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Wiener Morgenzeitung · 1920-11-19 · Heft 653 (19.11.1920) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
2 (1920)
Issue
Heft 653 (19.11.1920)
Date
1920-11-19
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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SeVe 2f Wien. Freitag Politische^undschau. Brief aus RumLnieu. Die Lage der Juden in Großrumänien wird am «besten damit gekennzeichnet, daß festgestellt wird, daß die sowohl in Altrumänien als auch in den neurumän'.schen Gebieten amtierenden maßgebend sn Re°- Uierungsmänner untereinander in heftigem Streit darüber sind, vb und inwieweit der Friedensvertrag von Saint-Germain hinsichllich 'der Rechte der nationalen Minderheiten respektiert, bezieh ungswe'ss umgangen werden soll. Während zum Beispiel General Averefcu eine rücksichtslose Romanisierung befürwortet, tritt der Äußenminister Take Jonescu für die Respektierung der Rechte der nationalen Minderheiten ein. Auf der anteren Seite warnte Professor I. Ni stör in seiner Senatsrede vor zu weitgehenden Konzessionen an die Minoriiäün, welche zu einer „Austrianisierung" Rumäniens führen müssen. Seiner Meinung nach genießen tie Minoritäten in Rumänien schon jetzt vielzüviel Vorrechte. Gegen diese Auffassung stellte sich der.gewesene Ministerpräsident Vaida-Vojvod, der die Rechte der nationalen Minderheiten gewahrt zu sehen wünscht und es für Rumänien als äußerst wichtig erklärt, daß die nationalen Minderheiten in Rumänien mehr Freiheiten genießen, als dies in den Nachbarländer» der Fall ist. Daß in diesem Widerstreit der Anschauungen die Juden das Opfer sind, läßt sich Leicht denken. Die leitenden Beamten der einzelnen Provin e r sind eben gleichfalls Parteimänner und es hängt das Schicksal der Juden eines Gebietes lediglich davon ab, ob der obers'e Beamte dieses Landstriches der Anschauung Averescus, beziehungsweise Nistors huldigt oder der Ansicht Take Jonescus und seiner Gleichgesinnten zu folgen gewillt ist. So wird zum Beispiel die sogenannte Evakuierungsverordnung von -jedem Beamten willkürlich ausgelegt -und gehandhabt, und die Fol^ davon ist, das; zum Beispiel in Siebenbürgen mehr als'250 jüdische Familien, welche seit Jahrzehnten, manche von ihnen sogar weit über hundert Jahre in Siebenbürgen ansässig sind, durch einen einfachen Ausweisungsbefehl bedroht werden. Der Jüdischnationule Verband für Siebenbürgen nimmt sich wohl aller dieser Familien an, manchesmal auch mit Erfolg, doch nehmen diese Willkürakte so sehr überhand, daß der Verband sich gezwungen sah, an die Zentrale der Zionistischen Organisation in London mit dem Ersuchen sich zu wenden, dieser Angelegenheit die dringendste Aufmerksamkeit zuzuwenden. Auch in der Bukowina macht sich der Judenhaß der Beamten in sehr bedenklicher Weise breit. Die Folg»'davon ist, daß immer mehr jüdische Beamte, welche seit langer Zeitkauf ihren Posten sitzen, entlassen werden.' . Daß durch die Angliederung der newzn Gebiete Großrumänien >ein Nationalitätenstaat par excellence geworden.ist, geht aus der amtlichen Statistik für das Jahr 1920 hervor. Danach gibt es in den durch die Friedensverträzean Rumänin äng'gliederten Provin s.r insgesamt 4,984.142 Rumänen und 4,15^923 Nichtrumänen. Von den letzteren sind ungefähr 600.000 Juden, und zwar: 267.000 in Beßarabien, 102.000 in der Bukowina, 64.074 in Siebenbürgen, 14.629 im Banat, 52:769 im Köröser Komitat und 93.396 in den Komitaten Marmaros und Szatmar. ■ Es wäre für die rumänischen Juden' äußerst wünschenswert, wenn b'.e rumänischen Regierungsmänner bezüglich der Juden des eigenen Landes dis-e'be Ansicht zur Geltung bringen wollten, welche zum Beispiel Minister Oklavian Goga vor kurzem hinsichtlich der Judenfcage in Ungarn zum Ausdruck gebracht hat. Goga sagte nämlich hierüber folgendes: „Ich bedaure Ungarn aufrichtig wegen der Dinge, welche sich in Budapest jetzt täglich zutragen. Soeben erhalten wir die Nachricht, daß ein rumänischer Kurier gröblich beleidigt wurde. Wollen die Ungarn uns um jeden Preis provozieren? Ich würde die Sache sehr absonderlich finden, würde itch die ungarische Geschichte nicht kennen und nicht wissen, daß die Ungarn immer das gemacht haben, was unzeitgemäß ist. Ausgerechnet jetzt machen. sie judenseindliche Politik, wo das Land so sehr verarmt ist, auf die Produktivität der Juden und auf das ausländische jüdische Kapital angewiesen ist. Wie können sie daran denken, im Auslande Anleihen zu bekommen, wenn sie zu Hause diese undenkbare Politik forcieren? Sie kennen doch genau das Zusammenhalten der Juden und dennoch — es ist ein phantastisches Volk, dieses ungarische Volk!" l Wie gut wäre es doch, wenn Goga wenigstens diesen, wenn auch nicht bedingungslos judenfreundlichen Standpunkt auch seinen Landsleuten in der Heimat beibringen könnte! Oder glaubt etwa Goga und glauben'alle anderen rumänischen Politiker, daß das Zusammenhalten der Juden Rumänien gegenüber versagen würde? Sie müßten, wenn sie ihre Haltung nicht bald ändern, rasch vom Gegenteil überzeugt werden. Der SLantsrat für MesopoLc^rcic;.. r Aus London wird uns berichtet: Auf eine Anfrage über die Ergebnisse der Mission des Ober- Kommissärs Percy Cox in Mesopotamien machte Bonar Law im Unterhaus folgende Mitteilungen: High Commissioner Cox hatte die Aufgabe, vor allein eine prcn Pi so rische Negierung eiuzusetzen und ein W ahll ge setz ausaröeiten zu lassen, aus Grund des/n in möglichst kurzer Zeit die Wahlen für den ^iuzu.-.-rnseu- .den. VjertretunLI.köcper der ^samten Bevöilerurta. vor; Wiener Morgenzelttms Mesopotamien vorgenommen werden sollen. Dreißig ehe' malige Abgeordyete sind nunmehr als Vorbereitungskomitee mit der Ausarbeitung dieses Wahlgesetzes b«rschäftigt, welches in kurzer Zeit auch fertiggestellt werden wird. Da jedoch die-'Durchführung der Wahlen aus verschiedenen Gründen immerhin noch einige Zeit wird auf sich warten lassen, hat der High Commissjoner, um den unmittelbaren Bedürfnissen des Landes zu entsprechen, einige provisorische Maßnahme getroffen. Der Naquib von Bagdad, dessen allgemeines Ansehen ihn für eine führende Rolle außerordentlich geeignet erscheinen läßt, wurde mit der Bildung eines Staa tsrates zur Führung der Verwaltung des Landes bis zum Zusammentreten der Nationalversammlung betraut. An der Spitze dieses Staatsrates steht her Naquib als Präsident. Der Staatsrat wird aus 17 'öder 18 Mitgliedern bestehen, von denen außer dem Präsidenten acht Portefeuilles für'besondere Ressorts, die zum Teile schon bestehen, vorgesehen sind. Diesen acht Resfortministern werden Staatssekretäre beigegelen, der gesamte Staatsrat untersteht dem High Commissioner. Bisher wurden vom Präsidenten des Staatsrates folgende Persönlichkeiten eingeladen, an der Bildung der provisorischen Regierung teilzunehmen: Saiyid Talks Pascha auH- Basra; Sassoon Effendi Haskail,' welcher vor dem Kriege eine ottomanische Regierungsstelle bekleidete; Hassan Paschaschi, ein führender Rechtsanwalt in Bagdad; Müstapha Alusi aus Bagdad, ehemals Kadi von Mekka; Jzzat Pascha aus Kirkuk; Afar Pascha, der in der Armee des Emir Faisül den Rang eines Generalmajors bekleidete; Muhamed Fadhli, Bürgermeister von Mosul, und Abdul Latif Pascha, ein angesehener 'Kaufmann aus Basra. Zu den übrigen Mitgliedern des Staatsrates zählen der Führer der Christen in Bagdad und ein angesehener Christ aus Mosul, ferner ein Kurdenführxr aus Sulaimanizah, das Haupt einer führenden Schiahfamilie aus Bagdad und die zwei einflußreichsten Scheiks der Schiahstämme. Alle diese Verfügungen hat der High Commissioner nach einer Informationsreise in die Wilasets Basra, 'Bagdad und Mosul und auf Grund der daselbst mit den Führern aller Bevölkerungssch'.chien gepflogenen Beratungen ge' troffen. / 'Llrrhren in Karpathorytzland. Das autonome Karpathorußländ, in dem bisher politisch ein völliger Ansnahmszustand herrschte, hat an den Wahlen in der Tschecho-Slowakei keinen Anteil nehmen können. Nunmehr sollen auch in diesem Gebiet die Wahlen ausgeschrieben werden, und zwar sowohl die Parlamentswahlen als auch die für den autonomen Landtag, welchen diese Provinz erhalten soll. Karpaihorußland weist eine derart dichte jüdische Bevölkerung aüf, daß es dieser bei einigem Vorgehen leicht ceiingen könnte,' je einen jütischen Kandidaten in Parlament und Senat nach Prag zu entsenden und mehrere Sitze im selbständigen' Landtage zu erobern. Die näheren Bestimmungen für die Wahlen und ebenso die Festsetzung des Zeitpunktes dürfte ehestens erfolgen. Auch steht noch nicht fest, ob die Wahlen in? Parlament auf direktem Wege oder aber durch Wahlmänner stattfInden -sollen. Wie bereits gemeldet, haben die „Ve einigten jüdischen Parteien" in der Tschecho-Slowakei beschlossen, in Karpathorußland eigene Kandidaturen auszustellen, und es ist ihnen gelungen, die jüdische Bevölkerung dieser Provinz für ihr Programm zu gewinnen. Die Behörden dieses bisher durchaus diktatorisch verwalteten Gebietes stehen übrigens der Aufstellung eigener jüdischer Kandidaturen sympathisch gegenüber und eine eigene jüdische . Koltspolitik wäre ein zwriselloser G-.'winn für das ganze Land/ wo die verelendet: und vielfach analphabethische ruthen'.sche B-wölkernng leicht den hetzerischen Einflüseu magyarischer Agitatoren zu erliegen droht.' IMmck. . Dsr Schutz der uationalen Minderheiten. Eine Mahnung de« Klagenfurter Plebiszirkommission. KlaIenfurt, 18. November. Die ^lwiszukomm sston in Klagcr.fnri hat unter dem L> ewigen an dir Bevölkerung des Abstimninngsqcbielcs eme Peoklamattan erlassen, in der gesagt wird: Wir erklären, daß mit dem heutigen Tage unsere Mäsion beendet ist und von nun an die V rwaitung bcibcr Zonen des Abstimmnrigsgrbie'eS in vollm Umfang am die rechlmäßigen Gewalten der R e p u b l r k O c st e r r e r ch übergeht. In Beendigung unserer Ausgabe wünschen wir im An'enbl'.ck der tormellen lle&cißa'jc der Be: walttmg an die vstcrrcich-sche Regierung besonderen und fcinlitljar N a ch o r u ck auf die B e st immun g e n d e s F r r c d e rr s v c r l r a g c S v o n S a in t- G c r m a i u, betreffend dcnSchutzderMinderbeite n, z il l e g e n, welchen der Völkerbund garantiert. i ezen für Palästina. Ierusale in, 15. November. (Jewish Corr. Bur.) Die Zweite Tagung des aus Vertretern aller Glaubens- Lckcnntnisse bcstchende» Advifory Council, die am 12. November zusantmengeicefen ist, faßte folgende Resolutron: „Als Vertreter särntlichcr palästinensischen Einwohner fordern wir einstimmig, dasr die Nordgrenze den unteren Lauf des Lithemiflnsscs, alle Gebiete der Jordan, und Iarmulthäler und alle nlnsse cinfchließen soll, und crs-?chen/üeu High Eo^nmissioncr, die hiefürnot. wendigeu Schritte zu nnternehmett?' 'lg. November vm Nr. 653 Telegramme. Erfolge der Rottruppe«. Die Sowjettrrrppen i« Kamenetz-Podolfk. —- Kertsty grfaAe». — Ungeheure Beute. Atvskau, 18. November. (Funksprnch.) Frontbericht vom 17. Itovember. Wir haben uns der Stadt L e t itschew auf 10 Werst genähert; der Vormarsch dauert erfolgreich an. In der Vormarsch richtung auf Pro s k urv tv tvurde der. Widerstand des Feindes .nach hartem Kampf gebrochen.. Unsere Tnrppen nähern sich dem Bug. Die Zahl der Gefangenen ist bedeutend, die Beute beträchtlich. Am- 16. November besetzten wir die Stadt Kayrenetz-Podolsk. Südfronf. Im Gebiet von Feodosia haben wir überall die K ü st e erreicht. Die Stadt K e r t s ckj wurde von unserer Reiterei ohne Kampf besetzt; ungeheure Beute ist hiebei in unsere Hände gefallen Der Kampf um Wilna. Warschau. 18. Novenrber. (Poln. Tcl.«Ag.) Der miltellitauische Fionlbericht vom 12. d. M. besagt: Nach starker arüllnistischer Vorbereiiung smd die Truppen der Kownocr Regierung aus der ganzen Front gegen W'lna zur Offmstve übergegangen. Der Angnff ist auf der ganzeu Linie vollständig ab»j gewiesen werden.! Genf, 18. November. Der Völkerbund hat von der briti-- schen Negi.rung die Mittcilung erhalten, daß ste sich damit - einveistnid'n erklärt, zur Aufrechterhaliung der Ordnung während der Vvltsavstuunnmg im Gebuie von Wilna Truppen dvrthm zu entsenden. Auck bic spanische, die franzvsi sch e und du belgische Regierung haben eingewrlligt, Trappen zu senden. Dre Entente über Balachvwiez' Pogrome. Riga, 15. November. (Privat.) Die Nachrichten über die Greuel der Balachowrcz-Truppen gegen die jüdische Bevölkerung haben in Ententekreisen großes Aufsehen erregt und starkes Mißtrauen gegen Balachowicz' antibolschewikische Kampagne hervorgerufen^ Die Ententeregrerungen haben ihre Gesandten und Konsrün in Riga, Kowno und Warschau angewiesen, so schnell als möglich genaue Berichte über die Gewalttaten der Baiachowicz-Truppen gegen die jüdische Bevölkerung einzusenden. Der englische Vertreter bei der lettischen Regierung in Riga ist nach Dünaburg abgereist, um von dort nach den Orten zu, gelangen» welche von Balachowicz-Truppen besetzt sind. Die Reise hat den Zweck, eine Untersuchung über die Judenpogrome der Balachowicz-Trupp e n z u f ü h r e n. Zusammen mit dem englischen diplomatischen Vertreter reisen einige englische Offiziere» Die Senatsfrage in Polen. Warschau, 18. November. (Poln. Tel.-Agentur) In der gestrigen Sitzung des Verfassungsausschusses des Landtages haben die Vertreter der Rechten einen auf die Einführung eines gewählten Senats abzielenden Kompromißantrag eingebracht. Danach soll der Senat aus auf Grund des allgemeinen, gleichen, geheimen und direkten Wahlrechtes zu wählenden Mitgliedern bestehen/ wobei auf je 300.000 Einwohner ein Senator entfallen würde. Außerdem sollen verschiedene Körperschaften das. Recht besitzen, Senatoren zu wählen. Die Parteien der Linken haben sich zu diesen: An-. trag bisher nicht geäußert. Demission der finnischen Regierung. > Kopenhagen, 18. November. Blättermeldungen aus Helsingfors zufolge haben sämtliche Mitglieder der Regierung um ihre Entlassung gebeten, weil der Reichstag die Vorlage über die Grenzbewaff* nungsmatznahmen abgelehnt hat. Der Präsident von Finnland hat den sozialdemokratischen Führer Tann ex ersucht, die neue Regierung zu bilden. Englisches Unterhaus. London, 18. November. (Reuter.) Im Untere Haus lenkte ein Abgeordneter die Aufmerksamkeit der Regierung aus eine offizielle Mitteilung, wonach, dem deutschenKaiser feit Jänner 1919 bis zum heutigen Tage aus Deutschland 4,236.600 Pfund Sterling übermittelt worden seien. Er verlange die Beschlagnahme des Privatvermögens der Hohen' zoll ern zur Unterstützung der Opfer ihrer Politik. Bonar Law antwortete, der englische Botschafter in Berlin habe in dieser Angelegenheit Wersungen erhalten. Ueber die letzten Ereägnisse in Griechenl a n b erklärte Bonar Law, Frankreich und England hätten nach dem Wortlaut der Einleitung des Vertrages .von Sevres in der Frage der Rückkehr Konstantins ans. den griechischen Thron völlig freie Hand. Die Vorgänge in Griechenland. Athen, 18. November. (Havas.) Die bisher vor» liegenden Ergebnisse der Wahlen bei den Jronttruppen in Kleinasien haben den Anhängern von Venizelos^ einige Sitze gebracht. Diese rechnen damit, daß von den 368 Mandaten der Kammer 150 bis 160 von ihnen be- | seht werden können. Nhallys hat sich mit den Führern der royalistischen Partei darüber beraten, ob die neue Negierung dem Regenten oder der Königin Olga den Cid zu leisten habe. Für 5tönig Konstantin fanden .Kundgebungen *n den Straßen statt»

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