Es mehren sich die Berichte, die täglich uns er» reichen, daß in der Ukraine, in Ungarn eine Höllenjagd gegen Juden seit Monaten veranstaltet wird. Und die höchsten Weltrichter sehen zu und. wollen blind sem und nicht hören, wenn Notschreie zu ihnen dringen. Vor Jahren, als im Süden Afrikas gegen Englands Politik sich die Buren auflehnten. begleitete die ganze gesittete Menschheit mit tiefer Teilnahme die letzten Derzweiflungskämpfe der Eingeborenen, und wenn irgendwo in einem versprengten Teil der Erde Not war, dann schloß man sich zurwerktätigen Hilfe zusammen. Liest man heute die Spenden der ersten Tage der Knegsnot, dann leuchten Namen mit jüdischem Hochklang hervor, das jüdische Herz, das gebende, für die Not der anderen hat es immer mitfühlend geschlagen. Es besteht neben den Möglichkeiten direkter Hilfeleistung ein Instrument konstruktiver Hilfe, welches dem Aufbau Palästinas gewidmet, auch der Not ruheloser, verfolgter Menschen zn steuern vermag, der Jüdische N a t i o n a l f o n d s. Er ist jedem polltischen Parteikampfe entrückt und allein dazu bestimmt, den, jedem Juden heiligen. Boden Palästinas als gemeinsamen Volksbesitz zu erwerben, wo die Ruhelosen seßhaft gemacht und durch ihrer Hände Arbeit den lang entbehrten Frieden finden sollen. Das jüdische Palästina wird eine Tatsache, welche über dem Gegensatz der Parteien steht. Aber es kann dies nur werden, wenn alle Juden ohne Unterschied der'Richtung mithelfen, um ihrer Gemeinschaft ein Heim zu errichten. Das soll der Palästina-Aufbaufonds (Keren Hajessod) bewerkstelligen, für, dessen Ausbringung . nunmehr w-e allenthalben in der Weit, so auch bei uns die Arbeit beginnt. Daneben darf des Nationalfonds nicht vergessen werden, dem Beiträge jeder Große zugeführt werden können und welcher das Organ für die Ueberführung von Palästina-Boden in den Besitz des jüdischen Volkes darstellt. Wir sind bisher mit Gleichgültigkeit und voller Abstumpfung, in hartem Egoismus erstarrt, an den Wegweisern'unseres Gewissens vorübergcgangen. Die osterreichische Judenschaft hat bisher den kleinsten Bruchteil der Opfer gebracht. Die größte Last trugen in letzter Zeit die Juden Englands und Amerikas, sie übernahmen die Anwaltschaft für die großzügige Rettnngvaktion und ihrem Einfluß ist es zu danken, wenn in nächster Zeit 30.000 Hektar Kronland in Palästina zur Urbarmachung dem Nationalsonds zur Verfügung gestellt werden sollen. Drei Millionen Pfund Sterling sind aber nötig, um diese Ländereien der modernen Bewirtschastung zuzllsühren und ertragfähig zu machen und 30.000 Menschen Heim und Arbeit zu bieten. Horchen wir alle in unsere Seele und vereinigen unsere Kräfte ohne Unterscheidung polUijcher Wiener MorgenZekttrng 1 D«-rnW«t 1920 -kr. Svks 6n jüdischer Mlllrongrm. New. Aork, 28. November. (Jüd. Korr.-Bur.) DaS Komitee für den jüdische» Weltkongreß untcr dem Vorsitz Mr. Abraham ShomrrS, Präsidenten der Exekutive des amerikanisch.jüdischen Kongresses, hat eine Konferenz der hiesigen öffentlich tätigen jüdischen Persönlichkeiten zur Betrachtung der Frage eines indischen WcltkoirgrcsscS einbcrnfen. Es wurde beschlossen, einen jüdischen Weltkongreß für den 31. M a r 1921 n^ch dem Haaa einznberufen. Zur Vorbereitung dieses Kongresses wurde ein besonderes Komitee gewählt. * > Der Gedanke einer allweltlichen jüdischen Tagung und der Schaffung einer alljüdifchen Organisation, welche als Sachwalterin des jüdischen Volkes ohne Un» terschied der Partei zu gelten hätte, zieht immer weitere Kreise. Auf der letzten zionistischen Jahreskonserenz in London wurde ein ähnlicher Beschluß gefaßt: Es sollen Schritte unternommen werden, um einen aus Wahlen hervokgehenden allftidischen Kongreß zu ermöglichen. Nun scheint in Amerika, der obenstehenden Nachricht zufolge, der ^Widerstand gegen einen alljüdischen Welt- Nuancierung in dem Rettungswerke als Menschen mit jüdischen Herzen. _____ Politische Rundschau. Die Furcht vor der Wahrheit. Seit nahezu achtzehn Monaden werden in Ungarn die grüß en Verbrechen begangen, unschuldige Mnschrn verschieppt und ecrnor-et. Bis vor ku.zem noch konnten die ungarischen Wegerungen ihre Schändlichleiten untcr dem Schu''-e der Zeniur begehen, ohne fürchten zu müssen, das; das Ausland d e Ungeheuerlichkeiten, die unker Regierungsschutz begangen werben, in ihrem vollem Umfang und in ihrer nacken Wahrheit erfahre. Die linksstchcn.su Parteien, welche selbst unter dem weißen Ter or zu leiden begannen, haben eine Milderung der Zensur durchg."setzt. Da fürchtet nun die ungarische. Negierung, welche sich schließlich auch mit dem Gebanken befassen müssen wird, daß die Briefzensur nicht nur in der Theorie,, sondern auch in dev Praxis aushören müssedaß durch di: s-e gelockerte Masche des von der Neuerung im Ausland ausgebreiteten Lügennetzes Ziiftände in Ungarn Berichte hinankfch/üpsen Könnten, welche Ungarn unter dem heutigen Kurs schildern, wie es ist, und nicht wie es von den ungarischen Preßburcaus serviert wird. Ein 'Gesetzentwurf,' welcher die höchsten Strafen, die sonst bei Preßvergehen üblich sind, Vorsicht, wird den in Ungarn tätigen Ausländskorrespondenten angedroht, nicht etwa, wenn sie unwahre Gerüchte ins Ausland' sch'cken, sondern Be i ich e, welche Ungarn, lies den chr stnchra ioiralen Kurs, in M'ßkreiit bringen oder zu einer Ak.ion gegen diesen Kurs führen. Es ist selbstverständlich, baß, wenn di se Gesetzesvorlage durchgeht und Nechiskvaft erlaügt, kein ssincr Ehrenpflicht bewußter Journal'sb es mehr mit seinem Ehrgefühl für vereinbar hat en wird,-in Ungarn en ausländisches Blatt zu bedienen. Denn soiange dieser Kurs vorherrscht, solange de Mörder, Ni über, Erpresser und Defraudanten, die alle heute die Macht in Ungarn in Händen häben, nicht di-gsest und unschädlich gemacht s'nd. wird jeder ehrl che Bericht aus Ungarn bei jedem ehrlichen Poli.iker im Auslande Protest und Gegenaktion auslosen müssen, wofür dann dem betreffenden Berichterpa ker die schwerste Strafe winkt. Es sind das die letz en Zuckungen eines in sich zusammenbrechcndes Systems, das nicht einmal die Genugtuung hat, in Schönheit zu st-rbrn. Verachtet und verfluche wird dieser Kurs verschwinden müssen, um baS arme Ungam zu retc.’t. Verachtet von jedem, in dem noch ein Fnnle von Menschlichkeit und Rcchtsgesühl lebt und verflucht von den vielen Tausenden, die durch dieses System ins Unglück gestürzt wurden. Dieser neue Versuch, sch vor derl Wahrheit zu schützen, wird nur die Verach.ung erhöhen und das eine er eichen: Daß die Berich Erstattung unterirdische Wege suchen wird, damit es Horthy und seinen Satrapen nicht gelinge, düs Ausland, wie noch bis vor kurzem, über die Unhaltbarkeit der heutigen Zustände hinwegzutäuschen. Trotz Zensur und trotz aller we ßtcroristischen Maßnahmen ist das Ausland auch bither, wenn auch auf Umwegen, über die Vogäuge te' Horthy-Ungarn informiert gewesen. D e Fo gen ha ten sich bald ge-eigt. Und gerade deshalb soll das wei.ere llwsichgrcisen der Emvörnng und Unzusr'edeuheit innerhalb und außerhalb des Landes durch die Mnndsperre eingedämmt werben. Die Sprachrohre über d ese rot-weiß grüne Grenze hinaus sollen verstopft oder zugunsten der Verbrechen des heut gen Kurses mißb a icht wrdeu. Keines von beiden wird der uugariichen Negierung gelingen. Die Besprechungen zwischen Lwhv George «ns Ley^urs. Aus Londoner Informationen der Blätter g.cht hervor, daß die Besprechung n zwischen Lloyd George und Leygues vorläuf'g bis zu einem! vollen Einvernehmen in der Frage der Volks ab stimkongreß überwunden zu sein. Die jüdische Weltlage ist auch eine solche, um alle Bedenken schwinden zu machen; Der chrinische Massenmord im europäischen Osten, Tausende verelendet, verwaist oder von panischem Schrecke« in eine aussichtslose Flucht getrieben — das Gefühl, daß etwas geschehen muß, beginnt sich allmählich auch des Stumpfesten zu bemächtigen. Während der Gedanf« der internationalen Völkervereinigung die schüchterne« Anfänge einer Realisierung in der Genfer Völkerbund« tagung zu zeigen beginnt, zur Zeit, da man begönne« hat, für die Rettung unserer Leidensgenossen, der Armenier, nach internationaler Abhilfe zu rufen, dars'daS jüdische Volk nicht abseits stehen. Der Volkerbund muß auch die jüdische Sache zu der seinen machen und ehestens ein Machtwort sprechen, das geeignet wäre, Len Greueln im Osten ein Ende zu bereiten. Es wäre die Aufgabe der europäischen Judenheit, die Anregung der Juden Amerikas aufzunehmen und an die Vorarbeiten zu gehen. Zu viel kostbare Zeit ist schon vertan! Das jüdische Volk muß seine beim Völkerbund beglaubigt« Vertretung erhalten. . """"— .—- nnmg in Ober schlesien gediehen sind. Um Ordnung und Ruhe im Abstimmungsgebiet aufrechtzuerhalten, werde Deutschland und Polen vorgeschlagen werden, die Abstimmung jener Stimmberechtigten. die in Oberschlcsien geboren, aber seither ausg'wandert seien, nicht im Abstimmungsgebiet selbst, sondern in einer, von alliierten Truppen besetzten Zone, etwa' Köln, vorzunehmen. Im Falle der Ablehnung dieses Vorschlages solle« die Stimmberechtigten, deren Zahl auf 300.000 geschätzt wird, zwar im Abstimmungsgebiet, jedoch nicht zugleich mit den Einheimischen, sondern 8 bis 14 Tag« später zum Plebiszit zugelassen werden. In diesem Punkte habe sich Lloyd George; vollst indig dem französisch n Standpunkt an geschlossen. In der griechischen Frage sei gestern den französischen Vertretern eine Note Lord Curzons zugegangen, worin die Ansicht Englands niedergelegt sei, daß der Türkei die Gebiete, die ihr einmal {t cominen wurden, nicht mehr zurückzugeben seien. Man solle vielmehr die nötigen Sicherheiten m einer weitgehenden politischen und finanziellen Kontrolle der Athener Regirrung suchen. Dem „Echo de Paris" zufolge dürfte dieser Standpunkt von französischer Seite bekämpft werden. Frankreich mache nach wie vor geltend, daß die Rückkehr Konstantins ein vollständiges Aaste «lassen Griechenlands in finanzieller und politischer Hinsicht sowie die Rückgabe einzelner Gebietsteile -an die Türkei j bedeuten müsse. ' Frankreich für eine Revision des türkischen Friedens. Paris, 89. November. Der »TempS" stellt in einem Scitaxtitel folgende Grundsätze zur Losung der orientalischen Frage auf: 1. Das gemeinsame Interesse der Alliierten verlange die Revision deS Vertrages von SevreS, um den Frieden mit der Türkei herzustellen und das Vordringen des Bolschewismus m Kleinasien ecnzudämmen. 3. Das Interesse FrankrerchS gebiete, in direkte Verhandlungen mit den türkischen Nationalisten einzutreren, um entsprechende Garantien zu ev» reichen, die ihm ermöglichen, die kostspielige militärische Expedition in Zilizier» zu liquidieren. Die erste Sitzun^ des BrmdeSrateS. Heute findet im früheren Versammlungssaal de- Herrenhauses die erste Sitzung des Bundesrnies statt. Die Bundesräte ans den Ländern sind bereits gestern angelangt und haben in ihren Parteiklubs Beratungen gepflogen. Die heutige konstituierende Sitzung des Bundes* rateS wird nur von kurzer Dauer sein. Nach der Angelobung der Bundesratsmitglieder wird die Wahl des Bureaus vorgcn,mimen werden, womit die Tagesordnung der ersten Sitzung de- Bundesrates erschöpft sein wird. _ ErsParungssorschlSge der Reparation^ kommttfton. Dem HanptauSschuß des Parlaments lagen g-stern zwei Schreiben der Wiener Sektion drr Res)arattonskomm'ssion vor. DaS e n' betrifft Maßnahmen zur Hebung der Bo den Produktion und zur Wicderaufrichtung der V ie h be st Ln de. Im wes n lichen laufen die Vorschläge der Rrparationsk>:mmi,,iou darauf hinaus, daß die vorhandcne Anbau f.läche fürDrotgctreidevergröhert werden soll und überdies die Kartoff.lvers^rgung Oestrrre'chö durch B »chasfung hochwer.igcr englischer Saatkartoffeln vcrie,scrt werde. Zur Wiederaufrich ung der Bwhb.st'inde schlägt die NeparationSkonmitision untcr anderem ein Verbot der Schlachtung tvcibtichcr Kälber vor. so das; nur mchr Fleisch von Bullenkälbern in den Hanvel gelangen soll.