Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 662 (28.11.1920)
- Date
- 1920-11-28
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Gelte - Wien, ©oirntag .Qll ... .!■■■■ "■ ■ M— Inzwischen hat die letzte Woche dem Monarchist'sären BolkSempsiriden einen schweren Schlag zugefügt. Der ,Vor» wärts" hat die Beteiligung einer ganzen Reihe von Hohen« züllern und anderen Persönlichkeiten des Hochadels an den KapitalSverfchiebungen der Firma Gruser, Philipp« son u. Co. enthüllt. (Wir haben darüber berichtet. Red.) Diese Amsterdamer Firma hat in Berlin eine Filiale r«*. gründet, die sich damit befaßte. systematisch Kapital deutscher Großf»nancierS auS Deutschland hinauSzueSkamotieren und so der Vermögensabgabe und der Besteuerung zu entziehen. Unter den Personen, die am ausgiebigsten von dieier Institution Gebrauch machten, sind nicht etwa die Juden, sondern die Hohenzollern zu finden. Die Affäre wurde in einer mehrheitSsozialistrschcn Interpellation im deutschen Reichstag'zur Debatte gestellt und hat einen erregten Tag r*6« bracht,- wie ihn dieses Haus schon lange nicht erlebt hat. Die Debatte wuchs sich zu einem großen politischen Turnier zwischen Mpublikanern und Monarchisten auS. deren Waffen nicht immer die edelsten waren, und die mit Mistkarren von Schimpfwörtern den dürren Acker der politischen AufnahnS» fahigkeit der deutschen Oeffentlichkert zu düngen unter« nahmen. Der Neichsfinanzminister Dr. W i r t h hat den T bestand, wenn auch mit Zurückhaltung, so doch in un:u'ßvc"» stäridlicherz Werse zugegeben. Die Rechtsparteien haben stch auch in dieser heiklen Angelegenheit für Monarchie und Hrchenzollern exponiert. Die ngelegenheit wird jedens ills noch ein Nachspiel haben, das die Zahl der in der letzten Zeit so häufigen politischen Sensationsprozesse vermehren wird. Ob die politisch stumpf und urteilslos gewordene, nur dem Kommando der Parteiführer und der Demagogie des Schlag» Wortes folgende Masse daraus politische Konsequenzen ziehen wird, bleibt abzuwarten. Friedrich Engels.?tt seinem 100, Geburtstage. Am 28. November 1820 wurde dem streng prell stisckien, reichen Fabrikanten Engels in Barmen ein Sohn geboren, der den Namen Friedrich erhielt. Vom Vater im Geiste ernster Kirchlichkeit und patrizisch'konservativer Tradition erzogen. sollte der junge Engels — preußischer Staatsbeamter werden. Er aber wollte literarische und philosophische Studren treiben, nachdem er das Abiturrum bestanden hatte, doch der Pater ließ ihm nur die Wahl zwischen einem preußischen Beamten und einem Kaufmann. Friedrich Engels entschied stch lieber für den Kaufmann und wurde mit- 18 Jahren Volontär in einem Grotzhandelshaus rn Bremen. Daneben jedoch dichtete er und trieb eingehende wissenschaftliche, vor allem philosophische und Sprachstudien; vor allem war e.S Hegel und die junghegelianische Richtung, welche starken Ern- W auf!htt yewänir. Im, Jahre 1842, ging er nach Manchester, um dort eine Filialfabrik feines VaterS zu leiten. War er bisher in seinen theoretischen, nationalökoiwmischen und sozialpolitischen «Studien ein Anhänger des sogenannten Humanitären Sozialismus gewesen, wie ihn Feuerbach philosophisch begründet hatte, so gab ihm nunmehr aus erster Hand gestopfte praktische Erkenntnis über die Lage der arbeitenden Klassen, die er im Mittelpunkt der englischen Industrie getoinnen konnte, eine ganz andere Richtung. Er verwarf ganz entschieden den Humanitätssozialismus und gelangte auch bald zpr Erkenntnis, daß der englische Chartismus, welcher sich auf den Kampf um politische Rechte der Arbeiterschaft beschra.nkte, nicht das Allheilmittel sei. um. der sozialen Not der Arbeiterschaft zu begegnen. Vielmehr formte sich ihm aus g^rialem Einblick in die'sozialen Triebkräfte der frühkapitalistischen Epoche sein Grundgedanke, dem er zuerst in einem Aufsatz .^Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie" Ausdruck gab. daß der K! a s s e n k a m p f daS einzige Mittel zur Befreiung des Arbeiters sei. In diesem Gedanken traf er stch mit dem aus einer eben. MS im Rheinland ansässigen jüdischen Familie entstammenden Sozialtheoretiker Karl Marx, dem der 21jährige Engels such den erwähnten Aufsatz für seine „Deutsch-französischen Jahrbücher" nach Paris einsandte. Dadurch entwickelte stch eine fast vierzig Jahre währende enge ArbeitSgemeinschaf'. und geistiM Herbindung dieser beiden.Männer, welche m gememfirmer Arbeit für die Theorie des Sozialismus die Fundamente legten. Zu einem Grundgedanken waren diese zwei Männer, die aus ganz verschiedenem Milieu stammten, auf ganz verschiedenen Wegen gekommen. Gemeinsam ober bauten ihn der jüdische Grübler und der patriotische Grandseigneur. welcher stets etwas vom Typus eines genialen JrÜmstriebaronS an stch hatte, zu so festem Gefüge aus. daß heute der Anteil jedes der beiden Männer aus einem Gefüge, das für die sozialistische Denkarbeit kommender.Generationen Fundament geworden ist. schwer gesondert werden kann. Aus der Einsendung des Artikels «Kritik der Nationalökonomie" entspann sich ein berühmt gewordener Brief. Wechsel zwischen Marx und Engels und nach einiger Zeit tragen sie in Paris zusammen. Engels kehrte damas nach seiner Heimatstadt Barmen zurück und dort veröffenrlrchte , er als unmittelbare Frucht seines Aufenthalts in Manchester ich Jahre 1843 die Arbeit »Die Lage der arbeitenden Klaffen in England", die noch heute als grundlegendes Werk angesehen werden kann. In Barmen hatte Engels durch politische Tätigkeit mancherlei Unannehmlichkeiten, so daß er schließlich nach Brüssel übersiedelte, wo auch Marx, der inzwischen über Betreiben der preußischen Negierung aus ^lariS ausgewiesen worden war, vorübergehend Zuflucht geftlnben harte. Marx und Engels haben damals die so de« rühmte schriftstellerische Arbeitsgemeinschaft praktisch zu beteltitzen begonnen. Die erste gemeinsame Schrift ist die be- Ähmte Streitschift «Die heilige Familie" gegen die Brüder Edgar und ‘ Bruno Bauer, die Verfechter eines Sozialismus des bürgerlichen Sentiments, der durch diese Schrift für _Wiener Mo,genzert»«g_28, November 1920 _ Nr. 6(& Die Plenarversammlung des Wischen nationalstes für Oesterreich. In der Plenarversammlung, die am 24. d. stattfand, erstattete Sekretär Dr. V ran d den Tätigkeitsbericht des Bureaus in der abgelausencn Periode, aus dem hervorzuheben wäre, daß wiederum zahlreiche Interventionen bei den inländischen Behörden und ausländischen Vertretungen von Erfolg begleitet waren. Tie Verbindung mit den jüdischen NatioMraten, insbesondere mit dem Komitee der Delegation Juives in Paris, wurde aufrechterhalten. und dank dieser Jnterterritoriaiitüt unserer Beziehungen konnten wir zugunsten zahlreicher Volksgenossen ln die fernsten.Länder wirken. Die durch den Friedensvertrag ermöglichte Option führte eine große Anzahl unserer Volksgenossen zu uns, so daß wir uns veranlaßt gesehen haben, ein eigenes Bureau für Optionsangelegenheiten einzurichten. Bei der Welt- Hilfskonferenz war der Jüdisäje Nationalrat durch Frau Anitia Müller, Dr. Max Sprecher und Dr. Brand vertreten. Zum Schluß besprach der Referent die Dring, lichkeit einer entsprechenden Budgetierung des Jüdischen Nationalrates. .Eine Einschränkung des Bureaus wäre ein großer Schade. So wurden z. B. durch den Arbeitsnachweis allein gegen 3000 Menschen produktiver Arbeit zugeführt und so vor den Gefahren des Nichtstuns bewahrt. Nach einer lebhaften Debatte erstattete Gemeinderat Dr. Leopold Plaschkes Bericht über die Notwendigkeit der Schaffung einer legitimen Vertretung der österreichischen Judrnhcit. Wir können, führte der Redner aus, den Verlust! des Nationalratsmandats nicht genug hoch einsch'itzen, trotz des Ueberganges der Geschäfte der Landesregierung auf den Wiener Gemeinderat. Wir haben bereits die Ueberzeugung gewonnen, daß der Brief des Herrn Neumann an den Polizeipräsidenten in Angelegenheit der „Abreisendmachung" nicht eine besondere Liebesbezeugung gegenüber den Juden war. sondern bewirken sollte, irgendwelche neue Grundsätze in der üblen Behandlung der Juden zu finden. Es gibt noch -eine ganze Reihe von anderen Dingen. Jüdische Studenten der Medizin klagen, daß sw vost der Universität ausgeschlossen werden. Nach langen Bemühungen gelingt es, daS Verbot für viele rückgängig zu machen. Ter Numerus clausus wird zwar nicht-Ängeführt, aber unsere Studcn- Lew "bekommen kein« feb eitsplätze. Die Frage der jüdischen Beamten wird immer dringender, dann die Frage der Option, welche die sonderbarsten j Mißstände zeitigte, wofür der Redner einige krasse Beij spiele anführt. Es müsse also eine Zentrale geschaffen werden. die für den politischen Schutz der jüdischen Bevölkerung sorgen muß. Der ousgebaute Nationalrat solle die Vertretung der in Oesterreich lebenden Juden allerNich Lungen sein, die das Judentum der ganzen Welt als eine v o l kliche Gemeinschaft ansehen und die österreichische Judenheit als einen Teil dieser Gesamtheit, welcher Gedanke auch der ursprünglichen Gründung des Jüdischen Nationalrates zugrunde lag. Auf jeden Fall müsse ein Nationalrat aus Wahlen hervörgegangen sein. Redner bespricht die weiteren positiven Aufgaben des Nationalrates,' wie planmäßige Berufsumschichtung und Zuführung schulentwachsener Knaben und Mädchen zu manuell produktiven Berufen, Gründung jüdischer Schulen, moderne Sozialpolitik, Aufgaben, die nicht in den Tätigkeitsbereich einer einzigen Partei fallen, sondern Ausgaben aller an der Erneuerung des Judentums interessierten Kreise seien. Das ganze jüdische Volk brauche eine legitimierte Vertretung, zu der im Komitee der jüdischen Delegationen bei der Friedenskonferenz ein Ansatz vorhanden ist, der nur ausgebaut zu werden brauchte. Ebenso müsse eine Stelle geschaffen werden, die berechtigt ist, die der jüdischen Minderheit nach dem Friedensvertrag zukommenden Rechte geltend zu machen. j Ein solcher Jüdischer. Nationalrat wird so lange seine Tätigkeit entfalten müssen, bis die Kultusgemeinde eine Volksgemeinde sein wird und den politischen Schutz wird selbst in hie Hand nehmen können und wollen. Redner stellt den Antrag, einen Jüdischen Nationalrat zu bilden, der aus allgemeinen, gleichen und direkten 33ethältniswahlen konstituiert wird. (Beifall.) | In der darauffolgenden Debatte wurde einhellig erklärt, daß eine legitimierte Vertretung geschaffen weiden müsse, daß aber im jetzigen Zeitpunkt nicht die Wahl das wesentliche sei, sondern die Erklärungen einer möglichst großen Zahl von Juden, daß sie den Jüdischen Nationalrat anerkennen und seine Ziele billigen. Diese mußten zunächst eingeholt werden, erst dann kann die Frage der Wahl aktuell werden. Ein diesbezüglicher Antrag wurde e i n st i m m i g angenommen und beschlossen^, sofort in die Agitation einzutreten. > Ein Antrag, daß in der Frage der Opti on, eure ausführliche Denkschrift verfaßt und dem Komitee der jüdischen Delegationen nach Genf geschickt werde, wird, angenommen. Die Sitzung wurde in später Abendstunde geschlossen. immer vernichtet wurde. Im Jahre 1847 schrieben die beiden Kampfgenossen in Brüssel das berühmte «K o m m u n i st l s ch e Manifest", die' lapidare Programmformulierung des ' wissenschaftlichen Sozialismus und der materialistischen Geschichtsauffassung. Als die Revolution m Deutschland auöbrach, gingen Engels und Marx nach der Heimat und begründeten die von der Reaktion bald wieder unterdrückte - „91 e u c Rheinische Zeitun g". Engels nahm mit dm Waffen in der Hand an den Aufständen in. der Pfalz und in Baden teil und mußte nach der Unterdrückung de» Aufstandes über die Schweiz nach England flüchten. Er übernahm wieder in Manchester die Fcchriksleitung und ermöglichte durch den Ertrag dieser Tätigkeit vielfach seinem Freunde Marx die Fortführung seines wissenschaftlichen Werkes. Unermüdlich arbeitete er ynt Marx zusammen, mit zäher Ausdauer vervollkommnet« er seine wissenschaftliche Ausbildung mch wurde eine* der größten Polyhistoren seiner Zers. Engels beherrschte etwa zwölf lebende Sprachen, Mit der Universalität des Wissenverband EngÄls sprühenden Geist und Witz, der wohl am trcfflickchen auS seiner Aöfer- ' tigung des hohlen Berliner- Eugen Dührtng in der Streit- < schnft „Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft" hervorleuchtet. Seine philosophische Studie »Ludwig Feuerbach und. der Ausgang der klassischen deutschen Phiw. sophie", die noch heute wertvolle Schrift „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates" (erschienen 1884), ferner die wuchtige Darstellung „Die Entwicklung des Sozialismus von der.Utvpie zur Wissenschaft", sie alle legen Zeugnis ab von dem tiefgründigen Wissen, dem genialen : politischen Blick und dem geradezu elementaren sozialen Empfinden Friedrich Engels'/ das mit einer eigenartigen konstruktiven Begabung gepaart war. Im Jahre 1889 überstedette Engels nach London, mo er bis zu seinem am ft. August 1895 erfolgten Ableben ansässig war. Er arbeitete unermüdlich für den Aufbau einer internationalen sozialistischen Organisation. Erst nach vielen Fehlschlägen sah'Engels fein Werk reifen. Nach dem Tode Marx' gab Enaels in tiefgründiger, mühevoller Arbeit den von Marx im Manuskript hmterlassenen zweiten und dritten Band deS „Kapital" heraus. Die Art, wie er das Material, welches Marx 'hinteolasien hatte, bearbeitete, zeigt, wre harmonisch der Geist der beiden Männer sich ergänzte. Denn die von Engels heranSgegebenen Bände bilden mit dem ersten Band des Hauptwerkes von Marx ein harmonisches Ganzes.! Engels hat sich mit Hintansetzung seiner durchaus eigenartigen beteuienden Persönlichkeit sellstloS in das Wer! ein- < gefügt, welches sein Kampfgenosse Marx errichtet hat. Und. er hat mit fernen glänzenden Gaben, vor allem mit der mtq erbittlicheN Logik der mit maschinellem Kapitalismus verwachsenen Leiters und Organisators, für dieses Werk Unermeßliches geleistet und er ist mit und neben ihm der Begründer einer Lehre geworden, welche, wenngleich an ihrer dogmatischen Richtigkeit sich heute schon immer stärkere Zweifel erheben, einen Weg gewiesen hat, der nicht nur durch den politischen Erfolg, sondern auch durch die Erfassung bc§ sozialen Problems bahnbrechend geworden ist Aus Palästina. Gememdeangelegenheite«. Das Jüdische Korrespondenz-Bureau Meldet aus Jerusalem: Um den palästinensischen Gemeinden die Möglichst der Aufnahme von Anleihen zu verschaffen und um die Reorganisierung der Gemerndefinanzen einzuleiten, hat Oberkommissär Sir Herbert Samuel eine Kommission zur Prüfung des Kommunal- und Finanzwesens Palästinas eingesetzt. Die Kommission setzt sich aus acht Herren zusammen, teils englischen Beamten, einheimischen Pe 'sönlickMten, darunter den Vizebürgermeister von Jerusalem Herrn David' Aellin. Palästinensische Banknote«. DaS Jüdische Korrespondenz-Bureau meldet: Der Vorsitzende der Zionistischen Kommission in Jerusalem, Jpg- Ussischkin, äußerte sich zu dem Vertreter dev „Hazefirah". daß in kurzem palästinensische Banknoten anSgegehen werken, selbstverständl'ch auch mit hebräischrr Inschrift. Es ist noch nicht entschieden, welchen nominellen Wert diese Scheine haben werden, ob den des französischen Franken oder den einer anderen Währung Weiters teilte Ing. Ussischkin mit, daß der Jüdische Rationalfonbs für 200.000 Pfund Landkäufe ans privater Hand vorzunehmen im Begriffs sei. Der Bau der Straße Haifa-Nazareth. , An der Arbeit nehmen mehr als 300 Arbeiter teij, die in drei Gruppen eingeteilt sind. Dis wichtigsts Gruppe ist die aus galizischen Sch m.im und Schomroth best.hende, dis den Namen „Haschomer Hazaic" trägt. Die Mitglicier zeichnm sich durch große Disziplin und Arbeits i'er aus. Sie wart n noch die Ankunft weite.er Kolleg n aus Galizien ab, um die Grupp.' in -.in ArbcüsbatailloN auszu^ehnen- Die Arbeit geht rasch vorwärts.