Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 655 (21.11.1920)
- Date
- 1920-11-21
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Wien. Sonntag Wiener Morgenzeitung fm. . — I ..- .i-i—i . , —------ Der uolkerMkonaress. Der Untergang des armenischen Volkes. — Malta für Gerechtigkeit. — Kanadas Egoismus. 21 November 1920 Nr. 655 PELZWAREH Mäntel, Stadtpelze, Füchse, Kanin etc.. In feinster Ausffilirung, für Wiederverkaufer zu sehr billigen Preisen abcugehen! Puchs, XX , Klostcrneuburgerstr. 12/8. Tel. 5264 VI t Genf, 20. November. (Tel. der „Dr. Morgenzig/) $n ber Sitzung der VöllerluNdvcrsam,nlung fordert Bar »res. datz der Völkerbund das armenische Volt vom Untergänge rette. Redner erklärt, daß er im Namen der. englischen Arbeiter die Forderung wegen Zulassung der ehemaligen feindlichen Staaten zum Völkerbund erhebe. Der Völkerbund müsse die Welt aus dem Chaos retten. Zahle (Dänemark) verlangt, bah hie Dokumente über die Verhandlungen des Völkerbundes veröffentlicht werden. Dundespräsident Motka wieS darauf hin, daß dre Beziehungen zwischen dem Dölkerl undrat und der Völkerbundvcrsammlung bisher keineswegs klar definiert waren. Den dem Völkerbund nicht angehörenden Ländern müsse vollste Gerechtigkeit widerfahren! Der belgische Delegierte Lafontaine erklärte, daß Neben dem Problem des wirtschaftlichen Wiederausbaues besonders die F r a g e d e r Abrüstung für die Welt geradezu »ine Lebensfrage fei. Prag. SO. November. (Tel. der ^.Wr. Morgenzlg.".) Ungemein schwer sind die Schäden und teilweise unersetzlich die Verluste, welche das jüdische Rathaus am letzten Dienstag erlitt. Im Matrikelamte wurden drei große Gasten aufgebrochcn. Im zweiten Stockwerke wurde alles, was nicht nietirnb nagelfest war. zerstört. V i l d e r u n d Gedenkblätter wurden von den Banden zerrissen. Kasten aufgebrochen und Bücher und Dokumente zerrissen. Weiber aus der Umgebung kamen mit Rückenkörhen herbei, füllten sie und trugen Bücher und Schriften als Heizmaterial davon. Alte historische Dokumente von einziger Art, darunter auch PrivUegienbriefe der früheren Herrscher, die bis aus tausend Jahve zurückreichen, wurden vernichtet. In der Buchhaltung und im Kassenraum wurde in ähnlicher Weise gehaust. Zwei Dhorarollen wurden zerfetzt. Ein junger Mann wurde derart gewürgt, daß die Würgspmen noch heute an ihm sichtbar sind. Die Menge drang sodann in die an das Rathaus anstoßende H o ch s y n a g o g e, wo die Betpulte aickgerissen und die Gebetbücher zerfetzt wurden. Inzwischen war Polizei erschienen, die dann die Gasse Huberte. * In der gestrigen außerordentlichen Sitzung des Prager Stadtrates erklärte Stadtrat ' Dr. Singer (jüdischnational), daß das, was im altehrwürdigen Prager Nathause geschehen ist. schändlich sei. Nachdem ich den Tatort besucht habe, konstatierte ich. daß beinahe alle Räumlichkeiten mit rohester Gewalt demoliert, kostbare Gemälde zerrissen und die Einrichtung beschädigt und die Schubladen der Mitglieder der i- - - RozeIl Kanada) erklärte, Kanada stehe' auf dem Standpunkt, daß die NohsloüyertellUiig eine interne Frage sei, die jede einzelne Nation für sich zu entscheiden habe. Jenseits des Ozeans herrsche über die verschiedenen europaischm Probleme eine abweichende Ausfässung. T.ittoni, der als Mitglied dtzs Völkerbundrates baS Wort ergriff, sch'oz sich der Forderung Lord CeeilS nach größtmöglicher Öffentlichkeit des Pölkerbundes an. Was die Frage der Nohstössvecteilung anlange, sei es zu beklagen, daß der Vertreter Kanadas in dieser Frage einen so iiitransigcnten Standpunkt einn^hme und die Verteilung der Rohstoffe als eine Frage zweiten Ranges bezeichne. Eine gemeinsame Arbeit im Völkerbund ^wäre unmöglich, wenn alle Länder ihre besonderen Interessen so' in den Vordergrund stellen wollten. Redner schloß sich auch dem Dünsche des Bundespräfidenten Motta. an. daß Amerika bald dem Völkerbund beitreten möge. Nach den letzten Erklärungen des kü..fligen Präsidenten der Vereinigte^ Staaten sei es wahrscheinlich, daß schließlich eine Grundlage zur Verständigung gefunden werden könne. Repräsentanz aufgebrochen worden waren, und daß besonders das ja hr hundert alte Archiv der j ü d i s ch e n Ge me i n d e, da 3 nicht nur für die jüdische Geschichte, sondern für die Geschichte der Stadt Prag wichtige Urkunden enthielt, vollkommen v ern trätet sei. Akten, auch Sliftsbnefe, sind zerfetzt uu d a u f d iie p t r a ß e g e w orfen worden, so das; der auf diese unerhört? Ars verursachte Schaden unschätzbar ist. Gleiräzeit'g wurden aus der RathauSsynagoge zwei Thorarollen entwendet, datz. Pergament zerrissen, ein Vorfalls wie er seit mittelalterlicher Zeit in Prag nicht geschehen ist. Die soziald em ockra tisrä c Partei hat einen Zh-sruß erlassen, in dem gegen die Erzesse in Prag und in der Provinz Stellung genommen wird. Prag. 2A Nooember. W?e di? At>rndbläv''r melden 8lübt > das Rene Denckche Tbe Uee hmte ge^chlosien. Es ist auch noch nicht sicher, ob am Sonn'ag fte'ridt wird. Das D.-nvche Hans m Brünn, das während der letzen Demonsira Ionen von Ctudentm und Legor.ä'kn bcsrälagnahmi worden wa>. ist der Verwaltung des Vereines Deutsches Hauö wteder zurück begeben word n. Die „£ x i b « n a* meldet, daß inoi g-n im Ostrauer Ge>et meh'.e>e deM'chfündliche Kni'dgrbtmgkn von den Nationaldrmo'rnm v an'alrel rvetd-'n. Schon ltir heute feien ÄuS' schrkltmigen gegen die Deutschen und d »e I u d e u vorbereuet gcwe'm. eie i do--k'nn eib.lüben. Prag 20. November. (Pr'vat.) Heute herrschte vollkommen.' Ruhe und st ht änges'chts dcs Abrückrns aller verantwortlichen Faktoren sowie der Haltung der Arbeiterschaft zu erwarten, daß die Ruhe und Ordnung nunmehr anhält. Inland. Die Forderungen der StaatSangesteMen. Gestern sprach eine Abordnung des Zentralverbandes der österreichischen StaatSangestollienvereinigungen bei Ministerial. rat Dr. Wilfl ing yor uizd erkundigtem sich über das Resultat der Beschlüsse deS KahinettSrateS vom verflossenen Dienstag, betreffend di? Regelung der Vorrückungsverhältnisse der Gruppen C und E und der Einrechnung der Vordienstzeiten. Ministerialrat Dr. Wilfling teilte mit, daß der Kabinettsrat bezüglich der ersten Frage einen ablehnenden Standpunkt eingenommen habe, die Frage der Vordienstzeit jedoch im Zusammenhang mit dem Gesetz über Hie DesoldungSordnung geregelt werden sollte. .! Die Abordnung legte gegen diese ablehnende Haltung der Regierung energische Verwahrung ein und teilte mit, daß sie ihre Forderung aufrechterhalten und der neuen Regierung sofort nach ihrer Bildung geregelt werden sollte, ' Das «Sr^esch-'Schletzen in Innsbruck. Innsbruck, 20. November. Die Lage ist unverändert. De« Eisenbahnverkehr ruht auch weiterhin im ganzen Bereiche der Innsbrucks» Staatsbahndirektion. Das gestern eröffnete Scheibenschießen wird heute fortgesetzt. Durch die Landesregierung wurden starke Gendarm e r i eabteilun» gen zusammengezogen, die im Verein mit der Staatspolizer in Innsbruck vorerst allein den Sicherheitsdienst versehen. Die öffentlichen Gebäude und Anlagen sind bewacht. . Im Laufe des gestrigen Nachmittags sind 20 bayrische Schützen mit Kraftwagen in Innsbruck angelangt. Im gan Z sollen jetzt 250 B a h e r n in Innsbruck eiugetroffen sein. 1 Ein tschechischer Protest. Wegen der tschechischen Schule«. Wie bas Tschccho-slIwakische Preßbureau meldrh hat heute eine Abordnung des tschechischen National rates für Niedcrösterreich den Endentemissionsn Denkschrift überreichen sollen, in der gegen die Nichts einhaltung des Friedensvertrages seitens Oesie.'reicht besonders in Angelegenheit der tschechischen Schulen^ protestiert werden soll. 2475 Beamte bei den liquidierenden Aemtern« Obwohl das Jahr1920 zu Ende geht, wird noch fleißig liquidiett. Die Itqtt btmntxn Aemter haben b kanmlich keine Eile und trotz, der Wohnungsnot nehmen sie weitläufige Räumlich-' leiten nt Anspruch. T»e Herren haben ja Ze»t nnd sie sind doch keine jüdischen Flüchtlinge, also können sie sich'S erlauben. Im Einlauf der vorgestrigen Nationalversammlung gelangte eine Za« fchri t des gewesenen F nanzm nisterS Dr. N e i s ch zur Verlekung, welcher z« rntn hmrv »st. daß im glücklichen Wien de»zeit noch 2175 Liquida »ousdeamie tätig find. Tröstlich wnd bcrichie^ es wä' cn m'prünglich t<K25 gewesen, jetzt ginge eS schon viel bester. ES miiste aber fortliquidiert werden und 1935 dürften es weit wentger sein. j Die Prager Exzesse. Erklärungen des jüdifchUationale» Stadtrates Dr. Singer ^Kulturpolitik, Weltkrieg und Sozialismus".! Unter jenen soziologischen Schriftstellern, die jenseits der alten Parteien ihren eigenen Weg wandeln, nimmt seit geraumer Zeit Paul W e i s e n g r ü n eine hervorragende Stellung ein. Sein neuestes Werk „Kulturpolitik, Weltkrieg und Sozialismus", in der Reihe seiner Werke seit 1868 das prägnanteste, bildet in präziser Form nochmals eine Zusammenfassung aller seiner Anschauungen in kultureller und sozialpolitischer Hinstcht. Besonders charakteristisch für die Beurteilung der Weltanschauung Paul Weisengrüns und seiner Stellung zum sozialen Problem ist es, daß er mit alleiu Nachdruck die soziale Frage als ein über wirtschaftliches Problem bezeichnet. „Die Ueberprüfung des Zusammenklingens und Zusammenwirkens ethischer, politischer, nationaler Faktoren, die Heranziehung rein soziologischer Gesichtspunkte; von Zeit zu Zeit ein Versenken in das Unterbewußtsein, ein wacher Blick für die vielen Imponderabilien psychischer Axt, all dies gehört zum Studium und zur Lösung der sozialen.Frage..„Von diesem Gesichtspunkte, von dieser tieferen Erkenntnis des Wesens der sozialen Frage aus kann und muß die Stellungnahme zu den praktischen und theoretischen Aufgaben der Kulturpolitik in ganz anderer Weise erfolgen. als dies bei den meisten sozialistischen Systemen geschieht. Ich will nicht etwa behaupten, daß die meisten sozialistischen Systeme kein reges Interesse für die eigeistiliche Kultursphäre bekunden, aber die fast ausschließliche Einstellung auf das rein Oekonvmische im Sozialen, eine Orientierung, die. weit über den Marxisinus hinaus, schon lange fast alle Lager sozialer Parteien erfaßt hat. gräbt zwischen meiner und den anderen Atlffassungeu eine tiefe 51luft." Es läßt sich tatsächlich nicht leuchten. Kaß eine soziale Umgestaltunü nicht nur eine Aendertrng der Wirtschaftsordttung, sondern auch eine.'ethische und psychische Umwertung der Massen, beziehungsweise Intellektuellen voraussetzt. Dr. Weisengrün hält den Kapitalisinus keineswegs für eine ewige Kategorie der Soziologie und befindet sich daher im tiefsten Gegensätze zu allen liberalen Schulen und zu den Richtungen des echten und wahren Konservativismus. Aber er glaubt nicht an die Methoden, durch die die meisten sozialistischen Schulen den Kapitalismus abschaffen wollen, er glaubt an keinen Selbstzertrüm- -,merungsprozeß des Kapitalismüs, der seiner Meinung nach nicht in den nächsten Jahrzehnten verschwinden wird. ' Dr. Weisengrün hält zur Abschaffung des Kapita» lismus neben der Stärkung der Arbeiterklasse vor allem kultttrpolitische - Arbeit, psychologische Vertiefung in sämtliche soziologischen Verhältnisse und eine ganz andere Erziehung utzd psychische Vorbereitung sowohl der Massen, wie der Intellektuellen für notwendig." Er weist darauf hin, daß im Weltkrieg nicht der Kapitalismus, sondern die noch immer stattlichen Neste des Feudalismus zerstört wurden, wie er bereits in einem Artikel der „Wiener Morgen'eiturg" vom 20. Arpil 1019 darlegte^ ES gibt eine Reihe von Sozialisten, welche als eine der Hanptvoraüssetzungen der Entstehung einer neneu W'lrtschaftsordnnng ein klares Bild über ihre Grundrisse ansehen. Die diesbezüglichen Forderttngen wurden von marxistischer Seite vielfach als utopisch abgelehnt. Weinengrün weist darauf hin. daß die. soziale Wissenschaft der Vorarbeiten für «die Zukunft, der Pläne ja, bis zu einem Punkte des Experiments nicht entraten kann. „Ohne zum Deispiel ein absoluter Anhänger der Plane Pdpper- Lynkeus' zu sein, ohne ztt glauben, daß wir mit der' allgemeinen Nährpflicht bereits die Lösung der sozialen Frage haben, kann doch nicht geleugnet werden, daß diese interessante, großzügige Utopie eine gewisse Förderung der aanLeu ökonomUräen Weiterentwickluno mitaezeitigt hat . . .* „Der Marxismus hat es hier verschmäht, auch' die geringsten Konzessionen zu machen. Wie sehr sich das rächt, hat überall die beginnende Herrschaft der Arbeiterschaft am eigenen Leibe erfahren „Wie hätten Hertzka, Oppenheimer, Popper- Lynkeus nur die geringste Ailfmerksamkeit in sozialdemokratischen Kreisen erringen körtnen, wenn ein so -durch und durch orthodoxer Marxist wie Ballod sie nicht gefunden . . ." Weisengrüns Stellung zum Marxismus, die er bereits 1899 im „Ende des Marxismus", 1900 in der Schrift „Der Marxismus und das Wesen der sozialen Fräge" und 1914 in seinem Buch „Die Erlösung vom Jndividnalismus und Sozialismus" dargelegt hat, gipfelt darin, daß der Marxismus wohl in der Vergangenheit große historische Verdienste habe, „sich überlebt hat und, wie sehr auch der Weltkrieg ihm neues Leben cinzuhanchen scheint, in dem inneren Organismus gebrochen ist". Dr. Weisengrün sieht das Aufgeben der marxistischen Methoden als eine Vorausbedingung für das Glück des. Proletariats, da der Marxismus „die Arbeiter verhindert, ihre Lage richtig einzuschätzen, das Verhältnis zu den Intellektuellen trübt und die für die Entwicklung, notwendigen innigen Beziehungen zur Bauernschaft zerstört." Eine Ueberwindung des Marxismus - erblickt der Autor nur im Zusammenwirken ^der Modernen im Zeichen einer großzügigen. Kulturpolitik. Er glaubt, daß die meisten Anhänger der nichtmarxistlschen Sozialisten viel innigere Beziehungen zur Kulturpolitik haben als die Marxisten, weil die meisten Anhänger des. Sozialliberalismus (GenossenschaftssozialisntuS), die Gesinnungsgenossen Popper-Lynkeus' und ein großer Teil der Anarchisten nicht an einen automatischen, einseitig-mechanischen Gang der Entwicklung glauben. Im höheren Maße noch als im MarxiSuttis erblickt Dr. Weisengrün in einem aroßen Teil der Konservativen, Kleri^