Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1920-11-21 · Heft 655 (21.11.1920) · p. Seite 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
2 (1920)
Issue
Heft 655 (21.11.1920)
Date
1920-11-21
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
89% known words query
IRI
…/2979076-2979416-2979733--05846-2991731
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 655 Mm. Sonnläg Wiener Mor§errzeikiriift TelegramWe. Lord Derby yys Paris ab- ' berufen. Paris, 20. November. (Funkfprirck.) Der britische Botschafter in Paris, Lord D e^b y, hat sein Abberrrfirngsschrelben überreicht und heute Paris verlassen. Petljura nach Oesterreich geflogen? Moskau, 20. November (via Chnsliania). Nach polnischen Meldungen soll der sieschla ene Ataman Petljura nach Oesterreich geWchtet sein. V , PrastdenS Havding über die. Ludeu- ' vsrfol un en. Netv-Doek. 16. November. (Jewish Corr.» Bur.) Der N'chter Gustav Har tm a n, Großmeister der unabhängigen „Brich Abram Loge", veröffentlicht einen vom Präsidenten der Vereinigten Staaten, Har ding, erhaltenen Brief über die Judenverfolgungen. I» diebm Briefe heißt es: „Es ist erfreulich, daß Sie und Ihre Genossen die Aufrichtigkeit meiner Proteste.ge sr die Ausbrüche anerkennen, die sich gewöhnlich bis zur Geistesstörung steigern, was größtenteils die Ursache von Pogromen. Massakers, und von unschuldigen Opfern ist. Ich gedenke nicht, die Schuldigen solcher Verbrechen Zu rechtfertigen, wenn ich sie auch einer vorüberge^e rden Gemütsstörung zuschreibe, denn dies würde bedeuten, zuzugeben, daß die Zivilisation, denn wir uns rühmen, ein bloßer Schein ist. Wir. begehen einen beklage :swerten Fehltritt, wenn wir nicht genug wirkungsposi Toleranz Wie Gerechtigkeit. Sicherheit und Respekt für die Rechte der anderen im gleichen Maße wie Freiheit predigen. Und während ich diese Ansichten allen Völkern gegenüber ohne Unterschied von Rasse und Glauben ctufrechterhalte, bin ich besonders ernst In meinen Protege '4 gegen den Rückfall in die Barbarei in bezug auf hie Behandlung der I ub e n in^vielen Ländern,.eines V lkes. das immer meine -Be wunderung erzwang für sein Genie, seinen Fleiß, die Ausdauer, Geduld und Festigkeit wie auch durch sein Leben' Wolter Wohltätigkeit, Menschenliebe und Anhänglichkeit an die Gesetze seines Wohrilandes." ‘ ' Die SoZiaUsierrtttg dev deuLschen Kohlenberg-' rvrrke. Berl'n 20. November.- (Wolfs.) Im Reichstag er- > klärte bei der Besprechung der schialdemokratischen Jnterpellation, beLrefseud die' Vorlageeines^Ge-s':erltwurses stber hie Sozialisierung des Kohlenbergbaues Reichswi tichaftsmin'st?r Sch o.ltz,: Tie Reichsregierung werde den Gesetzentwurf über die gemeinwirtschaftliche Regelung des Kohlenbergbaues mit größtmöglicher Beschleunigung vorlegen. Im gegenwärtigen Augenblicke seien jedoch die Beratungen der lesufenen Sachverständigen über die Grundformen dieses. Entwurfes noch nicht abgeschlossen. . ' , Dev Rücktritt der finnischen Regierung. -Helsingfors, 20. November. (Teli-Komp.) Der Präsident von Finnland hat an alle Mitglieder der bisher gen Regierung das Ersuchen gerichtet, ihr Rücktrittskglen und Chauvinisten trotz seiner Ablehnung des Materialismus Und seines Eintretens für einen modernen Kulturnationalismus ein Hindernis für die kulturelle Entwicklung. Er stellt als Plattform und als ersten Einigungspunkt der „engeren Kulturpolitik" die Forderung auf: „Die wirtschaftlichen Probleme dürfen nicht isoliert betrachtet werden." Seine zweite Forderung lautet: „Die soziale Frage muß als Kultur- Problem erfaßt werden." Die dritte Forderung lautet: „Dle individuellen Kulturbedürfnisse des Menschen dürfen weder vom Staat noch von einer einseitigen Klassenherrschaft erstickt werden." Der vierte Einigungs- Punkt heißt: „Die Notwendigkeit der nationalen Entwicklung ohne Uebergreifen in den Wirkungskreis anderer Völker ist von allen sonst noch so verschiedenen sozialen und nationalen Gruppen anzuerkennen." Fünftens fordert Dr. Weisengrün, daß alle wirtschaftlichen und psychologischen Vorbereitungen getroffen werden, damit die Führung der Menschheit langsam und allmählich auf die Intellektuellen übergeht; in der ausschließlichen Beherrschung der Welt . durch das Lohn- Proletariat liegt seiner Meinung nach für die Weiterentfaltung der Menschheit ein ebenso großes Uebel wie in allen imperialistischen Gelüsten und in den Auswüchsen extrem-nationaler Betätigung. Es ist im Nahmen dieser kurzen Betrachtungen un° möglich gewesen, die Fülle der Probleme auch nur einigermaßen zu erörtern oder auch zu ihnen kritisch Stellung zu nehmen. Mag man wie immer sich zur Stellung Weisengrüns zu den einzelnen Kulturproble-- men verhalten, sicher ist das eine, daß sein Buch für alle jene, welche nicht an irgendein Parteidogma blindlings glauben, welche die nationale konfessionelle und. soziale Versöhnung erstreben und welche die Höherentwicklung des Tiermenschen zum Kulturmenschen ersehnen, in der neuesten Schrift Paul Weisengrüns reichste Anregung und arößte Befriedigung bietet. H. Kadi sch. ge'uch znrückzun h nen. Sämtl'che Minister sind darauf > e'.ngigangen, unter-der Bedingung. daß der Reichstag der Negierung die notwendigen Vollmachten gebe in,' der. Frage der Gvenzüberwachung, die aus wirtschaftlichen Gründen gefordert wird. Pesrfura erledigt. Krakau, 2k). November. (Poln. Tel.-Agentur.)' Die Krakauer Blätter melden aus Tarnopol: Die ukrainische Gegenoffensive in der Richtung auf Grodek-Vodolski und Jarmulinee ist gescheitert. Die Ukrainer sind auf den Zbrüe^-Fluß zurückgedrängt worden. Auf der Strecke von der Mündung des Zbrucq bis Sapänow haken die polnischen "Truppen Fühlung mit, den .Sowjettruppen genommen, die an der polnischen Grenze stehengeblieben sind und sie türgends überschritten babsN. Nach weiteren Meldungen hat die fowjetjsiijche Kavallerie Pie ukrainische Front ciuf der Knie Prosiurow— WoloczySka durchbrochen. Der russische Arontbericht. MoSkan> 8V. November. (Fünksprüch.) Im Gebiete von Mosyr und Neschitza dauern die Kämpfe für unS günstig an Wir haben die Station S l o w e t s cf* n a genommen und den gleichnamigen Fluß überschritten. Westlich von Deraülmjä zieht sich der geschlagene Feind in wilder Flucht zurück. Unsere verfolgende Reiterei ist in P rosknrvw eingerückt. In den Kämpfen um die Stadt wurde das erste, kaukasische Reiterregiment des Feindes vollständig vernichtet. In der! Krim wurden, bei der Desekung von Kertsch GBer l’S.OOO Mann gefangongenommen. Die Pente betragt über 6600 Pferde, 16 Nanzerkraftwagen- 23 gepanzerte Lastkraftwagen und 4 Schiffe. Die Nudadefter Morde. Budapest 20'. November. (Ung. Test.-Korr-Bur.) Den Blutern zufolge sinh zwei Individuen unter dem Verdachte, an der Ermordung des Polizisten S o lt a beteiligt zu sein, verhaftet worden, und zwar ein gewisser Wagner alias Csikos in Budapest und ein gewisser Ha cker in Kecswmet. . f' Der EknwanderuWSsLvom nach AmHviüa. New-Dork, 15. November. (Fewifh Corr. Bur.) Nach Berichten aus Ellis Island sind dort in der letzten Woche 26.832 Emigranten eingetroffen. 6927 waren gezwungen, wegen der Anstauung auf ihren Schiffen zu verbleiben. Die arnerrkanifchen Juden für ihre Brüder in Polen. Rew-Nork, 17. Novsmker. (Jewish Corr. Bur.) Die jüdische Jugend in Amerika hat beschlossen, für den Fall, daß die Verhandlungen der jüdischen Vertreter urtbbe§ polnischen. Gestilldten in Washington, Prinzen Lubomirski. zu keinem Erfolg führen sollten, einen Maflenmarsch nach Washington zu veranstalten, um durch diese Demonstrosion die amerikanische Regierung auf den Ernst der Lage ihrer Brüder in Osteuropa aufmerksam zu machen und hiedurch der amerikanischen Oeffentlichkeit gegenüber den , Willen der amerikanischen ^udenheit auf die baldige Besserung dieser Lage zu bekunden. Balfour ln Genf. Genf. Sü. Rotz mber. (Scbwkii. Dep -Ag.l B a l f o u r ist hente zur Teilnahme' an der Bölkeibmidvrrsmrnnlnng hiereingetroffen. Weitere Ernschrstirbirin des Eisenbahnverkehrs in Angarn. Budapest, 20. November. (Ung. Tel -Korp.-Bur.) Wie . die Staatsbahndirektion mitteilt, wird der P e r so n esitz e r k e h r infolge der katastrophalen Kohlennot vom 27. November voraussichtlich bis zum 1. Jänner jeden Samsta g' n n d Sonntag ein gestellt. Samstag wird nur der von Wien in Bndapest-Ostbahnhof 7 Uhr 3V Min. abends ointreffende Svezialschnellzug verkehren. Im übrigen verkehren an Samstagen nur die lokalen Beamten- und Arbeiterzüge. Außerdem Verkehren' im mäßigsten Ausmaße die Lokal», beziehungsweise Cr? nährungszüge im Bereiche der provinzialen Hauptzentren. Diesen Samstag wird der van Steinamynger nach Fehring laufende Nachtzug noch bis zur Endstation verkehren. Demonstrationsstreik dev Budapests? Kau?- lerrte. Aus Budapest wird berichtet: Mit Einführung des christlichen Kurses sind die sogenannten christlichen Konsumgenossenschaften wie Pilze aus dem Boden geschossen. Wie die Verwaltung, dieser christlichen Genossenschaften auss'eht, zeigte sich schon im Frieden. Der größte Teil dieser hauptsächlich in der Provinz entstandenen Konsumgenossenschaften 'mußte wegen der Malverfationen ihrer Leiter vorzeitig geschlossen, werden und es ereignete sich sehr häufig, baß der j ü d i s ch e G r e i s l e r, den eine solche christliche Konsumgenossenschaft glücklich aus dem Dorfe verdrängt hatte, von der betrogenen Landbevölkerung zurückberuftn wurde. Nun haben diese christlichetr Konsumgenossenschaften auch über Budapest ihr Netz ausgebreitet und genießen dort gegenüber den erb gesessenen Kaufleuten bedeutende Vorrechte, durch welche sie den Kaufleuten gefährliche Konkurrenz zu bieten imstande sind. Die Budapest er Kaufmannschaft, welche sich durch diese bevorrechte:« Konkurrenz in ihrer Existenz geschädigt sieht, hat nun, da ihre Schritte zum Schutze der eigenen erworbenen Rechte erfolglos gebl'eben sind, b'schlossen, zum Zechen des Protestes die Geschäft an einem iied) festzusehenden Wochentag geschlossen zu halten. 2L November 1920 f5efijTS3!?* ROHM. ZIGARETTENPAPIERE ZIGARETTENHÜLSEN STe üt>epfi*effeif sefb-sl di.« höchsTen Cfwsrtun^aa s das Rauchefsv Tagesbericht. Se«tschnatto«ale Demonstration «ege« die Tschechen in Wie». > " Antisemitische Ausschreitungen. Die 'chauvinistischen Exzesse in Prag, Vger und' Asch, wo tschechische und deutsche Schulen gegenseitig' demoliert und deutschen Mädchen, des Umgangs mip Tschechen beschuldigt, .von deutschen Männern' die Zöpf^ abgeschnsitesi werden, hat die hiesigen Deutsch nationalen' n'cht ruhen^lassen. Die Orels, Jerzabek sind wir sie sonst heißen, chpräsentierm'bekanntlich das deutschr Volk und: es' war für sie ein gefundenes Fressen, wi^sr -einmW die Straße mobilisieren zu dürfen.' So veranstalteten die Herren, die wahrlich nicht berufen sind, im Namen der Kultur und Menschlichkeit gegen irgendetwas Protest einzulegen, weil sie und ihresgleichen es ja sind, die, hüben und drüben die nationale Hetze. schüren, gestern^' eine Protestversammlung mit anschleßendem Demon-; strationszug, wobei es zu antisemitischen Ausschreitungesi 'kam. ' 'f' : Die Exzesse in der Tschecho-Slowaksi, die auf dem Rücken der jüdischen Bevölkerung ausgefochten wurden»' wie stets, wenn die nationalen Scharfmacher ins Ge-' plänlel geraten, waren eben nur möglich, weil auchj die.Tj'ch.'cho Slowakei in beiden nationalen Lagern ihre Orels hat. Politische Abenteurer und Marodeure üben! ihr Hyänenhandwerk nnbedenktich aus, indem sie die niedrigsten Jpstinkte der Masse zu ihren schamlosen' Prof'tzwecken ausp?itschen. ' f; Wenn auch' die Beteiligung gestern recht dürftig! war, versuchten die Demonstranten doch an wehrlosest Passanten ihr antisemitisches Mütchen zu kühlen. In! der Volkshalle wurden Reden geschwungen und danst versuchten die Demo-lstranten zur tschechischen Gesandt schuft zu ^marschieren, was von starkem. Polizeiaufgebot' verhindert wurde. Hernach wurde die Losung aus-l gegeben, das Hotel Post auf dem ^Fleischmarkt zu, besetzen, da dort der Sitz tschechischer Vereine ist Auß dem Wege wurden jüdische Passanten attackierts! angebliche Tschechen verprügelt uno „Nieder mit den! Tschechen! Nieder mit den Juden!" gebrüllt. Die^ saubere . Gesellschaft stürmte sogar auf dem Franz--- Josefs-Kaj einen Straßenbahnzug, um,jüdische- und tschechische Passagiere zu mißhandeln. Mit dem! Ruse: „Juden und Tich'chen hinaus! Wir schlagen alle tot!" bedrohten sie die Fahrgäste, unter denen eins Pani? ausbrach, Zjvei Budapester Kaufleute, die im HofeL Metropole wohnen, wurden mißhandelt und konnten nur mit knapper Not ihren Peinigern entfliehen. Erst! daI Einichreiten von Wachleuten machte den Honest ein Wde. Der Fleischmarkt ivar von SicherhMswachs sibgesperxt, Die Demonstranten versuchten mehrmals dir! Postenkette LU durchbrechen, es gelang ihnen jedoch, nich^ , Die Wache nahm mehrere Verhaftungen pvx. ' td Wie die Korrespondenz Wilhelm nleldtzt, ve^an-s stalten die' .deutschen Studenten morgen Montäg neuerlich eine Kundgebung, weshalb das entgegenkommende Rektorat verfügt hat, daß am Montag in der' Zeiü, von 1 i bis 1 Uhr nachmittags keine Vorlesungen r^rrd: Nebsi sigen ab gehalten werden.' i , i .: ’ j Bei den ChakPMM, ,Lu den, Juden, nichts als Juden!" murrc ’o^i' -iiM' gelaunte Spießer, der den Mondschein., im Stadtpark genießen^ will und sich, in dies?m Poetischen und billigen Vergnügen! durch das Treiben der brillantenübersäten Mepxäsenhüntezr einer zweifelhaften Eleganz,' die. sich in den lichldurchfluteteu Luxusräunren tzes Kursalons allzu -breit macht,, gestört sühM. „Inden, Juden, nichts als Juden!" tönt eö. überall,' wo sich die Opfer trübe.gewordener wirtschaftlichör Verhältnisse bei ihrem Abstieg auf dev; sozialen Leiter mit denen kreuzen,' die diese Leiter inder entgegengesetzten Richtung vyn unieii nach obenPassieren, weil sie es verstanden haben, M Trüben zu fischen. , - - . -i . Und auch der aufrechte Jude wird meist voll, ehrlichem AergernisseS diesen Ruf wiederholen, nicht, weil er dis Erkenntnis von der. rasi'enmästigen Bedingtheit des Schiebectmgs teilt — ec weiß sehr gut, daß die arischen AnZbentsr der ökonomischen Verhältnisse zahlenmäßig üücrwiegen — sondern weit er gerade bei den schlechten Elementen deS Judentums das verhängnisvolle Talent konstatiert, die Aufmerksamkeit aller Unzusriedeneu n::d Nttbefrredrgten auf sich und ihre schuldlosen Stammesgenoffen zu lenken. Der Assimi-, lant wird in solcher Situation seinem seelischen Unbehagen nickst anders Lust machen können als durch kräftiges Einstimmen in die antisemitischen Schimpsercieir, wodurch dann jener jüdische Typus entsteht, den der berühmte Feuilletomst Daniel Spitzer mit der Spitzmarke „Antisemisak'" gebmndmcu'Ii hat. Dem'Licrnstcrr stehen zürn Glück andere Möglich' leiten ossen, sein verletztes Nationalbcwnstrsei.n wieder zu stärken. Er wird in eine G.eurcinschast wo die Kon-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.