Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 651 (17.11.1920)
- Date
- 1920-11-17
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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JSfieT"'' SCIeit, Mlltwach ftaiser Josef-Statuen um. Daß das Ansehen des Staates diese Brutalisierung der primitivsten Grundsätze der Demokratie zum Teufel geht, ahnen die Leute gar Nicht. Ebensowenig kommt ihnen zu Bewußtsein, daß sie mit solchen Exzessen nur die noch latente Staatsderdrossenheit stärken und der im Hintergrund lauernden Restauration in die Hände arbeiten. Auf solche Weise wird die tschechische Republik nie Zur Schweiz werden. Maisbrot ln Permanenz. , Kr. Wien, 17. November. Die Reparationskommission hat, wie Bürgermeister Reumann gestern im Stadtsenat mitteilte, eine scharfe Kontrolle der Wiener Brotmischung gefordert. Dem Bericht des Ernährungsamtes ist zu entnehmen, daß wir derzeit scholl ein Mischungsverhältnis von 50 Prozent Weizen und 50 Prozent Mais in unserem täglichen Brot haben und daß dieses Verhältnis bis auf weiteres beibehalten werden müsse, um einerseits täglich 90.000 holländische Gulden oder 7.2 Millionen Kronen zu ersparen, und andererseits mit den Ablieferungen der Brotfrucht von den Produzenten selbst bei - dieser Mischung das Auslangen zu finden. Die Reparationskommission scheint aber nach ihren bisher gemachten Erfahrungen die Vrotversorgung Wiens nicht mehr den staatlichen und kommunalen Geschäftsführern überlassen zu wollen, denn laut Verordnung der. ReparationSko.m- Mission soll eine Kommission eingesetzt, werden, die in Hinkunft nach den jeweils einlangenden Mengen - von Mehl und Getreide das Mischungsverhältnis festsetzen wird> Die Reparationskommission erklärt also klipp und klar, daß wir unfähig seien, unser Haus selbst mit den uns zur Verfügung stehender; Mitteln selbständig zu bestellen. Sie übernimmt daher auch in dieser elementarsten Brotfrage die Kuratel über Wien und Oesterreich. In einfachen, allen verständlichen Worten besagt diese Verfügung der Reparationskommission nichts anderes als: Nachdem wir nicht die Macht aufbringen, eure Bauern und sonstigen Produzenten zur Ablieferung deS Überschüssigen Getreide- und Mehlquantums zu beranlassen, so bleibt eben nichts anderes übrig, als Latz ihr ein zum größeren Teile mit Maismehl versetztes Brot esset. Es geht nicht an, für Edelmehl Schulden zu machen, so lange dieses Edelmehl im Lande selbst vorhanden ist. Also entweder heraus mit dem vorhandenen Getreide, -der es wird Maisbrot gegessen. Diese Introduktion des christlichsozialen Regimes klingt durchaus nicht ermutigend und zeigt, wie wenig Glauben den Versicherungen zu schenken war, daß dis Christlichsozialen aus Ungarn die Rettung bringen könnten. Es wird Zimmer klarer, daß auch Dt. WeiSkirchner in Budapest nur dann hätte einige hundert Waggons Mehl oder Getreide erreichen können, wenn er in der Lage gewesen wäre, dafür westungarische Gebiete wegzuschachern. Von Ungarn ist gegenwärtig nichts anderes zu erhalten als Emissäre des weißen Terrors, Spitzel für die Restauration und im besten Falle politische Makler, die tagtäglich sich jetzt in den christlichsozialen Vierteln herumtreiben, um irgendein unsauberes politisches Geschäft zu schieben. * Auch mit den österreichischen Landwirten hat die christlichsoziale Partei kein Gluck. Die Bauern waren ahne weiteres zu haben, als die christlichsoziale Parteileitung sie gegen Wien aufhetzte und ihren Widerstand, dem roten'Wien den Pflichtteil an Getreide übzuliefern, aufftachelte. Das Kommando der Parteileitung verhallt jedoch ohne jeden Erfolg in dem Moment, wo es gilt, ein Opfer zu bringen und dem schwarzen Wien zu Hille zu kommen. ES ist nun offenkundig geworden, daß die während der Koalitionsherrschaft von den Christlichsozialen verbreitete Behauptung, daß die Bauern nur den Sozialdemokraten das Getreide verweigern, einer christlichsozialen Majorität aber ihre Kornkammern offnen würden, nichts als.bewußter Schwindel war, mit dem man auf den Stimmenfang ausgezogen ist. Die Reparationskommission mußte zur gleichen Neberzeugung kommen, und denkt nicht daran, den Aufrufschwindel der letzten Wochen weiter mitzuwachen. Sie geht korrekterweise nicht so weit, die in Oesterreich vorhandene Brotfrucht 'selbst aus den Verstecken hervorzuholsn, sie erachtet es aber als ihre Pflicht, darauf zu sehen, daß die Schuldenlast Oesterreichs wenigstes dort eingedämmt werde, wo ihre weitere Anhäufung sich nur aus dem Verschulden des Landes selbst und aus der Ohnmacht seiner Parteien ergibt. Die Reparationskommission steht auf dem Standpunkt, daß die Versorgung Oesterreichs mit lauter Edelmehl zur Herstellung eines Weißbrotes eine Prämie bedeuten würde Mr die rücksichtslosen gewinnsüchtigen Landwirte, die aus der Not des Landes und aus der Hilfsbereitschaft des Auslandes. schon so viel Kapital geschlagen haben. Dazu ist allerdings die Reparationskommission. und das Ausland nicht da. Man merkt überhaupt, daß, je länger ernste Ausländer unsere Lage hier an Ort. und Stelle studieren, desto eindringlicher bei ihnen die Ueberzeugung Wurzel lchlägt, der wir schon so oft Ausdruck verliehen haben, daß es in Oesterreich heute nur zwei Kategorien von Menschen gibt: Die einen, die selbst schnorren, und die anderen, die ihre Mitmenschen schnorren lassen, ohne selbst zu helfen, obgleich sie Hilfe leisten könnten. Die Amerikaner und die Engländer machen gleichsolls ihre wertere Hilfe für die notleidenden Oesterreicher heute schon davon abhängig, daß die Besitzenden in Oester- Wiener Morgenzektung D!e Mederlage Wrangels. Moskau, 16. November. (Funkspruch.) In der Krim bes-tzlen wir die SLsd Simferopol. Den Feind in der Richtung auf Feoöosia verfolgend, l aben wir den Fluft Salgir erreicht. Große Vorräte sind in unsere Hände gefallen. Nach später eingelaufsuen Nachrichten bat unsere Reiterei Fsvdosia am 14. d. M. besetzt, wo Über 30 feindliche Regimenter §efairgengenomr»en wurden. Der Feind, der vollkommen demoralisiert ist, flieht.plüudernd. Die euer ische Verfolgung dauert an. General Wrangel hat einen Demobilisierung sbefehl erlassen. Da die Alliierten ihm keine weitere Hilfe leisten, stellt er es seinen Soldaten frei, zur'roten Armee überzutreten. P k r i s, 15. November. (Funkspruch.) Französische Schiffs nehmen die Flüchtlinge aus der Krim auf. Die englischen Schiffe beteiligen sich an die er Aktion nicht. Es verlautet, daß amerikanische Schiffs nach Sewastopol kommen werden, um am Abtransport der Flüchtigen tsilznnshmen. Die Flüchri.en werden nach Konstantinopel gebracht werden; zu ihrer Aufnahme werden auf der Gallipoli-Halbinsel Baracken errichtet, da eine Anters bringung in der Stadt nicht möglich sein -wird. Haag, 16. November. (Tel.-Komp.) Die Räumung der Krim, wo etma 80.000 Personen, die meist t«m Bü g-rsta-.de a g<ö e;t, Zuflucht re funken haben uti) nu:t fort woli n, b'.e et nach Reuter große Schwierigkeit, da das bereits übervöl.er.e Konstantinop. l kein?« P atz für sie hat. Am Sonn ag sind in Kvnstarrtliiopel be-e'ts sieben Schiffe mit 8000 Flüchtlingen eingetVofiCn. Moskau, 15. N.-pcmber. (Funkspruch.) Heute mar-> sch'e tdi? Ro e Ar,..ee in Sebastopol cin, ans diese Ae.se den Do marsch in d e Krim beendend. Mangels Generale, B'schöe und Barkdirestoven t.äch.en, auf Schissen der Entc.n.e zu fliehen. Moskau, 16> Roter. Ser. (Fünkspruch.) Die Noten Truppen laben am 13. No.e: her Simservpol und Fe odv s i-s . besser. Bubjeunis N« lerer hat den fliehendem FL'nd . unnirmelt mnd. zum - 'größ-M Wl.-lgefangen gen o mm.c jt. Jßi'au ßcü Wtub sein Oberlomm«:ido bereiten sich 311c F lucht vor. Die Ententehilfe für Oesterreich London, 16. November. (Neuier.) „Dailh Telegraph" meldet aus P.rris: Der Bericht der österreichischen Sektion dev Reparationskommission, der die Gründe darlegt, warum Oesterreich unm'ö^ttch als politisches Eigcngobilde fortbestehen kann» wenn es nicht r a f ch e st e « s g r 0 tz e A u s l an d S- Kredite erkält, ist, wie man erfährt, in der letzten Woche von der Reparations; Kommission geprüft worden. Diese letztere hat, wie es heißt, dis in dem Bericht enthaltenen Schlußfolgerungen angenommen und beschlossen, sie den Ar^er-ungen der Alliierten sofort zur Beratung vorzulegen. reich mit der Hilfe vorangehen. Das Großkapital und der Großgrundbesitz, Industrie und Landwirtschaft, haben bisher auf dom Gebiet der sozialen Hilfe fast völlig versagt oder sich im besten Falle an die Spitze irgendeiner Aktion im Ausland gestellt. Die ReparationS- Kommission hat sich mit der erwähnten Verfügung glelshfalls auf diesen Standpunkt gestellt. Es ist höchste Zeit, daß die Geschäfte der Republik endlich einmal in die Hände einer Regierung gelangen-? welche frei von jeder P^rieifessel nur von der Rücksicht aüf die wirtschaftlichen Notwendigkeiten geleitet, in dieses Wirrsal von Recht- und Pflichtbegnffen der Produzenten und Konsumenten Ordnung bringe. Wir sehen es jetzt deutlich, daß der Uebergang zur Konsolidienmg unserer Verhältnisse, wenn dies Überhaupt noch möglich ist, nur durch strenge Rücksichtnahme auf den Tagesbedarf gefunden werden kann. Die Macht der Parteien, sowohl der rechtswie der linksstehenden, versagt immer mehr. Und wenn die Dinge sich nicht bald ändern, so können wir darauf gefaßt sein, daß Uns die Reparationskommlssiön nicht nur den Mais täglich zuwiegen, sondern uns auch den Brotkorb Überhaupt höher hängen wird. Genau so wie man heute in der demokratischen Republik wegen der Unzulänglichkeit der herrschenden. Parteien mach einem Beamtenministerium ruft, so wird die Bevölkerung nach einer Andauer der passiven Resistenz der vermögenden Produzenten sich allmählich daran gewöhnen, die Revawtionskommisswn als, ihre wahren Versorger zu betrachten und sie als Beschützer gegen diejenigen auzurufen. die heute den Lebensmittelbovkott im Lande selbst führen, und setzt zum großen Teile Schuld daran sind, daß zlvei Monate nach j der Ernte das Maisbrot in Permanenz bleiben wird. 17. November 192V Nr. 651 Politische^mrdschau. Anerkermrmq des Jüdischen Nationalrates von Palästina durch dieRegierrmg Der Waad Halumi (Nationalrat), der von der ersten Delögierienversanimlung gewählt wurde, hat die offizisl s Anerkennung der palüstnensischen Regierung als repräsentatives Organ der jüdischen Bevölkerung des Landes gefunden. Der High Corilmisstoner Palästinas,, Sir Herbert: Samuel, hat dem Waad folgendes, vom 24. Oktober datiertes Schreiben hierüber zug-chett lassen: „Ich hatte das Vergnügen, die Mitglieder des Ausschusses der Delegiertenversammluug der jüdischen iBevölkerung Palästinas zu empfangen, die mir.die.H?- schlüsse der er-sl-'' M dieser Versammlung. üöerbrachten. Es jvriu auch, unter ihnen einen Beschluß zu finden, der die Dankbarkeit der Versammlung her britischen Regierung für ihre Palästina-Politik zum Ausdruck brachte und .Gefühle der Freundschaft und des guten Willens gegenüber der arabischen Bevölkerung, foiötc den Wunsch beteuerte, dis jüdischen und arabischen Bewohner möchten durch ihre Zusammenarbeit die gegemeinsamen Interessen fördern. Die erste Resolution habe ich telegraphisch der britischen Regierung. übermittelt. Die letzteren werden zweifellos von k>r.r nichtjüdischen Gemeinden Palästinas mit Freude geleM werden. Mit Rücksicht auf die Resolutionen, die sich auf die Organisierung der jüdischen Bevölkerung von Palästina beziehen, erlaube ich mir die folgenden Brdittgimgen zu stellen: 1. Daß die Autorität irgendeines Mandats für die Regierung von Palästina, unterstützt durch den Völkerbund, anerkannt werde, und daß keine Vorschläge 'gemacht oder angenommen werden, die nicht im Einklang mit den, Bedingungen des Mandats stehen. 2. Daß die Delegiertenversammlung auch in Zukunft bei künftigen Wahlen den repräscnlatipcn Charakter als eines auf Grund des allgemeinen Wahlrechtes gewählten Organs der erwachsenen jüdischen Bevölkerung des Lande) leibehalte und die überwiegende Mehrheit de.' Bevölkerung wie nach der ersten Wahl darstelle. . Es. wird angenommen, daß es nicht die Absicht der Delegierte «Versammlung ist, sich mit Fragen zu beschäftigen. die die Palästina-Gesamtheit, sondern lediglich die iniernen Angelegenheiten der jüdi,cl/Ln Bevölkerung betreffen. . > t Es' soll auch verstanden werden, daß die behördliche Amllenuungöcr Versammlung nicht-daK allgemein^ Recht irgendeiner anderen Schichte oder eüe) Juöividuums des Landes, welchen religiösen Glauben) auch immer, be^ittträchtige, der R gieruug irgdndwelchr Wünsche mit Bezug auf irgendeine sie bötrefseu^e Angelegenheit zir unterbreiten oder irgendns che Beschwerden vorzubringen, zu denen sie sich veranlaßt suhlen." Gegen Vis Wiedereinsetzung der Habsburger. Die „Morningpost" meldet aus Santa Margherita, baß die italü'nischen und südslawischen Vertreter sogleich N5th Uuterze'chnung des Vertrages ein Abk.mmen gegen die Wiedereinsetzung der Habsburger beschlossen haben. Gegen die ungarischen Kriegsvrrlangerer und Friedensverl^ider. Bekanntlich wurde die Einmüiigkeit Lei der Ab> ftimmunp Über die Rat'fikaiion des Friedens von Tr'a.vn in der ungarischen Nativ: aiversammlung nur da' u ch erreicht, daß die Geg: e : der Ratifiziernng vor der Abstimmung den Si'zurg saal v rl eße.r. Dies deranlaizte den Abglörbne.en Rn».olf Ruppevt, einem Mann, der durch sein mutiges Auftreten gegen alle chauviuisttsl^'n Auswüchse wiederholt die Aufmerksamkeit auf sich gelenkt hat, im Klnb der NegierungSyartei die folgenden t essenden. Nemerkungru zu machen: Die Natifizie.ungSverweigevlrr wollen sich durch ihr Verhalten b'l ige Lorbeeren verschafsen. S e wuß en, daß die Mch.hrit de) Hause-) den Frieden auch ohne sie votieren werde, ihre Alistinenz daher kein große) Unglück anLichten könne. Wa) ich aber nicht bestehe, ist. daß sich rintrr den Na isikationsverweiiEn auch solche befanden, wie zum ’ Brisp el Fü st W i n d i s ch g r ä tz, Graf Gigray, Marlg as Palla drei ni und ihr Gancho s?xlttsa Cfnjp, Z«ttler, welche zu jenrr herrschenden Klasse gehörten, di« für den Beginn und für die Fortsetzung de? Krieges und für die LNtsachle Kriegsibegeifletung jeden'all) mehr veraätwottlich sind als manche anderen Menschenkinder. Diesen ziemte e3 jedensail) nicht, plötzlich sta'.r'oiijcher erscheinc:t zu wollen als wie die kleinen Vertre'.er der kleinen Lerite. Viel gLziemenber wäre e) für sie gewesen, wenn sie uns zu Beginn der Lranersitzung gesagt hät.'eir: „Gehet nicht hinein iu den Sitzungssaal. Habt ihr schon an dem Kriege teilgenornmen und durch ihn geli'ten, Gut und Blut g^öpsert, daß ihr daran zi'Lruudegezan^n seid, so habt ihr schon genug .geleistet. Was wir selber uns eingekocht habrn, wokleu ivir auch selbst auSlöfseln. Wir wünschen nicht, daß ihr a ich'uoch au diesem gefährlichen Mahle trilnehnit!" So hät'.en s'e sprechen und so tz'itieu sie handeln müsseir. Aler sich für den .Ka'ieg in intensivster Weis« begeistern und mm auch den Frieden mit großem Heldenmut ab sehnen und durch' anbr.-e besch'irßen le.l'eda? er'ch^'ut mi: denn doch iu.vulpaiiüel und n.u-i i.l O.diulttgi