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Wiener Morgenzeitung · 1920-11-21 · Heft 655 (21.11.1920) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
2 (1920)
Issue
Heft 655 (21.11.1920)
Date
1920-11-21
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr 655 Wien. Sonnlag Wiener Morgenzeitung '21. November 192<T Pelzhaus Bemann & Landesmann Taboratrasse Nr. 1, I. Stock empfiehlt sein reiches Lager in allen Arten Pelzmänteln, Stadtpelzen, Füch sen und Verbrämungen in feinster Ausführung rsis nicht älter als 50 und nicht jünger als 25 Jahre'sein darf, den Nachtre's führen muß, wenigstens vier Jäh e Landarbeit getrieben zu haben, und zwei verläßliche Personen als moralische Bürgen zu stellen hat, welche seine menschliche Eignung bezeugen. Die Negierung springt auch jenen bei, die in den. Besitz von Boden gelangt sind und weitere Anlagen für seine^Bebaüung zu errich en genötigt sind. Ger Erfolg hat die Rich> tigkcit dieser einsichtsvollen Gesetzgebung bestätigt und die Zahl der Falliments ist immer kleiner geworden, während der Wert der Anlagen sich gewaltig erhöht hat. Die Erhöhung des Gesamtr:ichtums hat das Maplta', wenig e s vor {tn Kriege, al öcntc'u ntgäit, Jid) gemacht und in deinem Lande war Kapital zu so günstigen Bedingungen und so leicht zu haben wie hier. Es hat aufgehört, ein Klassenprivileg zu sestr,. und ist eine allgemein zugängliche Sache geworden wie das Trinkwasser. Die frnan'iellon Verpflichtungen dieses Meg'erungsshstems von Kapitalanlagen sind leicht zu tragen, da sie von dem ständig wachsenden. Bodenwert ga antiert werden. Dabei ist vorgesehen, daß sie -nicht gehandelt we.'den dürfen, um Spekulationen zu verhüten. Die Zahlung der Anliho ist sehr einfach.-Die ersten fünf Jahre zahlt der zum. Besitzer..gewordene Hauer nur 3 Prozent Interessen, später 4 Prozent bis zur Tilgung der Schuld. Nach dem gegenwärtigen Stand der Dinge kann man die Regierung, als eine Art von Generaltlermielec ansehen, dessen Rechte sich vllMrlick vermindern. Der Großgrundbesitz in Dänemark ist nicht völlig berschwunden. Auf- 250.000 Kleinbesitzer kommen' ungefähr 800 mit größeren Besitzproportionen. Diese aber sind Unternehmungen von landwirtschaftlicher Industrie geivorden, die als Beispiel und Schule dienen. Und da es über 116.000 Kleinbesitzer gibt, denen nach der Bearbeitung ihres Eigenbesitzes verfügbare Zeit bleibt,, können diese mit ihren Söhnen in den großen Unternehmungen arbeiten. Die Schaffung von Kleinbesitzen ist noch nicht gänzlich zum Stillstand gekommen, .-da die heutigen wüseuschaftlich'n Fortschritte auch die Ausbeutung von Böden ermöglichen, die früher verlassen waren und als allzu karg erschienen. ' Viele Arbeiter bereinigen sich zu G e-n o f se n s ch afttzn zum Zwecke der Erlangung technischer und wissenschaftlicher Vorteile, und diese werden von der Regierung gleichfalls finanziell gefördert. Kurz, Dänemark hat Hhnei allen Klassenkampf eine Revolution durch geführt. Es hat eine soziale Demokratie auf den vier Grundpfeilern, der Ehrlichkeit, Disziplin, Erziehung und Arbeit, errichtet, und es ist ihm in weniger einer Generation gelungen, Elend in Reichtum zu verwandeln. Das Gesetz hat sich hiebei völlig einfacher Mittel und keineswegs tyrannischer Verfügungen bedient. . Ei« jüdischer Vertreter Polens im Völkerbund. Die polnische Regierung hat vor Einiger Zeit Professor Simon Aschkenash zum .bevollmächtigten Minister und Vertreter der polnischen Nepullik beim Völkerbund" ernännk Aschkenash weilte vor kurzem m London, um die polnischen Ansprüche auf Dcu^ig zu vertreten und für ein 'künftiges polnisches Wilna Propaganda zu machen, dessen Zukunft nach dem Zieligowski-Abenteuer unbestimmt geworden ist. Die Tatsache, daß ein Jude von der polnischen Regierung mit einer so wichtigen Mission betraut worden ist, ist überaus schwerwiegend und es könnte der Fall eintreten, daß Aschkenasys Auftreten im Völkerbund für die Juden ln. Polen bis zu einem gewissen Grade entscheidend werden kynnte. Es sei darum festgestellt, daß Aschkenash eure jener typischen Assimilantensiguren ist, denen man im volnischon Judentum von Zeit zu Zeit an exponierter Stelle begegnet und welche, indem 'sie Stellen erlangen, die einem volkSbewußten Juden verschlossen bleiben, für' das Judentum keinen Nutzen, aber eine Gefahr bedeuten. Charakteristisch für Aschkenasys Stellung zur Jndenstage ist ein Interview» das er einer Londoner jüdischen Zeitung gewährt hat. Er gibt die schwierige Lage der. Juden iy Polen zu, erklärt jedoch, die Situation der Juden sei in anderen Ländern nicht viel günstiger und die Juden müßten ftlbst das ihrige dazu tun, um die Gegensätze zu überbrücken. Wie sie das anstelle« sollen? Ueber die Mitte! ist der gelehrte Historiker Aschkenash nicht in Verlegenheit: Siesollen oufhören, Jüdisch zu sprechen, sie sollen die äußeren Kennzeichen ihres Judentums «bleuen und schließlich empfiehlt er innen, möglichst bald und in großer Zahl — nach Rußland ouS- LÜwandern. Was die polnische Negierung betreffe, so bedürfe sie entsprechender Zeit, um das arme und fanatisiorte Molk auf eine höhere Kulturstufe zu heben. Auch die Juden rm Ausland konnten» wie Aschkenash meint, vieles dazu beitragen, um dis Frage des polnischen ' Judentums tu günstigem Sinne zu beeinflussen. Sie sollten durch ihre bedeutenden / Repräsentanten, wie zum Beispiel Lord Neatzing in England, ihre Freundschaft für Spcltns zum Seite 3 Das erneuerte Kabinett NW. Die christlichsoziale Rumpfregierung in zweiter Auflage. neue Regierung Bon unserem ParkamenLsberichterftaltee. Gestern vormittags hat sich Dr. Schober end- -gültig für die Zumutung bedankt,> als Prügelknabe für die Gelüste der christlichsozialen Parteiführer zu dienen, die den Wiener. Polizeipräsidenten .dazu veranlassen wollten, eine Regierung zu bilden, die nach der Pfeife der Christlichsozialen zu tanzen und ihren Rücken für die Angriffe der sozialdemokratischen Opposition herzuhalten hätte. Die von ihm in Vorschlag gebrachten Fachmänner hatten auch nicht in allen Fällen Gnade in den Augen der chnstlichsozialen Führer gefunden und schließlich mußte man bei der Fürwahl der Personen auch noch die Sonderwünsche der Grotzdeutschen berücksichtigen. deren Stimmen für die Wahl des neuen Kabinetts unentbehrlich schienen. Dazu kam noch, daß mancher in Aussicht genommene Fachmann seine Mitwirkung an dem geplanten Kabinett Zurückzog. Da diese Schwierigkeiten nicht beseitigt werden konnten, hielt Polizeipräsident Schober seine Mission für endgültig gescheitert. Diesen Fall hatte Herr Dr. Seipel, dem die taktische Führung der chnstlichsozialen Vereinigung obliegt, bereits vorgesehen: er hat für ihn bereits, die andere Alternative vorbereitet, die darin besteht, das nur mehr aus christlichsozialen Parlamentarierern und einigen Beamten bestehende Rumpskabinett durch etliche Beamte zu ergänzen und es unter dem Namen eines Fachmännerministeriums dem Nationalrat zur Wahl vorzuschlagen. Der christlichsoziale Klub beschloß denn auch'gestern vormittags, um das ihm von Dr. Schober zuteil gewordene Refus zu bemänteln, der Oeffentlichkeit mitzuteilen, daß die in Aussicht genommene Berufung Schobers zum Bundeskanzler „zufolge vieler aufgetauchter Hindernisse fallen gelassen worden sei". Gleichzeitig wurde Dr. Mayr mit der Kabinettsbildung betraut. Es wurde dann noch die Willensmeinung der Grotzdeutschen eingeholt, die dem neuen Kabinett ihre Stimmen zuzuwenden sich bereit erklärten, sich aber .in sachlicher Beziehung vollkommen freie Hand Vorbehalten und ihr Verhalten gegen die neue Regierung nur von sachlichen Gesichtspunkten abhängig machen wollen. Um den Anschein zu vermeiden, daß sie mit den Christlichsozialen eine Koalition geschlossen! haben, zogen sie ihren Vertrauensmann im Kabinett, den Justizmlnister Dr. Roller, bedingungslos zurück: allerdings verbleibt noch der VerkehrSminister Dr. Pesta im Amt, , der. .ebenso wie einer oder der andere der neu hinzugekommenen Kabinettsmitglieder, den Grotzdeutschen parteipolitisch nahesteht. Die Sitzung detz Nationalrates, der eine kurze Beratung des Hauptausschusses voranging, um den Wahlvorschlag endgültig festzustellen, war nur von ganz kurzer Dauer. Der neugewählte Abgeordnete Ottokar C z e r n r n leistete zunächst die Angelobung, worauf nach Mitteilung der Gesamtdemission des Kabinetts Professor Seipel Len Wahlvorschlag für die * erstattete. ' i Die Vorlesung der Namensliste wurde auf deH sozialdemokratischen Bänken stellenweise mit höhnv schem Gelächter und witzig sein sollenden Zwischen!/ nrfen ausgenommen. Besonders tat sich dort Herr WiLternigg aus Salzburg hervor, der schließlich sogar zum Gaudiüm seiner engsten Gesinnung^ genossen mit vorgehaltener Hand den.Generalmarsch blies, was einen Großdeutschen zu dem Zwischenruf: „LauSbübischeS Benehmen!" ) veranlaßte. Als der Name des Handelsmini sters. Heinl verlesen wurde, erscholl von den sozialdemokratifdjen Bänken der Ruf: „D e n b r i n g e n w r r n i min e r m e h r weg 1" Die Nennung des Namens G r ü nberger wurde mit dem geschmackvollen Zwischenrufs „O je, jetzt müssen wir weiter Maisbrot fressen!" begleitet. Dr. Seipel legte folgenden Wahlvorschlag des Hanptausschusses vor: j Dr. M.chael Mayr — Bundeskanzler Dr. Walther Brejsky — Vizekanzlern Sektrorrschef Egon G1 a n z — Bundes« minister für Inneres und Unterricht. | Sektionschef Dr. Palt auf Bundesminister für Justiz. i Sektionschef Grimm — Bundesministet für Finanzen. Minister Dr. Pesta für Verkehrswesen. Abgeordneter Alois .tz aus Ls — Bundes« minister für Land- und Forstwirtschaft. | Abgeordneter Eduard ® ein 1 — Bundes«, minister für Handel, Industrie und Bauten- Abgeordneter Zofef Refch — Bundes^ minister für soziale Verwaltung.. j tzofrat Dr. Grün berge r — Bundes« minister für BolKsernührung. f Gleichzeitig fei der Bundeskanzler GsAor Mayr mit der Leitung des Auße«'- a m t e s, Dr. G l a n z mit der Leitung des Heeresamtes und Dr. Brejfky m«$ der Führung des Bundesministeriums für: Kultus und Aut erricht zu betrauern Bei der Abstimmung wurden 158 Stimmen gei zählt.' Die neu e Reg ierung wurde mit 90 Stimmen der Christlichsozialen, der G r o tz d e u t-i scheu und des Abgeordneten Ottokar Czernin ge» wählt. Die 59 anwesenden Sozialdemokraten hatten gegen das neue Kabinett ihre Stimmen abgegeben^ Bundeskanzler Dr. Mayr erklärte namens des. Gesamtkabinetts, die Wahl anzunehmen, worauf die; Sitzung geschlossen wurde. . j Dr. Mayr wird Dienstag im Nationalrat fein Programm entwickeln, woran sich eine auf zwei Sitzung gen berechnete Erklärungsdebatte anschlietzen soll. - - Nächste Sitzung: Dienstag den 23. Novembers 3 Uhr nachmittags.. I Brmdesmirrister Ausdruck bringen und müßten aufhören, gegen Polen zu arbeiten. Wie man sieht, hat sich der Jude, den Polen in den Völkerbund entsandt hat, die Argumente der Antisemiten durchaus zu eigen gemacht. Und Herr Aschkenash bring! es fertig, dem Redakteur der Londoner „Jewish Times" zu erklären, die Juden von Wilna, welche Lei der bevorstehenden. Volksabstimmung nicht für Polen stimmen werden, würden sich damit den schwersten Schaden zufügen. Es ist fraglich, ob diese in London ausgesprochene verhüllte Drohung die Juden von Wilna veranlassen kann, auf ihre Zugehörigkeit zu Litauen, dem einzigen Staat, in dem die Juden neben allen bürgerlichen Rechten eine ausgebaute nationale Autonomie besitzen, zu verzichten, um dafür die polnische Staatsbürgerschaft einzutauschen. Aber man sieht deutlich, was die Judenheit' von den Aschkenasys und ähnlichen jüdischen Figuren zu erwarten hat. Das Judentum Polens, das sich im Kampfe um seine bürgerlichen und nationalen Minderheitsrechte befindet, könnte es > eines > Tages erleben, daß sich im Rahmen des Völkerbundes ein Jude findet, der sich als dessen Vertreter gebärdet und ihm in den Rücken fällt. Andererseits aber werden durch den Fall Aschkenash wieder einmal die Verhältnisse aufgedeckt, in denen sich die Juden des Ostens befinden. Was - droht den Juden in Polen angesichts des durch die Wilnaer Affäre neuerlich entfachten Nationalismus, wenn Wilna den Polen verloren geht? Bon der englischen Arbeiterbewegung. Der Vorstand der Unabhängigen englischen Arbeiterpartei (Independent Labour Party) hat für den nächsten Parteitag ein neues Programm vorbereitet, das für dre Entwicklung der politischen Auffassung in der englischen Arbeiterschaft sehr bezeichnend ist. So wird^ßum Beispiel der demokratische Parlamentarismus für normale Verhältnisse anerkannt, jedoch erklärt, daß in revolutionären Lager, anders Methoden nötig kein können. An derselben Stelle wrrv noch davon gesprochen, datz unter bestimmten Umständen die d i rot re Aktion nicht zu umgehen sei. Das beste Mittet,. eine .friedliche Revolution" (paeefull revolution) zu erreichen,' sei, die organisierte Arbeiterschaft vorzubereiten zur Ueber-! nähme des industriellen Mechanismus, um sie so vom Kapi» talismus zu befreien. Im übrigen wird die Vergesellschaftung von Grund und Boden und der Industrie gefordert. Jedep Industriezweig ist zu verwalten von der Arbeiterschaft zu» sammen mit den Konsumentenvertretern. j Als vorläufige Maßnahmen sirw zu erzielen: a) Effektives , Kontrolle durch die Arbeiteischaft, L) Ausschaltung des Kapitalismus und Verhinderung der Neubildung von ausbeuten» - dem Finanzkapital, c) die Beschränkung des Rechtes auf Unter- : halt nur auf jugendliche, kranke und alte Personen sowie.2«$ die werktätige gesellschaftlich nützliche Arbeit leistende Be»" völkerung. 4 Punkt 7 behandelt die internationalen Beziehungen dev Arbeiterschaft und betrachtet es als eine Aufgabe, der I. L. P.st den Imperialismus zu beseitigen und Kriege unmöglich zu machen. Sie erstrebt deshalb vollste Entwicklung dev internationalen Arbeiterbewegung, wirksamste Aktion durch diese Bewegung zur Verhinderung von Kriegen und zur Befreiung der untcrtoorfenen Völker und die Mithilfe am Siege;' der werktätigen Klaffe in allen Ländern. ** , \> Der NMsnalrat in Palästina ksuftitttierL! JeVu^alom, 10. November. (Verspätet.) (Jervish CorrE Bur.) Auf der konstituierenden Sitzung wurden Dokdrv Th o n, David A e l l i n und Ben Z w i nebst Dr. L e w'ff ins Präsidium gewählt. Hierauf wurde ein Arbeitsaus^ schuß e'ngefttzt, der aus dem Präsidium und zehn Bei-, röten besteht, ferner mehrere Kommissionen bestimmt.! Die orthodoxen Delegierben, die sich'aus der National-! Versammlung zurückgezogen hatten, haben durch-eine! hierauf vorgenommene geheime Abstimmung die Oppo^ }"tt:n anfgegeben,. worauf Oberrc.bbiner Cook. N Saphirs I. Zwebner und M. Margowski die freigebii.denen Sitzv im Nationalrat bezogen. (Nunm hr gehören d.m jüdisch:« Nationalrat von Palästina, der durch die behördliche Bestätigung einen gewissen offiziellen Charakter erhalirrn! hat, sämtliche jüdischen Gruppen von Palästina nn.)j

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