Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 662 (28.11.1920)
- Date
- 1920-11-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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' Dle sozialdemokratische „Berner Tagwacht* hat einen Kampf gegen den Exkaiser Karl und seine Umgebung eröffnet und verlangt von der Schweizer Regierung Maßnahmen gegen 6ie Ln Prangins. dem Aufenthaltsorte der Habsburger, etablierte Zentrale für monarchistische Agitation in den ehemals österreichischungarischen Gebieten. Das Organ der österreichischen Sozialdemokraten, die „Arbeiter-Zeitung", berichtet ausführlich über diese Vorgänge und stellt fest, daß die reaktionäre Agitation sich -hinter der Propaganda für die „Donauföderälion", das heißt, den wirtschaftlichen und politischen Zusammenschluß der Neustaalen, verbirgt. Die „Arbeiter-Zeitung" ist mit Recht beunruhigt» denn der Gedanke an einen Zusammenschluß der Wirtschaftsgebiete» welche einige Jahrhunderte hindurch eine Einheit gebildet haben und deren brutale Trennung keine wohlüberlegte Handlung war, sondern in wirrer Siegerlaune erfolgt ist, übt Zugkraft aus. In der Bevölkerung, hüben und drüben, lebt die Erinnerung an die wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen Zusammenhänge, die innerhalb der großen Völkerfamilie Oesterreichs bestanden haben» fort und wird unter dem schmerzlichen Drucke der heutigen Kleinstaaterei immer eindringlicher. Sie lebt nicht nur in den Köpfen der Reaktionäre, sondern auch in den Köpfen jener, die von einer Wiederausrichtung des altösterreichischen Militarismus und des volkerknechtenden Bureaukratismus nichts wissen wollen und lange vor dem Kriege im Föderalismus freier Nationen die einzige' Möglichkeit der Erhaltung des Donaustaates erblickt und diese Erhaltung im Interesse der Völker und des Weltfriedens für.notwendig erachtet haben. Unter solchen Umständen ist die Propaganda für die »»Donauföderation" eine gute Waffe der Monarchisten» die beste in ihrem Arsenal. Und wenn die „Arbeiter-Zeitung" ängstlich tut, so hat sie recht. Aber es ist gut, sie daran zu . erinnern, wer diese treffliche Waffe den Monarchisten " förmlich in die Hand gedrückt hat. Die österreichischen Sozialdemokraten waren es! Sie haben nach dem Umsturz mit einer chauvinistischen alldeutschen Propaganda, eingesetzt und die systematische Verhöhnung und B.schimpsung des österreichischen Gedankens mit aller Kraft betrieben. Sie haben sich nicht damit begnügt, die Säbel- und BnreaukratenherrschaftAltösterreichszu verdammen,so ndem haben den österreichischen Staatsgedanken selbst, dessen großer Inhalt durch ctifie siebenhundertjährige Vergangenheit ausreichend erwiesen wurde, zum Gegenstände'kindischer Schmähungen gemacht. Renner, Seitz, Austerlitz und Bauer haben von Oesterreich nur in Ausdrücken wie „Misthaufen", „Pestbeule am Körper Europas", „Zuchthaus", „Irrenanstalt" und dergleichen gesprochen und jeden, der von einer Verständigung der alten Schicksalsgenoffen» der Völker des allen Staates zu sprechen wagte, als „Idioten", „Hochverräter", Habsburgerknecht" oder „bestochenen Lumpen" bezeichnet. Obzwar diese Gedankengänge weitab vom sozialistischen Programm führen und weher mit sozialistischer noch mit demokratischer Denkart irgendwie verbunden sind, haben sie den Abscheu vor Oesterreich , zum Parteidogma erhoben. Ihnen, die nach dem Umsturz allmächtig waren und die Straßen und Beratungszimmer Wiens beherrschten, ist es auch gelungen, die Menschen zum Schwaigen zu bringen, i aber nicht den Gedanken, der weitergelebt und weitergewirkt hat, und jetzt von den Reaktionären freudig ausgegriffen und förmlich monopolisiert wird. Die einzige Möglichkeit, der monarchistischen Reaktion als Verfechterin der „Donauföderation" in den Arm zu fallen und sie' an der Umformung 'der aussichtsreichen Idee in ihrem Sinne zu hindern, besteht darin, die freiheitlich gesinnten.Anhänger einer in erster Linie wirtschaftlichen Gemeinschäst der Sukzessionsftaaten zu Worte kommen zu lassen und nicht durch Drohungen und Pöbeleien zum Schweigen zu verurteilen. Die Westmächte reden jetzt viel über Oesterreich und alle Ausführungen gipfeln in der Erkenntnis» daß die Zerschlagung Oesterreichs eine Dummheit mit der schrecklichen Folge der Balkanisierung Europas war. Im englischeil, französischen und amerikanischen Parlamente haben sich, die besten Kövle ru dieser Ansicht Annullierung aller Kriegsschulden gefordert. H a a g, 27. November. Hollandsch Nieuws Bureau meldet aus London: Der Fnter« nationale Gewerks ch a s tskongreß hat beschlossen, daß die Annullierung de» gesamten Kriegsschulden zu fordern ist, und zwar mit dem von den holländischen Delegierten beantragten Zusatz» daß der. Betrag «der deutschen Entschädigung durch den Völkerbund festgesetzt werden und die Bezahlung durch seine Vermittlung erfolgen soll i Die Enienteberatrmgen in London. Berlin, 27^ November. Die Blatter melden aus London m den begonnenen Verhandlungen zwischen L e y u e s und Lloyd George, daß gestern der Beschluß gefaßt wurde, N h a l lys zur Besprechung der griechischen Frage einzuladen. Auch Beniz e l o s hoffe, sich daran beteiligen zu können. Bei Besprechung der, oAerschle fischen Fra g e kam die KsichWM Generals Leroud zur Sprache,.dastOWchEn^InsnZfe AbstimwnnNsverechtigWMans ganz DMtschttand große Anruhen entstehen könnten. Die Minister geben ihrer Befürchtung Ausdruck» daß die PoÜzeUräfte der Alliierten solchen Vorfällen nicht gewachsen wären, An der Beratung nahmen auch B o n a r Law, Lord Cu r z o n, B e r t h e l ot und der französische Botschafter C a m b o n teil. bekannt. Auch die verschiedenen Kommissionen und Komitees, welche zur Rettung Mitteleuropas eingesetzt wurden, sind nach. allen möglichen Versuchen dazu gekommen, eine Zusammenarbeit der neugegründeten Staaten eventuell gewaltsam zu dekretieren, weil sich kein anderer Ausweg aus dem wirtschaftlichen und sozialen Elend bietet. Soll es dazu'kommen,-daß diese Faktoren nur auf reaktionär-monarchistischer Seite Verständnis für ihre Pläne finden? Dann freilich ist die entsetzliche Gefahr einer reaktionären Restauration gegeben. Es ist höchste Zeit, daß die österreichischen Sozialdeviokrgteri und die freiheitlich gesinnten Elemente sich dazu entschließen, die Frage der „Donauföderation" ohne Voreingenommenheit und objektiv zu behandeln. Es könnte sonst dazu kommen, daß die Frage. ohne und gegen sie in reaktionärem Sinne gelöst wird! Das Gespenst. Do« «msrrem Berliner Korrespondenten. B e r l > n. 2^. Niwember. Das monarchistische Gespenst geht irr Deutschland um. Die Nealtion wagt srch auf der ganzen Lmie immer mehr an die, Oberfläche und seitdem durch die Politik N o s k e S die militaristische Autorität auch in der Republik aufgerrchtet wurde und die Militaristen sich sicher gu fühlen begannen, haben immer wieder graste und kleine Vorstöße bewiesen. dast jeder Tag Ileberraschungen bringen kann, die die politische Situation von Grund auf verändern. Die Fäden, die heute schon zwischen H o r th y - U n g a r n, d en Wiener Christlichsozialen und B a y er n gesponnen werden, werden von ernster republikanischer - Seite umsomehr als Gefahr empfunden, als keine Kraft da ist. die wirklich imstande wäre, durch positioe Arbeit die Mißvergnügthcit de? Volkes-zu überwinden. Nicht nur . in den junkerlichen Provinzen, - wie Pommern und Mecklenburgs sitzt die Neaktioü .heute fester denn je, sondern, auch zum Beispiel die sächsischen Landta.iswahlen haben bewiesen, daß diese. stärkste Säule der roten Herrschaft inS Wanken geraten ist: der Industriestaat Sachsen hatte lange vor Krieg und Revolutron 96 Prozent sozialistische Abgeordnete in den Reichstag geschickt, heute halten sich bei den Landtagswahlen die sozialistischen und nationalistischen Stimmen die Wage. Cs ist eine Vmseuwahrhcit, dast die Ergebnisse der deutschen Revolution ins Wanken geraten sind Bessere Grenzen für Palästina. Beratungen in London. >\3'; Londo n, 27. November. (FmcksprüchH verlautet, daß bei der Zusammenkunft tktt Regierungschefs in London auch die «' öpvn liche Grenze von Palästina gelegt werden wird.; Die Zustände in Rußland! WrchWiM^t^' ' P r a g, 27. November.(Preß-Zerüräle.) Lidu" meldet, daß ein Teil der fozialdemo^ kratischen Arb tzilerdele? atro» aus Rußland rurnckgskehrt ist« Die Delegaten sind der Meinung, daß die Verhältnisse in Rußland in erster Reihe in moralischer Hinsicht f ü r ch t e r lich und u n halt b ig t[ find« (1.-;; und daß heute die Stimmung des Volkes eine , ganz ätüker»' ist als am 9. November 19t8. Herrn'Ebert mag es in-? zwischen auf seinem Präsidentenstuhl etwqs bange gewÄhtz« sein. Er dürfte 'sich selbst keiner Täuschung darüber geben, daß die Tage ferner Herrlichkeit gezählt sind. :y.,' . Die Präsidentenwahl am 20. Februar wird zweifesioK zeigen, welches Gesicht das neue Deutschland schon m. fmrep, gegenwärtigen Phase, die lange noch keine abgeschloffeye Wicklung ist. hat, und es besteht kein Zweifel, datz .die Deuffch»j nationalen bei einer halbwegs geschickten Auswahl unter >ben ihnen immerhin zur Verfügung stehenden populären .Per«. sönlichkeiten eine große Anzahl von Stimmen auf WM Kandidaten vereinigen werden. - Ob sie die Mehrheit hatzev: werden, das hängt zum guten Teil davon ab, wen die linke« Parteien als Gegenkandidaten aufstellen werden. ,Datz Gegenkandidat Ebert nicht sein wird, steht jedenfalls Er hat sich schon durch seine Freundschaft mit Rosst . , st!. kompromittiert, daß es heute sogar: unter den. Mehrheit^! sozialisten nux wenige geben wird, die ihm die Stange.Hallen, Die Frage ist, ob die beiden sozialistischen Frakßonen sichs überhaupt auf einen Kandidaten einigen werden.. Be,i. hep Erbitterung» mit der sie einander bekämpfen, kann darW. füglich bezweifelt werden. Hellmut von G e r l a ch, ein frKiheitlicher, offener und undogmatischer Kopf, schlägt jüngst vor, die Sozialisten mögen die Kandidatur Friedrich Wilhelm. Försters in Erwägung ziehen, der.auch bei nichtsozialissischen Wählern freiheitlich-bürgerlicher. Richtung gute ÄuI-- sichtcn hätte. Zweifellos zeigt dieser Vorschlag die Möglich--, keit eines Auswegs, indem eine Persönlichkeit designiert. rv.i^d< die dem täglichen Partergezönk entrückt ist, ein , Mann../mm> Gerechtigkeitssinn, weitem Horizont und Weltgeltung, heste»^ Präsidentschaft sicherlich auch nach außenhin' einen guten, druck machen würde. Ob nun gerade an dieser Person fest-, gehalten oder eine andere ähnlichen Charakters gesucht chi^ ein Auswegscheint damit. immerhin gegeben. ' Die.' lgmke.! selbst verfügt jedenfalls über keine einzige prominente' geistig überragende führerische Persönlichkeit, die -für, Präsidentenstuhl geeignet wäre. Die letzte, Spaltung der HfH abhängigen und die Gründung der starken neukommunistsscheM Partei, die die Annahme der 21 Bedingungen Moskaus urchsi den unbedingten Anschluß an die Dritte Jnternationqst schlosien hat, hat die sozialistische Aktionmoch weiter geschw»^'- da der größte Tell der Energie im Kampfe der sozialisirsche«. Parteien gegeneinander verbraucht wird — gute Seiten LudendoEs .Parteigänger. . '