Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1920-11-21 · Heft 655 (21.11.1920) · p. Seite 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
2 (1920)
Issue
Heft 655 (21.11.1920)
Date
1920-11-21
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
89% known words query
IRI
…/2979076-2979416-2979733--05847-2991732
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

« * r * Merr. Gottntas Wie«er Morge«zekttr»s 21. November 1920 ÄL 655' Kaiiernng ,Huden, Juden, nichts als Juden!" nicht aK. szorniger Ausruf der Beschämung seinen Lippen entfährt, sonder« als glückselige Aeußerung unervveßKchen Sürlzes. jMre solche Gemeinschaft bilden , zum Beispiel jene Männer wird Frau«, die ans. dem ungastlüh gewordenen Osteuropa mach Dien gekommen sind, um hier die - Möglichkeit 'eines Transports in das Land ihrer Traume, nach Palatina, labzuwarten: die Chaluzim.? Sie Hausen, soweit sie sich .nicht privat Kost, und ^Quartier verschaffen können, gruppenweise in vom Palästina-Amte beigestellten Quartieren und werden vom Joint ausgespeist. Die. Quartiere sind . die.denk-, bar primitivsten und es mag für die größtenteils jungen Leute eine harte Geduldprobe bedeuten, an der Schwelle ihrer Hoffnungen hier monatelang zurückgehalten zu werden. Obwohl alle vierzehn Tage ein Transport abgeht, weilen einige Chaluzim schon drei Monate hier. Wer oder waZ in solchen Verzögerungen schuld ist, vermrg ich nicht zu beurteilen, sicher ist nur das eins, daß es die betreffenden — Vesser gesagt wäre es: die betroffenen »— Chaluzim selbst auf keinen Fall find. Sie haben alle nur eine.Sehnsucht, möglichst ball» ihr Ziel zu erreichen, jenes Ziel, das selbst wieder nur ein Anfang ist: der Anfang einer Bahn», tzeren von der Vorsehung gezogene Windungen für uvß alle noch (m Dunkel verlaufen, durch daS den kühnen Wanderen- -nur der Stern unserer Hoffnung verheißungsvoll voransleuchtet ... Hni> auch diese wackeren Pfadfinder sind — „Juden, Juden, nichts als Juden!" Sie wollen, gar nichts anderes sein. Sie haben sich für ihre kolonisatorische Laufbahn gut vorbereitet, ihr künftiges Leben ganz auf ihrer Hände Arbeit gestellt, und Zwar auch die Intelligenzler vnd Studenten unter ihnen. Die meisten haben, ein. bestimmtes Handwerk gelernt, sind Schuster, Schneider ufw. Mer aus dir beiläufig hiugeworfene Frage, ob sie nicht, des Wartens überdrüssig, den Versuch gewagt hätten, sich hierzulande mittels ihrer erlernten Profession eine Existenz tzu schaffen, antworten sie einmütig mit einer gewissen verwunderten Entrüstung: „SSHc find doch nicht hergekommen, -um hier zu bleiben; wir wollen nach Palästina!" Die Sirenengesänge der europäischen Kultur, die wir Westler so unlösbar mit unserem Leben verknüpft wähnen, schmeicheln sich vergeblich in diese Ohren, von denen bereits die mächtigen Klänge einer reineren Zukunftsmusik Besitz ergriffen haben: ...Schir Zion ..." - Darum haben auch die trivialen Formen des Daseins- Äurchfes für sie keine Bedeutung mehr. Sie Hab«, nicht Schuhe verfertigen gelernt, unt Schuster, nicht Ktzidermachen, erm Schneider im gewöhnlichen Sinne zu werden. Sie wollen tmit allen ihren erworbenen und an gebornei- Fähigkeiten nur eines 1ein.v „ Juden, Juden, n ichtS als Juden!" Dadurch unterscheiden sich die jüdischen Kolonisatoren sehr wesentlich von den zahllosen christlichen, von denerdi« Weltgeschichte erzählt.' Wohl wird zum Beispiel die 'Entdeckung und Kolonisierung Amerikas'als -„achter Zkreuzzug" gepriesen und die Schergen des Cortez gebärdeten sich als „weiße Heilande", die nur der Verbreitung, des alleinseligmachenden Glaubens dienen wollten. Mit welchem Effekt sie diese fromme Absicht ins Werk fetzten, zeigt das Urteil der von ihnen „beglückten" Indianer, die den spar/schen Führer mit Gold erstickt«, „damit er sich einmal an dem sättigen könne, wonach allein er sein ganzes Leben, gehungert habe". Ein vernichtendes Urtetf über die Eroberer, die angeblich nur als Glaubenspioniere übers Meer gezogen waren, ^Christen, Christen, nichts als Christen!" Ein vernichtendes Urteil, aber ein richtiges. Denn eS war wirklich nur die Begierde nach . Gold, die die Eroberer und nach ihnen die Kolonisten aller Jahrhunderte bdie Reue Welt lockte. Gold suchten sie in den Bergwerken, Gold 'als Erträgnis ihrer oft übermenschlichen Leistungen und erst die Resultierende dieser mannigfach wirkenden Strafte ergab kirren so imponierenden Kultursaktor, wie es die amerikanischen Staaten heute mit wenigen Ausnahmen sind. ' . Die jüdische Kolonisation schlägt gerade die entgegengesetzten Wege ein. Nicht Aussichten auf persönliche Reichtümer, auf privaten Besitz lockt unsere Pioniere ins Land unserer Väter. Im Gegenteil: Sie lasserk sehr oft viel mehr hier zurück, als sie dort att irdischen Glücksgütern für ihre Person zu erraffen hoffen können. Wer auch Entbehrungen und Bedrängnisse erträgt der Mensch leichter in gewohntem Milieu als unter ganz neuartigen Verhältnissen, neu-für den, einzelnen, neu für unser ganzes, jahrhundertelang; der Natur lind ihrem Dienst entwöhntes Volk. Und doch entsage» Unsere schlichten Helden allem, woran Menschen innerlich und äußerlich zu hängen pflegen, opfern es begeistert, nicht um materiellen Lohnes, sondern um eines hohen Ideals willen. Dieses Ideal ist die Gemeinschaft, die sich ans jeder Massenl'olonisation ergibt, sonst aber nur die Summe unzähliger kndivibueller Bestrebungen ist, während sie hier «als das gemeinsame Ziel von Anfang an allen Kolonisatoren, vorschwebt, als ein Ziel, dem alle individuellen Regungen geopfert werden müssen. Trotzdem folgen auch diese Pioniere, die sich als dienendes G lied einem Ganzen ein fügen müssen^ nur dem Rufe jener Göttin, die seit Jahrtausenden Menschen dazu vermochte, auf die Annehmlichkeiten der Zivilisation Zu verzichten und Wildnisse urbar zu machen: die Freiheit. Nicht die „geprägte Willensfreiheit", wie Dostojewsky das Geld nennt, sondern jene Freiheit, die den Juden, über alles geht und deren Verlust die Tragödie unseres Volkes bildet: dir Freiheit, Juden sein zu dürfen — Juden, Juden, nichts als Juden. Dr. H. Sp. * ApfelsbüT .jli ^k. 'T' -rm ln- und Ausland erzielen Sie durch Anzeigen in unserem Blatte. «t* Miltcilnugrs ans bem Publikum. Rösa Horowifz Arnold Schanz Wien, II. Wien, X. empfehlen steh als Verlobte Wien» im November 1920 soej Rfsa fiirschler Jakohinsel Wien Neundrchen empfehlen sich als Verlobte Wien, im November 1920 res Statt jeder besonderen Anzeige 1 1119 »I! Wien, XII. £ - Trebitsch empfehle« sieh als Verlobte 597s Frieda Frachter MM Isidor Feiger KUwodyn (Buk.) Wien, VII. empfehlen sich als Verlobte Wien, im November 1920. sasa ZUR VERMÄHLUNG des Herrn Slegimirid Ellenberg-Schlachwoj mit Fräulein CilH Wang gratulieren herslichst und wünschen eine glückliche Zukunft «n» Familie WOLF MARK Unserem Kassier Heim ADOLFSTURM entbieten wir die herzlichsten Glückwünsche anlässlich seiner Vermählung mit Fräulein Sali Brandt. * Hilfskomitee für durchreisende Chaluzzim, II., Glockengasse SO MM n. Innendekoration Sa grösster Auswahl. Nur gediegene Gl 9 Erzeugnisse. J.SPI X M». WJIiHerng.la.2 (Ecke Karl Scbweighoiergas9e). VI.MARIAHIIFER5TRA55E 1Q5. Grösstes, beatsertiert es Lager Wiens!n Teppichen, Deeken. Verhängen, Usber wärlen, Lnufteppichea, Store«, Doppeldecken etc. Billigste Preise. 8540 OBEL anne 711.>Schottenfeldg.24 Grösste Auswahl! Mäss-go Preise) So’lde Ware! <40 ^OM€iä4^U/le AMSTERDAM Erster ANTWBBP2K grösster Käufer io Wien f9r Brillanten, Perlen, Juwelen etc. Juwelier ßahinonwitscb |r, BaxImillacatraMe Hr.B Telephos-Rr. 8541 vis-a-vis der Oper (Kirtaorstrasse). LS'4 ll„ Stspharistraws Kr. 8, imr Kr. 3. Im eigenen Hanse, Telephen-Nr. 45148 Kauft vor Juwelieren, Händlern, Privaten z« kontcurreszlesen Phantashsprolsen. Freitag von 4 Uhr nachmittags bis Montag früh geschlossen» jplgw-Erster grösster Käufer i Brillanten, Perlen,Illiren n Jawelen« Hs® °-° Juwelier FORST Sep. gprsriirauw ET7 4 n Tel. 207R7 IX.Alsarstrasse B SilLANTEN, Perlen, Gold,Silber,Platintu Uhren kauf t und verkauf fc 778 ETTES1 Rotentunnßtx*. 33, Marlabilfersttr. 93 masemnen Billigste Preise IBS Leopold SfeSnBiark Wien, I., Biberstr. 9 Telephon Nr. 4073/VIII BBAZIA / HOTEL-PENSION BREINER. WIEDER ERÖFFNET! / DAMPF¬ HEIZUNG, ELEKTRISCHES LIGHT! Be! Anfragen bittet min die Zuständigkeit, Oebortsdaten, Vortmd ’ unatne genau mizugeben, um auf Wünsch eventuell gleich hiev bei den zusbndicen Behörden der Veretnfichung wegen die R’ristbe'.vili'gun" mi besorgen [/83 7 t I i j r j m in s J r c u 8 e : Drein or A b b a v i a , u \ reparätu r an st a 1t , „ - «wer.« u.Uaneahtl*.« v/erdea pionspt iir.il bZÄLL» Uh'i ****?'”. wcderciaiert. fVm Vij.:iaittlfcryrasse 8« N? AMERIKA Ich fahre demnächst nach New-York. Wer geschah!. Verbindungen anbahnen oder Spezialartikel liefern will, möge sich schriftlich an Krebs, Wien, H, Molkereistr. 5/3, wenden. ALLE sind sehon ühorzerugt, dass die elegantesten Herrenkleidat (nach Mass) von --- 6eM & Fürst,Stefonlestnsse 16 -KL Sportjaeken, Ssmituren, Kleider, Schals, reine Wolle, sa Fabrikspreiten RICHARD SOREB, I., RoteMormstrasse Nr. 31 Mezzanin m Telephon 23-1-69 Ä' 0 l' blc'tdiircBcic fecIhncIrlcrirrniK vt'iens A U Lt H ln Nassarbelteii bleibt!!., Tabontrasae 30, Eingang; Or. Stadtgutgasse AIjIjE polnisclion Staatsangehörigen werdca zmu Zveeke einer wichtigen In ihrem eig. Intere\«e gelegenen Aktion dringenet ersucht, an den unten bezeiebneten Tagen »ich im ,MmrM M polnlsclie Staatsangehörige in Wies” XX., Bohlffaantegann* 8 einzuBnden. Anfanrehnchefabent A—O Montag den 83. November, H-K Dienstag den 28X>—F Mittwoch den 84. u. R-Z Donnerstag den 25. Nor. Bureaurtnnden von 8 bis L Uhr. <L7ü Sie können baden! Trotz Kohlen- und Oasnot — mit unserem „Olympia4* Badeofen Einige Stücke Holz genügen. Fragen Sie bei uns an! Besuchen Sie uns! Leopold Blau & Co., ties.m.b.H. Wien, H., Aspernbrfickengasse Kr. 5 Telephon interurban Nr. 43-3-51 7524 Der „Spion" mit 60 Rubeln. 4 Der bekannte Chirurg Dr. A. Sol o«> wejezik veröffentlicht einige Erinnerung«? über die Leiden der Juden unter dem zaristüschen Militärregime, wobei „Spionage" und „Stenat" stets dazu dienten, die Räubereien und Morde des Militärs zu decken. Eine Geschichte mit heiterem Ausgang sei hie« erzählt: DiLse Geschichteverdanke ich'. dem Arzi der 58. russischen Artiller'eürißMe, Dr. Alexandrow^ einem Juden. Es war Lei Ossowiee im Jahre 1915. Ein Svldat' führte dem .General einen armen Juden vor, den er unterwegs als Sp'on ab gefaßt hatte. Er habe den Draht der Telephonleilung durchschneiden wollen, mel> deje der Soldat. Weinend schwor der Jude» er fei ein armer Händler und habe ins Dorf gehen wollen, um etwas Lebensmittel zum Verkaufe zu erhandeln. Der Soldat habe ihn abgesaßt, geprügelt Und ihm sechzig Rubel weggenommen, die fein ganzes Geld bildeten^ mit dem c: Frau und acht Kinder ernähre. Der General fragte den Soldaten: „Ist das wahr?^ ,,9ficht'ein Wort!" — antwortete der Soldat „Der ftyhc lügt!" ■ . \[ „Au'hängen!" — sagte der Gi'nevül. ' Der Jude fiel ihm zu Füßen und fl.'hie, er snög'r doch mit seiner Iran'und seinen acht Kindern Mitleid haben. Dr. Alexandrow, welcher bei . der S'ene anwefenb' war, bat den General, mit der Aussüh ung seines Befehls ein wen'g zu warten und ihm im Nebenzimmer eine Unterredung zu gewähren. Dort sagte er dem General: „Ich bin überzeugt, daß der Jude unschuldig ist. Ihn aufMhängen haben Sie noch immer Zelt. Ich schlage Ihnen vor, folg-nde Prote zu «rachen: Sagen Sie dem Juden, daß Sie ihm diesmal'das Leben schenken und er frei ist. WenU er wirklich ein Spion ist. so wird er so "gescheit sein, sich eiligst davonzninachen and wird nicht erst dle sech ig Rubel einfordern, die der Soldat ihm weggenonunen hat. Er wird schauen,i so schall als möglich so tu kommen. II er aber un« ichuld'g, so wi b er bestimmt ^ie' sechj'g Rubel fordern, da er tauär rech er, daß S'.e e n ^er.'ch.er Richter find." Ter General ging darauf ein, kehrte mit dem Arzt 'in'daS Ziminer zurück, wo der Jude' sich, 279784949559

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.